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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schöne Söhne
Eingestellt am 03. 01. 2005 17:38


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sohalt
Routinierter Autor
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Jetzt kenne ich also einen Kriminellen. Hauptsächlich vom Sehen, beziehungsweise aus den Erzählungen diverser Bekannter: der Freund eines Freundes eines Freundes meines Bruders. Einer aus dem Ort. Und von gewisser lokaler Berühmtheit noch dazu, weil der womöglich best-aussehendeste nicht-schwule Friseur – wenn schon nicht weltweit, so doch auf jeden Fall im Umkreis von 100 km.

Meine Cousine hat ihm im Bus einmal vorgejammert, dass sie demnächst wieder dringend zum Friseur müsste, da hat er ihr an Ort und Stelle die Spitzen geschnitten. Ein Friseur eben aus Leidenschaft und sich selbst übrigens der liebste Werkstoff für seine Kunst.

Dieser also war vor zwei Wochen im Gefängnis. Ein paar Tage allerdings nur, und sonderlich zur Herzen genommen haben, dürfte er sich’s auch nicht. Lässt sich jetzt „der Pate“ nennen. Weil er mit Kokain gedealt hat. Er erzählt es jedem, und gerne.

Mir hat es meine Cousine erzählt. Ich war geschockt. Ein schlichtes Gemüt schien er mir zu sein, im Bus immer umgeben von Schwärmen schwärmender Zwölf- bis Vierzehnjähriger, was ganz gut passt, jetzt vom geistigen Horizont her. Und rein karma-mäßig ist das vielleicht auch gar nicht so schlecht, von wegen „ihr müsst werden wie die Kinder“, auch wenn mir da jetzt mit den Religionen etwas durcheinander geraten ist. - Jemand jedenfalls, der sich bei spärlich besuchten Konzerten befreundeter Nachwuchsbands gemeinsam mit drei, vier weiteren Getreuen an ansonsten gähnend leerer vorderster Front die Seele aus dem Leib head-bangt und die Show durch semi-exhibitionistische Einlagen (verschwitzerter nackter, durchtrainierte Oberkörper… ) aufpeppt, was ich immer sehr loyal und rührend fand. Im Wesentlichen also harmlos, gefährlich höchstens für seine zahlreichen Wochenenderoberungen, denn sein Frauenverschleiß dürfte tatsächlich einigermaßen beträchtlich sein, wobei, ich bin mir auch da in Bezug auf die Gefährlichkeit gar nicht so sicher - so viele Herzen bricht der wohl auch wieder nicht. Eine Trophäe. Ein männliches Flittchen. Kein „Homme Fatale“.

Nicht gerade der reine Tor, aber doch so was in dieser Richtung.

Hab ich mich wohl getäuscht.

Auf meinem Maturaball war er übrigens auch. Mehr oder weniger mit meiner Cousine, der das etwas lästig war. Aber ihr war eine Karte übrig geblieben, die sie unbedingt los werden wollte und die hat sie ihm angedreht. Meine Cousine kann an jedem Fingern 10 holde Knaben haben und es kostet sie nur einen müden Augenaufschlag, die lässt sich durch schlichte physische Form-Vollendung nicht so leicht hinter dem Ofen hervorlocken. Überhaupt ist meine Cousine weit weniger oberflächlich als ich.

Und das ist auch völlig richtig so. Gerade schöne Menschen sollten sich keine Oberflächlichkeit erlauben, eben weil sie es könnten. Denn bei ihnen wird das leicht zur Hybris, unter der dann auch andere zu leiden haben. Bei hässlichen Menschen jedoch führt Oberflächlichkeit unter Beibehaltung einer realistischen Selbstwahrnehmung, was ich jetzt voraussetze, höchstens zur Selbstzerfleischung und schadet somit hauptsächlichen ihnen selbst. Das ist erbärmlich und verdient deswegen folgerichtig eher Erbarmen und weniger Kritik. Oberflächlichkeit der Schönen ist lächerlich, Oberflächlichkeit der Hässlichen ist tragisch.

Wohin das führen soll?

Als ich 13 war, fand ich ihn wunderschön.

Nicht, dass ich jemals etwas von ihm gewollt hätte. In meinen Tagträumen nicht! Und auch in meinen nächtlichen Träumen kamen bezeichnenderweise immer andere vor, nicht einmal mein Unterbewusstes wäre je auf ihn rein gefallen.

Aber angeschaut hab ich ihn mir schon recht gern. Dieses Gesicht! Schmal, fein geschnitten, markant. Spitzes Kinn, hohe Wangenknochen. Die geben ihm fast was Indianisches – Typ edler Wilder. Und erst im Profil… perfekte Linien. An Tagen, an denen ich wusste, dass er zur selben Zeit wie ich mit dem Bus fahren würde, setzte ich mich immer so, dass vor mir diese durchsichtige Trennscheibe war, die den Einstiegsbereich abgrenzt und betete, dass er hinter mir einsteigen würde. Dann konnte ich mich nämlich ungehemmt an seiner Reflektion in dieser Trennscheibe weiden, ohne dass er es mitkriegen würde.

Wenn er mir unverhofft über den Weg lief, war der Tag schon kein totaler Reinfall mehr.

Einmal hab ich ihn bei so einer Gelegenheit im Bus erst bemerkt, als er bereits dabei war, auszusteigen, weil ich die ganze Fahrt über gelesen hatte. Was hab ich dieses Buch verflucht!

Es war natürlich keine Verliebtheit. Mehr so eine „Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn“-Sache. Und das war doch eigentlich recht angenehm. Viel angenehmer jedenfalls als später dann die hohe Minne. Da ist das Objekt der Begierde zwar auch unerreichbar, die Begierde abstrakt und die Attraktion doch grundlegend optischer Natur, aber diesmal nur mehr in Ermangelung tiefer gehender Kenntnisse der Persönlichkeit des Begehrten, was – und das ist jetzt der entscheidende Unterschied – auf einmal schwer bedauert wird, weshalb auch versucht wird, in stundenlanger gedanklicher Beschäftigung mit dem Objekt jedes Fizzelchen über diesen Menschen, das zufällig aufgeschnappt wird, zu einem Bild zusammenzusetzen. Natürlich vergeblich. Und diese Vergeblichkeit kann plötzlich richtig weh tun.

Voraussetzung für derartiges ist natürlich, dass der Auserkorenen einer auch genügend zu denken gibt. Aber dann! Dann wird’s bitter.

In dieser Hinsicht war Frau bei bewusstem Friseur immer auf der sicheren Seite.

Mit der Zeit legt sich die rein physische Anziehung. Dieser leicht rötliche Teint, der vielleicht auch ein bisschen zur Indianer-Assoziation inspiriert hat, scheint auf Dauer doch etwas zu Sonnenbank-gegerbt. Mittlerweile hat der Mann auch tausend neue Frisuren ausprobiert – steht ihm alles nicht so gut wie damals die Dreads. Abgesehen davon gewöhne ich mich an die Schönheit, ich stumpfe dagegen ab. Und überhaupt: Dumme Männer können schön, aber niemals sexy sein. Das lernt man dann irgendwann auch. Und Männer, die beides bieten – Optik und Persönlichkeit – sind gar nicht so rar. Andere Mütter haben auch schöne Söhne. Ich sehe sie plötzlich überall. Er ist keine Attraktion mehr.

Und doch…

Als ich 13 war, fand ich ihn wunderschön.

Nie zuvor hatte ich einen Mann so schön gefunden.

Nie zuvor war mir klar gewesen, dass Männer so schön sein können. Dass irgendetwas so schön sein kann.

Mir wird er immer etwas bedeuten.
Er hat mir die Augen geöffnet.

Bloß war diese Augenöffnung meinem Seelenfrieden nicht gerade zuträglich, ich wär’ wohl besser blind geblieben.

Und deshalb höre ich jetzt durchaus mit gewisser Befriedigung, dass er 3 Jahre auf Bewährung kriegt.

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