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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Schlußverkauf
Eingestellt am 02. 08. 2010 17:01


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Sir Charles Blackwood
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2010

Werke: 17
Kommentare: 8
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Mein Blick folgt den rotierenden Bürsten der Reinigungsmaschine. Vergeblich ihr täglicher Kampf gegen festgetretenen Kaugummis, klebrige Eisreste, Schmutz und Dreck. Der Thai, der die Maschine fährt, lächelt freundlich, versucht durch die Menschenmenge durchzukommen, zügig seine Arbeit zu machen. Ich setze mich auf die Bank mitten im Gang. Die Massen strömen rechts und links an mir unbeirrt vorbei, zielstrebig den Angeboten folgend.
Meine Frau ist ebenfalls darunter. Genauer gesagt ist sie direkt neben der Bank im Modehaus verschwunden, während ich die imaginäre Ruhe der Bank suchte. Am anderen Ende sitzt ebenfalls ein leidgeprüfter Ehemann. Teilnahmslos, ohne ein Wort zu sagen, verfolgen seine Blicke die Menschen, suchen Eindrücke zu finden.
Während ich all dies registriere, meine Sitzposition noch etwas bequemer korrigiere, empfangen meine Ohren das Leben im Shoppingcenter, leiten es weiter an mein Bewußtsein, lassen es mich hören und wahrnehmen…

„Ich geh dann mal Trudi.“
„Ja, mach das, Else. Wir treffen uns im Eiscafé.“
Murmeln aus dem Hintergrund. Ich sehe zwei junge Mütter mit Hightech-Kinderwagen auf mich zukommen. Sie kennen den Weg, steuern gezielt die Wagen in Richtung Kinder-Boutique.
„Lenchen, laß uns ins Modegeschäft gehen. Wir finden da sicher auch etwas in unserer Größe.“
Ich tippe auf Größe 56 – 60, Zirkus Krone Raubtierzelt, schmunzle.
Ich schaue durch die Scheiben in das Modegeschäft, wo meine Frau den Wäscheständer dreht. Neben ihr, am Nachbarständer ein Ehepaar, so um die fünfzig. Der Mann schaut unglücklich. Leise dringt seine Stimme bis an mein Ohr.
„Alwine, was suchst du denn bei 46. Du hast doch Größe 42. Paßt dir doch eh nicht, wenn dir da etwas gefällt.“
„Laß mich doch.“ Schnippisch ihre Antwort, schwungvoll dreht sich der Ständer unter ihren Händen. Sie findet, daß es Zeit ist, die Größe 36 durchzuforsten.
„Hier, schau einmal, die blaue Bluse.“ Ihr Mann hat etwas Passendes in ihrer Größe gefunden. Sieht sogar recht hübsch aus, resümiere ich.
„Laß sein. Die paßt nicht. Und das Blau! Hast du keine Augen im Kopf.“
Ohne auch nur einen weiteren Blick der Bluse zu würdigen, nimmt sie sich jetzt die Größen 46+ vor. Der Mann hängt die Bluse achselzuckend wieder zurück.
Ich grinse. Ich weiß schon, weshalb ich hier sitze und nicht dort im Trubel mitmische. Meine Frau dreht am Nachbarständer ebenfalls das Glücksrad. Wenn ich richtig sehe, nimmt sie sich jetzt die Jumbogrößen vor.

Kindergeschrei lenkt mich ab. Ich sehe im Hintergrund eine Frau mit einem 3-jährigen diskutieren. Er will unbedingt ein Eis, sie nicht. Einen Schreikrampf weiter gibt sie auf. Siegessicher nimmt der 3-Käsehoch das Eis in Empfang. Zwei Sekunden später stolpert er über seine Füße, das Eis landet auf den Boden. Das Gebrüll fängt von vorne an.
Oha, jetzt fängt er eine. Dafür hört das Geschrei auf. Böse Blicke erntend, aber auch wohlwollende, zieht die Mutter das Kind weiter. Das schmelzende Eis wartet auf die Reinigungskräfte. Ich hole tief Luft und schaue auf die Uhr, 20 Minuten sitze ich schon hier. Der Nachbar auf der Bank rollt schon mit den Augen. Wer weiß, wie lange der schon hier sitzt.

Die Kundin am Wäscheständer neben meiner Frau kommt am Drehrad endlich in ihrer Größe an.
„Schau mal Max“, höre ich ihre unangenehm schrille Stimme, „was ich da Herrliches gefunden habe.“ Siegessicher hält sie die blaue Bluse hoch, die ihr ihr Mann schon vor einer viertel Stunde gezeigt hat. Er rollt mit den Augen, schlägt sich die Hand an die Stirn. Sein Gemurmel verstehe ich nicht. Scheint aber nicht jugendfrei zu sein.
Meine Frau hat sich den nächsten Ständer vorgenommen. Teenie-Sachen diesmal. Passen ihr nicht. Ist nichts für sie. Egal, scheint aber wahnsinnig interessant zu sein. Mein Magen knurrt, irre Langeweile plagt mich.
Wieder Frauen mit Kinderwagen. Sie steuern gleichfalls das Modegeschäft an. Interessiert schaue ich hin. Wie wollen sie mit den riesigen Hightech-Karren denn in den engen Gängen rumkutschieren?
Da, asiatisches Gezeter vorne links, ich schaue in die Richtung desselben. Zwei Reinigungskräfte chinesischer Nationalität diskutieren lebhaft über das, mittlerweile dahingeschmolzene, Eis des 3-Käsehochs.
Sollen es lieber wegräumen, statt zu schwätzen, geht es mir durch den Kopf.
Ein Postler, stupide vor sich hinstarrend, rennt mit einem Gepäckwagen durch die Menge, will seine Briefe zustellen. Scheint mißmutig zu sein, denke ich bei mir. Naja, wenn’s ihm nicht gefällt, soll er im Straßenbau anfangen.
„Petra, schau mal…“ Zwei Teenies zeigen sich in sexy Outfit. Mir wird ganz heiß dabei. Wohlwollend erblicken die müden Adleraugen meines Banknachbarn ebenfalls die flotten Feger. Sein Blick wird wieder klarer, die Apathie weicht.
Ich atme tief ein. Jetzt sitze ich schon 45 Minuten hier, mir wird jetzt aber mächtig langweilig. Jaja, wenn Frauen einkaufen, geht es mir durch den Kopf.
Da - ein Geistesblitz schießt durch meinen Kopf.

„Wollen wir nebenan im Mediamarkt uns über die neuen LED-Fernseher informieren?“, spreche ich meinen unglücklichen Sitznachbarn direkt an.
Er schreckt hoch, verarbeitet kurz das Gehörte, lächelt mich dankbar an.
„Gerne!“ Er steht gleichzeitig mit mir auf. „Meine Frau ist da im Modegeschäft.“ Er nickt nach rechts.
„Meine auch!“
„Hab ich mir gedacht! Brauchen Sie einen Neuen?“
„Was?“
„Fernseher.“
„Nö!“
„Ich auch nicht.“
„Aber wir können ja mal schauen. Die Verkäufer haben eh nichts zu tun.“
„Sicher. Da gibt es ja jetzt….“
„Ja, aber brauchen tu ich sowieso keinen…“
„Ich auch nicht…“
"Aber gucken kann man ja mal..."
"Jo..."

__________________
Solange man den Krieg als etwas Böses ansieht, wird er seine Anziehungskraft behalten. Erst wenn man ihn als Niedertracht erkennt, wird er seine Popularität verlieren. (Oscar Wilde)

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