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Leselupe.de > Kurzprosa
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Eingestellt am 03. 01. 2019 21:31


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Fencheltee
Hobbydichter
Registriert: Jul 2017

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Wenn du einmal vom sĂŒĂŸen Wein der Bourgeoisie gekostet hast, dann willst du immer mehr davon. Wenn feiner Zwirn deinen satten Bauch wohlig wĂ€rmt, dann vergisst du die kalten NĂ€chte am Feuer, in denen du kritische Weisen gesungen hast und ohnmĂ€chtig warst vor Wut ĂŒber die Ungerechtigkeiten auf dieser Erde.

Du beginnst zu glauben, dass du ein akzeptiertes Mitglied der gehobenen Klasse des BĂŒrgertums geworden bist und labst dich an den dir dargebotenen Leckereien. Zur Überheblichkeit verderbend lĂ€sst du dich vom Busen der Dekadenz stillen. Dem tristen Palaver schenkst du interessiert dein Ohr und dem schnöden Mammon singst du nun dein Lied. Die elitĂ€ren Menschen dieser Garde sind begeistert davon, wie gut du das kannst.

Nur noch selten kommt Wehmut in dir auf, die dich fĂŒr einen kleinen Augenblick lang in die ehemaligen Zeiten zurĂŒck verfĂŒhrt. Sie waren nicht nur hoffnungslos, sondern bargen auch viel Gutes. Das Zusammenspiel der damaligen VerhĂ€ltnisse schuf etwas, das mit solidarischer Aufbruchsstimmung bezeichnet werden kann. Niemand sang fĂŒr sich allein. Sobald einer anhob gesellten sich die Kehlen der Gleichgesinnten hinzu, fingen dich auf und hĂŒllten dich in einen Teppich aus aufmunternden Tönen. Es war ein vielseitiger Chor in dem jeder seinen kleinen und wichtigen Beitrag leistete. Niemand war ĂŒberflĂŒssig und man konnte nichts falsch machen. Jeder half jedem und nahm niemandem was krumm – zumindest fĂŒhlt es sich rĂŒckblickend so an. Aber du fĂŒhlst noch mehr. ÜberschwĂ€ngliches GlĂŒck durchströmt dich in deiner Erinnerung. So stark, dass dir TrĂ€nen in die Augen schießen und du die Lippen aufeinander pressen musst. Du wolltest die Welt verĂ€ndern und sie zusammen mit deinen Freunden zu einem besseren Ort machen. Die gemeinsame Sache stand im Vordergrund. Besser noch, die Gemeinsamkeit war die Sache. Sie war freundlich, friedlich, laut und voller Enthusiasmus. Die Menschen dieser Zeit wollten sie.

Heute ist alles anders. Du kannst allerdings nicht mehr beurteilen, ob besser oder schlechter. Blind vor dem Elend, das dich umgibt, bist du froh darĂŒber, dass du dir die HĂ€nde nicht mehr schmutzig machen musst. Dabei befleckst du sie mit Schuld in jeder Sekunde, die du in diesem Leben lebst.
__________________
Ein Traum, den du alleine trÀumst, ist nur ein Traum. Ein Traum, den du gemeinsam trÀumst, ist Wirklichkeit.
[John Lennon]

Version vom 03. 01. 2019 21:31
Version vom 04. 01. 2019 16:51

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aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

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Sorry, aber den löchrigen Schuh, mit dem du uns hier ankommen möchtest, musst du dir ganz allein selber anziehen.

Wer's tatsĂ€chlich geschafft hat, aus einfachen VerhĂ€ltnissen nach "oben" zu kommen, und zwar nicht durch einen Lottogewinn, Betrug oder einen Raubmord, sondern durch Begabung, Mut und viel Fleiß, kann ĂŒber den Schmarren, den du hier ablĂ€sst, nur lachen. Was du "Burgeoisie" schimpfst, heißt hierzulande "Mittelstand", und es ist genau der, der unseren Laden am Laufen und den Rubel am Rollen hĂ€lt. Er zahlt die Steuern, ohne die unser Staat nichts wĂ€re, und er leistet jede Menge BeitrĂ€ge zum Gemeinwohl. Er kĂŒmmert sich um dein Gas, dein Wasser und deine Scheiße, sorgt fĂŒr Brot, Butter, Milch und Fleisch, bringt deinen Kindern das Lesen und Schreiben bei und schneidet dir den Blinddarm heraus, wenn's pressiert.

Er macht die Musik, die du dir anhörst, dreht die Filme, die du guckst, und schreibt die BĂŒcher und die Zeitungen, die du liest. Wenn dein Auto kaputt ist, repariert er's dir, und wenn du stirbst, bestattet er dich ordentlich, und ein Pfarrer segnet dich.

Das Dumme aus deiner Sicht ist, dass du das alles nicht umsonst bekommst, sondern auch einen Betrag zu leisten hast. Wenn du dafĂŒr zu faul, zu dumm oder zu krank bist, musst du gleichwohl nicht ins Gras beißen - das soziale Netz, das hauptsĂ€chlich von der von dir verachteten "Burgeoisie" geknĂŒpft wird, kann dich auffangen und solange am Leben erhalten, wie du möchtest.

So schaut's aus, und nicht anders ...

AmĂŒsiert

aligaga

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Immerhin, dear Fencheltee, ist Dir und manchem der Unsrigen Damaligen aus jener Zeit die gewisse gruppenspezifische Laxheit geblieben. Die Nonchalance in Orthographie:

quote:
Das Zusammenspiel der damaligen VerhĂ€ltnisse schuf etwas, dass mit solidarischer Aufbruchsstimmung bezeichnet werden kann. Niemand sang fĂŒr sich allein.
. Das kann und sollte Trost sein, wenn auch nicht Trost genug?

Aber vielleicht liege ich auch gar nicht richtig und Du hast einen parodienahen Text auf nostalgiegetrÀnkte SolidaritÀtserinnerungskultur- und Resignation geschrieben? Gewissen Formulierungen wie Zwirn und Busen deuten in diese Richtung.

grreetse
ww
__________________
alis nil gravius

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Fencheltee
Hobbydichter
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Und als du dich am nĂ€chsten Morgen vor den Spiegel stellst, hat sich das Bild von dir nicht verĂ€ndert. Auch können die nebulösen Irrungen der Mitternachtsphilosophen die Kraft der Worte in dir nicht schmĂ€lern. Alsdann verbeugst du dich vor deinem orthographisch versierten Publikum und ĂŒberlĂ€sst es anderen das letzte PlĂ€doyer zu sprechen.
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Ein Traum, den du alleine trÀumst, ist nur ein Traum. Ein Traum, den du gemeinsam trÀumst, ist Wirklichkeit.
[John Lennon]

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ackermann
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@Fencheltee, eine kleine Unsauberkeit ist mir aufgefallen:

quote:
Sobald einer anhob gesellten sich die Kehlen der Gleichgesinnten hinzu, fingen dich auf und hĂŒllten dich in einem Teppich aus aufmunternden Tönen.

Ansonsten ist mir dieser Text zu ideologisch. Und mit Ideologien will ich mich nicht auskennen. Never ever ...

Gruß, ackermann

__________________
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ackermann
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Jetzt ist mir doch tatsĂ€chlich noch was ins Auge gestochen. FĂŒr mich die Wurzel allen ideologischen Übels:

quote:
Du wolltest Welt verÀndern und sie zusammen mit deinen Freunden zu einem besseren Ort machen. Die gemeinsame Sache stand im Vordergrund. Besser noch, die Gemeinsamkeit war die Sache.

Ein sehr schöner Satz, gewissermaßen der Offenbarungseid des Protagonisten. Es ging ihm (dem Proto) nicht um Sinn oder Unsinn, letztendlich war ihm egal, wofĂŒr er kĂ€mpfte. Die Gemeinsamkeit, das Rudel, die Gleichgesinnten, DAS LAGERFEUER war ihm wichtig. Und das GefĂŒhl, das Richtige zu tun. Aber GefĂŒhle sind eben GefĂŒhle. Und sonst nichts. Und ob die Welt verĂ€ndert werden will - wer hat sie gefragt?

Gruß, ackermann


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