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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schutzengel
Eingestellt am 06. 12. 2013 08:35


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Any
Analphabet
Registriert: Dec 2013

Werke: 1
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Schutzengel

Die erste Farbe, die sie sah, war blau. Kein gewöhnliches blau. Aber konnten Farben ungewöhnlich sein? Gewiss. Doch es war ein schönes blau. Rein, an manchen Stellen verĂ€nderten Licht und Schatten es zu einem dunklen indigoblau, auch hĂŒbsche cyanblaue Tupfen waren zu sehen.
WĂ€hrend ihr diese und Ă€hnliche erstaunte Gedanken durch den Kopf wirbelten, verstand sie noch immer nicht, was dieses zweifelsohne schöne blaue Etwas darstellen sollte. Langsam aber sicher verschĂ€rfte sich ihre Sicht und ihr Blick wanderte mit einem neugierigen Glitzern in den kindlichen Augen weiter. Das Blau, welches sie bisher nur wahrgenommen hatte, wurde grĂ¶ĂŸer, nun fielen ihr schöne Einzelheiten auf, die ein perfektes Gesamtbild ergaben. Perfekt. Zu perfekt? Ihr neugieriger Kinderblick sah das Paar FlĂŒgel vor sich als perfekt an, wussten nicht, dass es mit makellos gleichzusetzen war. Doch es stimmte. Die mit blauen Federn bedeckten FlĂŒgel lagen dicht an dicht, keine noch so kleine Feder wirkte fehl am Platz. Ihr Blick schweifte weiter, folgte dem Weg wo die Federn kleiner und schmaler wurden. Überrascht wurden ihre Augen kugelrund, ihre rosaroten , kindlichen Lippen verzogen sich zu einem strahlenden LĂ€cheln, wĂ€hrend sie das Gesicht des Jungen vor ihr betrachtete wie ein KĂŒnstler ein GemĂ€lde. Sie streckte eine Hand aus und ihre HandflĂ€che wölbte sich langsam um seine Wange.
Er zuckte nicht zusammen, doch fĂŒr den Bruchteil einer Sekunde konnte sie einen erschrockenen Ausdruck in seinen schönen Augen lesen. Ihre Fingerspitzen berĂŒhrten die porzellanartige Haut und obwohl sie wirkte, als wĂŒrde sie sich kĂŒhl anfĂŒhlen wenn man sie anfasste, spĂŒrte sie eine eigenartige WĂ€rme die durch ihre Finger strömte. Kein Makel war zusehen, geschweige denn zu spĂŒren, sie strich sanft, fast schon bedĂ€chtig ĂŒber seine Wange und ließ die Hand sinken. Er senkte den Blick um sie ansehen zu können, seine langen, dunklen Wimpern warfen sanfte Schatten unter seine Augen. Vollkommen regungslos stand sie da, ihr kindlicher Blick glitt weiter, vorsichtig trat sie einen Schritt zurĂŒck als könnte sie das Gleichgewicht verlieren wenn sie sich zu weit von ihm entfernte.
Er rĂŒhrte sich nicht, offenbar versuchte er unter ihren neugierigen und faszinierten Blicken standhaft zu bleiben. Seine perfekt geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem verzĂŒckten LĂ€cheln, welches sie nur zu gerne erwiderte. Erneut hob sie die Hand, streckte sie zitternd nach seinen FlĂŒgeln aus, wollte sie berĂŒhren und herausfinden ob sie sich genauso weich anfĂŒhlten wie sie aussahen. Doch bevor sie die weichen Schwingen berĂŒhren konnte, klappte er sie in einer eleganten Bewegung hinter seinem RĂŒcken zusammen und zuckte vor ihr zurĂŒck. „Nicht.“ Eine sanfte Mahnung, die sie inne halten ließ. Eine noch sanftere Stimme, die sie in sich aufsaugte. Er hatte die schönste Stimme die sich je gehört hatte. „Wir mögen es nicht, wenn man uns berĂŒhrt“, flĂŒsterte er leise, sodass sie es kaum verstand.
„Bist du ein Engel?“, fragte sie mit ihrer hohen, kindlichen Stimme und legte den Kopf schief, sodass ihre blonden Haare sich in Bewegung setzten und sich in einer nicht vorhandenen, sanften Brise wiegten. Mit einem Mal erklang ein leises GerĂ€usch, welches sie erst wenige Momente spĂ€ter als ein Lachen identifizierte, war von ihm völlig in den Bann gezogen. „Ich bin dein Schutzengel und werde auf dich aufpassen.“ Ihre Augenbrauen hoben sich an und verschwanden unter dem blonden Schopf. „Mein Schutzengel?“, fragte sie leise und trat wieder einen Schritt nĂ€her an ihn heran, „Aber ich brauche keinen BeschĂŒtzer, ich bin schon neun Jahre alt!“ Ihr Verstand sagte ihr, dass sie ihre Worte bereuen wĂŒrde, fast wartete sie darauf, dass er verschwinden wĂŒrde weil sie ihn gekrĂ€nkt hatte. Sie berĂŒhrte mir ihren Fingerspitzen die Hand des Jungen vor sich.
„Wozu brauche ich einen Schutzengel?“ Er hob den Kopf und ein leises Rascheln erklang, als er die FlĂŒgel zu ihrer vollen Spannweite ausbreitete und sie um das MĂ€dchen schloss, sodass sie von dichten, dunkelblauen Federn umringt wurde. Der Lavendelgeruch wurde intensiver, hĂŒllte sie ein in, vor ihrem geistigen Auge sah sie eine violette Blumenwiese. Er stand nun so dicht vor ihr, dass sie merkte, wie groß er in Wirklichkeit war, mindestens einen Kopf grĂ¶ĂŸer, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste um ihn ansehen zu können. Ebenso musste er den Blick senken.
„Wie heißt du?“, fragte sie leise, hatte ihre vorherige Frage vollkommen vergessen. Er hatte sie vergessen lassen. „Mein Name ist nicht von Bedeutung, du kannst mich nennen wie du willst.“ Gewiss langweilten ihn ihre Fragen, auch wenn es nicht so schien, die Geduld war ihm ins Gesicht geschrieben. Ihr Mund schloss sich wieder, wĂ€hrend sich seine Lippen teilten um zu Wort zu kommen. Die Dunkelheit die sie beide umhĂŒllte, da er sie noch immer mit ihren FlĂŒgeln umschlungen hielt, tauchte sein Gesicht in dunkles Licht und warf faszinierende Schatten. „Ein Schutzengel hat die Aufgabe jemanden zu beschĂŒtzen. Und ich möchte dich beschĂŒtzen, vor allem Unheil. Du wirst mich nicht sehen können und doch werde ich immer bei dir sein. Nach diesem Traum werde ich dich auf deinem Weg begleiten. Ich bin ein BeschĂŒtzer der Kinder Gottes.“ Er sprach erneut mit dieser glockenhellen, reinen Stimme die sie dazu brachte sich zu entspannen.
„Wovor möchtest du mich beschĂŒtzen?“ Ihre Stimme zitterte ein wenig. Er lĂ€chelte sie sanft an und legte eine Hand an ihre Wange. Sie schmiegte sich mit geschlossenen Augen in diese BerĂŒhrung und schwebte in seiner WĂ€rme. „Vor allem Unheil, welches deinen Weg kreuzt“, kam die Antwort. Sie legte die Stirn in Falten und schĂŒttelte den Kopf, sodass ihr seidiges, blondes Haar um ihren Kopf herumwirbelte. „Ich verstehe das nicht“, gab sie kleinlaut zu. Seine Hand wölbte sich noch immer um ihre Hand, ehe er mit den Fingerspitzen hinunter zu ihren Lippen strich und sie anlĂ€chelte. „Du wirst es irgendwann verstehen.“
Sprachlos starrte sie ihn an, die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie merkte wie sich die gesamte Umgebung begann aufzulösen und auf eine besondere Art und Weise verschwamm. Mit verwirrter Miene kniff sie die Augen zu, als die Dunkelheit sie umgab und sie nur tanzende Lichter vor ihren Augen wahrnahm. In ihrem Kopf wiederholten sich immer die Worte. Ich werde dich beschĂŒtzen. Vor allem Unheil, welches deinen Weg kreuzt. Ich bin dein Schutzengel. Ihre Lippen bewegten sich, ihrem Mund wollten Worte entspringen und doch verließ kein Laut ihre Lippen. Noch immer hatte sie die Augen fest geschlossen, doch nach einer Weile öffnete sie sie langsam.
Ein helles, beißendes Licht blendete das junge MĂ€dchen, bis sich wenige Momente spĂ€ter Farben vor ihren Augen erkennbar machten. Auch ihre Ohren versagten in ihrer Funktion, laute dröhnende Laute fĂŒgten ihr Schmerzen hinzu. Sie wollte die Hand heben, doch sie spĂŒrte nichts außer ihren hĂ€mmernden Herzschlag.
Stimmengewirr um sie herum. Ein Stöhnen entglitt ihrem Mund, sie spĂŒrte etwas Warmes an ihrem RĂŒcken, laute Stimmen um sie herum.
„Oh Gott, helft ihr!“
„Das arme MĂ€dchen!“
„Ruft einen Krankenwangen!“
Mit glasigem Blick versuchte sie aufzustehen, schaffte es nicht, die Kraft wich langsam aus ihrem Körper. Schließlich griffen zwei HĂ€nde nach ihren Schultern und zogen sie hoch, sodass sie auf kaltem Asphalt saß. Jeder Knochen schmerzte in ihrem Körper, ihre Organe wanden sich in ihrem Bauch. Sie spuckte aus. Ein roter Blutfleck bildete einen eigenartig schönen Kontrast zu dem hellen Asphalt. Ihre HandflĂ€chen berĂŒhrten den harten Untergrund und sie blinzelte hoch. Eine große Menschenmasse umringte sie, erstaunte Gesichter starrten sie mit einer Mischung aus Erschrockenheit und VerblĂŒffung an.
„Sie lebt!“, rief eine schrille Frauenstimme, „wie ist das möglich?“ Ein zweiter Mann drĂ€ngelte sich an ihr vorbei. Er war kreidebleich. „Sie ist durch die Luft gesegelt...“, stotterte er, „mindestens...10 Meter...aber...“ Er drehte sich zu den Passanten um. „Mensch ruft einen Krankenwagen!“
Das kleine MĂ€dchen hockte da und starrte mit leerem Blick zu den Menschen auf. Doch eigentlich sah sie gar nicht zu ihnen, denn etwas anderes hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Zu den FĂŒĂŸen das Mannes lag eine einzelne blaue Feder, deren Farbe sie erneut faszinierte, sodass sie gar nicht bemerken zu schien, wie etwas warmes ihrer Wange herunterlief. Ob es Blut oder eine TrĂ€ne war, wusste sie nicht. Und wieder hallten die Worte des Jungen in ihr wider. Ich bin dein Schutzengel. „Mein Schutzengel“, flĂŒsterte sie und berĂŒhrte ihre Wange dort, wo er sie auch berĂŒhrt hatte. Etwas Rotes lief ĂŒber ihre Hand und gab ihr die Gewissheit dass es keine TrĂ€nen waren. Sie streckte die Hand nach der Feder aus, zuckte jedoch zurĂŒck. Wir mögen es nicht, wenn man uns berĂŒhrt. Das hatte er zu ihr gesagt. Sie lĂ€chelte, was ziemlich irrsinnig in dieser Situation schien und doch erschien es ihr richtig. Denn ihr Schutzengel wĂŒrde auf sie aufpassen. Ihr Leben wĂŒrde sich von nun an verĂ€ndern, denn sie hatte jemanden an ihrer Seite, der auf sie aufpasste, ein unsichtbares Phantom das sie vor bösem Unheil bewahrte. Als hĂ€tte er ihre Gedanken erhört, stieg ihr ein leichter Lavendelgeruch in die Nase. Ihr LĂ€cheln wurde breiter, ehe ihr Blick gen Himmel wanderte und sie fasst schon sein wunderschönes Gesicht erwartete. Doch er hatte zu ihr gesagt, sie wĂŒrde ihn nicht sehen können. Er war ihr Schutzengel. Ihr unsichtbarer Schutzengel.

__________________
You're gonna leave me, leave me,
bleeding and begging for mercy,
for rapture and bleeding,

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Any
Analphabet
Registriert: Dec 2013

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Hallo Sebahoma!
Ich habe den Tipp angenommen, so hört es sich tatsĂ€chlich besser an! Vielen Dank fĂŒr den Tipp und dein Kommentar.

~ Any
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