Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92200
Momentan online:
356 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schwammtaucher Nikos
Eingestellt am 12. 12. 2000 21:50


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Martin
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 4
Kommentare: 13
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Schwammtaucher Nikos

Lange hatte der Junge diesem Moment entgegengefiebert, und nun war es endlich soweit. Im Morgengrauen machte er sich zusammen mit Stefanos bereit zum Hinuntergehen. Er zog sich warme Wollsachen an und setzte seine blaue Wollm├╝tze auf. Nachdem Kapit├Ąn Manolis ihm in den weitgeschnittenen Anzug aus doppeltem Baumwollzeug und einer Zwischenlage Gummi geholfen hatte, stieg der Junge in die klobigen Bleischuhe, und dann lie├č er sich von Alexander den kupfergl├Ąnzenden Brustpanzer ├╝berst├╝lpen. Der Panzer war breitschultrig und kalt und schwer, und er sah herrlich aus, wenn man ihn angelegt hatte und dann von oben an sich hinterschaute. Jetzt bin ich ein Ritter, dachte der Junge, das gro├če Tauchermesser mit seinem Bronzek├Âcher in den H├Ąnden wiegend, und das ist mein Schwert.
Der gewaltige G├╝rtel, an dem weitere Gewichte hingen, wog so viel, da├č er den Jungen fast in die Knie zwang. Manolis l├Ąchelte mitleidig, aber der Junge versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Mit zusammengekniffenen Augen knotete er sich die Signalleine um den Bauch, und als er fertig war, setzte ihm Alexander den schweren kugelrunden Taucherhelm mit seinen vier kleinen Bullaugen auf.
Das Kupferblech, aus dem der Helm geh├Ąmmert war, war von vielen Jahren harter Arbeit narbig und verschrammt, aber Manolis hatte es immer wieder poliert, und so blitzte es in der Morgensonne. Im Inneren des bauchigen Geh├Ąuses roch es nach Teer, nach Kautschuk und s├Ąuerlich-herb nach blankem Metall.
"Alles in Ordnung?" Manolis schob sein Gesicht an das offene Bullauge.
Der Junge nickte. Sein Gesicht war schmal├Ąugig und konzentriert.
"├ťb' erst einmal ein bi├čchen das Herumlaufen auf dem Grund und guck' dich in Ruhe um. Pa├č' auf deinen Schlauch auf, und sei vorsichtig mit dem Abla├čventil."
"Ja."
"Wenn du mehr Luft brauchst, ziehst du dreimal an der Leine."
"Ja."
"Und bleib' immer in der N├Ąhe von Stefanos. Er wird dir zeigen, wo gute Schw├Ąmme wachsen, wie man sie l├Âst und welche sich lohnen."
Stefanos war der zweite Junge auf dem Boot, mit seinen achtzehn Jahren war er zwei Jahre ├Ąlter und stand einige Schritte entfernt auf dem Deck. Auch er trug bereits seinen Taucheranzug. ├ťberm├╝tig grinsend beobachtete er den Jungen ├╝ber den ringf├Ârmigen Kragen des Brustschilds hinweg, den Helm l├Ąssig unter den Arm geklemmt. Der Junge nickte ihm zu, und Stefanos blinzelte zur├╝ck. Er war st├Ąmmig und vierschr├Âtig, aber er hatte freundliche Augen, und ├╝ber seiner Stirn guckten ein paar Str├Ąhnen seines dicken schwarzen Haarschopfs unter dem Rand der Wollm├╝tze hervor, die er wie alle Schwammfischer auf dem Kopf trug.
Wenig sp├Ąter sanken sie in die Tiefe hinab. Es wurde immer ein bi├čchen dunkler und ein bi├čchen k├Ąlter, und dann setzten ihre schweren Stiefel auf dem Boden auf. Sie standen inmitten einer absch├╝ssigen, sandigen Fl├Ąche. An der Leine ruckte es zweimal. Manolis wollte wissen, ob alles in Ordnung war. Zur Antwort zog der Junge ebenfalls zweimal. "Alles in Ordnung", bedeutete das.
Er begann, in seinen Taucherschuhen ├╝ber den Grund zu laufen. M├╝hsam versuchte er, mit Stefanos Schritt zu halten, der leichtf├╝├čig und mit schimmerndem Helm voranh├╝pfte, die Arme ausgestreckt, die Forke zum Abl├Âsen der Schw├Ąmme in der rechten Hand haltend und immer wieder einen kurzen Blasenschwall aussto├čend.
Aufgekratzt blickte der Junge durch die kleinen Fenster umher. Es war eine eigenartige, neue Welt, in der er in den n├Ąchsten Wochen, Monaten und vielleicht auch Jahren arbeiten w├╝rde. Er war am Meer aufgewachsen, war oft geschwommen und getaucht, solange sein Atem reichte. Aber so wie jetzt hatte er das Meer noch nie erlebt. Es war herrlich, nicht ans Auftauchen denken zu m├╝ssen und alles in Ruhe ansehen zu k├Ânnen. Er wu├čte nicht, wohin er zuerst schauen sollte: zu den hoch ├╝ber ihm glitzernden Wellen, in denen sich der schwarze Bootsrumpf und der helle Fleck der Sonne abzeichneten oder zu den wandernden Schattenlinien, die die Wellen auf das Riffelmuster des Sandbodens zeichneten. Zu den Krabben auf dem Boden, zu den kleinen silbrigen Fischen, die ├╝berall umherhuschten, oder zu den gr├╝nen Tangpflanzen, die sich um die herumliegenden Steinbrocken rankten. Zum rostigen Anker der "Kouros", der sich etwas tiefer am Abhang mit einer der beiden Spitzen in den Boden gegraben hatte und an dessen grober, schr├Ąg nach oben zeigender Kette ein paar Tangfetzen h├Ąngen geblieben waren. Oder einfach geradeaus, wo sich der Blick in einiger Entfernung wie in einer bl├Ąulichen Nebelwand verlor. Wie weit konnte man hier wohl gucken? Bestimmt f├╝nfzehn, zwanzig Meter, dachte der Junge.
Inzwischen war Stefanos stehengeblieben und drehte sich langsam um. Er hob seine Hand und winkte den Jungen heran. Mit seiner Brechstange zeigte er auf eine Unzahl von schwarzen Knollen, die nebeneinander auf dem Boden wuchsen. So sahen also die Schwammkolonien aus. Stefanos griff mit seiner gro├čen Hand nach dem Arm des Jungen und zog ihn dicht an sich heran, bis der Junge durch das Wasser hindurch ged├Ąmpft seine Stimme h├Âren konnte:
"Das sind noch keine sch├Ânen Schw├Ąmme", rief er ihm zu, "aber da hinten, am Anker, da wird es tiefer. Da sind sicher gr├Â├čere." Seine braunen Augen funkelten unter dem Kupferhelm. Stefanos war in seinem Element, in seinem Grienen lag eine Mischung aus robuster Abenteuerlust und verschmitzter Gutm├╝tigkeit. Erneut zwinkerten sie sich zu. Sie mochten sich.
Der Boden war sanft absch├╝ssig, und je weiter sie hinunterstapften, um so mehr Schw├Ąmme wuchsen rund um sie herum. Stefanos zeigte dem Jungen, wie man die Schw├Ąmme mit der Forke aus dem Boden l├Âsen und in den Sammelkorb bef├Ârdern mu├čte. Im Nu war der Korb voll. Manolis zog ihn an der Leine nach oben auf das Boot und lie├č ihn wenig sp├Ąter leer wieder hinunter.
W├Ąhrend er arbeitete, verlor der Junge das Zeitgef├╝hl. Er sp├╝rte auch seine R├╝stung nicht mehr, war bald mit ihr verwachsen, als habe sie schon immer zu ihm geh├Ârt. Ab und zu dr├╝ckte er seine Wange gegen den kalten Messingknauf des Abla├čventils und geno├č das laute Gurgeln, mit dem der ├╝bersch├╝ssige Druck aus dem Anzug entwich, um dann in einer herrlich glitzernden Blasenwolke hinaufzusteigen. Sonst h├Ârte er nur das leise Glucksen des Wassers um sich herum, das sto├čweise Zischen der Luft, die hinter seinem Nacken in den Helm str├Âmte, und seinen eigenen Atem, der sich am Glas des Bullauges niederschlug.
Irgendwann hielt er kurz inne und sah zur├╝ck auf die Fl├Ąche, die sie schon abgeerntet hatten. "Nikos", kratzte er mit dem Stiel der Forke in gro├čen Lettern in den Sand. Daneben malte er sein Erkennungszeichen, einen Seestern mit f├╝nf etwas verschieden langen Zacken, den er sonst mit seinem Taschenmesser ├╝berall hineinritzte, wo er gerade war: in die Tische der Schule, die er gerade verlassen hatte, in die Rinde von B├Ąumen, in die h├Âlzernen Sitzb├Ąnke von Kirche und F├Ąhrboot.
Die Messingkappe seines Stiefels stie├č gegen etwas Hartes, Glattes im Sandboden. Neugierig trat der Junge ein, zwei Schritt zur├╝ck, um den Gegenstand durch das Bullauge sehen zu k├Ânnen. Irgendetwas schimmerte matt. Er kniete sich hin und grub es mit seinen H├Ąnden aus dem kleinen Sandh├╝gel, der sich darum herum abgesetzt hatte. Es war eine Weinflasche aus dickem wei├čen Glas, die noch mit einem Korken verschlossen war. Er hielt sie gegen das Licht und sah, da├č sie halb mit Sand aufgef├╝llt war. Au├čerdem war ein zusammengerollter Zettel darin.
Eine Flaschenpost, dachte er, aber eigentlich konnte es nicht sein. Wer f├╝llte schon Sand in eine Flaschenpost, so da├č sie nicht mehr schwamm? Egal, ich nehme sie mit, dachte er, ich mu├č sie untersuchen, wenn ich wieder oben bin.
Die Frage war nur, wie er sie mitnehmen konnte. Wenn er sie in den Drahtkorb zu den Schw├Ąmmen legte, w├╝rden Alexander und Manolis sie nach dem Hinaufholen bestimmt gleich wieder ins Wasser werfen. Ich la├č' sie erst einmal hier und hole sie vor dem Auftauchen ab, entschied er sich. Er steckte die Flasche mit dem Hals voran in den Sand, gleich neben seinem Namenszug. So w├╝rde er sie nachher leichter wiederfinden.
Dann arbeiteten sie weiter, immer am Hang hinunter, unz├Ąhlige K├Ârbe mit Schw├Ąmmen wurden auf das Boot hinaufgeholt, und am Ende waren sie so tief, da├č das fahle Licht um sie herum alles gr├╝nlich aussehen lie├č. Dann merkte der Junge, da├č es an seiner Leine viermal ruckte. Komm' hoch, hie├č das. Schade, dachte er, dann trat Stefanos neben ihn und deutete nach oben:
"La├č' uns ganz langsam hochschwimmen. Wenn wir an der Oberfl├Ąche schwimmen, zieht Manolis uns an der Leine zum Boot."
"Ich will nochmal zur├╝ck an den Abhang. Ich habe da oben beim Anker etwas liegenlassen."
"Die Zeit wird zu lang f├╝r dich. Du darfst am Anfang noch nicht so lange und so tief."
"Ich wei├č" Er lachte. "Es dauert nicht lange."
Er griff nach der rauhen Hand des anderen Jungen und zog ihn ein St├╝ck mit. Stefanos folgte ihm nur widerstrebend. Keuchend arbeiteten sie sich den Hang hinauf, an dessen Kante der Anker und das erste Schwammfeld von vorhin lagen. Immer wieder ruckte es viermal an seiner Leine. Eigentlich h├Ątte er jetzt viermal antworten m├╝ssen, um anzuzeigen, da├č er hinaufkam. Aber der Junge lachte und zog nur zweimal: "Alles in Ordnung, ich bleibe noch unten."
Sein Schriftzug mit dem Seestern war noch da. Er zog die Flasche aus dem Boden und klemmte sie zwischen seinen Bauch und die Signalleine. Stefanos grinste ihn sp├Âttisch an hinter dem Bullauge, und der Junge puffte ihm in den Bauch.
Pl├Âtzlich ebbte das regelm├Ą├čige Ger├Ąusch der Pre├čluft ab. Zuerst war der Junge nicht einmal verwundert. Er wu├čte, da├č der Kompressor oft Aussetzer hatte. Weil er bisher selbst noch nicht hatte tauchen d├╝rfen, hatte er sich oft um den Motor gek├╝mmert und kannte fast alle T├╝cken der altert├╝mlichen Maschine. Wahrscheinlich haben sie ihn gleich wieder angeworfen, dachte er. Aber es passierte nichts. Es blieb gespenstisch still. Dreimal zog er an seiner Leine, wie Manolis es ihm vorhin erkl├Ąrte hatte: "Mehr Luft!"
Aber es kam keine Luft, stattdessen ruckte Manolis hastig viermal, und dann erneut viermal. Auch Stefanos machte aufgeregte Gesten mit seinen Armen und deutete auf seinen Luftschlauch. Ihre Leinen waren auf einmal straff gespannt und zerrten an ihren K├Ârpern, weil Manolis und Alexander jetzt mit aller Kraft versuchten, die beiden hinaufzuziehen. Aber sie standen noch viel zu weit vom Boot weg. Sie h├Ątten erst minutenlang gegen die Str├Âmung ├╝ber den Grund laufen m├╝ssen, um unter das Boot zu kommen und hinaufgezogen zu werden.
Die Jungen wu├čten, da├č der Sauerstoff unter den Taucherhelmen nach drei Minuten knapp werden w├╝rde. Aber ohne Pre├čluft konnte man den schweren Taucheranzug nicht so weit aufblasen, da├č man allein schwimmen konnte. Ohne Luft zogen einen die Bleischuhe und die Gewichte nach ein paar Schwimmz├╝gen immer wieder unbarmherzig auf den Meeresgrund zur├╝ck. Zwar konnte man einfach die Brustgewichte fallen lassen und auch die Schuhe abwerfen, aber dann w├╝rde man unkontrolliert nach oben schie├čen, und dabei konnten einem die Lungen platzen. Einen Cousin und einen Bruder hatte der Junge auf diese Weise verloren. Noch nie in seinem Leben hatte er soviel Angst gehabt wie jetzt. Beim Anblick von Stefanos in seiner R├╝stung sah er unwillk├╝rlich das schmale Gesicht seines Bruders vor sich. Als Johannis vor zwei Jahren an der Taucherkrankheit starb, war er gerade neunzehn geworden, nur zwei Wochen sp├Ąter wollte er das Schwammfischen aufgeben und bei der F├Ąhrlinie anheuern, die inzwischen immer mehr Urlauber auf die Inseln brachte. Der Taucherhelm, in dem Johannis umgekommen war, zierte jetzt die Grabreihe der Familie auf dem Inselfriedhof.
"Wir k├Ânnen uns an der Ankerkette hochziehen", rief Stefanos mit sich ├╝berschlagender Stimme, "daf├╝r reicht die Luft in unseren Anz├╝gen vielleicht noch."
Richtig, das war vielleicht die Rettung. M├╝hsam hielten sie sich an den Eisengliedern fest, Meter um Meter hangelten sie sich mit ihren ungesch├╝tzten H├Ąnden unter der flach aufsteigenden Kette entlang, der Oberfl├Ąche entgegen. Schnell waren ihre Arme lahm, aber Gott sei Dank plusterten sich die Taucheranz├╝ge immer mehr auf, je h├Âher sie kamen, weil der Wasserdruck abnahm, und so wurden die Anz├╝ge wenigstens ein bi├čchen leichter. Blo├č nicht die Kette loslassen, h├Ąmmerte es mit jedem seiner Herzschl├Ąge im Kopf des Jungen, blo├č nicht wieder hinunterschweben. Doch das rostige Eisen der Ankerkette hatte seine H├Ąnde schon bald blutig gerissen. Ihm schwindelte beim Anblick seines Blutes, das im Wasser d├╝nne, dunkle Streifen zog, und die Luft unter dem Helm wurde immer hei├čer und stickiger. Ihr metallischer Geruch lie├č ├ťbelkeit in ihm hochsteigen. Er begann, verzweifelt nach Luft zu schnappen. Ich will hier raus, ich will raus aus diesem m├Ârderischen Kupferkessel, scho├č es ihm durch den Kopf. Halt dich an der Kette fest, nur nicht loslassen, redete ihm eine zweite Stimme ein.
Pl├Âtzlich setzte ein leises Ger├Ąusch ein. Wie eine Erl├Âsung begann wieder etwas Luft zu flie├čen. Zwar nur schwach und in langsamen Z├╝gen, aber doch gleichm├Ą├čig str├Âmte sie hinein. Manolis und Alexander mu├čten die alte Handpumpe angeschlossen haben, die es auf der "Kouros" gab. Sie war zwar verschlissen und lieferte nicht mehr genug Luft zum Arbeiten, aber wenn man nicht allzu tief war, reichte sie. Vorsichtig und flach atmete der Junge ein. Er blickte hinter sich zu Stefanos und sah, da├č ihm sein hinter den Bullaugen schemenhaft erkennbarer Kopf zunickte. Ganz langsam stiegen sie dann weiter hinauf, bis ihre K├Âpfe die Oberfl├Ąche durchbrachen. Das grelle Sonnenlicht, das durch die milchigen Scheiben in sein Gesicht fiel, blendete den Jungen so, da├č er im ersten Moment niesen mu├čte. Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel, denn es war schon sp├Ąt am Vormittag. Manolis zog sie nacheinander ans Boot heran und streckte ihnen von oben die H├Ąnde entgegen. Mit letzter Kraft kletterten sie die Leiter hoch und fielen auf die Holzkiste, die neben der Leiter bereitstand.
Als das kleine Bullauge herausgeschraubt war, sog der Junge erleichtert die kalte, saubere Luft in die Lungen. Auf seiner Stirn standen Schwei├čperlen. Wortlos und schwer atmend lie├č er sich von Manolis aus der R├╝stung befreien. Alexander war inzwischen mit Verbandszeug gekommen und begann, seine aufgerissenen H├Ąnde zu verarzten.
"Unser Kompressor ist schon wieder kaputt", sagte Alexander.
"Das habe ich gemerkt", knurrte der Junge.
"Hattest du viel Angst?", fragte Alexander ein bi├čchen verlegen.
"Nein", antwortete der Junge ersch├Âpft und wich seinem Blick aus, "ich k├╝mmere mich nachher um den Motor."
"Pa├č' auf meine Flasche auf", sagte er dann knapp zu Manolis, der gerade die abgelegten Taucheranz├╝ge beiseite schaffen wollte. Manolis dr├╝ckte ihm die Flaschenpost mit einem fragenden Blick in die Hand, und der Junge drehte sie in seinen frisch verbundenen H├Ąnden hin und her.
Stefanos war neben ihn getreten, ohne Taucheranzug, ohne M├╝tze und ohne den schweren Harnisch sah er viel schm├Ąchtiger und kindlicher aus. Er schaute den Jungen ernst an:
"Deine Flaschenpost hat uns gerettet", sagte er, "nur deswegen waren wir so dicht am Anker. Sonst w├Ąre es knapp geworden." Stefanos legte seinen Arm um ihn und dr├╝ckte ihn an sich, und der Junge lie├č es sich gefallen.
"Was ist da denn drin?", fragte Stefanos dann.
Mit einem entschlossen Hieb schlug der Junge an der Reling den Flaschenhals ab und zog vorsichtig den Zettel heraus. Der Flaschenkorken hatte unter dem Wasserdruck in der Tiefe nicht v├Âllig dichtgehalten, und das Papier war ein bi├čchen aufgeweicht. Langsam rollte er das Blatt auseinander, um es nicht zu zerrei├čen.
Eine Kinderzeichnung kam zum Vorschein. Sie zeigte einen Mann mit dicken Stiefeln und einer kugelf├Ârmigen Glocke auf dem Kopf, der zwischen Fischen, Quallen und gro├čen schwarzen Kn├Ąueln ├╝ber den Meeresgrund spazierte, einen Korb und eine lange Stange in der Hand. Hinter den Bullaugen der Taucherglocke war ein grinsendes Gesicht zu sehen. Darunter standen einige Zeilen in ungelenker Schrift. Ger├╝hrt las der Junge den Brief, den er wahrscheinlich sein Leben lang im Ged├Ąchtnis behalten w├╝rde:

"Ich bin Nikos, ich bin 9 Jahre alt und m├Âchte Schwammtaucher werden, wenn ich 16 bin und nicht mehr in die Schule mu├č. Aber morgen fahren wir erst einmal mit der F├Ąhre zur├╝ck auf das Festland. Dann werde ich diese Boje bei den Schwammgr├╝nden ins Wasser werfen. Mein Vater sagt zwar, da├č die Flasche niemals gefunden wird, aber das sagt er nur, weil er nicht will, da├č ich zu den Schwammtauchern gehe. Meine Mutter m├Âchte mich zum Milit├Ąr schicken und mein Vater m├Âchte einen Rathausbeamten aus mir machen, aber mir gef├Ąllt beides nicht. Wenn du unter Wasser meine Post findest, schreibe bitte an meine Adresse. Wenn wir n├Ąchstes Jahr dann wieder zum Urlaub auf der Insel sind, kannst du ja mal mit meinem Vater reden. Ich w├╝rde mich dar├╝ber freuen. Nikos."

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Katia H├ęnriette
Guest
Registriert: Not Yet

hallo Martin!
Eine total sch├Âne geschichte! Mir gef├Ąllt sie wirklich gut, man kann in der Situation unten im Meer richtig mitf├╝hlen, wie sch├Ân es erst ist und wie dann die Luft auf eineal wegbleibt, es stickig und hei├č wird, man angst bekommt...
Die Namen und der Ort sind griechisch oder was? Kenne mich da nicht aus. Freue mich, mehr von dir zu lesen!
bis dann, Katia

Bearbeiten/Löschen    


Martin
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 4
Kommentare: 13
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Katia,

habe mich ein bi├čchen von meinen Urlaubserlebnissen in Griechenland inspirieren lassen, auf ├Ąg├Ąischen Inseln wie Symi und Rhodos gibt es immer noch Spuren aus dieser Zeit.
Aber in der Geschichte wollte ich keinen konkreten Ort nennen...

Viele Gr├╝├če

Martin

Bearbeiten/Löschen    


Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 64
Kommentare: 1400
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralph Ronneberger eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ja, die Geschichte ist sehr sch├Ân. Vor allem das letzte Drittel ist auch gut erz├Ąhlt. Der Anfang ist mir ein wenig zu langatmig. Was mich ebenfalls ein wenig gest├Ârt hat, war die Tatsache, da├č Du deinen Protagonisten immer nur "Junge" nennst. Er hat doch einen Namen - und der taucht sogar im Titel auf! Ziemlich zum Anfang taucht "Junge" in drei S├Ątzen gleich dreimal auf, und das noch in nicht ganz eindeutiger Form.
"Stefanos war der zweite Junge... ├ťberm├╝tig grinsend beobachtete er den Jungen... Der Junge nickte ihm zu... Immer der gleiche Begriff - und hier sogar f├╝r zwei Personen.
Ich kann immer nur raten, ├╝berarbeiten, liegen lassen, wieder ├╝berarbeiten, ganze S├Ątze ver├Ąndern usw. bis einem die Geschichte aber auch so richtig rund erscheint. Dann schleichen sich solche kleinen Patzer nicht ein. Kurzgeschichten, die gleich beim ersten Anlauf gelingen sind seltene Gl├╝cksf├Ąlle.

Gru├č Ralph
__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

Bearbeiten/Löschen    


Martin
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 4
Kommentare: 13
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Ralph,

ja, das mit den Wortwiederholungen stimmt..

das Stilmittel, den Jungen nicht beim Namen zu nennen, hat mir bei Alfred Andersch (Sanisbar oder der letzte Grund) ganz gut gefallen, aber dort wird der Name des Jungen tats├Ąchlich im gesamten Buch kein einziges Mal genannt, w├Ąhrend er bei mir schon im Titel steht. Insofern ist es hier tats├Ąchlich unlogisch...

Mit der Langatmigkeit im ersten Teil ist es ein bi├čchen schwieriger, weil es um eine ungew├Âhnliche Umgebung geht, die man irgendwie atmosph├Ąrisch vermitteln mu├č - anders als bei der Kasimir-Geschichte, die sich in einer jedem vertrauten Umwelt abspielt, welche nicht erkl├Ąrungsbed├╝rftig ist.

Ich glaube, das ist ein bi├čchen so wie bei ausgiebigen Naturschilderungen in Romanen, die man entweder mag und nachempfinden kann oder nicht. Wahrscheinlich auch eine Frage der eigenen Lebenswelt; mich selbst langweilen zum Beispiel ausgiebige metaphorische Schilderungen von Konzert- oder Theaterszenen oder auch die in Filmen oft ├╝bliche Schachspiel-Symbolik (Protagonisten sitzen beim Schachspiel...)

Na gut, trotzdem vielen Dank f├╝r Deine Zeilen

Martin

Bearbeiten/Löschen    


Martin
Hobbydichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 4
Kommentare: 13
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Nur ein Test

Ich wei├č zwar, da├č man sich eigentlich nicht selbst antwortet... aber trotzdem mu├č ich mal ausprobieren, ob man dann wieder weiter oben landet...

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!