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Leselupe.de > Kurzprosa
Schreibwarenfetischismus
Eingestellt am 13. 09. 2005 02:08


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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Ich habe nichts zu besorgen, was schade ist. Gerade die Eink├Ąufe zu Schulbeginn habe ich immer geliebt.


All die sch├Ânen, neuen Sachen: Mappen, Federn, Radiergummis, Spitzer, Federschachteln, Bleistifte, Farbstifte, Tintenkiller, Hefte, Trennbl├Ątter, L├Âschbl├Ątter, Linienspiegel - ich bedauere fast, dass ich meine Ausstattung mittlerweile auf einen Kugelschreiber, einen Textmarker und einen College-Block beschr├Ąnkt habe. Es ist auch besser so, ich verludere doch alles, sch├Ânes Schreibzeug hat bei mir keinen Sinn; alles wird unausweichlich angenagt, verborgt, verlegt und verstreut, Hefte werden geknickt und bebr├Âselt, mit Kaffee befleckt und eingerissen. Eine unerf├╝llte Liebe.

Die neuen Hefte n├Ąmlich, was f├╝r ein Anblick, ungeknickt, unbefleckt, rein, wer k├Ânnte sich angesichts dieses Wei├čes (bzw. Graues, ich schreibe ja auch auf Recycling-Papier, aber vielleicht eine Idee nicht ganz so gern) des Vorsatzes enthalten, diesmal Sorgfalt walten zu lassen? Wer schwelgt da nicht in der Vorstellung, wie er diese Zeilen mit der neuen Feder, die so viel besser in der Hand liegt, mit sauberen, geraden Buchstaben und Ziffern f├╝llen wird? Die ├╝berw├Ąltigende Mehrheit der Menschheit vermutlich; Schreibwarenfetischismus ist unter Umst├Ąnden doch eher ein Minderheitenschicksal.

Egal.

Die Schreibwarenfetischistin jedenfalls tr├Ąumt davon, w├Ąhrend sie am frischen Papier schnuppert, wie ordentlich sie ab heute sein wird. So wird sie selbst eine tadellose Mitschrift f├╝hren, was schlie├člich auch nicht unklug w├Ąre, erspart sie sich so doch das dem├╝tigende Betteln um die Mitschriften der t├╝chtigen Mitsch├╝ler vor dem Test, den zerm├╝rbenden Kampf mit dem Kopierer und das Lernen nach wirren Schmierereien. (T├╝chtige Mitsch├╝ler schreiben immer mit, aber nicht notwendigerweise sch├Ân, vielmehr ├╝ben sie sich oft in prestige-tr├Ąchtiger Sauklaue, weil ja schlie├člich auch ├ärzte nicht leserlich schreiben).

Stattdessen werden dann die Mitsch├╝ler sie um ihre Mitschrift bitten, sie werden aber nicht betteln m├╝ssen, denn sie wird gro├čz├╝gig sein. Sie wird beim Mitschreiben darauf achten, fest genug aufzudr├╝cken, damit die Schrift auch auf der Kopie gut sichtbar ist, sie wird gr├╝beln, ob sich das Thema bei kleiner Schrift nicht vielleicht doch noch auf dieser Seite ausgeht, damit nicht zu viele Seiten kopiert werden m├╝ssen. Sie wird vielleicht sogar einzelne Seiten daheim noch einmal schreiben. Sie tr├Ągt schlie├člich eine gewisse Verantwortung.

In der Nacht vor dem Test, realistischerweise vielleicht eher auch bei der Stra├čenbahnfahrt auf dem Weg zur Schule am Tag des Testes wird sie sich daf├╝r den sch├Ânen Gedanken g├Ânnen, dass sich gerade in diesem Moment die halbe Klasse ├╝ber ihre Schrift beugt, sie wird in diesem Moment durch die Schrift mit ihnen verbunden sein, mit denen sie manchmal verzweifelt wenig verbindet. Und auch er, in den sie ein bisschen verliebt ist, wird nach ihrer Mitschrift lernen. Er hat etwas von ihr. Etwas von ihr ist bei ihm. Sp├Ąter wird sie zuschauen m├╝ssen, wie er sein Bankfach ausmistet, in dem all ihre Kopien waren, die er sich in der Regel kein zweites Mal anschaut, weil er sich letztlich doch lieber auf sein Gl├╝ck verl├Ąsst.

Aber schon w├Ąhrend sie das noch nicht wei├č, hat der sch├Âne Gedanke etwas Bitter-S├╝├čes. Bitter, weil sie jetzt nat├╝rlich pl├Âtzlich all die peinlichen Rechtschreibfehler sieht und schlimmer noch, manchmal sogar faktische Fehler, Sachverhalte, die sie falsch verstanden hat, die ihre Mitsch├╝ler jetzt wom├Âglich durch ihre Schuld beim Test falsch wiedergeben werden. Sie wird also wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Klasse rennen und jeden darauf aufmerksam machen, dass auf dieser Seite dieses nicht stimmt und auf jener Seite jenes und allen f├╝rchterlich auf den Wecker gehen, weil das nur Details sind und sie sich viel lieber ungest├Ârt erst einmal das Grunds├Ątzliche eintrichtern w├╝rden. Aber haupts├Ąchlich wird man ihr dankbar sein. Und sie wird sich kuscheln in wohlig weiche Dankbarkeit, in die gen├╝├čliche Gewissheit, dass man Grund h├Ątte, sie zu vermissen.

Tr├Ąume werden ja noch erlaubt sein.
Er├╝brigen sich mitunter aber:

F├╝r Erg├Ąnzungen zu Skriptum und Foliensatz reicht nat├╝rlich der Kugelschreiber.
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de diff├ęrence entre les hommes. (Pascal)

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Black
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2004

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Ist ein traurige Geschichte, doch kennt jeder eine solche Person, oder ? Sie bem├╝hen sich mit allen Mitteln, gern auch w├Ąhrend des Studiums, den anderen zu helfen und dar├╝ber letztlich auch zu gefallen. Ihre Dienstleistung wird in Anspruch genommen, der Rest durchgekaut und ausgespuckt. Das kommt in der Story gut r├╝ber ! Ich w├╝rde allerdings erst bei "Die Schreibwarenfetischistin..." einsteigen, denn die Einleitung durch den Autor verwirrt durch den Schwenk in die Erz├Ąhlung etwas...

Gr├╝├če !
Black

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tomorrow never knows

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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Hab ich auch schon ├╝berlegt.
Allerdings wird die ganze Geschichte durch die Einleitung noch einen Tick trauriger, ich w├╝rde das ungern verlieren.
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de diff├ęrence entre les hommes. (Pascal)

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