Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
69 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Schneiderleere
Eingestellt am 16. 03. 2010 16:10


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralf Langer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Schneiderleere

Die altmodische Glocke erklingt stets zweimal.
Zuerst beim Eintreten durch die einfache Holzt√ľr, und ein zweites Mal, wenn sich die T√ľr der Schneiderstube hinter dem Kunden wieder schlie√üt.
Tageslicht f√§llt sorgf√§ltig durch die Fensterfront neben der T√ľr, und taucht die Stube, mit seinem m√§chtigen Arbeitstisch in der Mitte des Raumes, in ein mildes Licht.
Der erste Blick f√§llt stets auf ein gro√üz√ľgig gerahmtes Bild an der Wand gegen√ľber dem Eingang.
Ein Kandinsky könnte der spontane Ausruf dazu sein.
Der Schneider wird dann freundlich L√§cheln und auf seine trockene Art und Weise erkl√§ren, dass es schon Schnittmuster gab bevor die Herren Bauh√§usler entdeckt hatten, dass man diese auch als Bilder an gro√üz√ľgig geschnittenen Villenw√§nden h√§ngen konnte.
Vielleicht ginge er sich dann mit den schmalen H√§nden durch seine d√ľnnen grauen Haare, die er zu einem Zopf gebunden hat, und n√§hme schlie√ülich eine Hose entgegen.
Zum K√ľrzen versteht sich.
Sp√§ter, wenn er die Naht aufgetrennt, den Saum freigelegt, und mit der Schere begonnen hat die Hose zu k√ľrzen, wie einen zu langen Traum, schaut er vielleicht nachdenklich auf seine gerahmte Gesellenpr√ľfung an der Wand.
M√∂glich, dass dann neblig gewordene Erinnerungen aus fr√ľheren Jahren in ihm aufsteigen.
Bilder von mail√§ndischen Laufstegen. Blitzlichter aus der Pariser Modewelt. Jugendliche √Ąhnlichkeiten mit dem lagerfeldschen Habitus.
Doch gleich dem Nebel, der sich am Morgen in die Flußauen beißt, klären diese Bilder nur langsam auf.
Er denkt dann an N√§hte von Frauenkost√ľmen, die er h√§ufig reparieren muss, da sich die Damen beim Kauf ihrer Garderobe nicht nur von ihrer Kleidergr√∂√üe, sondern gerne auch von ihren W√ľnschen leiten lassen.
All das geplatzte Hoffnungen.
Dann öffnet er behutsam eine Schublade am Arbeitstisch, holt ein paar verschlissene Socken heraus, nimmt sich Nadel und Faden, und stopft die Löcher.
Er stopft in aller Ruhe, und stopft und flickt solange, bis sich der Nebel wieder legt, bis sich die Leere wieder f√ľllt.

__________________
RL

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur f√ľr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur√ľck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!