Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95252
Momentan online:
324 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schuld hat der Präsident
Eingestellt am 30. 06. 2014 15:36


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Happy End
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2014

Werke: 9
Kommentare: 82
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Happy End eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Schuld hat der Präsident

Als ich zwanzig war, sang jemand ein Lied, das mit der Frage anfing, "Hast du etwas Zeit für mich?"
Ja, Zeit hatte ich. Massenhaft.
Und außerdem war es kaum zu überhören, selbst wenn ich keine gehabt hätte.
Darum, dass Atomraketen gefährlich und dumm seien, ging es. Das wusste ich schon. Ich hatte zu Schulzeiten meinen Parka mit Peace- Zeichen bemalt und unzählige Nachmittage in politischen Workshops verbracht.
Als ich das Lied zum ersten Mal hörte - im Radio -, hatte ich außerdem eine kurze Punk-Phase hinter mir. Wer wollte mir da mit diesem Kleinmädchencharme solche Binsen verkaufen?
Nena hieß die. Als ich sie abends in der Hitparade sah, wusste ich: Mit diesen Würfelzuckerzähnen darf die alles. Sie sah eben längst nicht so öde aus wie die Anti-Atom-Karin, die in der Schule neben mir gesessen hatte. Oder so mittelmäßig wie ich.
Noch am selben Abend beschloss ich, den Bundeswehrparka aus meiner Vor-Punk-Zeit wegwerfen. So lief man jetzt nicht nur nicht mehr rum, nein, so wollte ich auch ab sofort niemals rumgelaufen sein! Spontane Selbstverleugnung könnte man das nennen. (Zum ersten, aber keineswegs zum letzten Mal in meinem Leben sollte ich die am eigenen Leib erfahren).
Den Vorschlag meiner Mutter, den Parka für extreme Wetterlagen doch zu behalten, lehnte ich ab.
Und rümpfte die Nase.
Und wenn die Welt untergehen würde, so etwas würde ich nie wieder anziehen!
In den nächsten Tagen entrümpelte ich mein Zimmer.
Die Devise lautete: Weg mit Ikea! Weg mit Kellerholzregalen, in denen Bücher in grauem Recyclingeinband standen! Weg mit den beige- braun- gepolsterten Kiefernholzsesseln mit Vanilleteeflecken! Bloß weg mit der Bienenwachskerze im handgetöpferten Kerzenständer aus dem Dritte- Welt- Laden!
Barhocker aus funkelndem Chrom wollte ich, Metall und Glanz, auch Plastik war okay, wenn es pink oder neonfarben war. Helligkeit sollte sein statt düsterer Räucherstäbchengemütlichkeit.
Altes musste raus - Neue Welle war angesagt.
Und - ach ja, zum Frisör musste ich auch unbedingt.
In einer Ecke meines (neuen) Plattenregals überlebte allerdings eine Langspielplatte, die dort auch heute noch steht. "Monarchie und Alltag", von den Fehlfarben. Das Lied "Es geht voran" hatte einen ähnlich apokalyptischen Inhalt wie Nenas "Neunundneunzig Luftballons", war aber so unglaublich viel witziger gewesen.
Aber auch die Fehlfarben waren zu dieser Zeit schon wieder hoffnungslos überholt.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung