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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Schuldig
Eingestellt am 01. 03. 2004 13:50


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Kerstin JĂ€ckel
HĂ€ufig gelesener Autor
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Schuldig

Tom hörte harte, entschlossene Schritte durch den Hausflur hallen und wusste sofort, dass sie zu Staps gehören mussten. Sein Körper straffte sich.
Erst in diesem Moment gestand er sich ein, wie groß seine Angst war.
Angst, ihre Wohnung zu betreten, ohne dass sie ihn freudig ĂŒberrascht anstrahlen wĂŒrde, in ihre viel zu großen Hausklamotten gehĂŒllt.
Angst, die obligatorisch immer frisch mit zu starkem Kaffee gefĂŒllte Thermoskanne zu vermissen, an die er sich so schnell gewöhnt hatte.
Angst vor der Gewissheit, sie wĂŒrde ihm heute nicht in ihrer unnachahmlichen Art entgegeneilen, ĂŒberaus geschickt, mit den dreifach sockenĂŒberzogenen FĂŒĂŸen, die letzten freien Teppichflecken treffend, Berge von Zetteln, BĂŒchern, Unmengen von Stiften und mit Leuchtmarkern angestrichenen Rechnungen umgehend.

Oberkommissar Staps streckte ihm die Hand entgegen und wĂ€hrend Tom sie eher mechanisch ergriff, wunderte er sich, aus welcher Kraft jemand, der seit ĂŒber 25 Jahren mit den dunklen Seiten des menschlichen Wesens konfrontiert wird, wohl ein solch warmes LĂ€cheln in den Augen beziehen konnte. Staps war nicht grĂ¶ĂŸer als er, aber krĂ€ftiger, sportlich schlicht mit dickem Rollkragenpullover und schwarzen Jeans bekleidet. Er strahlte Menschenkenntnis und GĂŒte zugleich aus und Tom ergab sich aufatmend seiner vĂ€terlichen Art.

Gefasst zog er seinen SchlĂŒssel aus der Tasche und öffnete in gewohnter Weise die TĂŒr. Den etwas verblĂŒfften, aufmerksamen Blick, mit dem Staps seiner Bewegung folgte, verstand er sofort. Sicherlich hatten sich die Beamten vom LKA mit diesem Schloss genauso gequĂ€lt, wie er noch vor einem Jahr. Der Trick, den SchlĂŒssel beim Drehen leicht nach rechts zu verkannten, hatte ihm einige Wochen fluchender Übung abverlangt. Langsam gab die schwere HolztĂŒr leise knarrend den Anblick auf ein unvorstellbares Chaos preis.

Obwohl Tom an diesen Ort nicht unbedingt Vorstellungen von NormalitĂ€t und Ordnung knĂŒpfte, wusste ihn dieses Maß an VerwĂŒstung doch zu ĂŒberraschen. Der Boden war bedeckt mit riesigen Klumpen zusammengeknĂŒllter, farbiger Folien und die SchrĂ€nke sahen aus, als wĂ€ren sie in einer intensiven Vorbereitung fĂŒr die Fastnacht vertieft, ĂŒber und ĂŒber mit Fetzen kantig abgerissener ÜbertragungsbĂ€nder bedeckt. Als einzig verschonter Bereich schien sich der zu seiner vollen GrĂ¶ĂŸe ausgezogene Esstisch behauptet zu haben. Mit einer grĂŒngerasterten Cuttermatte abgedeckt, konnte er ungewöhnlich ordentlich aufgereihte Cutmesser und Rakeln verschiedener HĂ€rte vorweisen.

„Sehen Sie!“, entfuhr es Tom beinahe tonlos, „Sehen Sie, das ist ihr großer Auftrag!“
Staps sah ihn prĂŒfend an.
„Was fĂŒr ein Auftrag?“, wollte er wissen.
“Die Straßenbahn, ihre Straßenbahn“ stammelte Tom, deutlich ĂŒberfordert in seinem verzweifelten BemĂŒhen, angesichts ihrer Umgebung und fast körperlich spĂŒrbaren NĂ€he, seiner ErschĂŒtterung auch nur halbwegs Herr zu werden.
„Sie hat Monate lang um diesen Auftrag gekĂ€mpft.“ Mit diesen Worten wandte er sich den Stapeln drei Meter langer Folienbahnen zu, die sorgsam abgedeckt mit Zwischenlagen aus einem pergamentĂ€hnlichen Stoff, gleichmĂ€ĂŸig aufgeteilt ĂŒber den StĂŒhlen hingen.

In diesem Moment fiel der Schleier von seinen Augen, wich Julias Bild aus seinen Hirnwindungen und kreiste das Blut wieder in seinen Adern. Sein Geist arbeitete akkurat und blitzschnell. Alle Informationen der letzten Monate standen nun gefĂŒgig und klar bereit. Gezielt sah er die einzelnen Plottstreifen durch, hatte all die Varianten und Konzepte gegenwĂ€rtig und richtete sich nach wenigen Minuten zufrieden auf.

„Sie hatte alles geschafft, wie ich es vermutet habe. Ihr Auftrag war komplett“, erklĂ€rte er dem noch immer reglos im Raum stehenden Kommissar, in bestimmtem Ton und viel zu laut. „Sie lebte fĂŒr diesen Augenblick, in dem sie einem Kunden die Verwirklichung ihrer Idee stolz prĂ€sentieren wĂŒrde. DafĂŒr gab sie alles“, fĂŒgte er leiser und etwas verlegen hinzu.

Staps kam nun doch nÀher, klopfte ihm, ganz seiner robusten Art entsprechend, beruhigend auf die Schulter und ging nachdenklich auf den Balkon.
Die GartenstĂŒhle um den kleinen Partytisch waren schon immer genau so angeordnet, wie Tom sie jetzt sah. Doch heute erschien ihm die Kombination aus Stuhl und Tisch wie Treppenstufen.
Eine Treppe in einen mĂŒhelosen Tod...

Er wandte sich ab. Sein Herz schien auf seinem Zwerchfell Trampolinspringen zu ĂŒben, der Brustkorb schnĂŒrte ihm verweigernd die Luft ab und der Druck in seinem Kopf steigerte sich ins UnertrĂ€gliche.
Zum GlĂŒck kehrte Staps in diesem Moment wieder ins Zimmer zurĂŒck.

Mit einer leichten Kopfbewegung wies er auf den Notebook, der auf dem Boden noch aufgeklappt neben dem Plotter stand, dessen Willen er ĂŒber ein unpraktisch kurzes Kabel diktiert hatte.
„Kennst du das Passwort?“, fragte er ihn mit ruhiger, tiefer Stimme. Tom nickte geistesabwesend.
„Wenn du das Passwort kennst, so könntest du darin vielleicht noch Hinweise finden, die deinen Verdacht bestĂ€tigen“, erklĂ€rte Staps unbeirrt seinem reglosen Begleiter.

„ Ja, ja, natĂŒrlich kenne ich Julias Passwort“, murmelte Tom leise.
Vorsichtig schob er all die Skizzen und Ausdrucke zur Seite, die den Boden in mehrfachen Schichten bedeckten, zog große Fetzen verschiedenfarbiger zusammenhĂ€ngender Folienreste vom Teppich und ließ sich beinahe schwerfĂ€llig im Schneidersitz in dieser Insel vor Julias Notebook nieder. Hilflos fragend sah er zum Kommissar.

Dieser lÀchelte ihn verstÀndnisvoll an und sagte kurz:
„Ich habe noch Termine. Ich lass dich jetzt allein. Die Spurensicherung ist hier ohnehin durch. Lass dir Zeit. Wenn dir irgendetwas auffĂ€llt, ruf mich ĂŒber Funk an. Kopf hoch, Junge!“
Mit diesen Worten drĂŒckte er Tom seine Visitenkarte in die Hand ging mit so resoluten Schritten zur TĂŒr, dass selbst das Papier unter seinen schweren Schuhen nur zaghaft knisterte. Kurz bevor die TĂŒr sich schloss, hörte Tom noch ein unwilliges Schnaufen, begleitet von einem reißenden GerĂ€usch.
Kommentarlos flog ein zusammengeknĂŒllter Ball aus Übertragungsband durch den sich verengenden TĂŒrspalt.

Mit dem Einschnappen des TĂŒrschlosses versagte die innere Spannung Tom sichtbar den Dienst. Er sackte förmlich in sich zusammen.
Fast mechanisch drĂŒckte er auf den Einschaltknopf des Notebooks und verfolgte die Anzeige der aktiven Laufwerke auf dem spartanischen DOS-Bildschirm ohne Blick.
Erst der unvermeidliche Windows-Eröffnungsklang, den er sonst immer spöttisch abfĂ€llig kommentierte, ließ ihn wieder zurĂŒckfinden, wie der ersehnte Ruf der NormalitĂ€t, die Stimme eines Vertrauten.

Er betrachtete, wie immer kopfschĂŒttelnd, irritiert Julias Desktop. Sie war unverkennbar ein Apple-Fan und nutzte, in Ermangelung der entsprechend nötigen Finanzgewalt, den PC in einer ihm unverstĂ€ndlichen Weise, als hĂ€tte sie ihren Traum- MAC vor sich.

„Du meine GĂŒte!“, murmelte er leise, „Wenn das Pentagon so arbeiten wĂŒrde, könnte es die Spionageabwehr einsparen!“
Seit er sie kannte, war ihre Antwort auf seine Kritik, immer nur ein entwaffnendes, schelmisches LĂ€cheln mit den Worten: „Ich finde alles.“

Routiniert ließ er nach Dateien suchen, die in den letzten zwei Wochen geĂ€ndert worden waren.
NatĂŒrlich war ihm bewusst, dass nur VerĂ€nderungen bis zum letzten Donnerstag gefunden wĂŒrden. Und doch verfolgte er mit angehaltenem Atem, wie sich das Fenster der Suchergebnisse fĂŒllte. Entgegen aller Logik und Vernunft war er enttĂ€uscht, als sich seine Vorhersage so strikt erfĂŒllte.
Kein Eintrag in den letzten fĂŒnf Tagen, obwohl doch sein GefĂŒhl in jeder Sekunde darauf wartete, Julia voll bepackt und mit einem großen Stapel TiefkĂŒhl-Pizzas lachend durch die TĂŒr kommen zu sehen. Wieder spĂŒrte er kurz, wie sich sein Hals so schmerzhaft verengte, dass er nach Luft rang.
Tom zwang sich zur Konzentration. Die Liste der benutzten Dateien war lang.

Nach einigen Stunden schien es ihm, als hĂ€tte er unendlich viele EntwĂŒrfe ihres Projektes angesehen. Er fand seine Ansicht mehr als bestĂ€tigt: Kein Mensch, der so intensiv um das letzte i-TĂŒpfelchen der Perfektion ringt, wĂ€re fĂ€hig, seinem Leben einen Augenblick vor diesem Ziel ein Ende zu setzen. Egal, aus welchem Grund auch immer.
Inzwischen hatte er das Licht anschalten mĂŒssen und noch immer hockte er auf der Erde vor dem Rechner, aber schon lange nicht mehr im Schneidersitz, sondern liegend, abgestĂŒtzt mit Julias Sofakissen, ohne noch auf die empört raschelnden Papierschichten zu achten. Sogar ihre Kaffeemaschine hatte er in Betrieb genommen.

Endlich hatte er Gewissheit, deren Erleichterung ihm allerdings verschlossen blieb. Ganz zweifellos war die Frau, die er schon lÀngst hÀtte heiraten sollen, einem Verbrechen zum Opfer gefallen.

Seufzend gab er die chronologische Abarbeitung der Auflistung auf und schrĂ€nkte die Suche nun direkt auf den UnglĂŒckstag ein.
Erst jetzt wurde ihm bewusst, warum er diesen Weg nicht gleich eingeschlagen hatte. Es war die EndgĂŒltigkeit, die ihm nun unausweichlich begegnen wĂŒrde.

Der Name der aktuellsten Datei ließ ihn erschauern:
„Tagebuch_eines_Traums“.
Mit zitternder Hand und vier oder fĂŒnf Mausklicks öffnete er ein Dokument von 245 Seiten.
Seine Verwirrung trieb ihn hoch. Er musste sich bewegen, hatte keinen klaren Gedanken mehr.
Ein Tagebuch!
Er hĂ€tte sie fĂŒr viel zu quirlig gehalten oder auch zu beschĂ€ftigt mit ihrer kleinen Werbeagentur, um ein Tagebuch zu schreiben.
Schon kniete er wieder vor dem Notebook, um zu sehen, wann sie damit begonnen hatte:

„1. Januar 2001“
Hektisch scrollte er durch die Seiten, fand Texte, auch Gedichte und entdeckte schon beim Bildaufbau immer wieder seinen Namen.
Ein unangenehmes GefĂŒhl beschlich ihn. Hatte er ĂŒberhaupt das Recht, ihre geheimsten Gedanken zu lesen? Plötzlich fĂŒhlte er sich in dieser ihm so vertrauten Umgebung wie ein mieser Einbrecher. Schlagartig wurde ihm wieder in voller HĂ€rte bewusst, dass sie ihm nie wieder, wie beilĂ€ufig, mit der Hand durch das Haar fahren wĂŒrde, ihm auch nicht mehr verstohlen kichernd Salz in den Kaffee streuen konnte.

Er hatte keine Ahnung, wie lange er nun schon blicklos das Display angestarrt hatte. Leise stöhnend, weil ihm die Beine eingeschlafen waren, stand er auf und holte humpelnd einige Disketten von ihrem Vorratsstapel. Erst als er das Tagebuch doppelt sicher auf zwei Disketten und in seiner Jackentasche verwahrt wusste, wurde er ruhiger. Was fĂŒr eine Vorstellung, wenn ein Stromausfall alles vernichten wĂŒrde.

Er rief Staps an und erst das lange Klingeln machte ihm bewusst, dass Mitternacht bereits vorbei war. Verlegen entschuldigte er sich und schilderte ihm dann seine Entdeckung. Staps blieb gelassen und riet ihm, erst einmal schlafen zu gehen und das Tagebuch spÀter, dann aber sehr genau, zu lesen.

Tom war zufrieden. Er fĂŒhlte sich nun legitimiert, sozusagen in Julias Auftrag, Einblick in ihre Seele zu nehmen.
Rasch zog er das Druckerkabel ab und trug den Rechner vorsichtig zum Tisch, den er sich ans Sofa zog. Mit einer frisch gebrĂŒhten Tasse Kaffee begann er, in mutig gesammelter Verfassung, Julias erste Aufzeichnung an ihrem letzten Neujahrstag nachzuvollziehen.
Er las stundenlang ohne Unterbrechungen und registrierte den Schmerz in seiner Brust schon nicht mehr. Inzwischen hatte aufgegeben, die TrÀnen zu trocknen, die ihm immer wieder den Blick auf ihre Worte verwehrten und seine Nase war vom Toilettenpapier schon heuschnupfenartig gerötet, als er plötzlich entsetzt aufsprang.

Wie hypnotisiert starrte er auf die Zeilen und las sie halblaut und langsam vor:

„ 3. September 2001
Heute war ich beim MĂŒller-Finanzdienst, um ihm die ÄnderungsvorschlĂ€ge zu zeigen und auch noch mal den Endpreis festzumachen. Er war sehr zufrieden mit den EntwĂŒrfen und hat ĂŒber den Preis auch nur leise geknurrt. Wenn der MĂŒller nicht aufpasst, hat er mit 35 seinen Herzinfarkt.
Bei der Heimfahrt ist es wieder passiert:
ER war auf dem Bahnsteig!
Woher weiß ER nur, wann ich fahre? Ich sehe seine kleinen, graublauen Augen noch immer vor mir. ER hat einen stechenden Blick, und das Abstehen des linken Auges lĂ€sst ihn noch bedrohlicher wirken.
Ich fĂŒrchte mich vor der Art, wie er mich mustert.
Sie hat etwas AbfÀlliges, Vernichtendes.
Wieder hatte ich das GefĂŒhl, als ob ER genau wĂŒsste, was ich denke.
Ich kenne ihn. Aber woher?
ER ist vielleicht 35 oder 40. Sein Haar ist noch relativ dicht und wellig. Ein Kunde?
Zum GlĂŒck wartet ER immer auf eine andere Bahn.“

Alle MĂŒdigkeit war nun von ihm abgefallen. Hochkonzentriert ĂŒberflog er die Eintragungen der nĂ€chsten Tage auf der Suche, nach dem Mann, der Julia so Ă€ngstigte und dem sie offensichtlich schon einige Male begegnet war. Und tatsĂ€chlich fand er reichlich zwei Wochen spĂ€ter einen weiteren Hinweis auf ihn:

„19. September 2001
Ich schwöre, dass ich nie wieder mit der S-Bahn fahre!
Ich sollte sowieso endlich öfter das Auto nehmen. Warum kann ich mich nur so schwer dazu ĂŒberwinden? Blanke Feigheit! Der Unfall ist nun schon anderthalb Jahre her.
Heute ist ER doch in meine Bahn eingestiegen.
Warum plötzlich? ER lauert mir auf. Ganz sicher!
Und sieht mich böse an, als wollte ER mich bestrafen, weil ich ihn so lange warten ließ.
Ich bin im allerletzten Moment, zwei Stationen zu frĂŒh, aus dem Wagen gesprungen. ER sah so wĂŒtend aus, dass ich fĂŒrchtete, die Fenster wĂŒrden zerspringen und er könnte mich doch noch packen.“

Toms Herz raste, aber er suchte fieberhaft nach weiteren Beschreibungen.
Erst Mitte Oktober fand er einen Àhnlichen Vorfall:

„11. Oktober 2001
Der Termin fĂŒr das Bekleben der Straßenbahn rĂŒckt gnadenlos nĂ€her. Ich habe fast nur noch zwei Wochen. MĂŒller will noch eine Änderungen. Wo ist denn plötzlich sein Geiz? Noch drei Grafiken mehr! Das kostet mich einen ganzen Tag, den ich nicht habe. Ich brauche Schlaf !!!
Ich bin so fertig. Das Auslösen dauert fast die doppelte Zeit, weil meine HÀnde stÀndig zittern.
Ich kann nicht mehr schlafen!

Heute bin ich ihm wieder begegnet. Hier, in dieser Straße! Was will ER hier? In meiner Straße! Ich bin schon nicht mehr mit der S-Bahn gefahren. Und nun ist ER hier.
Ich habe ihn aber abhÀngen können. Bin ewig Umwege gelaufen und gerannt, wie um mein Leben.
Ich fĂŒrchte mich vor ihm!“

Die Hand umschloss krampfhaft das Handy. Seine Augen schmerzten vor Anstrengung, aber er gönnte ihnen keine Pause, sondern ĂŒberflog so gehetzt die nĂ€chsten Seiten, als gelte es ein UnglĂŒck aufzuhalten.
Und wieder ein Bezug auf den Unbekannten:

„21. Oktober 2001
Dieser Auftrag treibt mich in den Wahnsinn.
Dieser schreckliche Kerl schleicht stÀndig ums Haus.
Ich bin am Ende!
Gestern habe ich ihn vom Fenster aus erkannt. Seine Brille spiegelte die Sonne direkt in mein Zimmer. Das bedeutet, dass er weiß, wo er mich finden kann.
Wer ist ER?
ER ist so groß und hat riesige HĂ€nde.
Mit diesen HĂ€nden wird er mich schlagen. Mitten ins Gesicht.
Ich weiß es. Ich spĂŒre es
“

Mehr fand er nicht auf Anhieb, aber das reichte ja auch! Fassungslos tippte er die Nummer vom LKA, was ihm erst nach mehreren Versuchen fehlerfrei gelang. Diesmal musste er nicht auf die Uhrzeit achten, denn draußen war es lĂ€ngst hell. Staps meldete sich sofort, hörte seinen erregten Schilderungen stumm zu. Tom las ihm alle Hinweise, die er gefunden hatte, im Originalwortlaut vor.

Gemeinsam trugen sie die Merkmale des TatverdĂ€chtigen noch einmal zusammen. Staps ergĂ€nzte die Haarfarbe in der Beschreibung, auf Grund der statistischen Wahrscheinlichkeit, als dunkel, da Julias AltersabschĂ€tzung nicht auf ein Grau schließen ließ. Eine neue Befragung der Nachbarschaft war zu beauftragen, Recherchen zu starten.
Arbeitsname sollte „ER“ sein.
Sie vereinbarten, dass Tom weiter und grĂŒndlich die Aufzeichnungen durchgehen sollte, was er auch sofort tat.

„23. Oktober 2001
Ich kann das klopfende GerĂ€usch des Plotters fast nicht mehr ertragen. Es hĂ€mmert sich in mein Hirn, mein Herz, ahmt seinen Rhythmus nach und ich spĂŒre ihn in den Fingerspitzen. Es gibt schon kaum noch eine Stelle an meinen Fingern, die ich nicht schon mit dem Cutmesser erwischt habe, die nicht von der Pinzette perforiert wĂ€re. Morgen mĂŒsste ich fertig werden. Es wird auch höchste Zeit. Ich bin so fertig.
Tom fehlt mir.“

„24. Oktober 2001
Meine VorrĂ€te werden knapp. Gut, dass Tom ĂŒbermorgen endlich kommt. Ich kann nicht raus.
ER kreist stÀndig um das Haus.
Wann immer ich aus dem Fenster sehe, ist ER da.
ER weiß, dass ich ihn sehe. Droht mir höhnisch grinsend mit dem Zeigefinger.
Es ist fast Mitternacht. Ich muss schlafen.


Gefangen
Erbarmungslos wĂŒtet der Sturm,
mal stetig zehrend und zermĂŒrbend,
dann wieder zerstörerisch drohend,
und das kleine Haus Àchzt und stöhnt.

Wölfe heulen durch die Nacht,
die HyÀnen kichern und toben.
OhnmÀchtig lauschend kauere ich feige
in meiner schaurig dunklen Ecke
- und starre gebannt zur TĂŒr.

Mir ist ĂŒbel. Ich kann nicht schlafen.“

Warum nur? Warum war er nicht fĂŒr sie da, als sie ihn so sehr brauchte?
Verzweifelt schĂŒttelte er den Kopf. Er hĂ€tte doch London und alle Schulungen geschmissen! Sie hatte ihm nichts erzĂ€hlt. Sie hat ihn nicht angerufen. Warum?
ErschĂŒttert ließ er die letzte Seite aufblenden.

Er las ihre letzten Worte - und las sie vielleicht hundert Mal, ohne eine Ahnung, was sie ihm sagen könnten.
Immer und immer wieder murmelte er sie vor sich hin, als könnte er eine ErklÀrung beschwören.

„25. Oktober 2001
Ich höre seine Schritte im Hausflur. ER geht stÀndig hoch und wieder hinunter, um wieder um das Haus zu laufen. Auf dem Treppenabsatz wartet ER dann lange auf mich.
Ich kenne ihn.
Tom kann mir nicht helfen.


Hilflos
Verletzt liege ich allein im Dunkel,
spĂŒre nur kalten Boden,
alte Fesseln schneiden sich tief
in die aufgebrochenen Wunden.

Eingeschmolzen in eiserne HĂŒllen,
getarnt als Erinnerung,
erstarrt in Bildern aus Entsetzen,
mauert Kindheit mich wieder ein.

Sehe wie gebannt auf Deine Hand,
unerreichbare Chance,
auch wenn Du geduldig und bittend,
beherzt durch die Leinwand greifst.


ER wird immer wĂŒtender. HĂ€mmert an die TĂŒr.
Ich werde mich entschuldigen mĂŒssen. Ich habe es verdient.
ER hat es mir gesagt.
ER wird mich trotzdem bestrafen.
ER hat den Schuhanzieher dabei
. er war doch kaputt
. am Ofen zerbrochen.
ER wird einen neuen haben!
Ich weiß, dass ich nicht schreien darf.
Ich werde nicht schreien 
“

Tom schreckte erst aus dem Schlaf hoch, als Staps die TĂŒr öffnete.
Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrte er den Oberkommissar an, der sich stumm neben ihn setzte und Julias Zeilen las.

„ER ist ihr Vater, wie sie ihn vor 20 Jahren kannte.“ sagte Tom leise.
Nun hat er sie doch noch eingeholt. Sie ist vor ihm geflohen.

Staps nickte,
„Es gibt zwar einen Schuldigen, aber keinen TĂ€ter!“
Doch diesmal war das LĂ€cheln aus seinen Augen verschwunden.

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green-cat2
???
Registriert: May 2003

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Schuldig

Hallo Kerstin!
Ein Krimi, der mich gleich fesselte und berĂŒhrte.
Deine Geschichte macht fassungslos, weil der TĂ€ter nicht gefaßt werden kann.
Und sie ist so geschrieben, das man einfach weiter lesen muss.
Liebe GrĂŒĂŸe
Green-cat2

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Kerstin JĂ€ckel
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2004

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Herzlichen Dank ...

Lieben Dank fĂŒr deinen Kommetar.
Gerade bei dieser Geschichte bin ich mir sehr unsicher, ob sie nicht zu langatmig wird, wenn man sie mit innerem Abstand liest, den ich selbst nicht wirklich aufzubringen vermag.

Liebe GrĂŒĂŸe
Kerstin

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