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Leselupe.de > Humor und Satire
Schnitzeltag
Eingestellt am 22. 10. 2009 16:01


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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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Schnitzeltag

Der Abfluss der Kaffeemaschine ist wieder einmal verstopft.
Entnervt fummele ich am Auslauf herum, leise vor mich hinfluchend, mein frisch gebĂĽgeltes weiĂźes Hemd besprenkelt mit Abwasser und KaffeeprĂĽtt, als mir klar wurde, das sich soeben die MolekĂĽle in der Luft dichter aneinander geschoben hatten.
Nach all den Jahren in der Gastronomie, wusste ich was das bedeutet.
Entweder hatte der dritte Weltkrieg begonnen und der elektromagnetische Impuls war Schuld, oder ein VerrĂĽckter hatte soeben das Lokal betreten.

Die Hoffnung darauf, dass es sich um die Bombe handelte, hatte sich bisher nie erfĂĽllt. Also dreh ich mich noch schnell zum Zapfhahn herum, mache mir ein Alster, und dann sehe ich schon:
Meine Belastungsprobe fĂĽr den heutigen Abend!
Dieser Gang;
mühsam aufrecht, gleich dem ersten Affen, der vor Millionen Jahren vom Baum geklettert kam, unsicheren Schritts, und voller Sorgen, ob diese Entscheidung die richtige war – was übrigens bis heute nicht beantwortet ist - in den Augen ein Stechen, das Zucken um die Mundwinkel, Zeuge mühsam unterdrückten Speichelflusses.
Ich strecke meinen RĂĽcken und leere das Alster in einem Zug.

Vielleicht ist er das letzte Mitglied der Zarenfamile.
Ein echter Romanow, dessen Urgroßmutter den Mord an ihrer Familie überlebt hatte, und er, der Urenkel, durch verworrene Schicksalsschläge nach Deutschland geführt, sucht nun bei mir im Kronski sein Bernsteinzimmer.
Vielleicht ist er auch nur ein ganz normaler Mensch, der am Tresen immer seinen Schwanz herausholt um sein Gemächt einer geneigten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Möglich auch, das er Beides in sich vereint.
Sicher ist nur, er zählt nicht zu den normalen Sterblichen, die tagtäglich die Freiheit suchen, und dann an einem Tresen enden.

Jetzt sitzt er an einem Tisch gegenüber vom Tresen und ich habe die Möglichkeit ihn zu scannen.
Er ist kein Romanow.
Wahrscheinlich überhaupt kein blaues Blut. Aber auch kein normaler Sterblicher. In seinen Augen ist dieses Leuchten, um ihn herum ein Vakuum. Ich bin mir sicher, dass er sich im Besitz einer Wahrheit wähnt, die uns Unglücklichen bisher verborgen geblieben ist.
Während er bei der Kellnerin Getränke bestellt, überlege ich von welchen geheimnisvollen Erkenntnissen er getrieben wird.
Vielleicht weiĂź er um den Verbleib der Bundeslade, oder kennt die Wahrheit um den Kennedymord. Vielleicht kann er auch, nachdem er von AuĂźerirdischen oder dem CIA entfĂĽhrt wurde, Kaffeemaschinen durch Hand auflegen reparieren.
Das wĂĽrde mir zumindest heute helfen.
Sichtbar ist aber nur dieser namenlose Zwang in seinen Augen. Dieses unstillbare Verlangen sich mitzuteilen, auch wenn es niemanden interessiert.

Ich muss an Lecki denken, der hier im Kronski die Wände gestrichen hatte.
Maler und Lackierer.
Der Alkohol und die Lacke haben ihn glauben gemacht, das der Altkanzler Kohl mit unsichtbaren Strahlen versuchte, ihn Lecki, in den Wahnsinn zu treiben.
All das Jahre bevor ich ihn kennen gelernt hatte. Der absurde Gedanke, dass es von der SchnĂĽffelei kam, war ihm nie gekommen.
Sei` s drum.
Irgendwann hatte er sich einen Bleihelm gegossen, und wenn es mit den Strahlen zu schlimm wurde, setzte er ihn einfach auf.
So hatte er am Ende doch noch ĂĽber den Altkanzler triumphiert, und seinen Frieden gefunden.

Aber dieser Typ, der plötzlich aufschreit, bis ich bemerke, dass es ein Lachen gewesen sein soll, hat weder Frieden noch Bleihelm.
Die Kellnerin unterbricht mich jammernd in meinen Gedanken.
„ Der Typ ist irre“, stößt sie hervor, und wirft mir ihren Bestellzettel hin.
Ich riskiere einen Blick.
„ Den übernehme ich“ ,antworte ich, mit einem mühsamen Lächeln.
, Zwei Wein, zwei Whiskey, vier Getränke. Ich habe also zwei Gäste an diesem Tisch:
Einen Sichtbaren und einen Unsichtbaren.
Die beiden unterhalten sich glänzend. Der Unsichtbare ist mir sympathisch, er scheint ein guter Witzeerzähler zu sein.
Eine gute Stunde geht das so:
Der Sichtbare hört minutenlang den lautlosen Witzen zu, springt dann hoch, reist den Mund weit auf, stößt ein Stakkato von Lachsalven heraus, hält sich dann erschrocken die Hand vor den Mund, und setzt sich wieder.
In der Zwischenzeit trinken die beiden weitere Whiskeys und weitere Weine.
Dann passiert was passieren muss:
Der nette Unsichtbare ist offensichtlich gegangen oder eingeschlafen oder ihm sind einfach nur die Witze ausgegangen.
Eine Alsterlänge bleibt es ruhig, und ich wäge mich in der unbegründeten Hoffnung, dass er jetzt einfach bezahlt und geht.
Aber dann lässt er seinen Blick schweifen, und entdeckt durch seine verschleierten Augen, wie mir scheint, zum ersten Mal, dass in seinem Bernsteinzimmer noch weitere Romanows sind.

Es ist an der Zeit einzuschreiten.
Ich winke ihn zu mir
„ Was gibt`s?“, frage ich.
„ Unser Gemeindepfarrer ist ungläubig.“
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Er beugt sich zu mir nach vorne, und flĂĽstert,
„ Außerdem treibt er Unzucht.“
Er zieht einen handgeschriebenen Brief aus seinem Rucksack und fuchtelt triumphierend damit vor meiner Nase herum.
„ Aber ich habe einen Beschwerdebrief geschrieben“, sagt er und richtet seinen Blick viel sagend zur Decke „ der ging nach ganz oben!“
Fanatismus ist die Bildung der Ahnungslosen, denke ich, sage aber nichts.
“Und?“, frage ich, während ich überlege, ob er vielleicht ein Gotteskrieger oder ein Schläfer mit einem Sprengstoffgürtel ist.
Er schĂĽttelt mit dem Kopf.
„ Immer noch keine Antwort“.
Resignation in seiner Stimme.
„ Gott ist tot“, sagt er plötzlich, und lacht.
Ich nicke, darum geht es also. Ich muss eine verirrte Seele retten.
Er schaut mich an, wartet auf eine Antwort.
Ich zapfe mir ein Alster.
„Glaub ich nicht“, sage ich, „ hab Gott gestern noch gesehen. Saß an Tisch zwanzig im Restaurant und hat ein Schnitzel gegessen!“
Ich mache dazu eine kleine Kopfbewegung in Richtung Restaurant.
„ Was für ein Schnitzel?“
„ Zigeunerschnitzel“, sage ich.
Er nickt und flüstert „ Gott ist Zigeuner!“
Ich ĂĽberlege, wie er das wohl meint, sage dann vorsichtig.
„Ich glaube er ist Hebräer!“
„ Ist Gott oft hier“, fragt er
„ Jeden Dienstag zum Schnitzeltag.“
Einen Moment kehrt er in sich. Dann lächelt er verschmitzt und sagt:
„ Also hat Gott dienstags frei, nicht sonntags.“
Er schwingt sich auf einen Barhocker direkt gegenĂĽber von mir.
„ Also“, beginnt er „so war es bei mir…“

Jetzt kommt seine Geschichte. Ich bin nicht interessiert. Ich verkaufe Alkohol.
„Welchen Tag haben wir heute“, unterbreche ich ihn.
„ Donnerstag“
Ich nicke.
„ Donnerstags ist Gott immer im Zutz, direkt gegenüber.“ sage ich, blicke auf meine Armbanduhr, und nicke wieder.
„ Müsste noch da sein. Wenn du jetzt rüber gehst triffst du ihn dort. Da ist heute all you can eat!“
Ich merke, wie eine Last von ihm abfällt, und wie sein verstopfter Geist nach langer Zeit mit einem annehmbaren Ausgang versorgt wird. Er richtet sich auf, holt sein Portemonnaie heraus und zahlt.
Im Herausgehen dreht er sich noch einmal um.
„ Meinst du er hat Zeit für mich?“
Ich hebe die Schultern und winke ihn noch einmal zu mir heran. Während er mich erwartungsvoll anschaut, hole ich Zettel und Stift heraus, und schreibe ihm irgendeine Handynummer auf.
„ Hier hast du seine Nummer. Ist Vielleicht besser, wenn du ihn vorher anrufst.“
„ Schönen Abend noch“ ruft er glücklich und ist verschwunden.

Die Tür fällt ins Schloss, und mit einem lauten Gurgeln und Zischen, entleert sich in diesem Moment der verstopfte Abfluss meiner Kaffeemaschine.

__________________
RL

Version vom 22. 10. 2009 16:01
Version vom 23. 10. 2009 00:01

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