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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schnulze Schema F
Eingestellt am 30. 07. 2002 13:14


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Tagmond
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Dec 2001

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"Mit gerunzelter Stirn sahen die Beiden einander an. Sassen sich gegen├╝ber und konnten nur noch zusehen, wie ihr Traum pl├Âtzlich zerbrach.
Wie aus dem Nichts heraus wurde, was sie so lange stark gemacht hatte, wertlos und leer.
Erschreckend die Indifferenz mit der sie dieses zur Kenntnis nahm. „Ich f├╝hle nichts mehr. Nichts bleibt. Wie grausam, es war so wunderbar, was ich f├╝hlte, so echt, tief und sanft. Wie kann es mich jetzt nur so unber├╝hrt lassen?“
Er zog die Augenbrauen zusammen, hatte Bauchschmerzen. Sie sa├č nur einen Meter von ihm entfernt und war doch furchtbar weit weg. Diesen Satz hatte er schon so oft geh├Ârt. Eine Floskel war er f├╝r ihn. Ein Satz aus einer Vorabendserie. Nun f├╝llte er sich pl├Âtzlich mit Inhalt und er verstand und erschrak „ Wo willst Du denn hin, so ohne mich? “ wollte er noch rufen, doch er sah in ihrem Blick, dass es zu sp├Ąt war."

Sie hatten sich auf einer Party in St-Germain-en-Laye kennen gelernt. Als sie ankam war es eigentlich das Letzte, worauf sie Lust hatte, jemanden zu treffen, sich ihm zu n├Ąhern, von sich zu erz├Ąhlen, sich hinzugeben, den Anderen in sich aufzunehmen. Dieser Ablauf war in ihrem Leben mittlerweile zur Routine geworden. Sie erz├Ąhlte immer die gleichen Geschichten, wenn sie jemand bat, von ihrem Leben zu erz├Ąhlen. Sie wusste was schockte, was gefiel und jonglierte so mit ihren Geschichten, die genauso gut die einer anderen Person h├Ątten sein k├Ânnen. Erstaunlich, dass es die Leute trotzdem interessierte. F├╝r sie zum bekannten Schema F gewordene Kennenlern-Prozesse erf├╝llten sie nun nur noch mit Gleichg├╝ltigkeit. Sie hatte gerade eine Beziehung beendet, bei der sie auch schon von Anfang an wusste, dass es ihr im Grunde nicht viel bedeutete, so sehr sie sich auch bem├╝ht hatte, ihren „Freund“ zu lieben.
Wieder eine Geschichte, die jedem anderen auch h├Ątte passieren k├Ânnen.
Nun fuhr sie also nach Paris, es waren nur 90 Minuten, die sie im Zug sa├č und dennoch ├Ąnderte sich ihr Leben radikal. Manchmal verbrachte sie Wochen, in denen sich nichts ereignete, nicht mal die Fliege in ihrer K├╝che starb und so oft sa├č sie auf dem kleinen K├╝chenhocker, beobachtete dieses behaarte Biest verwundert und fragte sich, warum eine Fliege mehr Durchhalteverm├Âgen hat als sie selbst, die erfahrungsgem├Ą├č schon im n├Ąchsten Gedankengang den Vorausgehenden bereut.

Im Zug las sie ein bisschen, erwartete nichts Gro├čartiges, einmal ausgestiegen ├╝berw├Ąltigte diese Stadt sie, wie jeden anderen Touristen auch. Menschen, Wasser, Eis, Caf├ęs, Kultur wo sie hinsah. „Alles in Bewegung, man muss rennen, um bei dieser Geschwindigkeit mitkommen zu k├Ânnen. Oder man bleibt stehen und staunt. Wohin rennt und strebt ihr? Was ist Euer Ziel? Mann, ist diese Stadt stressig!“
Nach ihrem Tag in Montmartre ( „ Nein, ich will kein Portrait, auch wenn ich so aussehe als ob“ ) kam sie ziemlich ersch├Âpft , entnervt und mit einer riesigen gl├Ąsernen Salatsch├╝ssel beim Grillabend an.
Als eine der Einzigen hier, war sie sich der au├čergew├Âhnlichen Location bewusst. Ein wei├čes Wohnzimmer, einziger Farbklecks ein rotes Samtsofa vor dem Grossbildschirm. Das Barbecue fand in einer umfunktionierten Troglodytenh├Âhle statt. Eine integrierte Galerie, die Anlage auf einem gl├Ąsernen Podest und drumherum uralte, feuchte und weiche Sandsteinw├Ąnde, in denen an die zwanzig Flederm├Ąuse hausten, die bei dem ersten Lied kreischend die H├Âhle verliessen. Verteilt sa├čen die Pariser Vor├Ârtler in ihrem gewohnten Ambiente und unterhielten sich. Das Buffet war enorm, das einzige was fehlte die Stimmung. Sie beschloss also, sich gepflegt zu besaufen und das Beste draus zu machen. Die Stimmung kam auch nicht auf, als sie ihn das erste Mal sah. Oder doch? Irgendwie eher nicht, es war so nat├╝rlich, ihm in die Arme zu laufen. So, als h├Ątte sie es gewusst, dass sie erst z├Âgerlich miteinander reden, dann W├╝rstchen auf den Gastgeber werfen , dann Judo auf dem Rasen machen w├╝rden, um die ganze Feinarbeit des armen G├Ąrtners in Kompost zu zerlegen. Als habe sie es gewusst, dass sie sich in ihn verlieben und davor endlich keine Angst mehr haben m├╝sste. Als h├Ątte es ihr die Seine auf dem Hinweg ins Ohr gefl├╝stert „Hab keine Angst, es wird gut werden “.

Und das war es dann auch. Nat├╝rlich, ehrlich und lustig, mit einem dicken Tropfen Sinnlichkeit, der jedes Mal, wenn er sie ansah, s├Ąmtliche Tiefen und Winkel ihres K├Ârpers f├╝lle und sie erzittern lie├č.
Sie redeten bis 6 Uhr morgens. Als sie einschlief und ein paar Minuten sp├Ąter schon wieder erwachte, sa├č er am Fenster und sah hinaus in den Garten. „Du wei├čt eigentlich gar nicht, wer ich bin. Ich erz├Ąhl Dir ein bisschen von mir.“ Und er sprach von seinen Freunden, seiner Familie, seinen fehlgeschlagenen Beziehungen, seiner Liebe zur Natur. Mit jedem Satz, der vom Fenster aus durch die leichte Sommerluft in ihr Ohr drang war sie sich sicherer „ Dies ist au├čergew├Âhnlich. Endlich meine eigene Geschichte“

Er war der erste, der ein „solides“ Leben f├╝hrte, weniger K├╝nstler war, auf den ersten Blick nicht au├čergew├Âhnlich- und doch. Als sie ihn so sitzen sah, wollte sie mehr von dieser guten Seele erfahren. In kleinen St├╝cken. Was f├╝r ein Privileg, dass er diesen Moment mit ihr teilte.

Ihm war komisch zumute. Woher kam es auf einmal dieses seltsame rothaarige Wesen mit dem Akzent und den gr├╝nen Augen, die zu Beginn des Abends so giftige Blicke spr├╝hten?
Damit h├Ątte er am Wenigsten gerechnet. In wenigen Wochen w├╝rde er in die USA fahren und das Letzte, was er nun brauchte war eine Destabilisierung seiner Gef├╝hlslage.
Er wollte arbeiten, sich beweisen, dass die drei Jahre an der h├Ąrtesten Handelsuniversit├Ąt nicht umsonst gewesen waren. Eine Bank neu strukturieren. Er hatte Angst und gleichzeitig freute er sich auf dieses Neue, Unbekannte. Und da kam sie, offensichtlich schlecht gelaunt mit dieser riesigen Salatsch├╝ssel ├╝ber den Rasen gestakst, setzte sich neben ihn, fragte, wo die Getr├Ąnke stehen und rauchte. Er mixte sich mit guten Cocktails, schlauen S├Ątzen und viel Charme und Humor in ihr kleines Reich voller Gedanken. Das Alles ohne sich dar├╝ber bewusst zu sein.

Als sie ihn so ansah, wusste sie, er habe einen Platz in ihrem Herzen. Wie lange? Wer weiss? Vielleicht kommt er sie noch besuchen, sie fahren vielleicht noch in den Urlaub, schreiben sich viel. Sie ist vielleicht unendlich traurig als er endg├╝ltig f├Ąhrt. Vielleicht besucht sie ihn aber auch, oder er sie. Zusammenziehen, Kinderkriegen, gemeinsame Wohnung, gemeinsames Chaos, gemeinsame Ruhe? Auf jeden Fall wird es nicht so enden, wie diese Geschichte beginnt und so viele ihrer Geschichten sonst endeten. Denn es ist endlich ist es ihre eigene Geschichte…und die Seine nat├╝rlich auch. Ohne Schema F(in).

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