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Leselupe.de > Kurzprosa
Schlecht isoliert....
Eingestellt am 27. 03. 2008 09:41


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anna-sophie
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2007

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Ich drĂŒcke gegen den silbernen Hebel, ein paar letzten Tropfen fallen noch, doch dann geht die Duschbrause aus.
Ich lehne mich ein wenig zur Seite und ziehe ein weißes Badehandtuch von einer Stange. Darin eingewickelt bleibe ich noch eine Weile unentschlossen im Duschbecken stehen.
Direkt vor mir sehe ich auf ein Mini-Waschbecken. Der Wasserhahn tropft. Er tropft schon seit Tagen oder Wochen, vielleicht sogar schon seit ich hier eingezogen bin.
"plopp..."
"plopp..."
Ich verzichte auf Uhren weil mich das Ticken wahnsinnig macht und nun holt mich die Zeit ein, indem sie einen Wasserhahn tropfen lÀsst. In jeder Sekunde.
Ich schaue auf meine blaugefrorenen Zehen. Es ist kalt hier drin, trotz des heißen Wassers. Wenn ich mich anziehen möchte muss ich raus und ĂŒber den Flur in mein Zimmer gehen.
Die Klamotten haben im Badezimmer keinen Platz. Hier ist es so eng, dass kaum ein ordentliches Waschbecken Platz findet.
"Plopp..."
"plopp..."
Im Becken liegt eine halbleere Schampooflasche, auf die die Tropfen fallen wodurch die LautstÀrke des tröpfelnden Wassers erhöht wird.
Ich ziehe das Handtuch fester um mich.
Die Zeit vergeht weiter ohne dass etwas passiert.
In den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge bin ich mal auf einen Satz gestoßen der auch fĂŒr mich so sehr treffend ist und mir in diesem Moment einfĂ€llt.
Nicht wörtlich wohl aber in etwa so heißt es dort "Fassen wir zusammen. Ich bin 28 Jahre und es ist nichts passiert."
Nein, es ist auch bei mir nichts passiert.
Ich bin 23 Jahre und lebe alleine in einer Zwei-Zimmer-Wohnung von der nur ein Zimmer bewohnbar ist weil das Geld fehlt um Möbiliar fĂŒr das andere Zimmer zu kaufen.
aber ich darf mich nicht beklagen, solange ich wenigstens eine Wohnung habe. Im nÀchsten Jahr lÀuft mein Arbeitsvertrag aus und mit etwas Pech muss ich dann wieder bei meinen Eltern wohnen.
Das Wasser aus meinen Haaren tropft mir ins Gesicht.
Jetzt nur keine Zukunftspanik kriegen!
Ich reiße mich aus diesen deprimierenden Gedanken, trockne meine Haare, wickel das Handtuch um mich und renne ĂŒber den kalten Flur in mein kaltes Zimmer.

Die Heizung funktioniert zwar, doch warm wird es nicht.
"Schlecht isoliert" meinte der Fachmann dazu.

Bibbernd creme ich mich ein, schlĂŒpfe vorerst in meinen Bademantel und setze mich auf mein Bett.

Nachdem ich mir eine Zigarette angezĂŒndet habe starre ich auf das mir gegenĂŒberliegende Regal ohne es tatsĂ€chlich wahrzunehmen.
Stattdessen frage ich mich wie es dazu kam, dass ich so wurde wie ich bin.
Das Leben habe ich mir anders vorgestellt.
Und die Jugend soll doch angeblich die schönste Zeit sein.
Ich bin 23. Ist das noch "Jugend"?
Ich fĂŒhle mich wie 80. FrĂŒher, vor Jahren bin ich noch mit "Freunden" weggegangen.
Das sah dann so aus, dass ich mit ein paar MĂ€dchen meines Alters betrunken und bekifft in langweiligen Diskotheken rumhing.
Die Krönung des Abends war dann die obligatorische Herumfummelei mit mindestens einem, mir unbekannten, Typen.
Manchmal gab es noch eine SchlÀgerei, wahlweise auch eine Messerstecherei.

Langsam sauge ich den Rauch ein.

Das war die Zeit, in der ich von sÀmtlichen Schulen geflogen war. Die Zeit die ich mit einem Haufen Grenzdebiler an einem BVJ zubrachte um wenigstens meinen Hauptschulabschluss nachzuholen.

In kleinen Kringeln verlÀsst der eben eingeatmete Rauch meinen Mund.

"Du warst so ein vielversprechendes Kind.", tönt die Stimme meiner Mutter vorwurfsvoll in meinem Kopf.

Wann hat sie das nochmal gesagt? Zuletzt wohl, als sie mich in der Psychiatrie besuchen kam in der ich sieben Monate meiner Jugend zubrachte. In einer Zeit in der andere den FĂŒhrerschein und ihr Abitur machen.

Asche fÀllt auf meinen Bademantel und hinterlÀsst dort einen schwarzen Fleck.

Nicht an die Vergangenheit denken, das mach nur traurig.
Nicht an die Zukunft denken, das macht nur Angst.

Und was ist mit der Gegenwart?
Meine Augen schweifen im Chaos meines Zimmers umher, betrachten auch den roten Teppich auf dem zwischen schmutzigen Klamotten, zwei halbleeren Flaschen Wasser und ein paar lose herumliegenden Schokoladenkekse meine FĂŒĂŸe noch immer frierend ihre blau-violett gefrorenen Zehen zeigen.

Die Gegenwart....

Ich nehme den letzten Zug.

Heute....

"Heute ist der letzte Tag vom Rest ihres Lebens..."

"Neuer Tag neues GlĂŒck."

Ich schiebe den Ärmel meines Bademantels ein StĂŒck zurĂŒck und drĂŒcke die glĂŒhende Zigarette auf meinen nackten Arm aus. Der Schmerz befreit mich fĂŒr einen kurzen Moment von meinen deprimierenden Gedanken. Es macht keinen Spaß sich Schmerzen zuzufĂŒgen aber es lenkt ab, wenigstens fĂŒr wenige Sekunden.

Heute ist kein Tag an dem ich mich anzuziehen brauche. Stattdessen krame ich Beruhigungstropfen aus meinem Bettkasten. "Atosil".
Da ist kein Messbecher dabei, deshalb tröpfel ich sie mir, im Takte meines tröpfelnden Wasserhahnes in den Mund.

Zwanzig Tropfen reichen fĂŒrs erste.

Meine Zunge wird taub und ich lege mich in mein Bett. Heute werde ich nicht mehr aufstehen.

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