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Leselupe.de > Anonymus
Schrei
Eingestellt am 15. 04. 2006 17:58


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Schrei

„Ich schwebe“ rief Annemarie dem Bild zu, das ihr aus dem dreieckigen Spiegel entgegen blickte, sich in den dreieckig geschliffenen Kanten zu BruchstĂŒcken zerteilte.

„Dreidimensional zwischen dem Irgendwo, dem Irrealen meines Lebens, meiner Erinnerung und gleichzeitig in der RealitĂ€t des Seins.“

Sie schaute sich nÀher an, runzelte die Stirn, streckte sich die Zunge raus, fing an unkontrolliert zu weinen. Wie PerlenstrÀnge tropften die salzigen TrÀnen aus den Augen. Liefen zwischen Nase und den stark betonten Wangenknochen zu den Mundwinkeln, auf die Zunge, die versuchte sie aufzufangen.

Das Gesicht, lĂ€nglich, mit grĂŒnen Augen, Schlupflidern, Falten, die dreireihig quer und tief ĂŒber die Stirn verliefen, war trotz des Schocks das gleiche geblieben. Lediglich die Lippen schienen schmaler, verkniffener, blasser.
Nein, sie hatte sich Ă€ußerlich nicht verĂ€ndert, gar nichts hatte sich geĂ€ndert. Alles war geblieben, wie seit Lebzeiten. Warum nur war dieser Verdacht, sie wĂ€re ein anderer Mensch geworden, ĂŒber sie hereingebrochen.

Schon immer waren TrĂ€ume, IrrealitĂ€ten und Fata Morganen RichtschnĂŒre ihres Lebens gewesen. Schon immer war sie in die Einöden einer mitleidslosen Zwischenmenschlichkeit gestoßen worden. Hatte um das Überleben gekĂ€mpft, kĂ€mpfen mĂŒssen.

Ab und zu landete sie in irgendwelchen Oasen. Immer mit dem Wissen, daß diese sehr schnell versandeten, nur Zwischenstationen waren.

Manchmal, nur ganz selten gestattete sich Annemarie ein GefĂŒhl der Wut. Dann, wenn sie zum Bersten angespannt, vor einer Kurzschlußhandlung steht, meint, eine begehen zu können. Fast wie jetzt, als sich ihr Spiegelbild als GegenĂŒber zu Wort meldet. Ein Anblick der ihr vertraut ist und vor dem sie doch die Augen schließt. Nein, nicht schon wieder, nicht schon wieder dieser Schrei, der..., Angst kriecht spinnenbeinig, ĂŒber ihren RĂŒcken.

Und da ist er schon. Gespenstisch, wie ein Riesengnom wird er in ihr lebendig, vollfĂŒhrt sich selbst. Lebt auf, wird gewaltig, gewalttĂ€tig, wird unertrĂ€glich.

Lippen bewegen sich. Eine Zunge hĂŒpft in der Mundhöhle, Töne verlieren ihren Klang im Rachen. Werden zu einem Schrei, der die Luft zurĂŒckdrĂ€ngt, dem Ersticken Platz macht. Ein Schrei, der explodiert, nur in sich hörbar ist. Schrill und laut. Das Trommelfell vibriert unter seinen Schallwellen. Sie krallen sich in den Gehirnwindungen fest. Ein Schrei, der endlos ist, sich immer wieder neu gebĂ€rt, immer wieder. Eine Schreispirale, eine Wendel, die sich in unendlichen Höhen verliert und wieder herabstĂŒrzt, schneller und schneller.

Annemarie spĂŒrt, wie ihr Gesicht grau wird, sich verfaltet, plötzlich um Jahre altert. SpĂŒrt, wie die Wirklichkeit zu einer Maske des Grauens wird. Ihre HĂ€nde krallen sich um die Ohren. Verzweifelt schnickt sie den Kopf hin und her. Aber der Schrei tönt fort. Immer und immer wieder, immer und immer lĂ€nger. Schriller! Innen, ganz tief innen. Als hielte sie ihn durch ihre HĂ€nde in sich gefangen. Grauen ĂŒberfĂ€llt sie. Zittern. Alles was gewesen war ist fort, weggewischt. Nur der Schrei lebt, ist unsterblich.

Doch plötzlich, mitten in der Atemlosigkeit, der ungezĂŒgelten Angst, steht ein Bild vor ihren Augen. Ein Kind auf einer Wiese, einem bunten Ball nachspringend. Lachend, hĂŒpfend, jauchzend. Und wieder ist da ein Spiegelbild. Diesmal ohne Spiegel. Vielleicht ein Wasserloch, ein Tautropfen, ein See. Annemarie erkennt sich. Lange Arme, knochige Knie ĂŒber wadenlosen staksigen Beinen. Lange Haare, die sich auf die Wogen des Windes legen, den Sonnenstrahlen zur Konkurrenz. Sie spĂŒrt Leben, unbĂ€ndiges, glĂŒcklich erfĂŒlltes Leben. Lachen bis in die Nervenspitzen hinein. Ein Herz das klopft, sichtbar in pulsierenden Adern.
Sie schreit ihr kindliches GlĂŒck heraus. Und der Schrei wirbelt, verwirbelt. Holt sich wieder und wieder ein Echo, im Raum des Alls, einer glĂŒcklichen Tagwelt.

Dann ist da wieder der Schrei. Der Urschrei der Angst, der sie erstickt. Doch er gönnt ihr einen kleinen, kurzen Atemzug, bevor er sich erneuert.

Im Spielraum dieses Atemzugs wird sie erinnerungstrĂ€chtig zur Frau. WĂ€hrend ein totaler, krampfartiger Schmerz sich ĂŒber sie legt, weiß sie um neues Leben. Alles ist Vergangenheit, wenn sich diese Woge der Empfindungen ĂŒber sie ergießt. Alles wird Lust, zu kleinen, spitzen Schreien, die aus ihr herausquellen. Annemarie hĂ€lt sich fest, krampft ihre HĂ€nde in das Muskelfleisch ihres GegenĂŒbers, verschließt ihren Mund am Leib des geliebten Menschen.

Der Schrei in den Dimensionen ihres Menschseins wird sie nie verlassen. Er wird sich einnisten, versinken und kommen, wann er will. Wird ihr zugehörig, Teil von ihr.
Bis dahin ...


















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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo A.,
das liest sich fĂŒr mich wie die ersten literarischen Gehversuche von jemandem, der (die?) bisher vorwiegend seichte Belletristik (ich vermute gĂ€ngige "Frauenromane") gelesen hat. Verzeih, falls ich mit dieser Vermutung völlig daneben liege.
LG Mel

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Schrei

Hallo Mel,

danke fĂŒr Deine Mitteilung.

Was mich betrifft irrst Du Dich allerdings. Ich schreibe schon sehr lange und sehr viel und lese nicht das Schriftgut, das Du meinst. Aber es ist immer interessant zu hören oder zu lesen, wie etwas auf andere Menschen wirkt. Und ich bin nicht beleidigt.

Ich bin erst ganz kurz bei der „Leselupe“ und habe diesen schweren Text extra unter A. hinein gestellt. Er sollte ganz bewusst das Irrationale in einem kranken Menschen beschreiben. Aber bei zu sehr verdichteten Texten gibt es öfter Diskussionen oder auch das Schweigen.

VG Anonymus (Schrei)

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe A.
(ich gehe mal davon aus, dass du eine Frau bist),
schön, dass du nicht beleidigt bist, das lag ja auch nicht in meiner Absicht.
Ich schreibe selbst schon seit meiner Jugend, hatte aber nie adÀquates Feedback - erst seit ich die Leselupe entdeckte.
Warum ich auf Frauenromane kam, kann ich dir erklĂ€ren. Das liegt beispielsweise an deiner Beschreibung des Gesichts der Protagonistin. Es mag freilich sein, dass deine LektĂŒreerfahrung Romane des 19. Jahrhunderts sind, in denen das, soweit ich mich entsinne, ebenfalls gĂ€ngiger Stil ist. Jane Austen beispielsweise wird schwerlich jemand als "seichte" LektĂŒre bezeichnen. Ich bitte um Entschuldigung.

Dennoch denke ich, dass du an deinem sprachlichen Ausdruck arbeiten solltest. Mir erscheint dein Stil unausgereift, du willst, wie mir scheinen will, viel mehr sagen als dir dann am Ende gelingt wirklich auszudrĂŒcken.

Bitte fasse das nicht falsch auf, ich versuche hier nicht mich als Literaturkennerin zu gerieren, schon gar nicht als eine, die es besser kann. Das ist lediglich mein Eindruck als Leserin - und als eine, die selbst versucht zu schreiben und dabei stets um den adÀquaten Ausdruck kÀmpft.
(Nur nebenbei: Meine Luperfahrung hat mich erst frustriert, dann inspiriert, momentan aber getraue ich mich kaum etwas zu schreiben und finde fast alles bisher Geschriebene hoffnungslos unzulÀnglich. Ich hoffe, das gibt sich wieder...)

LG Mel

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