Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
160 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schokoladenzeiten
Eingestellt am 08. 09. 2004 10:58


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Nina K
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2004

Werke: 22
Kommentare: 30
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Nina K eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Heute Morgen hatte ich mal wieder eine Nachricht von ihm auf dem Rechner: „Sieh an, es schlĂ€ft
 Vorsichtig die Decke zurechtzupf, dass es nicht friert
“ Nun weiß ich, dass mir wieder ein paar anstrengende Tage bevor stehen.

„Es“, das bin ĂŒbrigens ich. Er spricht von mir immer als Sache, egal ob er zĂ€rtlich ist, wie heute Nacht, als er die Nachricht schrieb, oder boshaft. Ihn nenne ich „Schoki“, denn unter dem Namen hat er mich das erste Mal angeschrieben. Das ist jetzt wohl ungefĂ€hr zwei Jahre her. „Es macht mir Angst, weil es unheimlich ist“, stand da plötzlich im ICQ. Damals wusste ich noch nicht, dass ich „es“ bin, denn unheimlich fand und finde ich mich immer noch nicht. Die Nachricht habe ich jedenfalls fĂŒr eine Fehlleitung gehalten und weg geklickt.

Aber er schrieb mir weiter, per ICQ oder auch mal per mail. Das hat mich erschreckt. Ich habe angefangen, nachzudenken, wer er wohl ist und ob ich ihn aus der realen Welt kenne. Weil er mir Angst machte, habe ich natĂŒrlich seinen Namen gesperrt, aber dann kam er unter anderen Namen wieder. Als ich dann aufmerksamer seine Nachrichten las, da habe ich irgendwann verstanden, dass ich „es“ fĂŒr ihn bin. Da wusste ich, wie sehr er mich hasst und doch so sehr fĂŒrchtet. Denn die erste Zeit war er nur grausam.

Schoki muss mich lange beobachtet haben, bevor er mich das erste Mal anschrieb. Er weiß stets, wo ich im Internet Spuren hinterlasse und wusste auch immer, dies gegen mich zu verwenden. Aber manchmal war er selbst halt sehr traurig und dann tat er mir leid. Schoki spricht von sich nur als „wir“.

Neulich hat er mich tatsĂ€chlich beobachtet. Da war ich verabredet mit Freunden zum Dom und irgendwie hat er das rausbekommen. Er hat mir beschrieben, wie er mich sah und ich weiß, er war da. Dennoch weiß ich nicht, was er von mir nun will. Das GefĂŒhl, fĂŒr ihn nicht mehr anonym zu sein, finde ich sehr bedrĂŒckend. Ihn kenn ich halt nicht

Inzwischen glaube ich, das „wir“ steht fĂŒr ihn und fĂŒr seinen Kater. Wenn Schoki böse ist, schreibt er mir manchmal, wie er seinen Kater quĂ€lt und weiß, dass ich dann durchdreh. Er schubst den Kater in die volle Badewanne und holt ihn erst raus, kurz bevor er ertrinkt. Wenn ich mich hoffnungsvoll fĂŒhle, glaube ich, dass er das nur aufschreibt, um mich zu quĂ€len – das „es“ - und er quĂ€lt nicht den Kater. Wenn es ein trauriger Tag ist, bin ich sicher, dass er es tut, weil er wahnsinnig ist und der Kater so wehrlos. Manchmal fĂŒhle ich mich, als wĂ€re ich Schokis Kater.

Zuerst habe ich versucht, ihn zu ignorieren, aber er blieb stets prĂ€sent. Irgendwann habe ich angefangen, zu versuchen mit ihm zu sprechen; ich weiß, man spricht ja nicht sondern tippt bloß, aber ich empfinde auch das als GesprĂ€ch – als Tausch von Gedanken. Wirklich sprechen kann man mit Schoki aber nicht. Ich habe gedacht, wenn ich ihm sage, was ich fĂŒhle, wenn er so ist, dann hört er auf, so zu sein. Aber ich könnte genauso gut Plakate in die AbwĂ€sserkanĂ€le von Hamburg pinnen – die Resonanz wĂ€re die gleiche. Manchmal habe ich geweint, wenn ich eine Nachricht an ihn getippt habe.

Manchmal ist Schoki sehr sanft, dann ist er wie letzte Nacht. Ich habe gelernt, sein „es“ zu sein. Wenn er dafĂŒr sorgt, dass „es“ nachts nicht friert, fĂŒhle ich mich geborgen. Schoki ist zweifelsohne verrĂŒckt und dennoch sehr menschlich. Neulich ist er umgezogen, das hat er mir einfach erzĂ€hlt. Da klang er normal.

Hin und wieder schweigt Schoki plötzlich. NatĂŒrlich schreibe ich ihm dann auch nicht mehr und hoffe, er hat sich gefangen. Doch irgendwann meldet er sich, so wie heute. Und ich weiß, ich muss mir etwas einfallen lassen, dass ihn sanft stimmen könnte. Sonst quĂ€lt er den Kater.

Eigentlich mĂŒsste man Schoki den Kater wegnehmen, sonst ist man nicht tierlieb. Aber ohne Kater geht Schoki zugrunde. Ich bin ganz froh, dass ich das nicht entscheiden muss, weil ich nicht weiß, wo er wohnt.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Der Physiker
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2004

Werke: 3
Kommentare: 8
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Der Physiker eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Nina,

wieder einmal eine Geschichte, bei der man nicht weiß, ob sie wahr oder erfunden ist (ich hoffe letzteres). Authentisch wirkt sie in jedem Fall.

Sprachlich nicht gerade literarisch, ich weiß nicht, ob du das so beabsichtigt hast, damit es realistischer wirkt. Wenn nicht, solltest du in der Richtung noch viel ĂŒberarbeiten.

Gruß aus der Physik

Bearbeiten/Löschen    


Nina K
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2004

Werke: 22
Kommentare: 30
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Nina K eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Physiker,

sprachlich fĂ€llt es mir schwer, aus einer solchen ErzĂ€hlung mehr heraus zu holen. Ich wĂŒnschte mir selber auch manchmal mehr Feinheiten. Nur schreibe ich halt meist Dinge auf, die man einem Freund im GesprĂ€ch erzĂ€hlt. Es plĂ€tschern die Worte dahin.

Wenn Du konkretere Anregungen hÀttest, wÀre ich dankbar. Ich stehe nÀmlich hilflos davor.

Danke und lieben Gruß
Nina

P.S.: Der Wahrheitsgehalt meiner Geschichten. Danach werde ich hĂ€ufig gefragt. Es ist eine Mischung, den kennen muß man schon, worĂŒber man schreibt. Aber weglassen, dazudichten, das tue ich natĂŒrlich.

Bearbeiten/Löschen    


kira
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

Werke: 3
Kommentare: 50
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um kira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Nina K,

ich mag diesen Text.
Meiner Meinung nach sprichst Du darin eine der Ă€ltesten Ängste des Menschen an, nĂ€mlich beobachtet zu werden, kontrolliert von jemandem, der weiß wie du aussiehst, vielleicht sogar wo du wohnst und was du zum FrĂŒhstĂŒck ißt - man selbst steht jedoch blank und ahnungslos nur einer Stimme oder einem Schatten gegenĂŒber (mich hat mal jemand nachts um halb drei angerufen und ins Telefon geflĂŒstert: "Ich kann Dich sehen" (er sagte "seeehn") und ich konnte mich erst am Morgen, nach einer Ă€ngstlichen und verschwitzten Nacht davon ĂŒberzeugen, dass es sich nur um einen traurigen Irren gehandelt haben konnte - damals wohnte ich im 4. Stock).
In "Schokoladenzeiten" hast Du das Ganze auf den neuesten Stand gebracht, weg vom Gesicht am Fenster hin zum virtuellen Verfolger.
Die ein oder andere Anspielung ist fĂŒr mich allerdings nicht deutlich geworden. So frage ich mich beispielsweise, wodurch die Protagonistin zu der Feststellung kommen konnte: "Da wusste ich, wie sehr er mich hasst und doch so sehr fĂŒrchtet" - was las sie denn da in seinen Nachrichten? Wieso fĂŒrchtet Schoki das Es?

Mit fragendem Gruße,

Kira


Bearbeiten/Löschen    


Nina K
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2004

Werke: 22
Kommentare: 30
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Nina K eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Kira,

„Es macht mir Angst, weil es unheimlich ist“ ist der erste Satz, den Schoki mir schrieb. Er sagt es also selbst.
Außerdem ist manchesmal Wut eine Folge dessen, Angst vor etwas zu haben. WĂŒtend sein, weil man etwas nicht versteht und sich davor zu fĂŒrchten, gehen Hand in Hand.

Ein VerrĂŒckter wie Schoki kann mich unmöglich verstehen, zwinker.

Vielleicht hÀtte ich ein wenig mehr wortwörtlich das widergeben sollen, was er sich denkt. Das wÀre aber der Vorstellung, die der Leser von Schoki bekommen soll nicht förderlich und erschwert vielleicht auch, dass er sich selbst im lyr. Ich wiedererkennt.

Danke und Lieben Gruß
Nina

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!