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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schnitzeljagd
Eingestellt am 19. 08. 2010 15:25


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MĂ€uschen
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Schnitzeljagd


Als der Schein der Lampions immer deutlicher die anbrechende Nacht erhellte und die dĂŒrren Äste der hohen BĂ€ume wie Krallen aussehen ließ, die nach ihr griffen, bekam Erika es langsam mit der Angst zu tun.
Sei immer zu Hause, bevor es dunkel wird, hörte sie ihre Mutter sagen. Sie hatte im Wohnzimmer gestanden und das rosa Kleidchen gebĂŒgelt, das sie zu Millys Geburtstagsfeier anziehen wollte. Es durfte nicht dreckig werden, sie hatte es ihrer Mutter versprechen mĂŒssen. Ehrenwort!, war Erikas Antwort gewesen und die braunen Augen ihrer Mutter hatten amĂŒsiert aufgeblitzt beim Anblick des ernsten Gesichts ihrer Tochter.
Aber Erika erinnerte sich auch an dieselben Augen, die sie voll Besorgnis einige Wochen zuvor gemustert hatten. Sie wollte ihrer Mutter eine Zeichnung zeigen – ein schöner Regenbogen mit Vögeln und einer lachenden Sonne – und fand sie schließlich im Wohnzimmer. Sie hatte sich halb vom Sofa erhoben, die Fernbedienung in der Hand. Erika hatte noch ein paar Worte ĂŒber ein verschwundenes Kind von einem Mann im Fernsehen aufgeschnappt, bis ihre Mutter den Fernseher ausschaltete. Es war ihr in dem Moment nicht wichtig, sie wollte ihr endlich ihre Zeichnung zeigen, aber ihre Mutter hatte sie nur zu sich hergezogen und ihr gesagt, sie dĂŒrfe nirgends alleine hingehen. Ob sie das verstanden habe? Ja, hatte Erika geantwortet und in die Augen gesehen, die so anders gewesen waren als sonst.
Sei immer zu Hause, bevor es dunkel wird.
Geh nirgends alleine hin, hast du gehört?
Erika schluckte schwer. Beide Regeln hatte sie heute gebrochen. Ihre Mutter wĂŒrde böse sein. Und nicht nur deshalb. Auch das Kleid... Sogar jetzt noch hoben sich die schwarzen Flecken der Walderde ab von der beginnenden Dunkelheit. Am liebsten hĂ€tte sich Erika hingesetzt und geweint. Aber das durfte sie jetzt nicht. Dann wĂ€re das Kleid noch schmutziger geworden und sie wĂŒrde die Letzte sein.
Sie durfte nicht die Letzte sein, sonst hÀtte sie ja vollkommen umsonst hier zwischen den BÀumen gesucht. Sie liebte Schnitzeljagd, aber mit Milly war es nicht so lustig. Sie schummelte nÀmlich. Gespielt wird nur im Garten und ums Haus herum, hatte Millys Vater der Kinderschar erklÀrt und die Startzettelchen verteilt. Geht nicht in den Wald hinein, in Ordnung? Alle hatten brav genickt, aber Emily hatte Millys hÀmischen Blick und ihr Grinsen bemerkt.
Da hatte sie es gewusst. Sie hatte gewusst, dass Milly die Zettel schon vorher gelesen und einen ausgetauscht hatte, sodass niemand den letzten Zettel finden konnte außer ihr, weil er zwischen den BĂ€umen versteckt war.
Aber Erika war nicht dumm. Sie wĂŒrde Milly nicht gewinnen lassen, auch wenn es ihr Geburtstag war. Schummeln durfte man nicht, das war gemein.
Da der Garten direkt an den Wald angrenzte, war es leicht fĂŒr sie gewesen, unbemerkt zwischen den BĂ€umen zu verschwinden, wĂ€hrend alle anderen im GemĂŒsebeet suchten.
Erika wĂŒrde die Schnitzeljagd gewinnen und den Preis dann stolz ihrer Mutter zeigen, ihr ihn vielleicht sogar schenken, sodass sie gar nicht mehr böse auf sie sein konnte. Wegen des Kleids und allem.
Entschlossen wischte sie mit einer Handbewegung eine Locke aus dem Gesicht und hinterließ dabei einen dunklen Streifen auf ihrer Stirn. Ihre HĂ€nde waren noch schmutziger als ihr schönes Kleidchen, schließlich hatte sie schon beim kleinsten Verdacht eines schimmernden weißen Zettels in der feuchten Erde gewĂŒhlt. Bisher waren es immer nur Steine gewesen.
Erika umrundete den nĂ€chsten dicken Baumstamm, immer darauf bedacht, den unheimlich aussehenden Zweigen auszuweichen und den Schimmer der Lampions nicht aus den Augen zu verlieren. Sie wollte sich bestimmt nicht verlaufen. Wie HĂ€nsel und Gretel, kam es ihr in den Sinn. Aber die haben ja auch wieder zurĂŒckgefunden. Plötzlich knackte etwas hinter ihr und sie drehte sich erschrocken um, doch da war nichts. Der Wolf!, dachte sie erschrocken und presste sich unwillkĂŒrlich an den nĂ€chsten Baumstamm. Der Wolf, von dem Milly ihr erzĂ€hlt hatte. Der Wolf, von dem ihre Mutter ihr erzĂ€hlt hatte, in dem MĂ€rchen. Aber Millys Wolf war echt. Milly hörte sein Heulen oft in der Nacht von ihrem Zimmerfenster aus, hatte sie ihr gesagt.
Jetzt war aber keine Zeit zum FĂŒrchten. Immerhin durfte sie nicht gegen Milly verlieren! Erika packte all ihren Mut zusammen und wollte einen Schritt Richtung Garten machen, weg von dem großen, starken Baum, der ihr Schutz bot – aber die Krallen waren da und hielten sie fest. Mit einem kurzen Aufschrei riss sie sich von den Zweigen los, die sich in ihren Haaren verfangen hatten und stand nun zitternd in der Dunkelheit. Erika hatte die Orientierung verloren. Sie sah das Licht der Lampions nicht mehr, obwohl sie doch extra in ihrer NĂ€he geblieben war. Wahrscheinlich musste sie sich einfach umdrehen...
Sie konnte nicht. Wenn sie nur einen Schritt tĂ€te, wĂŒrde der Wolf sie hören. Er wĂŒrde sie verschlingen wie die arme Großmutter in dem MĂ€rchen, das ihre Mama... Niemand wĂŒrde jemals mehr eine Spur von ihr finden und sie konnte ihrer Mama nicht mehr sagen, dass es ihr Leid tĂ€te mit dem Kleid.
Ein Zweig knackte unter dem Gewicht eines sich nÀhernden Mannes. Oder war es der Wolf? Erika wollte rennen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Vielleicht hatte er sie nicht gesehen? Sie schloss ganz fest die Augen.
Ein weiterer Zweig. Noch einer. Er war jetzt ganz nah.
Ihr letzter Gedanke galt dem Mann im Fernsehen und daran, dass sie nun eines der verschwundenen Kinder sein wĂŒrde, von denen er gesprochen hatte. Dann packte sie eine große Hand von hinten an der Schulter.
„Erika, was machst du denn hier draußen?“ Erschrocken öffnete sie die Augen und drehte sich zu der bekannten Stimme um. Millys Vater. „Du sollst hier nicht alleine herumgeistern, noch dazu, wenn es schon dunkel wird!“
Die Worte ihrer Mutter.
„Ich weiß“, antwortete Erika und ihre Augen wurden feucht. „Tschuldigung...“
„Lass uns zu den anderen zurĂŒckgehen.“ Er lĂ€chelte freundlich und nahm sie bei der Hand. „Komm.“
Sie nickte stumm und folgte ihm. Nach einigen Schritten wurde ihr bewusst, dass kein Wolf sie holen, dass sie keines der verschwundenen Kinder sein wĂŒrde und der Gedanke an Rechtfertigung regte sich in ihr. „Es war doch nur wegen der Schnitzeljagd!“, begann sie und die knackenden Zweige unter ihren FĂŒĂŸen kamen ihr nun gar nicht mehr furchteinflĂ¶ĂŸend vor. „Weil Milly doch den Zettel bestimmt –“
Als hĂ€tte sie nur das magische Wort aussprechen mĂŒssen, sah sie plötzlich etwas Weißes unter der Wurzel eines Baumes nicht weit von ihr schimmern.
„Der Zettel!“, rief sie, riss sich von der Hand los und rannte darauf zu. „Ich wusste, dass Milly schummeln wĂŒrde!“ Sie kniete sich hin und streckte die Hand danach aus.
Im schwachen Schein der Lampions sieht selbst ein kaltes StĂŒck toter Haut aus wie ein Fetzen Papier.

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Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, zerschlage ich ihn dann mit meinen Taten und spucke mit meinen Worten die Scherben aus?

Version vom 19. 08. 2010 15:25
Version vom 20. 08. 2010 00:22

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Retep
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Registriert: Jun 2008

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Hallo mÀuschen,

alles sehr bildhaft beschrieben, viel gezeigt. Ich konnte mich in die GedankengĂ€nge von Erika einfĂŒhlen, ihre Angst mitfĂŒhlen.
Spannung lag ĂŒber dem Ganzen, irgendetwas wĂŒrde passieren, aber der Schluss hat mich ĂŒberrascht.

Zum Text:

quote:
Sie hatte im Wohnzimmer gestanden
- ich weiß, hier bringe ich auch das Hilfsverb "hatte", das
ich spÀter bemÀngele, aber "war" ist falsch.

quote:
Wegen des Kleids

- Titel "Schnitzeljagd": Ich verstand bisher unter Schnitzeljagd, ein Spiel, bei dem irgendjemand verfolgt, gesucht wird, der Schnitzel auf seinem Weg verstreut.

"hatte":
Du verwendest zu oft das Wort hatte. Ich bin der Letzte, der sich daran stört,es wird nun einmal im Plusquamperfekt der deutschen Sprache verwendet. Aber in deinem Text kommt es zu oft vor.

Ich las mal, dass in einer sehr guten Kurzgeschichte kein Wort zu viel ist. Das schafft wohl niemand. Ich denke aber, du könntest den Text daraufhin ĂŒberprĂŒfen.


quote:
Im schwachen Schein der Lampions sieht selbst ein kaltes StĂŒck toter Haut aus wie ein Fetzen Papier.
- Das ist ein großartiger, ĂŒberraschender Schluss.Der Schlusssatz könnte kaum besser sein.

Gerne gelesen.

Retep



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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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