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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Schlammbad und gefährliche Schrote
Eingestellt am 02. 02. 2011 12:28


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Wolfgang Bessel
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Registriert: Feb 2007

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Schlammbad und gefährliche Schrote

„Neu sammele!“, schrie Obertreiber Adolf nach dem ersten Waldtreiben.
Nun sollten zwei große Felder bejagd werden. Die hatten verdammt gewaltige Ausmaße – insgesamt vierzig Hektar.
Son Maß kannte ich überhaupt nich, war auch egal, ich erkannte dat auch so, dat die Felder bis zum Horizont reichten. Ich hatte mich vom ersten Waldtreiben gut erholt, et konnte von mir aus wieder losgehn.
Inne Ackerfurchen und Stoppeln lägen Hasen, Fasane und Füchse rum, erklärte der Obertreiber.
Hoffentlich lagen da keine Tiere mit Tollwut, Schweinepest und Vogelgrippe rum. Dagegen war ich nämlich nich geimpft.

Wieder staunte ich über die breite Aufstellung vonne Jäger und Treiber. Diesmal latschten Schützen anne Seitenflügel. „Böhmische Streife“ nannten die Jäger dat. Böhmisch? Mir kam dat eher spanisch vor.
Hörnersignal! Et ging wieder rund.
Alle Treiber ackerten auf dat Feld, und die Jagdhunde suchten vor uns jeden Meter Boden ab. Hatten die wat inne Nase, also Wild erschnüffelt, dann standen die plötzlich mit gestrecktem Balg pillegrad im Feld und hoben einen Vorderlauf.
Dat war dat Zeichen für den Waidmann: Achtung! Hier iss wat im Busch, oder besser gesacht, da liegt wat inne Ackerfurche drin.

Mann, wat war denn plötzlich mit meine Gummistiefel los? Die waren auf einmal bleischwer. Zehn Zentimeter Lehmboden klebten anne Sohlen dran, trotz Noppenprofil.
Ich kam nur noch keuchend und schleppend vorwärts. In der verdammten Matsche blieb dann auch noch ein Stiefel stecken. So eine verdammte Sch... . Ich hatte nur noch einen Stiefel am Bein. Schrecklich!
Die anderen Treiberkameraden stießen ganz erbärmliche Flüche aus. Einer schrie unentwegt: „Sch... Acker! Verfluchter Sch... Lehm!“ Wir hatten vom Schlamm und der Ackerei bereits nach vierhundert Metern die Schnauze gestrichen voll.
Et regnete wieder wie aus Kübeln. Klar, dat war ne voll normale Strafe, denn Flüche verzieh uns der Heilige Hubertus nich, schon gar nich an seinem Namenstag!
Wieder fielen Schüsse.
En paar Meter vor mir lag en geschossenen Hase. Ich dachte: „Willi, sei gescheit.“ Ich peilte einfach woanders hin, stellte mich auch taub, als son Jäger vonne Waldkante wat von „Mitnehmen!“ brüllte.
„Du kannz mich ma ...“, dachte ich und stiefelte einfach weiter. Als Treiber hätte ich den Hasen normalerweise mitschleppen müssen. Ich sah dat überhaupt nich ein. Ich war auch ohne den Mümmelmann total erledigt.
Fünf Stücke Traubenzucker schob ich mir schnell rein, und ab, weiter. Schön Linie halten. Da – schon wieder en Hase aufe Flucht! Er flitzte in Richtung Wald.
Bumm – Waidmannsheil! Neidvoll dachte ich:
„Die Schützen stehen da oben faul und geschützt am Waldrand, und wir latschen wie die Bekloppten mit „Hopp- Hopp- Hopp“- Geschrei, Knüppeln und Ratschen über schlammige Felder und laufen uns nen Wolf.“
Kaum hatte ich ausgedacht, da stolperte ich über meine eigenen Beine und knallte in voller Länge in sonne beschissene Schlammfurche. Der schwere Rucksack schleuderte von hinten auf meine Birne und begrub meinen Kopp im Schlamm.
Als ich langsam wieder aufe Pinne kam, hörte ich am Waldrand son grünen Idioten lachen, der verdammte Sausack lachte sich über mein Unglück fast kaputt!
Am liebsten hätt ich ihm den Knüppel übern Balg geschlagen. Ich hab mir diesen dösigen Köter aber gemerkt.
Ich sah aus wie ne Sau, die en Schlammbad genommen hatte. Egal, weiter.
„Allet nich so schlimm, der Regen spült dich schon wieder sauber.“
Wat war dat zwei Meter vor mir? Menschenskind, da lag ja en Hase platt wie ne Flunder inne Ackerfurche und peilte mich an. Die Hunde hatten den glatt überlaufen. War der krank oder war dat en besonders schlauet Dierken? Ich machte noch en Schritt, aber der haute immer noch nich ab. „Gut“, dachte ich, „du biss en kluget Kerlchen, bleib, wo du biss, ich lass dich in Ruhe.“
So wat Dreistet! Der Hase blieb in seinem Nest. Treiber Püttmann ließ ihn völlig kalt! Der hatte vielleicht Nerven!

Ich zog weiter und war mir plötzlich bewusst, dat ich ne Treibersünde begangen hatte. Ich vergab mir aber schnell und dachte: „Willi, son paar Hasen müssen doch noch übrig bleiben und sich vermehren, damit du auch im nächsten Jahr noch Hasenbraten spachteln kannz."
Wir erreichten en riesiget Rapsfeld. Kaum, dat die Hunde in dat Feld reinsprangen, flogen auch schon über zehn Fasanen heraus. Sie flatterten schlauerweise nicht in Richtung Schützen, nee, die landeten dreihundert Meter weiter rechts im Nachbarfeld.

Da links, en roten Strich im Raps. En Fuchs sprang Richtung der Schützen. Ich schrie: „Fuchs nach oben!“ Da ballerten auch schon zwei Jäger auf dat Tier. „Waidmannsheil!“, hörte ich am Waldrand. Et hatte Reinecke erwischt.
Wieder en Signal! Ich hab meinen Nachbarn gefragt, wat dat schon wieder bedeuten sollte.
Dat hieß: „Hahn in Ruh!“ Da sollen die Jäger nich den Fasanenhahn in Ruhe lassen, nee, ab sofort durfte der Abzugshahn vonne Flinte oder Büchse nich mehr berührt werden, und die Patronen mussten sofort ausse Läufe raus.

Ein son übereifrigen Jäger, en Zahnarzt aus Remscheid, ballerte trotzdem noch zweimal auf en viel zu hoch fliegenden Fasan, und, verdammt noch ma, in Schussrichtung von uns Treibern!
Einige verirrte Schrotkugeln prasselten auf uns nieder, jedoch ohne jemanden zu verletzen. Zum Glück!
Ja, da hätten Se jetz ma unseren Obertreiber erleben müssen. Mensch war der fuchtig. Der schrie den Schützen mit erhobenem Knüppel an:
„Scheußgeiler Wutzekopp, dich knöpp ich mie vor. Dat mach se mie ni noch en mol! Dann kumm ich mit de Knüppele und schloch dich verreckt! Du kumms vor dat Jagdjericht!“
Ja, Junge, dat war enn Vorgesetzten, der setzte sich wirklich ma für seine Leute ein. Der Mann stieg immer höher in meiner Achtung. Hörnerklang! – Endlich war Mittagspause.

Die Blasmusiker sammelten sich und bliesen dat Signal: „Kommt ma alle zum Futtertrog, et gibt wat zu mampfen.“
Auf einer kleinen Buchenlichtung brannte en großet Holzfeuer. Wir Treiber scharten uns sofort um die wärmende Glut und trockneten unsere nassen Klamotten.
Wir dampften aus allen Knopflöchern, wie abgekämpfte, schwitzende Gäule. Die Jäger hingen ihre Waffen und Rucksäcke an einen Ständer, leinten ihre Hunde an, versorgten sie mit Wasser und Futter und ließen sich an vier langen Holztischen nieder.
Uns wurden warme Getränke gereicht, und aus einem großen Kübel verteilte Frau Kuhlenkamp eine herrlich duftende Erbsensuppe mit Eisbein und Mettwürstchen. Dazu gabs noch knackige Brötchen. Ich verschlang gierig meine Suppe und bemerkte erst jetz, dat ich keinen trockenen Fetzen mehr am Hintern hatte. Ich schlich stiekum hinter eine dicke Buche und wechselte die nassen Plörren gegen die gute, trockene Thermounterwäsche von meinem Fachberater Fohlenberg. Mann, dat war ne echte Wohltat!
Die letzte Packung Traubenzucker und Bertas Kniften verdrückte ich auch noch schnell und stellte mich dann noch ma bei der Suppenausgabe an.
Adolfs Schnapsflasche machte schon wieder die Runde. Dat Zeug war bei diesem Sauwetter wirklich die richtige Medizin! Wir langten gut zu, und ruck, zuck war die Pulle leer.
Adolf marschierte ganz gemächlich zum Jagdherrn, beschrieb die fatale Situation, dat bei dem kalten Wutzewetter kein Schnäpsken für die Treiber bereit stünde und muss wohl auch über den schießgeilen Jäger nen deutlichen Kommentar abgegeben haben. Man hörte ihn laut schimpfen.
Er kam ganz stolz mit zwei Flaschen Eversbusch und einem Tablett Schnapspinnchen zurück. Er grinste bis zu den Ohren. Seine lustigen Augen leuchteten in seinem verschwitzten Gesicht. Wortlos schenkte er uns wat von dem berühmten „Hasper Maggi“ ein, son Wacholder mit über 40 Umdrehungen. Nach drei Pinnekes erklärte er ganz trocken:
„Leut, bislang sind vierzehn Hoos, zwei Füchs, zwölf Hähn und ein Zahnarzt geschosst worde. Kuhlenkamp iss mit us zufridde.“
„Wieso, Zahnarzt, Ad?“, fragten wir.
Adolf machte ne abfällige Handbewegung und zeigte auf einen Jäger, der ganz bedröppelt mit Rucksack und Gewehr die Jagdgesellschaft verließ.
Dat war der schießwütige Typ, der fiese Möpp, der sich über mein unfreiwilliget Schlammbad so köstlich amüsiert hatte.
Alle Achtung! So harte Entscheidungen gegen die eigenen Jagdfreunde hätte ich den Grünröcken nich zugetraut.
Richtig so! Schließlich schoss man ja hier nich mit Wattebäuschkes.
__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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