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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schnitzeljagd
Eingestellt am 25. 05. 2004 16:29


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Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

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Schnitzeljagd

Peng! Unsanft wurde ich aus meinen Träumen gerissen. Irgendein lautes Geräusch hatte mich aufgeweckt. Ich strich mir eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht und gähnte ausgiebig. Die Sonne schien bereits hell durch das offene Fenster und nun nahm ich auch das fröhliche Gezwitscher der Vögel wahr. Irgendwie war das ansteckend und ein Lächeln umspielte meine Mundwinkel. Etwas war anders an diesem Morgen, das spürte ich. Nur ließen meine ziemlich verschlafenden Gehirnzellen die Nachricht noch nicht bis nach vorne durchsickern. Doch plötzlich wusste ich, was mir mit los war. Ein Adrenalinstoß fuhr mir bis in meine Zehenspitzen, als ich an gestern Abend – und an ihn dachte.
Hatte ich mich verliebt?
Das war des Rätsels Lösung. Ich, Julia, dreiunddreißig, eingefleischter Single hatte mich verliebt, obwohl ich das nie und nimmer vorgehabt hatte. Mir ging es so gut, wie nie zuvor. Ich hatte viele Freunde und einen netten Mitbewohner, mit dem ich mir seit drei Jahren eine Altbaubehausung teilte. Moritz – oder Momo, wie ihn seine Freunde nannten – war stock-schwul. Er hatte sein Coming-out vor fünf Jahren gehabt und war daraufhin aus dem elterlichen Einfamilienhaus geflogen, da seine Mutter und sein Vater nicht mit der “Schande” zurechtgekommen waren, die ihr einziger Sohn über sie gebracht hatte. Momo und ich verstanden uns ausgezeichnet, wir stritten uns fast nie. Nur manchmal gab es kleine Unstimmigkeiten, wenn Momo mal wieder meinen Kajalstift benutzte und ihn danach mit abgebrochener Spitze oder überhaupt nicht mehr in mein Schminktäschchen zurücklegte. Zurzeit war er unglücklich verliebt, in Lola, alias Bernd, eine Transe aus Düsseldorf.

Gestern Abend war ich mit Uli, meiner besten Freundin, auf einem Discoschiff der Köln Düsseldorfer gewesen, die ab und zu von der Kölner Altstadt aus, den Rhein hinauf und wieder hinunter schipperten. Unter dem Einfluss meines Lieblingsgetränkes „Caipirinha“ hatte Uli mir vor ein paar Wochen schamlos das Versprechen abgeluchst, sie auf diese schwimmende Flirtbörse zu begleiten. Obwohl ich auf so etwas überhaupt nicht stand.
Aber Uli war im Gegensatz zu mir ein unfreiwilliger Single und hatte sich vorgenommen, noch vor ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag ganz klischeemäßig einen Ehemann, ein Reihenhaus, ein Kind und ein Haustier ihr Eigen zu nennen. Nun war bei ihr bereits Torschlusspanik ausgebrochen, da sie es bisher nur zu einem Hund gebracht hatte.
Also hatte ich mich nett zurechtgemacht, sogar extra Momos Selbstbräunercreme aufgebraucht und mich Uli zuliebe dem Ballermann-Feeling ausgesetzt.

Auf dem Schiff war er mir dann begegnet. Eigentlich war er Uli zuerst aufgefallen, dunkelhaarig, gut gebaut, einer dieser Typen die so unverschämt perfekt aussahen, dass man schon wieder annehmen musste, dass bei ihnen irgendein anderer Defekt vorlag, zum Beispiel das Muttersöhnchen- oder Gehirnvakuum-Syndrom.
Als ich dann später mal zur Toilette musste und an der Theke vorbeiging, an der er lehnte, hatte er mich angehalten und in ein Gespräch verwickelt. Wir hatten bald darauf festgestellt, dass wir auf einer Wellenlänge schwammen. Alex, wie er hieß, war außerordentlich sympathisch und zudem Single. Was wollte frau noch mehr? Als das Schiff wieder angelegt hatte, war alles sehr schnell gegangen. Alex war mit ein paar Freunden an Bord gekommen, die es nun furchtbar eilig hatten, das Schiff wieder zu verlassen. Er schaffte er es gerade noch, mir seine Telefonnummer auf einen Zehn-Euro-Schein zu schreiben und: „Ruf mich an“, zu rufen, bevor er, mir noch einen Luftkuss zuwerfend, seinen Freunden hinterher gerannt war. Uli hatte inzwischen auch eine Eroberung gemacht. Nachdem sie mir Martin vorgestellt hatte, waren die beiden freudestrahlend an Land gegangen, um irgendwo noch etwas zu trinken.
Da hatte ich nun gestanden, mutterseelenallein, ohne Flirt und ohne Freundin, den wertvollen Zehn-Euro-Schein in der Hand. Ich war schließlich auf direktem Weg nach Hause gefahren und ins Bett gegangen – Stoff für angenehme Träume hatte ich ja genug gehabt.

Ich kuschelte mich tief unter die Zudecke. Sollte ich mich heute schon bei Alex melden, überlegte ich, oder ihn lieber noch ein, zwei Tage zappeln lassen? Mal sehen, ob ich mich noch an die Nummer erinnerte. 017233, oder war es zwei drei, und dann? Ich wusste es nicht mehr. Also stand ich auf, um den Schein zu holen. Meine Handtasche hing im Flur an der Gardarobe. Ich nahm mein Portemonnaie heraus und öffnete es. Ein Fünfziger, ein Zwanziger, ein Fünfer, aber kein Zehner. Wo war der Zehn-Euro-Schein? Ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich ihn gestern Nacht hier hineingesteckt hatte. Soviel Bier hatte ich doch gar nicht getrunken. Panisch leerte ich den Inhalt der Geldbörse und der Handtasche auf dem Boden aus und suchte hektisch darin herum. Vergebens – der Schein war nicht da. Wäre ich eine Comicfigur gewesen, hätten mir jetzt bestimmt sämtliche Haare zu Berge gestanden. Gerade als ich alles fluchend wieder in die Tasche stopfte, kam Momo aus der Küche.
“Morgen Julia-Mäuschen. Wie war dein Abend? Was robbst du denn da auf dem Boden rum? Ach übrigens, bevor ich es vergesse, der Postbote war da, hat mir endlich das Nachnahmepaket mit dem Latexoveral gebracht. Totaaal scharfes Teil, sage ich dir. Die Lola wird aaausflippen, wenn ich das anhab. Da kann die mir auf gar keinen Fall mehr widerstehen. Der Postbote konnte übrigens nicht wechseln, da habe ich einen Zehn-Euro-Schein aus deinem Portemonnaie genommen.” Ich schnappte hörbar nach Luft. “Julia, was hast du denn? Reg dich nicht auf, du kriegst ihn nachher wieder.”
“Du Idiot! Auf dem Schein stand die Telefonnummer des zukünftigen Vaters meiner zukünftigen Kinder”, zischte ich, ging zurück in mein Schlafzimmer und ließ die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen. Tja, das wäre Ihr Preis gewesen. Keine Milupa Duschhaube. Auf Nimmerwiedersehen Alex. Ich schmiss mich quer über mein Bett. Vielleicht sollte es so sein, vielleicht war es besser so. Vielleicht war er ja doch nur ein Frauenaufreißer.

Es klopfte leise an der Tür. “Lass mich in Ruhe!”, rief ich. Momo kam trotzdem herein und setzte sich auf die Bettkante.
“Julia-Kleines, es tut mir Leid, ich hab nicht gesehen, dass auf dem Schein eine Nummer stand”, sagte er und streichelte über meine Haare. “Der Postbote ist erst eine halbe Stunde weg. Warum nimmst du nicht mein Fahrrad und fährst ihm nach. Du holst ihn bestimmt noch ein und dann lässt du dir den Schein wieder zurückgeben.”
“Meinst du?” Ich richtete mich auf und wischte mir verstohlen die Tränen von den Wangen, die sich doch tatsächlich dorthin verirrt hatten.
“Klar doch, na hop, mach!” Ich sprang aus dem Bett, zog schnell eine Jeans und einen Pulli über und schnappte mir besagtes Fahrrad, das im Hausflur stand. Gott sei Dank kannte ich den Briefträger; zwar nicht mit Namen, aber ich wusste immerhin, wie er aussah. Langsam fuhr ich die Straße entlang und schaute in jeden Hauseingang. Doch nirgendwo erblickte ich die gedrungene, blau gekleidete Gestalt des Postboten. Ich wollte schon aufgeben, als mir die Idee kam, direkt zur Poststelle unseres Stadtteils zu fahren, vielleicht war er schon wieder dort angekommen. Und richtig, als ich nachfragte, rief der Beamte ihn von hinten in den Schalterraum.
“Gott sei Dank, dass ich sie noch erwischt habe”, sagte ich erleichtert. “Sie haben vorhin in der Kastanienallee 117, im dritten Stock einen Zehn-Euro-Schein bekommen. Der Schein gehörte mir, ich muss ihn unbedingt zurückhaben”, stieß ich hervor. Der Postbeamte schaute mich an, als ob ich ihn gerade gefragt hätte, ob er mir seine blaue Postjacke schenken würde. Er dachte wahrscheinlich, dass ich nicht ganz richtig im Kopf wäre.
“Auf dem Schein stand eine Telefonnummer, die ich unbedingt brauche”, fuhr ich fort. “Sie ist sozusagen lebenswichtig.”
“Hm, in der Kastanienallee 117, sagen sie”. Er strich sich mit der rechten Hand über seine stoppeligen Haare. “Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Da hat mir so ein Paradiesvogel im lilafarbenen Satin-Schlafanzug die Tür aufgemacht. Richtig, der hat mir einen Zehn-Euro-Schein gegeben.” Ich wäre dem schnuckeligen Briefträger am liebsten um den Hals gefallen, erinnerte mich jedoch im letzten Moment daran, dass wir weder verwandt, verschwägert, geschweige denn befreundet waren.
“Kann ich meinen Schein bitte wieder haben? Hier ist ein Zwanziger”, sagte ich und fuchtelte damit vor seinem Gesicht herum.
“Klar, wenn ich den Zehner noch hätte.” Wie bitte? Ich traute meinen Ohren nicht.
“Ich habe ihn vorhin der alten Frau Hammes als Wechselgeld herausgegeben.” Meine Hoffnung schmolz dahin wie ein liegengelassenes Cornetto in der Sahara.
“Könnten sie mir freundlicherweise die genaue Adresse von dieser Frau Hammes nennen?”, fragte ich so liebenswürdig, wie es nur eben ging.
“Eigentlich bin ich dazu nicht befugt”, tat der Postbote wichtigtuerisch, “aber ich will mal eine Ausnahme machen”. Nun konnte ich doch nicht umhin, den guten Mann zu umarmen und ihm rasch einen Kuss auf die Wange zu drücken.
Schnell sprang ich wieder auf Momos Fahrrad und fuhr zu der Wohnung von Frau Hammes. Nachdem ich ihr meine verzweifelte Sachlage geschildert hatte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen.
“Das tut mir aber jetzt Leid, Kindchen. Meine Enkeltochter war gerade hier, als der Postbote kam, sie hat den Schein gleich als Taschengeld einkassiert.” Sämtliche, mühsam eingecremte, künstliche Sonnenbräune wich aus meinem Gesicht und ich war einer Ohnmacht nah. “Kommen Sie Kindchen, ich glaube, sie könnten jetzt einen Schnaps vertragen. Ich habe noch etwas von dem Obstler, den mein Karl, Gott habe ihn selig, immer selbst gebrannt hat.” Die alte Frau zog mich in ihre Küche und kredenzte mir ein Gläschen von dem Hochprozentigen, das ich auch prompt auf Ex in mich hineinschüttete, und das, obwohl ich noch nicht einmal gefrühstückt hatte. Wie eine Feuerschneise brannte sich die klare Flüssigkeit meine Kehle hinunter, um kurz darauf in meinem Magen zum finalen Inferno zu explodieren.

Nachdem mir die gute Frau Hammes noch verraten hatte, wo ihre Enkeltochter wohnte – natürlich am entgegengesetzten Ende der Stadt – schwang ich mich wieder auf Momos Fahrrad. Es hatte angefangen zu regnen und so war ich bald darauf bis auf die Haut durchnässt. Der Obstler war inzwischen von meinem nüchternen Magen aus über die Blutbahnen in sämtliche Körperteile gewandert. Endlich erreichte ich das Reihenhaus von Frau Hammes Familie am Stadtrand. Bitte, bitte lass ihre Enkeltochter zuhause sein, bibberte ich vor mich hin, da ich nun auch noch erbärmlich fror. Hoffentlich würden sie mir überhaupt die Tür aufmachen, ich sah sicherlich nicht besonders vertrauenswürdig aus, so nass und mittlerweile auch noch dreckig durch das Spritzwasser vom Asphalt. Meine Wimperntusche hatte dem Regenguss bestimmt auch nicht standgehalten. Ich hatte nämlich gestern Abend wieder mal vergessen, mich abzuschminken. Mutig drückte ich auf den Klingelknopf und nach einem kurzen Augenblick öffnete sich die Tür.
“Ach sie müssen sicher diejenige sein, die ihren Geldschein verloren hat. Frau Hammes, meine Mutter, hat mich gerade angerufen und mir alles erzählt. Sie haben meine Tochter nur knapp verpasst. Sie ist gerade mit ihrer Freundin in die Innenstadt gefahren, zum einkaufen.”

Womit hatte ich das verdient? Was um Himmels Willen hatte ich nur verbrochen, dass mir so eine Strafe aufgebürdet wurde? Ich ließ mir das Aussehen der beiden Mädchen beschreiben und fuhr wieder in Richtung Zentrum. Das würde mein letzter Versuch sein, beschloss ich. Wenn ich diesmal kein Glück haben würde, dann sollte es eben so sein. Es war sowieso Wahnsinn, an einem Samstagmittag in der Hauptgeschäftsstraße jemanden Bestimmten finden zu wollen, noch dazu, wenn man denjenigen noch nie zuvor gesehen hatte. Immerhin hatte die Freundin der Hammes-Tocher Rasterzöpfchen, was unter Umständen bei der Suche ein hilfreicher Hinweis sein würde. Missmutig schob ich mein Fahrrad an den Geschäften vorbei, immer darauf bedacht, ob ich nicht jemanden mit einer Afrolookfrisur erblicken würde. Vielleicht die beiden dort vorne? Die eine war blond, wie von Frau Hammes beschrieben, und die andere hatte kleine Zöpfchen. Mist, jetzt gingen sie zu H &M rein. Ich lehnte das Fahrrad gegen ein Schaufenster und spurtete den beiden Verdächtigen hinterher. Das Kaufhaus war gerammelt voll und ich klapperte wirklich vom Unter- bis zum Obergeschoss jede Verkaufsetage ab – natürlich vergebens. Von der Rennerei war ich nun auch noch ins Schwitzen geraten, mein Mund war trocken und ich hätte alles dafür gegeben, mich in die Punika-Fruchtoase hinüberbeamen zu können. Ich suchte die Bedürfnisanstalten des Shopping-Paradieses auf und bemühte mich, der Versuchung zu widerstehen, meine verkrampfte Hockstellung aufzugeben und mich in bequemerer Haltung auf der Klobrille niederzulassen. Dabei war doch erstere Stellung eine ausgezeichnete Übung gegen Cellutite.

Nach der Gymnastikeinlage lieĂź ich mir kaltes Wasser ĂĽber mein Gesicht laufen.
Das war’s dann wohl, aus der Traum. Ich verließ das Kaufhaus, um das Fahrrad zu holen. Dort wo ich es vorhin auf die Schnelle abgestellt hatte, klaffte nun gähnende Lehre. Es war weg, verschwunden. Das neue, superteure, ich-weiß-nicht-wieviel-Gang Mountainbike von Momo war einfach geklaut worden. Müde, durstig, dreckig, verzweifelt, fertig mit der Welt sank ich an der Wand herab und blieb neben dem Kaufhauseingang sitzen, den Kopf auf meine verschränkten Arme gelegt. Momo würde mich umbringen, wenn er das mit dem geklauten Fahrrad erfuhr. Und dann war auch noch alles umsonst gewesen, ich hatte die beiden Mädchen nicht gefunden, und wenn, hätte die Enkeltochter den Euroschein bestimmt schon ausgegeben. Ich ließ einen Mega-Seufzer los. Plötzlich spürte ich, wie mir jemand über den Kopf strich und eine Stimme sagte: “Hier, mein Kind, kauf dir was zu essen, du scheinst es nötig zu haben.” Ich blickte auf und sah eine Oma mit silberfarbenen Dauerwelllöckchen über mir, die gütig lächelte und mir etwas in die Hand drückte. Na prima, jetzt bekam ich sogar schon Almosen. Vielleicht sollte ich noch ein Weilchen hier sitzen bleiben, um das Geld für ein neues Fahrrad zusammenzubekommen. Die Oma war schon lange wieder fort, als ich meine Handfläche öffnete. Sie hatte mir einen zerknuddelten Zehn-Euro-Schein hineingelegt. Ich faltete ihn langsam auseinander. Irgendjemand hatte ein paar Zahlen darauf geschrieben. O17233...

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