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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schon seit langem
Eingestellt am 17. 10. 2002 20:05


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otto otter
???
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Schon seit langem von der Willf├Ąhrigkeit Lustenbegers fasziniert, mit der dieser allen voranleuchtete, dem Lehrplan der Schule vorauseilte und den Lehrer in eine verh├Ąngnisvolle Selbstzufriedenheit versetzte, f├╝hrte ihn Geissh├╝sler eines Tages, einer unklaren Regung folgend und ohne es geplant zu haben, in die Buurenh├Âhli, wie ein unweit des gemeinsamen Schulwegs gelegenes Tobel im Volksmund genannt wurde. Willig liess sich Lustenberger die Arme um den Stamm eines Baumes legen und die H├Ąnde zusammenbinden. Er nahm die Mitteilung Geissh├╝slers, dass er ihn nun besteigen und wie in Pferd reiten werde, so selbstverst├Ąndlich wie eine Hausaufgabe entgegen, stellte sich breitbeinig hin, als sich der Geissh├╝sler an den ├ästen emporzog und auf seine Schultern setzte. Der Geissh├╝sler sp├╝rte den breiten Nacken, den er, im Schulzimmer hinter dem Lustenberger sitzend, so gut kannte, immer wieder betrachtet und sich vorgestellt hatte, wie vorz├╝glich er unter ein Joch passen w├╝rde. Seinem Kontrahenten rhythmisch die Hacken in die Flanken stossend, nahm Geissh├╝sler zu seinem unfreiwilligen, doch wachsenden Interesse wahr, dass jener unabl├Ąssig den Kopf hochwarf, als wollte er zum Wiehern ansetzen. Sollte es sein, dass Lustenberger daran war, sich in ein Pferd zu verwandeln, um dem Geissh├╝sler damit einen Gefallen zu tun, dass ihm nicht die schmerzliche Belehrung zuteil wurde, zu welcher sich der Geissh├╝sler, wie ihm nun zunehmend klar wurde, getrieben sah? Sollte es gar sein, dass sich Geissh├╝sler nicht Lustenbergers, sondern Lustenberger Geissh├╝slers bem├Ąchtigt hatte, dachte der Geissh├╝sler auf dem Lustenberger. Obschon er Lustenberger nicht l├Ąnger stimulierte, sah er sich weiterhin anregend geschaukelt, begann, in eine m├╝ssige Stimmung versetzt, fl├╝chtigen Gedanken nachzuh├Ąngen, die sich vom gewissenhaft abm├╝henden Lustenberger entfernten, dem Vogelgezwitscher zuwandten, das lieblich aus dem Ge├Ąst der B├Ąume erscholl, um dann wieder zu Lustenberger zur├╝ckzukehren. Nie w├╝rde sich der Lustenberger fragen, ob ihn der Affe lause oder der Teufel reite, denn dazu, dessen war sich der Geissh├╝sler jetzt sicher, war Lustenberger ein mit seinem Schicksal zu ausges├Âhntes Gesch├Âpf. Einer pl├Âtzlichen Eingebung folgend, die etwas R├╝hrendes an sich hatte, und um Lustenberger nicht vollends zu verbiestern, begann Geissh├╝sler, ihn ├╝ber die Namen helvetischer Fl├╝sse und ihre verzweigten Einzugsgebiete abzufragen, womit sich die Gesichtswinkel f├╝r beide Beteiligten vervielf├Ąltigten und dem Geschehen eine Wendung ins Unverf├Ąngliche gaben. Geissh├╝slers Fragen waren kurz und b├╝ndig, Lustenberger respondierte ├╝berlegt und ausf├╝hrlich. Er begann, den Flussl├Ąufen folgend, mit den Quellgr├╝nden, z├Ąhlte eifrig Namen und ├ľrtlichkeiten auf, und wenn er noch erw├Ąhnt h├Ątte, dass zuerst B├Ąchlein quellten, rieselten, murmelten, gurgelten und sprudelten, Rinnsale zusammenf├Ąnden, sich vereinigten, erg├Âssen und pl├Ątscherten, T├Ąler durchz├Âgen, anschw├Âllen und durch Ebenen m├Ąanderten, in Rhein oder Rhone m├╝ndeten, je nach dem, ob sie diesseits oder jenseits der Wasserscheide entsprangen, um schliesslich, salzsiech geworden, in den Meeren zu verebben, w├╝rde der Geissh├╝sler die Seance wohl noch lange fortgesetzt haben. So aber begann ihn das ganze an die Frag- und Antwortspiele in der Schule zu erinnern. Der Lustenberger leierte auswendig Gelerntes herunter, als l├Ąse er von einem Einkaufszettel und als w├Ąre er noch stolz darauf, nicht irgend etwas einfliessen zu lassen, das er nicht in der Schule gelernt hat. Da war es dem Geissh├╝sler des l├Ąngeren Verweilens auf dem Lustenberger nicht mehr. "Siehe", sprach er zu ihm, "ich bin deiner ├╝berdr├╝ssig wie die Biene, die des gesammelten Honigs nicht froh geworden ist", und er verliess den Lustenberger und die kirchenschiff├Ąhnliche Buurenh├Âhli und das Gezwitscher der V├Âgel, die fl├╝gelschwirrend die Baumwipfel bef├Ąchelten.




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rem tene, verba sequentur

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Zefira
???
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Eine herrliche Szene.
So recht kann ich mir das zwar nicht vorstellen - der eine mit den Armen um einen Baumstamm festgebunden und der andere auf seinen Schultern sitzend - ist der Stamm da nicht furchtbar im Wege? -, aber sonst ist der Text sehr plastisch.

Hier f├Ąllt der Stil ein bi├čchen aus der artifiziellen Ebene:
>Der Lustenberger leierte auswendig Gelerntes herunter, als w├╝rde er von einem Einkaufszettel ablesen <
- da t├Ąte ich das "w├╝rde" gern vermeiden, mach doch lieber ein "als l├Ąse er" draus!

Der Schlu├čsatz
>und er verliess den Lustenberger...<
schw├Ąchelt auch ein bi├čchen, das "verlie├č" ist IMO zu farblos, um den ganzen Rundumblick der letzten Zeilen zu tragen. Vielleicht noch kurz verbildlichen, wie G. absteigt...?

Zefira (grinst sich eins)

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herb
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sch├Âne geschichte

mir verordneten sie in den letzten schuljahren, dass ich mit dem besten sch├╝ler der klasse zusammen die hausaufgaben erledigen musste, weil, ich schrieb sie immer kurz vor unterrichtsbeginn von anderen ab, nach zwei tagen hatte ich ihn so weit, wir gingen gemeinsam in die kneipe und schrieben beide am n├Ąchsten morgen die hausaufgaben ab, es gab immer noch gen├╝gend gute sch├╝ler, lach

herzlich
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hier Es gibt nichts Gutes, au├čer man tut es. K├Ąstner

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otto otter
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Liebe Zefira

Der besagte Baum war, ├Ąhnlich wie die beiden Protagonisten, sozusagen erst in der Vorpubert├Ąt und noch zu schlank, das Mass des Abstands zu bestimmen!

"Als l├Ąse er" gef├Ąllt mir, h├Ąlt, wie du sagst, besser den Duktus; nehme es gerne auf.

Was den letzten Satz betrifft, bin ich etwas unsicher, ob ich es nicht bei der gew├Ąhlten Formulierung belassen soll. Der vorangehende Satz st├Âsst ja das Vorstellungsverm├Âgen des Lesers nochmals an, dem ihn zu ├╝berlassen ich tendiere, schon weil ich faul bin .

Herzlich gr├╝sst dich und f├╝r deine Aufmerksamkeit dankt dir

Otto
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Stoffel
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ich stolperte mit meiner Zunge zwar oft bei diesen Namen, aber ansonsten ist es wunderbar geschrieben.Mir gef├Ąllt die Art.
(f├╝r mich klang es wie die Erz├Ąhlung eines Internatsch├╝lers, in fr├╝herer Zeit..)
Nat├╝rlich musste ich ├╝ber die jungen Herren lachen....konnte mir ebenfalls das erst nicht so vorstellen..

sch├Ânes Wochenende
Stoffel


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