Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92203
Momentan online:
391 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Schwarz oder Weiß
Eingestellt am 02. 04. 2000 00:00


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Eagon Wellington
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2000

Werke: 51
Kommentare: 41
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Die Gruppen waren schnell geformt. Plötzlich gab es nur Schwarz und Weiß. Die Regeln waren so einfach, wie die primitive Logik selbst, die das Feuer entfacht hatte. Man machte mit, lief um sein Leben oder war wenig später tot.
Der Wahnsinn rannte durch die Straßen, brüllte und verschlang alles, was seinen Weg kreuzte. Der Schrei des Hasses und des Schmerzes durchblies die Gebäudeschluchten, wie die Druckwelle eines Tornados und ließ den Grund aufgerissen und kaputt zurück. Überall rannten Menschen voller Schmerz und Haß, gejagt oder auf der Jagd, getrieben durch den tiefsten Impuls, zu töten, zu morden, zu zerstören, das was anders war.
Jeder wußte, wer damit angefangen hatte. Natürlich - es waren die anderen... Doch niemand konnte genau sagen, wie und warum es begonnen hatte. Das schien aber auch keine allzu große Rolle zu spielen. Hauptsache die Schuldigen waren bekannt. Die Anderen. Man hörte Geschichten des Hasses, die weitergereicht wurden, wie ein Banner aus Blut, auf beiden Seiten. Sie waren sich ähnlich, nur mit vertauschten Rollen, bis ins bizarrste verzerrt. "Tötet, die schwarzen Teufel!", "Vernichtet, die weiße Pest!", schienen die einzigen Gesänge zur Melodie der Zerstörung zu sein. So lief John über das Höllenpflaster. Getrieben vom Verlangen seinen Fetzen Leben so lange wie möglich in seinen blutverschmierten Händen zu halten, als das Chaos seine Kreise immer enger um ihn herum zog. Überall lagen gekrümmte Körper, teils in sich zusammengesunken, zuckend, teils leblos erstarrt. Hier ein weißer, dort ein schwarzer, von roten Blut überzogen - erschlagen, erstochen, erwürgt und zertreten. Es gab keine Menschen mehr in dieser Stadt. Nur noch Jäger und Gejagte, Mörder und Opfer, Monster und Schlachtvieh. Er selbst war weiß, daß heißt, daß war es zumindest einmal gewesen, bevor man ihn fast zu Tode geschlagen hatte, und seine Haut zu einem Gemisch aus Blut, Dreck und Schweiß geworden waren.
Er hatte Glück gehabt. Die schwarzen Löwen hatten ihn nicht erwischt, denn zufällig kam ein Haufen weißer Hyänen vorbei und fiel über sie her. Er hatte sich halb ohnmächtig davon geschleppt und strauchelte nun ziellos umher, auf der Suche nach einem Ort der ihm Sicherheit böte - oder den schellen Tod. Überall kreischte das Chaos und er hatte aufgehört sich jedesmal erschrocken umzudrehen, denn er wußte, daß Zögern jetzt sein Ende bedeutet hätte.
Schwarz gegen Weiß. Weiß gegen Schwarz. Jahrhundertelang hatte sich der Haß unter der Kruste blinder Ignoranz zusammengebraut, und nun war der Vulkan der Engstirnigkeit aufgesprungen, vergoß seine Lava aus menschenverachtender, blinder Wut mit des Feuers Geschwindigkeit über sie. Wer nicht schnell genug rannte, verbrannte.
Warum er noch lebte wußte er nicht, aber es war wohl purer Zufall und er fragte sich lieber nicht, wie viele Straßenecken die Münze des Schicksals noch auf Leben zeigen würde. Er schleppte sich gerade um eine Ecke, als das Tosen der Höllenstimmen immer lauter zu werden schien und in einem lauten Aufschrei explodierte. Er würde von einer Druckwelle erfaßt um willenlos umher geschleudert. Er schlug hart auf und verlor dabei fast das Bewußtsein.
Dann - Stille.
Verwirrt richtete John sich unter Schmerzen auf und lauschte noch einmal.
Absolute Stille.
Was war geschehen?
Wo gerade noch die Hölle tosend ihre Pforten zu öffnen schien, wallte jetzt nur grauer Rauch.
Was war geschehen, verdammt?!
Eine Atom-bombe???
Nein, nein, dann wäre er sofort tot gewesen.
Aber die Explosion hatte den ganzen Straßenzug hinter ihm zum Entgleisen gebracht, und nur einen Haufen rauchende Asche hinterlassen. Noch immer orientierunglos und ohne Gefühl für seine Glieder taumelte er durch den Nebel des Teufelsodems, dem Rauch der Explosion, nicht merkend das er gerade dahin zurücklief, woher er gekommen war. Hier und da lagen verkohlte, rauchende Dinge herum, von denen er nicht einmal erahnen wollte, was sie vorher einmal gewesen waren. Der Gestank des grauen Nebel brannte in seiner Nase und seinen Lungen, aber das interessierte ihn nicht. So schleppte er sich weiter. Seine Pupillen weit geöffnet durch den Schrecken, den sie zwar wahrnahmen und zum Hirn durchließen, mit denen der Verstand aber nichts anzufangen wußte.
Als er fast die Hälfte der Ruinen erreicht hatte, bemerkte er einen vagen Schemen, der sich langsam auf ihn zuzubewegen schien.
Langsam wurde er größer und größer und gewann an Konturen, bis er strauchelnd und keuchend in etwa ein Meter Entfernung im wogenden Rauch menschliche Gestalt annahm.
John blinzelte, um die Figur vor ihm besser ordnen zu können. Augenblicklich wich die Verunsicherung dem Schrecken, denn vor ihm stand einer von ihnen, den schwarzen, etwa zwei Meter groß und von Muskeln und Narben gleichermaßen gezeichnet. Doch auch auf dem Gesicht seines Gegenübers spiegelte sich Entsetzen wieder. Er hatte ihn auch erkannt.
So standen sie sich eine Weile erstarrt gegenüber, wie zwei Statuen aus Asche und Ruß. Die weiße Asche hatte den schwarzen zur Hälfte überdeckt und verlieh ihm eine gespenstische Erscheinung, halb schwarz, halb weiß. Doch auch John hatte von der Explosion ein Geschenk bekommen. Als er an sich herabsah stellte er fest, das er zur Hälfe mit schwarzem Ruß bedeckt war.
Sie sahen einander an.
Sie sahen einander irgendwie ähnlich.
Er folgte eine kurze Stille.
Dann Erkenntnis.
Langsam begann der Schwarze zu lächeln. Ein Lächeln, welches breiter und breiter wurde und John schließlich mitriß.
John überlegte kurz und sagte dann:"Gib mir Deine Hand" und streckte ihm seine entgegen. Und als der Schwarze seine ergriff und sie beide mit Tränen in den Augen zu Lachen begannen, durchzog ein Gedanke in diesem Augenblick völliger Gleichheit beide Geister.
Ob schwarz oder weiß.
Egal...
Dann klopften sich beide die Überreste der Explosion von der Haut, schwarz wurde wieder schwarz und weiß wieder weiß. Danach schauten sich beide noch einmal prüfend in die Augen, schüttelten den Kopf, umarmten sich und gingen Arm ihn Arm, einander stützend über die Trümmer hinweg...

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
Kommentare und Aufrufzähler beginnen wieder mit NULL.)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!