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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schneewittchen II
Eingestellt am 14. 11. 2003 14:37


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eli-fant
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

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Es war einmal eine K√∂nigstochter von gro√üer Sch√∂nheit, der man wegen ihrer zarten wei√üen Haut, den roten Lippen und dem ebenholzschwarzen Haar den Namen Schneewittchen gegeben hatte. Ungl√ľcklicherweise aber hatte das M√§dchen eine Stiefmutter, f√ľr die ihr eigenes gutes Aussehen das Wichtigste der Welt war und deren Neid auf die J√ľngere von Tag zu Tag wuchs. Schlie√ülich lie√ü sie Schneewittchen, in der Annahme, es w√ľrde dort umkommen, im Wald aussetzen.
Nach einigem Umherirren stieß das Mädchen dort auf ein kleines Häuschen, das von sieben Zwergen bewohnt wurde. Diese erklärten sich bereit, es bei sich aufzunehmen - unter einer Bedingung:
"Wenn du uns den Haushalt f√ľhrst, dich geschickt anstellst und flei√üig bist, kannst du bei uns einziehen."
Schneewittchen wußte nicht, wohin es sonst hätte gehen sollen, also nahm es das Angebot an.

Die eitle Stiefmutter verbrachte unterdessen weiterhin viel Zeit vor ihrem Spiegel - einem besonderen Spiegel, der die Eigenschaft hatte, ihre Fragen zu beantworten. Wieder einmal wollte sie wissen, ob sie die Schönste im ganzen Lande sei.

"Frau Königin - Ihr seid die Schönste hier,
aber Schneewittchen √ľber den Bergen
bei den sieben Zwergen
ist noch tausendmal schöner als Ihr..."

Da lief die K√∂nigin gr√ľn an vor Zorn.
"Dieses Mistst√ľck - hat es sich also doch durchgeschlagen!"
Auf der Stelle ließ sie sich alle Möglichkeiten, das Mädchen doch noch umzubringen, durch den Kopf gehen.
"Gift!" dachte sie. "Ein vergifteter Kamm - oder vielleicht besser ein vergifteter Apfel?"
Da ließ sich der Spiegel abermals vernehmen:

"O habt Geduld, vergeßt den Neid -
denn was Ihr wollt, besorgt die Zeit:
Wer Tag f√ľr Tag nur kocht und strickt,
n√§ht, b√ľgelt, w√§scht und Socken flickt,
Fu√üb√∂den schrubbt und Betten l√ľftet,
ist binnen kurzem wie vergiftet."

Die Königin horchte auf.
"Meinst du wirklich? Wenn sie bei den Zwergen tatsächlich so nach und nach ihre Anmut und ihren Liebreiz verliert, könnte ich es mir sparen, sie um die Ecke zu bringen ... Nun, ich will dir glauben - du hast bis jetzt immer die Wahrheit gesagt."
Dann klingelte sie nach ihrer Zofe, um sich umkleiden und frisieren zu lassen.

Schneewittchen mu√üte bei den Zwergen hart arbeiten. Schon lange vor Tagesanbruch hatte es aufzustehen, Wasser vom Brunnen zu holen, den Ofen einzuheizen und die Morgenmahlzeit f√ľr die sieben Gesellen zu richten, die sich sodann aufmachten, um ihrer Arbeit in einem Bergwerk nachzugehen. Den ganzen Tag √ľber hatte das M√§dchen kaum einen Atemzug lang Zeit, sich auszuruhen. Als die Zwerge merkten, da√ü es willig und gutm√ľtig war, wurden sie anspruchsvoller - es mu√üte ihnen die Haare stutzen und sogar die Zehenn√§gel schneiden. Jeden Abend fiel Schneewittchen ersch√∂pft in ihr Bett und stand morgens unausgeschlafen und m√ľrrisch wieder auf.

Nun begab es sich, daß einem Königssohn aus einem benachbarten Land die Geschichte von dem schönen Schneewittchen zu Ohren kam. Da er eine Gemahlin suchte und ein unternehmungslustiger Mann war, machte er sich auf den Weg zum Zwergenhaus.
Eines nachmittags traf er dort ein. Im Garten entdeckte er eine graugekleidete Frau, die am Boden kniete und Unkraut jätete.
"Hm, ob sie das sein kann...?"
Freundlich gr√ľ√üte er und erkundigte sich, ob er im H√§uschen √ľbernachten k√∂nne.
Schneewittchen rappelte sich auf.
"Schei√üe!" dachte es. "Noch ein Mann - und ein gro√üer, breitschultriger noch dazu. Die essen viel und ich werde zum Abendessen ein paar Kartoffeln mehr sch√§len m√ľssen. Das hat mir gerade noch gefehlt."
Brummig bat es den Fremden ins Haus.

Die Zwerge kamen nach Hause und man a√ü zu abend. Der Prinz beobachtete Schneewittchen, das immer wieder vom Tisch aufsprang, um die Wichte zu bedienen, etwas aus der K√ľche zu holen oder schmutziges Geschirr hinauszutragen. Es fiel ihm schwer, sich das M√§dchen mit der blassen Haut, dessen Lippen rissig und dessen Haare zwar schwarz wie Ebenholz, aber glanzlos und str√§hnig waren, in einem k√∂niglichen Gewand an seiner Seite vorzustellen. Da er w√§hrend des ganzen Abends kaum eine Gelegenheit gehabt hatte, das Wort an es zu richten, beschlo√ü er, ein Gespr√§ch mit ihm zu beginnen, sobald die Zwerge zu Bett gegangen waren. Doch nachdem Schneewittchen das Geschirr gesp√ľlt hatte, war es zum Umfallen m√ľde und antwortete gereizt und einsilbig auf die Fragen des jungen Mannes.
"Morgen habe ich auch noch Waschtag", dachte es entmutigt.
Der Prinz gab es bald auf, Schneewittchen n√§her kennenzulernen, ging zu Bett und reiste am darauffolgenden Morgen entt√§uscht ab. Er beschlo√ü, auf dem Heimweg einen Abstecher zum nahegelegenen Wohnsitz eines Herzogs zu machen, dessen Tochter noch unverheiratet war. Deren Sch√∂nheit wurde zwar nicht so ger√ľhmt, wie die des legend√§ren Schneewittchen, sie sollte jedoch klug und fr√∂hlich sein.

"Mann oh Mann!" st√∂hnte einer der Zwerge an diesem Tag auf dem Weg zur Arbeit. "Das w√§re gerade nochmal gutgegangen gestern abend, wie? Der war ganz eindeutig auf Brautschau hier. Was f√ľr ein Gl√ľck, da√ü sie ihm nicht gefallen hat. W√§r' ein ganz sch√∂ner Mist gewesen, wenn wir unsere Haush√§lterin losgeworden w√§ren. Wir sollten in Zukunft aufpassen, da√ü sich nicht zu viel Besuch in unserem H√§uschen rumtreibt."
"Das meine ich auch, Kumpel", stimmte ein anderer zu. "So gem√ľtlich wie jetzt hatten wir es noch nie. Immer eine saubere Bude - und die Pfannkuchen, die sie macht...!"
"Man sieht es dir auch an, wie's dir schmeckt. Hast dir in letzter Zeit ein ordendliches Bäuchlein angefressen", wurde er geneckt.
"Ich war eben schon immer f√ľr gutes Essen", gab der Angesprochene zur√ľck. "Dir hingegen scheint es besser zu gefallen, wenn sie dir in der Badewanne den R√ľcken schrubbt. Machst immer ein ganz seliges Gesicht!"
Alle sieben lachten laut.

Die Jahre kamen und gingen und brachten nichts Neues f√ľr Schneewittchen. Mit der Zeit wurde es mager und unscheinbar und gew√∂hnte sich eine geb√ľckte Haltung an, die es ihm leichter machte, sich in dem niedrigen H√§uschen zu bewegen.
Immer wieder hatte es nachts einen Traum.
Halb lebendig und halb tot lag es in einem gl√§sernen Sarg. Es konnte die Welt drau√üen sehen und wollte hinaus, um am Leben teilzuhaben, war aber nicht f√§hig dazu. Na√ügeschwitzt und erf√ľllt von Panik erwachte es dann.
"Ich m√∂chte so nicht weiterleben, irgendetwas mu√ü ich tun, ehe es zu sp√§t ist", dachte es verzweifelt und voll Sehnsucht. "Aber was?" Zwar schmiedete es manchmal, w√§hrend es den Boden scheuerte oder schmutzige W√§sche einweichte, vage Pl√§ne, davonzulaufen und irgendwo ganz neu zu beginnen, doch setzte es diese niemals in die Tat um. Es wu√üte ja nicht, wohin es gehen und was es anfangen sollte und es f√ľrchtete sich vor dem dunklen Wald. Obendrein versp√ľrte es ein schlechtes Gewissen den Zwergen gegen√ľber, denen es doch versprochen hatte, f√ľr sie zu sorgen.

So kommt es, da√ü Schneewittchen bis auf den heutigen Tag im Zwergenh√§uschen sein Dasein fristet. Wir wollen ihm w√ľnschen, da√ü der Spiegel der b√∂sen K√∂nigin nicht Recht beh√§lt und es dem M√§dchen eines Tages vielleicht doch noch gelingt, seinem Leben eine andere Wendung zu geben.

__________________
eli-fant

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