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Schmarutzertum
Eingestellt am 01. 07. 2006 10:33


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Schmarutzertum

Warum schreiben manche Prosa-Autoren poetisch? Weil sie nebenbei noch Lyriker sind? Überm Lesen des Romans „Narziß und Goldmund“ oder auch über der „Morgenlandfahrt“ kann dem Leser der Gedanke kommen: „Oh, wie schön, wie einfach! Hermann Hesse hat seinen 'Franz Sternbald' gelesen! Beide Texte Hesses sind voller Einfachheit und Reinheit. Hesse schreibt sogar noch klarer, noch transparenter, noch straffer und placiert im Textkorpus viel, viel weniger lehrhafte Dialoge über Kunst als Ludwig Tieck.“ Keine Kunst, denn Hesse war ein begnadeter Lyriker. Oder doch Kunst? Sicherlich.
Spaß beiseite – von Thomas Mann sind weiter keine großartigen Gedichte bekannt. Manch Satzungeheuer in seinem umfänglicheren Werk verbaut dem Einsteiger den Einstieg. Aber einem Autor, der uns die „Buddenbrooks“, den „Felix Krull“ und auch „Den Erwählten“ und „Königliche Hoheit“ geschenkt hat, müssen wir Anflüge von Manieriertheit verzeihen. Kommen wir endlich zum Thema.

Solange wir wissen, woran wir sind, liest es sich angenehm leicht, und wir atmen frei. Unterwegs aber über der Lektüre von Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ stockt uns der Atem, wenn sich die Fragen häufen.
Thomas Mann konnte, wenn er über Schiller oder Goethe schrieb, nur in Liebe ihrer gedenken. Uns geht es ähnlich, wenn wir über Thomas Mann plaudern.
Leider steht da dieser verflixte Sack voller Fragen im Wege. Nur eine Frage ziehen wir heute aus dem Sack: Warum eigentlich nannte Thomas Mann „Lotte in Weimar“ einen Roman?
Die Handlung ist ja mehr als dürftig. Weimar im September anno 1816. Lotte, genauer Charlotte Kestner, geborene Buff aus Wetzlar, steigt anläßlich eines Verwandtenbesuchs im „Elephanten“ ab. Die Nachricht der Ankunft von Werthers Lotte verbreitet sich wie eine Lauffeuer durch die gebildete Weimarer Welt. Bevor Lotte von Goethe zu Tisch gebeten wird, empfängt sie ihrerseits in dem gastfreundlichen Hause – ein wenig befremdet vom dem Gehabe um ihre Person – nacheinander einige von Goethes Trabanten und hört sich deren – teilweise schier endlosen - Monologe an. Die Sorgen dieser Leute kommen Lotte bekannt vor. Die mittlerweile 63-jährige Witwe meint, der junge Johann Wolfgang habe seinerzeit ihre Freundschaft schriftstellerisch sozusagen ausgeschlachtet, und ihr rutscht während der charakterlichen Beschreibung des Jugendfreundes das in der Überschrift genannte Substantivum heraus.
„Das siebente Kapitel“ schließlich enthält einen großen Monolog Goethes am Morgen im Bett. Das ist alles etwas für Goethe-Forscher, aber nichts für uns, murren wir beim Lesen still in uns hinein und vermuten: Es gibt bestimmt einen im Fach gut gebildeten Wissenschaftler, der in den letzten Jahrzehnten jene Hintergründe so richtig durchleuchtet hat, die Thomas Mann aus Goethes Leben und Umfeld im Roman anspricht. Beim Nachschlagen stellt sich heraus, es gibt sogar viele professionelle, verdiente Lotte-Forscher. Einige davon hat Eckhard Heftrich im „Thomas Mann Handbuch“ auf den Seiten 445 und 446 aufgelistet (ISBN 3-520-82803-0). Richtig mürrisch geworden, fressen wir Literatur-Liebhaber uns weiter durch den Roman und schimpfen: Das ist doch alles andere als ein Roman!
Oben hatten wir es hoch und heilig versprochen. Wir wollten Thomas Mann lieben. Also SchluĂź mit der Schimpferei. Und weiter im Text. Der Starrsinn wird belohnt. Am Romanende, als unsere Lotte in der Kutsche ihrem Jugendfreund Goethe begegnet, bekommen wir doch noch, was wir erwarten. Dargestellt wird die Sehnsucht der beiden Kutschen-Insassen nach der verflossenen Jugend. Der gestandene Leser liest das gern, weil es seiner Sehnsucht gleicht.
Der Rest ist Arbeit. Wir müssen wirklich – vorne angefangen - jede Seite noch einmal durchstudieren. Nichts ist mit lesen. Studieren! Ständig fragen wir: Was hat der Autor nun wieder gemeint? Wir können meistens dahinterkommen, auch wenn es uns schwer fällt. Danken wir Thomas Mann für sein Essay „Lotte in Weimar“. Dieser Ausfall war wieder gar nicht lieb. Aber „Lotte“ ist nun mal kein „Felix Krull“. Die Thomas Mannsche Heiterkeit ist zwar da, muß aber gesucht werden wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. „Lotte“ ist auch kein „Doktor Faustus“. Wir leiden nicht mit den Protagonisten, sondern blättern reserviert und ein bißchen verschnupft um. „Lotte“ ist erst recht nicht buddenbrooksch. Jene peinlichen Zwischenfälle, die das gelungene dickleibige Frühwerk so lesenswert machen, fehlen im Lotte-Text. Und „Lotte“ wohnt auf keinem „Zauberberg“. Die Lotte-Fabel kann sich nicht in jene alpine Höhen des großen – auch sehr dickleibigen – Deutschland-Romans, von vor dem Ersten Großen Kriege handelnd, aufschwingen. Trotzdem sind wir bedingungslos für „Lotte in Weimar“ - nicht nur, weil wir Thomas Mann lieben. Der große Lübecker zerlegt den Kosmos Goethe in abertausend Teilchen und wird trotzdem überhaupt nicht fertig. Auch das macht ihn uns sympathisch. Dabei zergliedert Thomas Mann die Goethesche Vielfalt mit einer verblüffenden offenen Einfalt. Der Satz war jetzt gewagt und muß auf der Stelle zurückgenommen werden. Dummerweise läßt er sich nicht ganz zurücknehmen. Wie nun weiter? Sagen wir einfach, Thomas Mann schrieb wahr. Es könnte so gewesen sein: Weil Thomas Mann wußte – wie jeder Mensch – daß es einmal im Leben wirklich ans Sterben geht, schrieb er manchmal mit feinem Humor. Darum auch sprach er so vieles an – hier aus dem Leben seines verehrten, geliebten Goethe – was nun mal gesagt werden muß, wenn man reden kann. Und jeder weiß – Thomas Mann konnte sich artikulieren wie kaum einer. „Lotte“ ist ein großes Buch, lesbar für jeden von uns, der den eisernen Willen zum Studium aufbringt.
Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 in LĂĽbeck geboren und starb am 12. August 1955 in ZĂĽrich.

Thomas Mann: Lotte in Weimar.
Roman (1939)
ISBN 3-596-29432-0


Hedwig Storch 7/2006

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Hedwig

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