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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schuldig
Eingestellt am 04. 01. 2016 10:24


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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
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Schuldig

Die Scheibenwischer, die in gleichmäßigen Intervallen den Regen von der Windschutzscheibe wischten, hinterließen deutliche Schlieren, in denen sich das Scheinwerferlicht brach. Ich muss mir endlich neue Wischblätter besorgen, dachte Inga. Wie sie dieses kalte, ungemütliche Novemberwetter hasste! Sie musste sich anstrengen, um der nur durch die Scheinwerfer beleuchteten Straße zu folgen. Gut, dass um diese frühe Morgenstunde noch kaum Verkehr herrschte. Sie gähnte. Wie müde sie war! Gott sei Dank war die Nachtschichtwoche im Krankenhaus vorbei.
Die letzte Nacht war besonders schlimm gewesen. Gegen zwei Uhr hatte die Bettnachbarin der alten Frau Bernhardt geklingelt. „Sie atmet so komisch“, sagte die besorgte Mitpatientin und wies auf die Dreiundneunzigjährige im Nachbarbett. Offensichtlich war die alte Frau ins Koma gefallen. Dr. Weingart, der Bereitschaftsarzt, stellte fest, dass es mit Frau Bernhardt zu Ende ging. Austherapiert, hieß es. Keine Angehörigen. Niemand, der benachrichtigt werden musste. Inga brachte zusammen mit der Hilfsschwester die Sterbende in das kleine Einzelzimmer am Ende des Flurs, das Sterbezimmer, wie sie es nannten. Inga hatte eine Weile am Bett der Greisin gesessen und ihre durchsichtige, knochige Hand gehalten, bis wieder einer der anderen Patienten auf die Klingel drückte und sie zu sich rief. Sie verteilte Schmerztabletten, schüttelte Kopfkissen auf und redete beruhigend auf die Kranken ein, die aus Angst oder vor Schmerzen nicht schlafen konnten. Routine eben. Alle halbe Stunde hatte sie nach Frau Bernhardt gesehen, und als sie um halb fünf wieder ihren Zustand überprüfte, lag der magere alte Körper still unter der Decke. Die Augen waren geschlossen, das faltige Gesicht weiß und ruhig. Es ähnelte auf unheimliche Art einem Totenkopf, als hätte der Tod selber seinen Stempel darauf gedrückt. Ob ich mich jemals an das Sterben gewöhnen werde, fragte Inga sich zum hundertsten Mal. Sie versuchte, den Gedanken daran abzuschütteln.
Wieder musste sie gähnen. Sie war so müde! Diese elenden Nachtschichten! Sie konnte tagsüber einfach nicht richtig schlafen. Nie mehr als vier oder fünf Stunden am Stück. Am Ende einer solchen Woche fühlte sie sich immer wie gerädert und sterbensmüde. Meistens brauchte sie dann mindestens zwei Tage, um wieder in den normalen Tag-Nacht-Rhythmus zurückzufinden. Sie merkte, wie ihre Augenlider schwer wurden.
Plötzlich ein Schlag und ein dumpfes Geräusch! Was war das? Hatte sie etwas angefahren! Ganz deutlich hatte sie den Aufprall gespürt. Inga trat heftig auf die Bremse und hielt an. Oh Gott, sie war mit etwas zusammengestoßen! Aber sie hatte doch nichts gesehen! Ob sie kurz eingenickt war? Sie sah in den Rückspiegel. Alles dunkel. Vor ihr im Scheinwerferlicht nur das nass glänzende schwarze Band der Straße. Sie spürte ihr Herz heftig klopfen. Wie in Zeitlupe öffnete sie die Autotür und stieg aus. Es regnete immer noch. Ihre Knie zitterten. Sie musste sich am Autodach festhalten. Langsam ging sie zum hinteren Teil des Autos. Im Licht der Rückstrahler konnte sie ein kurzes Stück der Straße überblicken. Es war nichts zu sehen. Die kurvige Landstraße führte an dieser Stelle ein kurzes Stück durch ein Waldgebiet; entlang der Straße verlief ein seichter Wassergraben, der dicht mit Sträuchern und Gräsern bewachsen war. Inga ging ein paar Meter auf dem Asphalt zurück und suchte im spärlichen Licht ihres Handys, das sie eingeschaltet hatte, nach dem, was sie überfahren oder angefahren hatte. In der Dunkelheit konnte sie nichts entdecken. Sicher ein Tier, dachte sie, vielleicht ein Reh oder ein Wildschwein. Hier wurde überall vor Wildwechsel gewarnt. Wahrscheinlich war es nicht schwer verletzt worden und weggelaufen, als sie angehalten hatte.
Sie ging zum Auto zurück und untersuchte den rechten vorderen Kotflügel. Der Scheinwerfer war unbeschädigt. Also kann es nicht so schlimm gewesen sein, dachte sie. Langsam beruhigte sie sich wieder. Wenn sie nur eine Taschenlampe dabei hätte! In der Dunkelheit war trotz des Scheinwerferlichts kaum etwas zu sehen. Sie ging zum Auto und stellte den immer noch laufenden Motor ab. Wenn es nun doch ein Mensch gewesen war? Vielleicht lag er irgendwo und war ohnmächtig? Oder sogar tot? Sie horchte angestrengt. Nichts war zu hören als die Windgeräusche aus dem Wald und der Regen, der auf das Dach der Autos trommelte und immer stärker wurde. Es war niemand da. Wer würde denn auch um diese Uhrzeit im Dunkeln und im Regen auf dieser einsamen Landstraße herumlaufen? Schnell stieg sie ins Auto und fuhr nach Hause.

Achim schlief noch, als sie leise ins Schlafzimmer trat. Sie knipste die Nachttischlampe an und setzte sich auf die Bettkante.
„Wach auf, Achim, ich muss dir was erzählen.“
„Hm? Was ist denn? Wie spät ist es?“ Er blinzelte ins Licht und setzte sich auf.
„Ich habe einen Unfall gehabt.“
„Was?“ Er war auf einen Schlag hellwach. „Ist dir was passiert?“
„Nein, nein. Aber ich habe etwas angefahren, vorhin auf der Landstraße. Du weißt schon, in dem Waldgebiet.“
„Ist das Auto kaputt?“
„Nein, man sieht jedenfalls kaum etwas. Ich hab zuerst gedacht, es sei ein Tier, aber jetzt denke ich, es könnte auch ein Mensch gewesen sein. Ich habe so ein ungutes Gefühl.“
„Ein Mensch? Jetzt um diese Zeit? Im Wald? Bestimmt war es ein Wildschwein. Oder ein Reh.“
„Ich weiß nicht, Achim. Ich bin so unruhig. Ich habe zwar nachgesehen, aber ich habe nichts gefunden. Es war ja so dunkel, und es regnet. Kannst du nicht hinfahren und noch einmal nachschauen? Mit einer Lampe?“
Achim sah seine Frau an. Wie hilflos sie aussah! Völlig verstört und aufgelöst. Er schwang seine Beine aus dem Bett und stand auf.
„Wo genau ist es passiert? Ich nehme die starke Taschenlampe mit und suche die Strecke mit meinem Auto ab. Mach dir keine allzu große Sorgen, Inga. Trink erst einmal eine Tasse Kaffee und beruhige dich. Ich bin bald wieder da.“

Als er nach einer halben Stunde zurückkehrte, saß Inga in der Küche und sah ihm mit angstvollen Augen entgegen.
„Nichts“, sagte er, „ich habe nichts gefunden.“
„Hast du auch gründlich gesucht?“
„Es regnet in Strömen. Ich bin die ganze Strecke im Wald im Schritttempo abgefahren. Da war nichts. An der Stelle, die du beschrieben hast, habe ich sogar den Graben abgesucht. Nichts. Ganz bestimmt ist dem Tier nicht viel passiert und es ist gleich wieder in den Wald gelaufen. Du kannst beruhigt sein. Am besten gehst du jetzt erst einmal schlafen. Du siehst todmüde aus.“
„Ja, du hast Recht.“ Inga stand auf. „Danke, dass du nachgesehen hast. Es hätte ja sein können ...“

Achim sah seiner Frau nach, als sie die Küche verließ. Wie erschöpft sie wirkte! Und alt. Seit wann war so viel Grau in ihren dunklen Haaren? Und diese tiefen Falten um ihren Mund herum! Sie waren ihm zum ersten Mal aufgefallen. Es wusste zwar, dass die Nachtschichten sie jedes Mal sehr anstrengten, aber noch nie hatte sie so mitgenommen gewirkt. Sicher ist das auch der Schock nach dem Unfall, sagte er sich. Mit einem Mal tat sie ihm schrecklich Leid. Ich muss mich mehr um sie kümmern, dachte er. Wann hatte er sie das letzte Mal umarmt? Nun ja, nach so vielen Ehejahren hatte man sich eben aneinander gewöhnt. Dennoch: Er nahm sich vor, mehr auf seine Frau zu achten. Gut, dass Samstag war und sie sich richtig ausschlafen konnte am Wochenende.

Er schenkte sich eine Tasse von dem Kaffee ein, der auf der Warmhalteplatte stand, und überlegte. Vielleicht sollte er sich Ingas Kleinwagen einmal genauer ansehen. Hatte der Zusammenprall eventuell doch mehr Spuren hinterlassen, als Inga im Dunkeln gesehen hatte? Als er das Licht in der Garage anknipste, erschrak er. Der rechte Kotflügel wies eine deutliche Beule und eine tiefe Schramme auf! Also musste es doch ein größeres Tier gewesen sein, Rotwild Oder ein großer Hund. Er untersuchte die Beule genauer. Es waren keine Tierhaare oder Blut zu sehen. Komisch, dachte Achim. Er beschloss, die Beule herauszudrücken und die Schramme auszubessern. Als Hobbybastler und gelernter Elektromeister stellte das Ausbeulen, Schleifen und Polieren kein Problem für ihn dar. Nach drei Stunden Arbeit war von dem Unfall keine Spur mehr zu sehen. Zufrieden ging er ins Haus zurück.

Am Montagmorgen saßen Inga und Achim wie üblich gemeinsam am Frühstückstisch, jeder einen Teil der Tageszeitung vor sich.
„Schau dir das an, Achim!“ Aufgeregt reichte Inga die Zeitung zu ihrem Mann hinüber und deutete mit dem Finger auf einen der Artikel. Sie war leichenblass geworden. Dann hielt sie sich plötzlich die Hand vor den Mund und rannte aus der Küche ins Badezimmer. Durch die geschlossene Tür hörte Achim, wie sie sich würgend erbrach.
Bestürzt nahm er die Zeitung zur Hand und überflog den Artikel auf der ersten Seite. „Obdachloser angefahren und ertrunken. Unfallfahrer flüchtet.“ Kein Zweifel, das konnte nur der Unfall seiner Frau gewesen sein. Tag und Uhrzeit stimmten, auch der Ort. Ein Fahrradfahrer hatte am Samstagmorgen den Toten gefunden. Man hatte an der Leiche Verletzungen festgestellt, die eindeutig von einem Zusammenprall mit einem Fahrzeug stammten. Aber daran war der Mann nicht gestorben. Er war ertrunken. Der Zusammenstoß mit dem Auto hatte ihn offensichtlich in den Wassergraben geschleudert, wo er mit dem Kopf unter Wasser geraten war. Man hatte zudem einen Alkoholwert von 1,5 Promille in seinem Blut gefunden. „Das Unfallopfer hätte gerettet werden können, wenn der Autofahrer Hilfe geholt hätte“, schrieb die Zeitung.
Achim ließ sich auf den Stuhl fallen und versuchte, sein klopfendes Herz zu beruhigen. Er konnte es nicht glauben. Er hatte doch alles abgesucht! Allerdings: Es war stockdunkel gewesen, das Licht der Taschenlampe hatte kaum ein paar Meter gereicht, und der Regen war immer stärker geworden. Den Wassergraben hatte er nur einige Meter weit abgesucht. Vielleicht war der Mann weiter weg geschleudert worden. Oder Inga hatte später gebremst, als sie dachte, so dass ihr Auto erst ein Stück von der Unfallstelle entfernt zum Stehen gekommen war. Jedenfalls hatte er den Mann nicht gefunden. Was sollten sie jetzt bloß tun?
Immer noch kreidebleich kam Inga in die Küche und setzte sich Achim gegenüber an den Frühstückstisch. Mit einem Blick, in dem tiefste Verzweiflung lag, sah sie ihn an. Achim langte über den Tisch und nahm ihre beiden Hände in die seinen. Sie waren eiskalt.
„Ich habe einen Menschen umgebracht, Achim.“
Hilfesuchend sah Inga ihren Mann an. Offenbar war er genauso erschüttert wie sie. Was hatte sie nur getan? Sie fühlte, wie wieder Brechreiz in ihr hochkam und schluckte mehrmals, um ihn zu unterdrücken. Der Druck von Achims warmen Händen war tröstlich. Wann waren sie sich zuletzt so nahe gewesen? Sie konnte sich nicht erinnern. Ihr Leben lief stets so geordnet ab, alles war geregelt, es war ein zufriedenes, bestens organisiertes Nebeneinander gewesen. Bis jetzt. Der Unfall hatte alles durcheinander gebracht, aber merkwürdigerweise waren sie sich dadurch wieder näher gekommen.
„Ich bin Krankenschwester, Achim, ich helfe den Menschen. Jetzt ist durch meine Schuld ein Mensch gestorben. Was soll ich denn jetzt nur machen?“ Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Nur nicht heulen!
„Du hast es doch nicht absichtlich getan, Inga! Im Gegenteil! Wir haben doch getan, was wir konnten. Du hast nach ihm gesucht, ich habe nach ihm gesucht, was hätten wir denn noch tun sollen?“
„Wir haben nicht genug gesucht! Er hat irgendwo in dem Graben gelegen und ist jämmerlich ertrunken, der arme Mann.“
„Ja, aber er war betrunken, Inga. Wahrscheinlich hat das auch etwas damit zu tun. Vielleicht hätte er sich selbst retten können, wenn er nüchtern gewesen wäre. Und vielleicht hat er sogar den Unfall selbst verursacht. Er ist sicher auf der Straße herumgetorkelt, bei der Promillezahl. Du kannst nichts dafür.“
Inga fühlte sich durch Achims Worte getröstet. Er hatte Recht, sie konnte nichts dafür, jedenfalls war es nicht allein ihre Schuld. Trotzdem: Sie hatte das Auto gefahren.
„Meinst du nicht, wir sollten zur Polizei gehen und erzählen, wie es gewesen ist?“
„Was soll das denn bringen, Inga! Der Mann wird dadurch nicht wieder lebendig. Wenn du dich stellst, zieht das nur eine Menge bürokratischen Kram nach sich, wegen der Unfallflucht und so. Und helfen tut es niemanden. Nein, was geschehen ist, ist geschehen. Es würde alles nur schlimmer machen.“
Inga sah ihrem Mann in die Augen und nickte. Sie stand auf, ging zu ihm, und Achim nahm sie in die Arme. Wie seit langem nicht mehr spürten sie die gegenseitige Nähe und Vertrautheit. Eine ganze Weile standen sie so.

„Stefan! Es war Stefan Steinfeld, den ich angefahren habe, Achim!“ Wieder hielt Inga ihrem Mann ein paar Tage später die Tageszeitung entgegen. Diesmal war es eine Todesanzeige, auf die sie wies.
„Was?“
„Hier steht es: 'Durch einen tragischen Unfall' ... und so weiter, 'mein lieber Mann, unser guter Vater' ... Das Todesdatum stimmt, auch das Alter. Zweiundfünfzig Jahre, hat in dem Artikel gestanden, so alt wie ich. Es war Stefan!“
Bestürzt nahm Achim seiner Frau die Zeitung aus der Hand. Stefan Steinfeld! Ein Bekannter von ihnen aus ihrer Kindheit. Sie waren alle drei zusammen zur Schule gegangen. Nach der Schulzeit hatten sie sich aus den Augen verloren, nur hin und wieder hatten sie von ihm gehört. Stefan hatte eine Computerfirma gegründet, war aber nach einigen erfolglosen Jahren Pleite gegangen und hatte danach nicht mehr Fuß fassen können. Seine Frau hatte sich von ihm getrennt, die beiden halbwüchsigen Kinder lebten bei der Mutter. Das Einfamilienhaus musste mit hohem Verlust verkauft werden. Achim hatte gehört, zuletzt habe Stefan immer mehr getrunken, habe seine Wohnung verloren und sei in einem Obdachlosenheim gelandet. Das Obdachlosenheim! Jetzt fiel ihm ein, dass es nicht weit von dem Waldstück entfernt lag, wo Inga den Unfall hatte.
„Oh mein Gott!“, entfuhr es ihm.
Inga stand da, mit vor dem Mund gehaltener Hand, als könnte sie nicht fassen, was sie gerade erfahren hatte.
„Ich kenne seine Frau“, sagte sie mit tonloser Stimme. „Meike heißt sie. Sie hat im Krankenhaus ihre Mutter oft besucht. Die hatte Krebs. Oh Gott! Und die Kinder waren auch oft da.“ Sie sah ihren Mann mit aufgerissenen Augen an. „Achim! Ich habe den Vater von Jonas und Klara Steinfeld totgefahren!“ Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Achim trat zu ihr und streichelte beruhigend ihre Schulter.
„Es ist furchtbar, Inga, ganz furchtbar. Aber wir können es nun mal nicht ändern.“ Er nahm die Zeitung und las die Todesanzeige noch einmal durch. 'Die Beerdigung ist am Freitag, 15.00 Uhr, von der Friedhofskapelle aus', stand da.
„Wir müssen zur Beerdigung gehen, Inga.“
Ungläubig starrte seine Frau ihn an.
„Es gehört sich so“, ergänzte er, „es würde auffallen, wenn wir nicht daran teilnähmen.“
Entschieden schüttelte Inga den Kopf.
„Ich kann das nicht, Achim! Ich kann doch Meike nicht in die Augen sehen und ihr kondolieren, wo ich ihren Mann auf dem Gewissen habe! Und die Kinder? Wie soll ich ihnen denn gegenübertreten?“ Ihre Stimme wurde schrill, und mit tränennassen Augen sah sie Achim an. „Ich kann das nicht!“, wiederholte sie, rannte aus der Küche und schlug die Tür hinter sich zu.
Achim hörte, wie sie ins Badezimmer lief und sich einschloss. Er sah auf die Uhr. Höchste Zeit, dass er sich zur Arbeit aufmachte. Er klopfte an die Badezimmertür. „Inga, ich muss jetzt los. Es tut mir Leid. Beruhige dich doch. Wir können heute Abend noch einmal darüber reden. In Ordnung?“
„In Ordnung!“, hörte er ihre gedämpfte Stimme von drinnen.

Mit ernsten Gesichtern umstanden die schwarzgekleideten Menschen das Grab, in das der blumengeschmückte Sarg mit dem Leichnam Stefan Steinfelds hinabgesenkt worden war.
Seine betagten Eltern standen neben seiner geschiedenen Frau und den beiden Kindern. Etliche Verwandte, Freunde und Bekannte warfen mit einer kleinen Schaufel Sand oder Blumen in das offene Grab, bevor sie den Familienangehörigen der Reihe nach die Hand gaben und kondolierten.
Inga und Achim waren unter den Letzten, die der Familie ihr Beileid aussprachen. Beherrscht nahmen der siebzehnjährige Jonas und die zwei Jahre jüngere Klara die Kondolationen entgegen. Meike Steinfeld wirkte gefasst, was daran liegen mochte, dass sie seit Jahren nicht mehr mit ihrem Mann zusammen gelebt hatte. Sie lächelte Inga an: „Ich freue mich, dass Sie gekommen sind, Schwester Inga. Ich weiß, Stefan war ein Schulkamerad von Ihnen und Ihrem Mann. Danke für Ihre Anteilnahme. Vielleicht kommen Sie einmal auf einen Tee bei mir vorbei? Sie haben sich damals so nett um meine Mutter gekümmert.“
Inga zwang sich zu einem „Sicher, gern!“, fasste Achims Arm und verließ mit schnellen Schritten den Friedhof.

„Ich werde mich stellen! Morgen gehe ich zur Polizei und zeige mich an!“
Auf der Fahrt von der Beerdigung nach Hause hatte Inga kein Wort gesagt, sondern nur eingesunken auf ihrem Sitz gekauert. Nun saß sie Achim gegenüber auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer und blickte herausfordernd in sein Gesicht.
Achim starrte sie entgeistert an.
„Aber Inga! Wir waren uns doch einig ...“
„Das ist mir egal! Versteh doch, Achim! Ich kann das nicht! Ich kann damit nicht leben!“ Erregt sprang sie auf und fing an, im Zimmer herumzulaufen. „Ich bin schuld, dass ein Mensch nicht mehr lebt. Wie auch immer die Umstände waren: Ich bin verantwortlich für Stefans Tod. Schuld daran, dass die Kinder keinen Vater mehr haben. Ich muss dafür geradestehen.“ Inga blickte in das fassungslose Gesicht ihres Mannes. Sie kniete sich auf den Teppich vor ihm hin, nahm seine Hände in die ihren und sah ihm in die Augen.
„Versteh doch, Achim, ich kann nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Wenn ich dafür ins Gefängnis muss, dann ist das eben so. Aber ich kann nicht den Rest meines Lebens mit diesem schlechten Gewissen herumlaufen. Wenn du mich noch liebst, wirst du das verstehen, oder? Du liebst mich doch noch, Achim?“
Achim biss sich auf die Lippen. Wieder fielen ihm all die guten Argumente ein, die dafür sprachen, die Angelegenheit einfach zu vergessen. Wem war damit geholfen, wenn Inga eine Strafe erhielt? Wenn ihr guter, unbescholtener Ruf ruiniert würde? Sie, die immer für andere dagewesen war, die sich für ihre Patienten aufgeopfert hatte, würde als Vorbestrafte dastehen. Wer weiß, was solch ein Unfall mit Todesfolge und die Unfallflucht alles nach sich ziehen würde. Würde sie ihren Beruf als Krankenschwester, der doch ihr ganzer Lebensinhalt war, weiterhin ausüben können? Und er? Wo blieb er bei der ganzen Angelegenheit?
Achim sah in die Augen seiner Frau, die immer noch fragend auf ihn gerichtet waren. Er spürte, wie ein tiefes Gefühl für sie ihn durchströmte. Da war jahrelange Vertrautheit, Verständnis und, ja, Liebe. Auf einmal war alles ganz einfach. Er zog Inga zu sich auf das Sofa, nahm sie in die Arme und sagte: „Was immer du tun willst, Inga, ich bin an deiner Seite. Ich liebe dich.“

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Ji Rina
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Hallo Hyazinthe,
Wie immer, hat mir das Lesen Deiner Geschichte gefallen. Vielleicht ist sie für eine KG zu lang, zu ausgearbeitet, aber mich stört das selten.
Was ich nicht ganz verstehe, ist das Ende. Was möchtest Du dem Leser mitteilen? Ich denke, Du möchtest zeigen, dass diese Krise, dieser Unfall, beide wieder zusammengebracht hat. Achim liebt seine Frau noch immer – und was immer sie tun wird: Nichts kann diese Liebe zerbrechen.
Für mich ein unerwartetes Ende, weil die Geschichte vollkommen auf diesen Unfall konzentriert ist, und ich "nebenbei" erfahre, dass es in dieser Beziehung seit längerem nicht mehr knistert. Du regelst diesen Konflikt dann mit Achims plötzlichen Verständnis für seine Frau. Dieses Einsehen kommmt seltsam daher...Ich finde es...wie soll ich sagen? Ein fades Ende. Aber vielleicht sind andere Leser nicht dieser Meinung.

Hoffe, es richtig interpretiert zu haben.
Mit Gruß,
Ji

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Hyazinthe
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Guten Abend, Ji!

Vielen Dank, dass du die Geschichte gelesen und kommentiert hast. Schade, das Ende hat dich enttäuscht.

Eigentlich kam es mir bei diesem Text auf zweierlei an:
Zum einen wollte ich zeigen, wie schwierig es sein kann, nicht den leichten Weg zu gehen, wenn man schuldig geworden ist. Inga wäre ohne Strafe davon gekommen, obwohl sie (Mit)schuld am Tod eines Menschen trägt. Aber sie geht zur Polizei und stellt sich. Warum? Ist das nicht eigentlich ziemlich dumm? Welche Rolle spielt es in unserem Leben, für unsere Schuld zu sühnen?

Zum anderen wollte ich zeigen, dass ein solch existenzielles Ereignis zwei Menschen, die sich auseinandergelebt haben, wieder zusammenführen kann. Gerade in einer Krise kann den Partnern klar werden, was sie einander bedeuten.

Liebe Gruße, Hyazinthe
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Naja, enttäuscht...

Die Frage die Du aufwirfst, ist natürlich interessant: Soll ich mich stellen, wenn ich die Chance habe davonzukommen?

Diese zwei Möglichkeiten haben wir: Uns zu stellen, oder nicht. Und die Frau, die mit sich im Reinen sein will, sieht ein, dass sie schuldig ist.

Aber mehr transportiert der Text dann nicht...Man weiß nur, dass sie sich schuldig fühlt und sich stellen will. Punkt.

Interessanter wäre vielleicht, wenn sie aufgrund der neu entdeckten Zuneigung ihres Mannes, sich dann nicht mehr stellen will (zwar fühlt sie sich schuldig, unterdrückt dies aber, weil ihr die neu entdeckte Liebe ihres Mannes (und vor allem sein Wille, die Sache einfach zu vergessen,) wichtiger ist.

mh..nur so´ne Meinung...
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Hyazinthe
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Liebe Ji, vielleicht hast du Recht und die Handlung ist für eine Kurzgeschichte zu dünn.

Ich fand es interessant, neben der Frage "Stehe ich für meine Tat gerade oder nicht?" auch zu zeigen, dass es um so schwieriger wird, sich der Verantwortung zu entziehen, je mehr das Opfer ein Gesicht erhält. Zuerst ist es nur ein anonymer Obdachloser, der womöglich durch seine Trunkenheit selber Schuld an den Unfall trägt, dann ist es der Schulfreund von damals und zuletzt ist es der Mann und Vater von Menschen, die man gut kennt und denen man ins Gesicht sehen muss.
Kann sein, dass dieser Aspekt nicht genügend deutlich geworden ist.

Gruß, Hyazinthe


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Ciconia
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Hallo Hyazinthe,

mich hat diese Geschichte sofort an den Film „Gnade“ Hier klicken erinnert, der in einer grandiosen norwegischen Schneelandschaft rund um Hammerfest eine ähnliche Situation beschreibt. Auch dort wurden für mein Empfinden keine zufriedenstellenden Antworten auf die Schuldfrage gegeben, und das Ende in geselliger Dorfgemeinschaft gefiel mir überhaupt nicht.

Du gehst in Deiner Geschichte nicht so weit, dass die Tat bekannt wird, sondern lässt das Paar in neu erwachter Liebe zurück. Das funktioniert für mich nicht. Ich würde – reines Bauchgefühl – eher davon ausgehen, dass sich ein Paar in dieser Situation entzweit, weil die Last für beide Partner zu drückend ist. Die Beschreibung dieses Auseinanderdriftens wäre für mich das interessantere Ende gewesen.

Gruß Ciconia

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