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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 30. 07. 2009 20:54


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Midian
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2009

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Herr Berger aus Hamburg war mit seinem Leben zufrieden. Er besaß ein pikfeines Modegeschäft am Jungfernstieg mit erlesener Kundschaft. Kein Dessous war unter dreihundert Euro zu haben. Von dem Ertrag konnte er sich eine anspruchsvolle Frau leisten, eine Jugendstil-Villa in Klein Flottbek und etliche schicke Wagen. So richtig zufrieden war Herr Berger natürlich nicht. Die Verantwortung, der Stress, man kennt das ja. Aber am meisten ärgerte ihn Otto Krause.
Otto Krause war der Mann, der in Bergers gepflegter Passage in ungepflegten Sachen eine Obdachlosen-Zeitung verkaufte. Natürlich wusste Herr Berger nicht, dass der Mann Otto Krause hieß. Er wusste eigentlich gar nichts über ihn, und er wollte von solchen Elementen auch nichts wissen. Weshalb stand der Plattenbruder mit seinem Pennerblättchen nicht am Mümmelmannsberg? Hinz & Kunzt, das hörte sich geradeso an wie Kreti und Plethi. Nein, das war kein Aushängeschild für seine Armanis, Versaces und Lacostes.
Herr Berger hatte den Zeitungsverkäufer schon ein paar mal im Guten, wie er es nannte, aufgefordert, sich einen anderen Platz zu suchen. Leider war der Kerl beharrlich geblieben.
Es war ein nasskalter Tag Anfang November. Lotti, Bergers bildhübsche Verkäuferin, kümmerte sich gerade um eine Kundin. Herr Berger spähte hinaus in das unfreundliche Grau und rieb sich die Hände. Jetzt musste das Weihnachtsgeschäft bald anlaufen.
Seine Vorfreude wurde jäh gedämpft, denn da kam Krause mit der November-Ausgabe, Punkt zehn wie immer. Heute trug er einen langen, abgetragenen Wintermantel, den Kragen hatte er hochgeschlagen, nur sein krautiger Bart lugte heraus. Er entnahm seiner Umhängetasche einige Exemplare und machte es sich im Schein der Glasvitrinen bequem.
Berger sah seine Weihnachtskunden bereits die Flucht ergreifen und dort einkaufen, wo keine Obdachlosen die Vitrinen verschandelten. Diese Gefahr musste er im Keim ersticken. Mit entschlossenen Schritten ging er zur Tür, riss sie auf und wollte gerade eine angemessene Rede an Krause halten, als er stutzte und sich die Augen rieb. Auf der Zeitung, die Krause den Passanten entgegen hielt, fiel ihm eine Überschrift in die Augen: Rotes Ferrari-Sportcoupé aus Parkhaus in der Innenstadt entwendet. Verdammt! Seine Frau Hannelore fuhr so einen Wagen. Hastig riss er Krause ein Exemplar aus der Hand und drückte ihm fünf Euro in die Hand. Dann setzte er sich hinter den Ladentisch und las:
Die Frau des bekannten Mode-Zaren Berger erstattete heute Anzeige wegen Diebstahls. Ihr Ferrari war aus einem Parkhaus – Schluss! Er hatte genug gelesen. Nervös ließ Berger die Zeitung fallen und wählte die Nummer seiner Frau, aber sie war nicht zu Hause, und ihr Handy war abgestellt. Das Polizei-Revier! Vielleicht stand in der Zeitung, bei welchem Revier sie Anzeige erstattet hatte. Berger nahm sich noch einmal die Zeitung vor, aber er konnte den Artikel nicht wieder finden. An nämlicher Stelle las er stattdessen: Suppenküche in Ottensen eröffnet. Endlich ist es der Bürgerinitiative in Ottensen gelungen, blah, blah …
Berger rieb sich die Augen. Wo war der gottverdammte Artikel mit dem Ferrari geblieben? Er war weg, als hätte es ihn nie gegeben. Berger rannte hinaus, riss Krause ein weiteres Exemplar aus der Hand, weitere fünf Euro wechselten den Besitzer. Noch im Stehen überflog er die erste Seite, nichts von einem Ferrari, dafür einiges über die verdammte Suppenküche.
„Sagen Sie mal“, sagte Berger zu Krause, „wo ist denn der Artikel über den Ferrari geblieben?“
Krause blinzelte. „Mein Herr, ich verkaufe die Zeitung nur, ich drucke sie nicht.“
„Aber der Artikel war doch drin, haben Sie den nicht gelesen?“
„Nee, ich lese den SPIEGEL. Vielleicht war Ihr Artikel auf der zweiten Seite?“
Klar, warum hatte Berger nicht daran gedacht? Aber auch dort fand er ihn nicht, ebenfalls nicht auf der dritten oder vierten, auch nicht auf der letzten Seite. Also musste er sich das ganze eingebildet haben. Er fuhr sich mit der Hand ĂĽber die Stirn. Trotz des kalten Novembermorgens war sie schweiĂźnass.
Der Stress, es ist der Stress, dachte er. Das Weihnachtsgeschäft, die Sorgen, und ich weiß dieses Jahr wieder nicht, was ich Hannelore schenken soll. Ja, das wird es sein. Er blaffte Krause an: „So, heute haben Sie ja ein gutes Geschäft gemacht, nun beehren Sie bitte andere mit Ihrem – Ihrem Suppen-Blatt!“
Krause rĂĽhrte sich nicht, und Berger hatte nichts anderes erwartet.
Am Abend konnte Berger aufatmen. Kein Ferrari war gestohlen, seine Frau hatte ihn nicht einmal benutzt.
Anfang Dezember hatte Berger den Vorfall vollkommen vergessen. Das Weihnachtsgeschäft lief gut, aber er glaubte, es könnte noch besser gehen, wenn Krause nicht mit seiner Dezember-Ausgabe dort stehen würde. Heute versuchte Berger es mit weihnachtlicher Nächstenliebe. Er ging hinaus, drückte Krause einen Zwanziger in die Hand und raunte: „Hier, kaufen Sie sich einen warmen Schal dafür, und nun gehen Sie bitte ein paar Schritte weiter. Die Leute können ja die Auslagen gar nicht sehen. Glauben sie mir, am Hauptbahnhof werden Sie Ihr Blatt viel besser los.“
Krause grinste, bedankte sich für das Geld, reichte Berger eine Zeitung und sagte: „Die schenke ich Ihnen.“
Berger wollte sie schon zurückweisen, als er auf der ersten Seite las: Jugendstil-Villa in Klein-Flottbek ausgeraubt. In der Baron-Voght-Straße ist es einem dreisten Einbrecher gelungen, am hellichten Tag die Villa des Modezars Bergers leerzuräumen …
Berger fielen fast die Augen aus dem Kopf. Er klopfte auf die Zeitung und hielt sie Krause anklagend unter die Nase, als könne der etwas dafür. „Dort wohne ich! Das ist MEIN Haus!“
Krause kratzte sich am Kopf. „Was wollen Sie? Wie gesagt, ich lese das Blatt nicht. Ich lese den SPIEGEL.“
„Den Spiegel, so, so“, brummte Berger, war aber mit seinen Gedanken ganz woanders. Er stürmte in den Laden, rief zu Hause an, natürlich war wieder niemand da und das Handy seiner Frau abgeschaltet. Berger rief Lotti zu, er sei bald zurück, riss seinen Mantel von der Garderobe, steckte sich die Zeitung in die Tasche und hastete zum Parkhaus, wo sein Mercedes stand.
Als er die Auffahrt zu seiner Villa hinauffuhr, sah alles aus wie immer. Natürlich! Die Einbrecher hatten keine Spuren hinterlassen. Alles Profis. Vor der Garagentür stand seine Frau, offensichtlich überrascht über sein Erscheinen. Berger verließ seinen Mercedes und lief auf sie zu. „Hannelore! Du weißt es noch nicht? Wir sind ausgeraubt worden.“
Hannelore sah ihren Mann prüfend an, ob er vielleicht getrunken hatte. „Aber Wilfried, wie kommst du denn darauf?“
„Du meinst, es wurde nicht eingebrochen? Nichts fehlt?“ rief Berger atemlos.
„Nichts, mein Guter. Nicht einmal der gefälschte Nolde, und den hätten die Einbrecher ruhig mitnehmen können.“
„Aber hier steht es doch!“ beharrte Berger und hielt seiner Frau die Zeitung hin. „Jugendstil-Villa in Klein Flottbek ausgeraubt.“
Hannelore überflog die Seite, dann tätschelte sie ihrem Mann die Wange. „Du musst mal ausspannen, Wilfried. Hier steht nichts von einem Einbruch.“
„Nein?“ Berger war fast erleichtert, doch dann fiel ihm die Sache mit dem Ferrari ein. Rasch überflog er die Seite. Seine Frau hatte recht, nichts von einem Einbruch. Dort, wo er glaubte, darüber gelesen zu haben, war ein Bericht über ein Wohnprojekt in Hummelsbüttel: „Containerdorf auch für Obdachlose?“
Ich bin ja total mit den Nerven fertig, dachte Berger. Hannelore hat recht, ich muss wirklich mal ausspannen. Zwei Wochen Winterurlaub in St. Moritz, das wäre es! Berger atmete ein paar Mal tief durch, murmelte etwas von einem Versehen und fuhr ins Geschäft zurück.
Trotz seiner angespannten Nerven ĂĽberstand Berger den Dezember unbeschadet. Mit dem Umsatz war er zufrieden. Er fĂĽhlte sich ausgezeichnet und sagte den Ski-Urlaub ab. SchlieĂźlich war man als Chef stets unentbehrlich. Seine Laune verschlechterte sich mit dem Auftauchen Krauses. Krause trug jetzt gebrauchte Winterstiefel, Handschuhe und einen ausgefransten Schal. Punkt zehn stand er neben der Vitrine mit den seidenen Nachthemden und stellte seine Tasche mit der Januar-Ausgabe auf den Boden. Eine Weile trampelte er sich warm, dann holte er seine Zeitungen heraus.
Der Anblick Krauses ließ Berger an seine peinlichen Halluzinationen denken. Verdammt! Er musste diesen Kerl endlich los werden. Er öffnete die Tür. „Hallo, Sie!“
„Frohes Neues Jahr, Herr Berger!“ rief Krause fröhlich. „Wie wäre es mit einer Zeitung?“
„Hör mal“, versuchte es Berger mit der vertraulichen Masche. „Wie viel Geld brauchst du diesen Monat? Hundert? Zweihundert? Ich gebe dir dreihundert, abgemacht? Dafür verkaufst du dein Blatt diesmal woanders, ist das klar?“
„Vierhundert“, sagte Krause prompt. Berger seufzte, nickte, holte das Geld und blätterte Krause vier Scheine in die Hand. Krause ließ sie in seiner Manteltasche verschwinden, nahm seine Tasche und verließ die Passage.
Ein teurer Handel, dachte Berger, aber meine Seelenruhe ist es wert. Der soll nur nicht denken, dass er im Februar dieselbe Masche mit mir – er stutzte, auf dem Boden lag eine Januar-Ausgabe von Hinz & Kunzt. Aus der Tasche gefallen oder absichtlich liegen gelassen, egal! Berger wollte damit nichts mehr zu tun haben. Mit dem Fuß wollte er sie beiseite schieben, doch ein Windstoß hob sie kurz in die Luft, dann blieb sie so liegen, dass Berger die Schlagzeile lesen konnte: Jugendstil-Villa in Klein-Flottbek ein Raub der Flammen. Mit zitternden Händen hob Berger die Zeitung auf. Er las weiter: In der letzten Nacht ist die Villa des Modezars Berger in der Baron-Voght-Straße bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Polizei vermutet Brandstiftung.
Berger stieß ein irres Lachen aus und zerknüllte das Papier. „Nicht mit mir!“ rief er mit schriller Stimme, und die vornehmen Passanten drehten sich nach ihm um. „Nicht mit mir! Ich weiß es genau, wenn ich noch mal hinsehe, ist der Artikel weg. In Wirklichkeit ist überhaupt nichts passiert!“ Dann ging er auf die Straße und stopfte die Zeitung in einen Papierkorb.
Am nächsten Morgen ging es Berger schon besser, denn seine Villa stand noch, und Krause war nicht erschienen. Berger dekorierte gerade liebevoll die Spitzenunterwäsche, als das Telefon klingelte. Hannelore war am Apparat, aber sie weinte und schluchzte dermaßen, dass Berger aus ihren abgehackten Sätzen nur mit Mühe einen Zusammenhang herstellen konnte. Bleich und fassungslos sank er auf seinen Bürostuhl.
Hannelore hatte bei einer Freundin in der Stadt übernachtet. In dieser Nacht wurde ihr Ferrari gestohlen, den sie in einem Parkhaus abgestellt hatte. Der Dieb hatte im Auto ihre Anschrift gefunden und noch in der gleichen Nacht die Villa leergeräumt. Dabei hatte er absichtlich oder aus Versehen die Gardinen in Brand gesteckt. Die Feuerwehr konnte lediglich die Ausbreitung des Brandes verhindern, von der Villa standen nur noch die Grundmauern.
In Bergers Augen war ein irrer Glanz. „Die Zeitung“, murmelte er, „ich muss die Zeitung haben.“ Er taumelte hinaus zum Papierkorb, der war bereits geleert. Ohne Jacke und Mantel lief er in klirrender Kälte hinaus, hastete kreuz und quer durch die Stadt. Als er endlich einen Verkäufer entdeckte, war er vollkommen durchgefroren. „Eine Januar-Ausgabe, schnell!“
„Nun mal sutsche. Wird ja nicht so eilig sein.“ Der Mann gab ihm eine. Berger drückte ihm einen Zehner in die Hand. „Stimmt so.“ Dann stellte er sich in eine windgeschützte Nische und hielt mit klammen Fingern die Zeitung vor sein Gesicht. Er fand nichts über eine abgebrannte Ville, aber etwas anderes fesselte seine Aufmerksamkeit. Er las: Hartherziger Ladenbesitzer vertreibt obdachlosen Hinz- und Kunzt-Verkäufer aus seiner Passage. Otto Krause, der schon seit den ersten Tagen der Zeitung dabei ist, musste seinen Platz vor dem Geschäft im Jungfernstieg räumen, weil der Mode-Zar glaubte, seinen Kunden den Anblick eines Obdachlosen nicht zumuten zu können. Otto Krause ist jetzt ins Hanse-Viertel gezogen. Doch die Ladeninhaber haben auch dort bereits gegen seine Anwesenheit protestiert.
Berger zerfetzte die Zeitung und lachte hysterisch. Dann trat ein gehässiges Funkeln in seine Augen. Im Hanse-Viertel saß die fette Konkurrenz. Und Berger wusste, was denen blühte, die einen Otto Krause vertreiben wollten.



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