Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92209
Momentan online:
480 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schwedentrunk
Eingestellt am 07. 09. 2001 19:18


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Schwedentrunk
Weiter hinten, da, wo die grelle Sonne eine grĂŒne Lichtung aufleuchten ließ, da konnte er endlich die verkrĂŒppelten Kiefern erkennen, die er seit zwanzig Minuten suchte.
„Jetzt kannÂŽs nicht mehr weit sein“, seufzte er und betrachtete zum fĂŒnfzigsten Mal das Papier, das er in der Brusttasche seines schwarzen Hemdes aufbewahrte; es sah entsprechend zerknittert aus – und schweißgetrĂ€nkt.
Er lief nun immerhin schon lĂ€nger als zwei Stunden durch diese menschenleeren WĂ€lder, die sich stĂ€ndig in Bewuchs, Dichte und Art verĂ€nderten. Über ihm rauschte es gleichmĂ€ĂŸig; der steife, heiße SĂŒdwind orgelte durch die Kiefernwipfel, ließ die Nadeln singen. Sein Schritt auf dem weichen, federnden Nadelkissen war fast unhörbar.
Der Schweiß lief ihm unter den Achseln weg, nĂ€sste das Hemd und versickerte im Hosenbund. Das Laufen machte ihm Probleme; er ging fast nie zu Fuß, hasste jeden Sport.
Seine flache Brust hob und senkte sich schnell; er war ja auch schwach gebaut. Auf einem dĂŒrren Oberkörper saß ein schmaler Kopf mit schĂŒtterem Blondhaar und einem hohlen Gesicht, das von einem zittrigen Ziegenbart verschönert -, mĂ€nnlicher - gemacht werden sollte. Er war zwar noch jung, hatte gerade mit dem sechsten Semester des Soziologie-Studiums begonnen, aber er hatte einfach keine Kondition. Das hier, das war mehr, als er sonst im ganzen Jahr lief.
„Sport ist was fĂŒr geistig verarmte Menschen, mein Junge!“, hatte seine Mama entschieden, als er im Fach Sport ein fettes „Mangelhaft“ bekommen hatte.
„Wozu brauch ich Muskeln?“, fragte er heftig zurĂŒck, wenn man ihn wegen seiner dĂŒrren Gestalt hĂ€nselte. „FĂŒrÂŽs Sitzen brauch ich keine Kondition, ich hab meine Kondition im Kopf – und davon hab ich ne Menge!“

Er war schon in der MorgendĂ€mmerung losgefahren, hatte das Auto im letzten Dorf abgestellt. Er war keinem Menschen auf den engen Straßen begegnet; hinter leicht bewegten Gardinen hatte er allerdings Beobachter vermutet, die den Fremden abwĂ€gend, misstrauisch betrachteten.
Er musste sich beeilen, wenn er um zwölf Uhr am Ziel sein wollte; das war die dick unterstrichene Forderung des Professors.
Der Professor! Wer mochte der Mann sein, der ihn ausgewĂ€hlt hatte, der ihn fĂŒr gut genug hielt? Was mochte ihn so beeindruckt haben?
„Wahrscheinlich war es meine letzte Story - auf die hat er sich doch auch bezogen“, dachte er.
So ganz hatte er den Sinn dieses Events, das Auswahlverfahren und auch die genau vorgeschriebene Vorgehensweise nicht verstanden.
„Ist ja auch egal!“, dachte er und schob alle Bedenken an die Seite; er war von seiner einmaligen QualitĂ€t ĂŒberzeugt – und andere waren es wohl auch.
„Meine letzte Story! Mann, war die gut! Was fĂŒr eine Reaktion! Diese Stubenhocker und BedenkentrĂ€ger! Diese Weicheier und MĂ€rchen-Schreiberlinge! - Was hab ich die geschockt!“
Er kannte diese letzte Geschichte fast auswendig, konnte die harten Szenen vor seinem Auge ablaufen lassen wie einen Film. Er hatte aber auch was reingeschoben, Mann, oh Mann! Die Geschichte hatte ja ganz harmlos angefangen - das machte er immer so, es verlockte auch die Weicheier zum Weiterlesen. Aber dann! Zeile fĂŒr Zeile - ein Schock nach dem anderen!
„Da hat euch rabbit666 wieder mal was zum Verdauen gegeben!“
Eigentlich hieß er ja Erwin Schulze, aber das brauchte keiner zu wissen; der Name kam ihm dĂ€mlich vor.
„Gut, dass man anonym bleiben kann im Internet! Rabbit666 ist mein KĂŒnstlername“, hatte er gedacht. Er liebte Kaninchen, hatte als Kind selber sechs StĂŒck gehabt; daher stammte sein Pseudonym.
Als rabbit666 war er ein Hit, ein Markenzeichen. Keine Story ohne Blut, ohne detaillierte Beschreibung von Gewalt in jeder Form. FrĂŒher, bevor er ins Internet rein konnte, da hatte er in Schulhefte geschrieben, hatte sich grausige Bilder ausgedacht und gemalt; die Farbe Rot war stĂ€ndig aufgebraucht. Die Sachen hatte er hinter den alten BĂŒchern verstecken mĂŒssen, denn Mama war sehr streng gewesen – und das war sie heute noch.
Mama putzte seinen Schreibtisch fast tĂ€glich, er wusste genau, dass sie alles las, was da rum lag; sie durchwĂŒhlte sogar die SchreibtischfĂ€cher und seine Aktentasche.
„Mama passt auf wie ein Schießhund!“, hatte er dem Videoverleiher erklĂ€rt, als der sich wunderte, weil er die Videos immer in eine HĂŒlle steckte, die zu „Frau Holle“ gehörte.
Aber ins Internet, da konnte sie nicht reingucken, davon hatte sie zum GlĂŒck keine Ahnung. Und mit dem Pseudonym rabbit666 konnte sie eh nichts anfangen.
„Mach nur nichts mit diesem Sexzeugs, Junge! Man hört so viel von diesem schrecklichen Kram im Internet“, hatte sie gesagt. „Sonst muss ich dir das da wegnehmen!“ Dabei hatte sie mit Abscheu und Widerwillen den Bildschirm angesehen, als ob der an all dem Internet-Elend schuld sei.
Heute las die ganze Welt seine Geschichten; er war wer; er war stark und mĂ€chtig. Wer wollte ihm vorschreiben, was er schreiben sollte? Etwa diese BedenkentrĂ€ger? Bloß gut, dass es Literaturportale gab, die alles aufnahmen und jede Zensur Ă€ngstlich vermieden.
„Meine Phantasie ist beispiellos! Das hat der Professor in der letzten Geschichte auch klar erkannt. Wie Shock da die Weiber auf den Boden wirft, sie mit dem Messer aufschneidet! Hat schon mal einer besser beschrieben, wie sich das anhört, wenn das Messer...? Wohl kaum. Ihre Schreie! Ich kannÂŽs eben realistisch beschreiben – wer kann das schon? Und dann das Blut! Ich habÂŽs doch nur so strömen lassen! Die haben so viel Blut drin gehabt, dass es noch in der letzten Zeile wie wild auf den Boden tropfte. – Ha, ha! Ja, das ist lebendige Literatur! Hart ist das Leben, und das muss man hart beschreiben, – BlödmĂ€nner, die das nicht begreifen!“
Es gab so viele Leser, die ihm zehn Punkte fĂŒr diese Geschichte gegeben hatten; damit hatte er fast nicht gerechnet. Und die Kommentare erst! Ganz große Klasse! Er hatte sich ĂŒberhaupt nicht zu verteidigen brauchen wegen der Verrisse; das hatten alles die Leser ĂŒbernommen; die hatten diesen Weicheiern die Meinung gesagt. Na ja, die hatten ja auch bald resigniert - die wĂŒrden es nie lernen.
Wenn diese Schreiberlinge wĂŒssten, dass er eine Einladung von Professor Apparent bekommen hatte! „Geil“, dachte er. „Das ist ne klasse Auszeichnung!“ Er hatte zwar noch nie von diesem Mann gehört, aber das musste nichts heißen.
„Einladung zum Sondertreffen der Literaturfreunde!!“ stand quer ĂŒber dem Blatt.
„Lieber rabbit666, wir brauchen dich bei unserem Treffen! Deine sehr harten, brutalen ErzĂ€hlungen, besonders aber die letzte Geschichte, haben uns auf dich aufmerksam gemacht.“
Man wolle besonders wortgewaltige Autoren zusammenrufen, die in der Lage waren, auch harte, sehr harte Details zu beschreiben. Sie sollten bei einem speziellen Event EindrĂŒcke sammeln und daraus eine Geschichte entwickeln – mit allen blutigen und brutalen Einzelheiten. Die beste Geschichte wĂŒrde prĂ€miert, bekĂ€me eine international anerkannte Auszeichnung. Man habe nur die Besten hierzu eingeladen; die Teilnehmer mĂŒssten sich also anstrengen und ihr Bestes geben.

Sie hatten einen Anreiseplan mitgeschickt, der Zeit und Ort mit genau beschriebenen Wegemarken enthielt. Treffpunkt war ein „Haus“, mitten im Wald.
„Warum muss das Treffen in dieser Wildnis stattfinden? Wahrscheinlich gehört das zu dem angekĂŒndigten Ereignis. Ist wohl wirklich sehr geheim! Mann, hoffentlich find ich hier jemals wieder raus!“
Der Schweiß lief ihm von der Stirn, die Haare klebten am Kopf; je höher die Sonne stieg, desto heißer wurde es, sogar hier im Schatten der BĂ€ume war die Luft unertrĂ€glich. Erschöpft blieb er stehen, lehnte sich an einen Baumstamm, als er merkte, dass seine Beine zitterten und die Fußsohlen brannten.
Nach einem nochmaligen Studium des Plans ging er langsam weiter. Als er endlich die Lichtung erreicht hatte, bog er ab, wie der Plan es vorsah, arbeitete sich wohl eine halbe Stunde zwischen niedrigem GebĂŒsch durch und erreichte den nĂ€chsten Hochwald. Hier gab es lockeren Mischwald aus Birken, Eichen und Buchen, und dazwischen wucherten BrombeerbĂŒsche und Brennnesseln.
Es gab keinen Fußweg, keine Markierungen. Er holte noch einmal den Plan heraus, der an dieser Stelle einen geraden Strich bis mitten in den Wald aufzeigte. An der Stelle, an der die Handeintragung endete, stand fett: „Haus“; sonst gab der Plan nichts her.
Er ging wieder los, verkratzte sich HĂ€nde und Arme; lose hĂ€ngende Zweige schlugen in sein Gesicht. Mit jedem Schritt wurde er wĂŒtender – und unsicherer.
War er hier richtig? War das Ganze vielleicht ein Spaß, wollte man ihn reinlegen? Kommilitonen vielleicht? War das eine Falle?
„Verdammt, verdammt! Wenn das hier Scheiße ist, dann kann dieser Professor Apparent was erleben, - oder wer da hinter steckt. Ich krieg raus, wer das ist!“
Und dann stand er plötzlich am Rand einer kleinen, grasbewachsenen Lichtung, in deren Mitte tatsÀchlich so etwas wie ein Haus stand.
„Ha, ha! Dass ich nicht lache! Ein Haus! Bruchbude wĂŒrde ich das nennen!“, murmelte er.
Das Dach war mit verwitterten, windzerzausten Holzschindeln bedeckt, die kaum noch Regen abhalten konnten. Die WĂ€nde bestanden aus grob geschnittenen Holzbrettern mit fingerdicken Fugen und etlichen großen Astlöchern. Das einzige Fenster war lieblos mit Brettern vernagelt; eine schmale, sehr niedrige TĂŒr ohne Klinke ergĂ€nzte das Bild; alles war ohne Farbe, grau und verwaschen.
„Uralt sieht der Mist aus“, murrte er. „Das ist bloß ein Schuppen! Verdammt! Ich bin doch hoffentlich richtig? Soll das hier ein Seminarraum sein, oder was?“
Die TĂŒr war nicht verschlossen; es genĂŒgte ein leichter Druck. Sie schwang lautlos auf, gab einen fast völlig dunklen Raum frei, der leer und kahl im Zwielicht lag. Der Bretterboden war mit Staub bedeckt, keine Fußspur war zu sehen.
Er blinzelte, versuchte etwas zu entdecken; aber da war nichts. Auf der anderen Seite des schmalen Raumes konnte er eine TĂŒr erkennen, und die hatte eine Klinke.
„Da geht’s wieder raus. Was soll das alles?“
Er trat hastig vor, spĂŒrte einen harten Schlag an seiner Stirn und stĂŒrzte zu Boden. Den mĂ€chtigen, tief hĂ€ngenden TĂŒrbalken hatte er einfach ĂŒbersehen. Es wurde dunkel vor seinen Augen, und als er nach langer Zeit das DĂ€mmerlicht wieder sehen konnte, fĂŒhlte er einen wĂŒsten Kopfschmerz.

MĂŒhsam drĂŒckte er sich vom schmutzigen Boden hoch, duckte sich sehr tief unter dem TĂŒrbalken, durchquerte diesmal vorsichtig – und ziemlich wĂŒtend - den Raum, fasste die Klinke und drĂŒckte die leicht bewegliche TĂŒr auf.
Er starrte völlig ĂŒberrascht auf das Bild, das sich ihm darbot. Vor ihm lag ein Raum, in dem ein grob gezimmerter Tisch mit blank gescheuerter weißer Holzplatte den Mittelpunkt bildete.
Auf dem Tisch verkĂŒndeten vier leere hölzerne Teller, neben denen je eine Holzgabel mit groben Zinken lag, dass dies ein bewohnter Raum war.
Helles Licht flutete durch zwei kleine Fenster, ließ schwebende, tanzende Staubkörner erkennen. Völlig verblĂŒfft trat rabbit666 in den Raum, die TĂŒr bewegte sich hinter ihm sehr langsam, schloss sich mit einem schmatzenden GerĂ€usch. Er blickte sich neugierig um. Vier grob geschnitzte StĂŒhle standen an den Querseiten des Tisches. Links erhob sich ein rußgeschwĂ€rzter Karminabzug ĂŒber einer erloschenen Feuerstelle bis zur niedrigen, dunklen Decke.
Mitten auf der grauen FlĂ€che des Karmines schwebte ein Falke, ein ausgestopfter Falke, der seinen Schnabel weit geöffnet hatte; er glaubte einen Augenblick lang, der Falke hĂ€tte seine Augen bewegt. Aber da musste er sich geirrt haben; der Vogel war tot; ein FlĂŒgel hing schlaff - wie gebrochen - herunter.
Ein schmiedeeisernes Gestell stand mitten unter dem Kaminzug. Drei schwere, schwarze Töpfe hingen an dem kantigen Eisen. An der Wand, neben dem Kamin, lehnte ein spitzes, langes Eisen, das wohl benutzt wurde, um die HolzstĂŒcke zu drehen und sie richtig ins Feuer zu drĂŒcken.
Ein breites und wandlanges Bord vervollstĂ€ndigte die Einrichtung. Mehrere einfache Tonteller und vier große Tassen mit dicken Henkeln, alle in Erdfarbe, standen ordentlich auf diesem grob gezimmerten Brett.
„Kann ja wohl kaum der Seminarraum sein!“, dachte rabbit666 missmutig.
Er ging verwirrt bis zum gardinenlosen Fenster und prallte zurĂŒck. Er hatte doch gerade eben noch gesehen, dass hinter der windschiefen Bude der Wald begann; wuchtige EichenĂ€ste hatten ĂŒber dem Dach gehangen; da war nicht ein der geringste Platz gewesen - er war so sicher, wie man es nur sein kann.
Und da draußen dehnte sich nun ein verdreckter, von Wagenradspuren durchzogener, großer Platz, der von flachen, windzerzausten HĂ€usern umsĂ€umt wurde.
Weiter hinten, dicht vor den BĂ€umen, ragte der plumpe Turm einer Holzkirche hoch; in der Mitte des Turms sah er ein Loch, in dem die Umrisse einer kleinen Glocke schwach erkennbar waren.
Zwei Pferdefuhrwerke mit vorgespannten Pferden standen am Rand des Platzes, – und wohl ein Dutzend Menschen konnte er mit einem Blick erkennen.
Die MĂ€nner trugen knielange, dunkelbraune Hemden mit einem LedergĂŒrtel, an dem Messer und Beutel hingen. Weite, stirnbedeckende Kapuzen - lilafarbene Hauben - hingen bis auf die Schultern herunter.
Vier Frauen standen in einer Gruppe zusammen. Sie waren mit knöchellangen gelblichweißen Hemden bekleidet, deren einzige Verzierung ein kleines ovales Dekollete war. Sie versteckten ihre Haare unter großen weißen Hauben, die mit einem Kinnband festgebunden waren. Auch die Frauen hatten GĂŒrtel um die Taille gebunden, an denen Stoffbeutel und SchlĂŒssel hingen.
Einige MĂ€nner werkelten an den Wagen; einer spannte ein Pferd aus, andere trugen schwere BĂŒndel Holz von einem der Wagen in einen Schuppen.
„Das Abenteuer! Hier spielt also das Abenteuer!“, dachte er benommen, obwohl dies das friedlichste Bild war, das man sich denken konnte.
„Die haben keine MĂŒhen gescheut, um hier was aufzubauen. He, - toll! Sieht aus wie im Mittelalter, echt gut gemacht! Bin gespannt, wann die Metzelei losgeht.“
Er ging jetzt beschwingt zur TĂŒr, die auf den Platz fĂŒhrte, und trat vor das Haus. Die Luft war eigentĂŒmlich fest, wie eine Haut spĂŒrte er sie, glatt, sanft und weich. Es war gar nicht so heiß, wie er es in Erinnerung hatte. Die Sonne war weg, ĂŒber ihm hing eine graue Glocke.
Niemand nahm ihn wahr; keiner drehte sich um, keiner beachtete ihn. Er schritt langsam vorwĂ€rts, zögernd, fast tastend; er suchte einen zustĂ€ndigen Ansprechpartner – etwa einen Regisseur, oder den Professor Apparent.
Beim NĂ€herkommen sah er die Gesichter der Menschen; sie sahen mĂŒde, blass und elend aus.
Zwei Frauen standen in seiner NĂ€he, unterhielten sich offensichtlich sehr erregt. Sie zeigten immer wieder zum Wald, der im Hintergrund schwarz zum bleifarbenen Himmel wuchs.
Ihre Stimmen hörten sich eigentĂŒmlich an; er dachte zuerst, er hĂ€tte einen Pfropf im Ohr, denn er hörte alles wie durch Watte gedĂ€mpft. Hinzu kam, dass die Worte und SĂ€tze eigentĂŒmlich im Klang, im Aufbau waren, manche Worte kannte er nicht; sie besprachen offensichtlich das Drehbuch, ĂŒbten ihre Texte.
„Schwedenbande“, „morden und brennen“, und „sie haben meines Knans Haus und Hof zernichtet! Knan und Meuder sind tot!“, hörte er und andere Worte verstand er ĂŒberhaupt nicht.
„Kupfer und Zinngeschirr nehmet sie!“
„MĂ€gde traktieren sie so, dass der Herrgott sie nicht mehr ansehen kann!“
„Guten Tag! Sagen Sie, meine Damen, wann geht®s denn los? Wo ist Professor Apparent?“
„Sie schlagen Ofen und Fenster ein, Mordbuben und Gesindel sind das!“
„Haben Sie mich verstanden? Ich möchte wissen, wo der Professor steckt!“
Sie gaben ihm keine Antwort, ignorierten ihn, taten so, als sei er Luft.
„Blöde Weiber! Typisch Schauspieler!“, murmelte er wĂŒtend und ging auf drei MĂ€nner zu, die eines der großen Pferdefuhrwerke abluden.
Sie unterhielten sich stockend, wĂ€hrend sie Brennholz, das sie wohl gerade aus dem Wald geholt hatten, auf die Schultern packten. Auch hier hatte er das GefĂŒhl, die Worte durch einen Wattebausch zu hören.
„Die Reuter sind die schlimmsten Mordbuben! Wenn die Schwedenreuter kommen, kommt der Tod!“
Die ĂŒbten also auch noch ihre Texte, dachte er, und fragte sich beim NĂ€herkommen, warum diese MĂ€nner eine so ĂŒberflĂŒssige Arbeit machten, die offensichtlich anstrengend und schweißtreibend war; das StĂŒck hatte ja noch nicht einmal angefangen.
„Verdammt! Das sind doch Schauspieler! Was soll der Unsinn? Ist das alles noch Übung, oder hat die Scheiße schon angefangen?“
„He! Mein Name ist Erwin Schulze, bekannt als rabbit666, wenn euch das mehr sagt. Wisst Ihr, wo der Professor ist?“
„Sie nehmet die Federn aus den Betten und fĂŒllet hingegen Speck und anderes, sie finden, hinein.“
„Und anderes verbrannt sie, ob StĂŒhl, ob Bett, ob Haus!“
Sie sahen ihn nicht an, reagierten in keiner Weise auf ihn.
„Die ĂŒben tatsĂ€chlich noch! Dummes Schauspielerpack!“, dachte er.
Es reichte ihm! Er stellte sich mitten auf den Platz, stemmte die HĂ€nde in die Seiten und schrie mit sich ĂŒberschlagender Stimme, dass es von den HĂ€usern in einem sich ĂŒberschlagenden Echo widerhallte.
„Seid Ihr alle schwerhörig? He, Ihr Schauspieler! Ich hab genug von eurem Scheißspiel! Wo ist Professor Apparent? Wer ist hier der Verantwortliche?“
Nicht einer auf dem Platz reagierte, drehte sich um, machte den Eindruck, als habe er etwas gehört. Er schnaufte wĂŒtend und genervt.
SchrÀg hinter sich hörte er plötzlich ein helles Lachen, etwas gedÀmpft allerdings, wie bei den anderen. Er drehte sich blitzschnell um, glaubte, er sei die spöttisch belachte Zielscheibe.
Vor dem hohen, aber schmalen Tor der Kirche, das man wahrlich nicht Portal nennen konnte, stand ein MĂ€dchen neben einem Pfarrer, der seiner Begleiterin ĂŒber das blonde Haar strich.
Das MĂ€dchen war gekleidet wie die anderen Frauen, es fehlte aber die weiße Haube; das blonde, lange Haar wurde in einem Zopf gebĂ€ndigt, der um den Kopf geschlungen war.
Ihr Gesicht! Er starrte in dieses schöne Gesicht, als sehe er ein Wunder. Große Augen, hohe Backenknochen, eine schmale, gerade Nase und ein weicher, geschwungener Mund.
„Mann, ist das ÂŽne Wucht!“, dachte er und ging auf die beiden zu. Der Pfarrer, groß und mit breiten Schultern, trug eine schmuddelige Soutane. Ein derber Strick, mit einem großen Knoten um den Bauch gebunden, zeigte die enorme LeibesfĂŒlle, die dieser Diener Gottes herum trug.
„Gut, dass du das Lachen wiedergefunden hast, mein Kind! In dieser Zeit! Gott bewahre uns! Geh, mein Kind! Gott und die Jungfrau Maria werden dich beschĂŒtzen“, sagte er zu dem MĂ€dchen und gab ihm einen zĂ€rtlichen Schubs.

Sie kam direkt auf ihn zu; bei jedem Schritt, den sie nÀher kam, wuchs seine Erregung. Er war zwar schon immer leicht entflammbar gewesen, aber die hier, das wusste er selber, hatte ihn lichterloh brennen lassen.
„Hallo, hĂŒbsches MĂ€dchen! Darf ich dich was fragen?“
Sie ging an ihm vorbei, als sei er Luft. Beleidigt und gekrĂ€nkt folgte er ihr mit den Blicken. Ihre Figur war einfach fantastisch; groß war sie, schlank, und hatte einen Busen, der ihn trĂ€umen ließ.
„Mann, oh Mann! Na warte! Die wird meine QualitĂ€ten noch kennen und schĂ€tzen lernen. Ich muss an die ran kommen! Egal, was dieser Professor dazu sagt - ist mir doch scheißegal!“, stöhnte er, stiefelte los, folgte ihr ĂŒber den weiten Platz.
Plötzlich blieb das MÀdchen stehen, drehte sich um, starrte ihn mit weit geöffneten Augen an, riss den Mund auf, als wollte sie aufschreien.
„He! He! Ich tue dir nichts! Brauchst keine Bange zu haben, Kleine. Du gefĂ€llst mir! Ich bin rabbit666, wirst mich ja wohl kennen, oder? Hast du schon was vor, wenn wir hier fertig sind? Könnte dir eine von meinen irren Geschichten erzĂ€hlen, wenn du weißt, was ich meine.“
WĂ€hrend er plapperte und nur Augen fĂŒr das Gesicht des MĂ€dchens hatte, ging sie langsam rĂŒckwĂ€rts, als wollte sie vor ihm fliehen. Er schwieg irritiert, dann erst entdeckte er, dass sie nicht ihn ansah, sondern, haarscharf an seinem Kopf vorbei, zur Kirche starrte.
Er drehte sich um und erblickte mindestens ein Dutzend Reiter, die aus dem Wald quollen, ihre Pferde zum Dorfplatz drÀngten.
„Es geht los!“, rief er dem MĂ€dchen zu. „Endlich! WurdÂŽ ja auch Zeit! Bis nachher! Ich muss aufpassen, dass ich nichts versĂ€ume!“
Die Reiter trugen Metallhelme, an denen FederbĂŒsche herab hingen, eiserne Brustpanzer, die bis auf den Schoß reichten, und Hosen, die unter dem Knie bauschig zusammengebunden waren. Alle hielten Waffen in den HĂ€nden; er sah lange, klobige Schwerter und spitze Lanzen. Einige Reiter trugen in der linken Hand einen Schild, den sie an den Körper pressten.
Die Pferde drĂ€ngten nervös vorwĂ€rts; der vorderste Reiter, der einen roten Überwurf auf der Schulter hatte, hielt direkt neben dem Pfarrer, der noch vor der KirchentĂŒr stand wie angewurzelt auf die Fremden starrte.
Der Reiter sprach kein Wort, bĂŒckte sich, griff in die langen, grauweißen Haare des Pfarrers, zog den schweren Mann mit einem heftigen Ruck zu sich heran und gab seinem Pferd die Sporen.
Das Pferd warf den Kopf hoch, wieherte laut und galoppierte erschrocken los, der Reiter hielt dabei den Pfarrer an den Haaren fest, schleifte den Mann neben sich her. In der Mitte des Platzes ließ er den StĂŒrzenden los.
Die Menschen auf dem Platz bewegten sich nicht, wirkten wie erstarrt. Aus den HĂ€usern strömten die ĂŒbrigen Bewohner, die MĂ€nner vornweg, dahinter Frauen und Kinder; sie verharrten in der NĂ€he ihrer HĂ€user, als sie den Grund des LĂ€rms erkannten. Die Reiter stiegen ab, fĂŒhrten ihre Pferde mit sich, blickten sich sichernd um und blieben neben dem Pfarrer stehen.
„Na Klasse!“, murmelte rabbit666.
Ein lautes Kommando ertönte; ein Reiter schritt steifbeinig zum Pferdewagen, wĂŒhlte in den HolzbĂŒndeln und hielt lachend ein StĂŒck Holz hoch, das ihnen wohl passend erschien, denn einige Soldaten nickten beifĂ€llig.
Ein weiteres Kommando ließ einen anderen Soldaten zu einem der HĂ€user laufen. Er griff sich einen MelkkĂŒbel, der an einem Eisenhaken hing, ließ sich auf die Knie fallen und tauchte ihn in die Jauchegrube, die neben dem Haus offen stand. Den ĂŒberschwappenden Eimer trug er unter dem Gejohle seiner Kameraden zu der Gruppe, die sich rund um den Pfarrer aufgestellt hatte.

Die Dorfbewohner standen noch immer steif, rĂŒhrten sich nicht, sprachen kein Wort. Rabbit666 hatte die HĂ€nde in die Taschen gesteckt, ging auf die Soldaten zu und lachte voller Vorfreude; er liebte solche Szenen, die auf seinen Leihvideos wie echt aussahen - die knallharten Videos, die er so liebte, waren voll davon. Da hatte er schon manche gute Anregung bekommen.
Die Soldaten beachteten rabbit666 nicht, taten so, als sei er nicht da. Der Reiter mit dem roten Umhang beugte sich herunter, betrachtete den Pfarrer ausgiebig.
„Hör zu, Pfaff! Du sagst den Herren hier, wo vergraben seien deine goldenen Kelch, Monstranz und all die anderen gut SchĂ€tze. Wir trinken aus deinen Bechern euren Wein – mit dir - und du wirst den Schwedentrunk nicht fĂŒrchten mĂŒssen.“
Der Pfarrer, das konnte rabbit666 gut sehen, stierte mit großen Augen die Soldaten an, schĂŒttelte langsam den Kopf. Rabbit666 war begeistert, das StĂŒck fing gut an, die Spannung wuchs.
„Nun, so magÂŽs beginne!“, sagte der Soldat mit dem Umhang und zeigte auf den MelkkĂŒbel. Zwei Soldaten knieten sich neben den Pfarrer, rissen seinen Mund auf, quetschten das Holz als Maulsperre hinein. Mit dicken Stricken banden sie ihm Beine und Arme fest zusammen.
Rabbit666 lachte grell und laut auf; der Pfarrer sah mit seinem aufgesperrten Mund und den sich wie wild bewegenden Augen einfach zu komisch aus.
Routiniert goss der Soldat, der den KĂŒbel geholt hatte, langsam, stetig zunehmend, treffsicher die Jauche in den Mund des Pfarrers. Die ekelige braune BrĂŒhe lief ihm ĂŒber das Gesicht, in die verzweifelt rollenden Augen.
„Nun, Pfaff? Schmecket dir der Trunk? Oder zeigest du uns die SchĂ€tze?“
Der Pfarrer schĂŒttelte den Kopf.
„Weiter!“
Die Befragung wiederholte sich noch mehrmals. Immer wieder schĂŒttelte der Pfarrer den Kopf, allerdings deutlich schwĂ€cher. Die Soldaten schrieen, lachten, zeigten sich gegenseitig die Zuckungen des armen Mannes, seine vergeblichen BemĂŒhungen, dem erstickenden Zeugs zu entkommen.
„Das muss ich mir merken! Einfach spitze!“, rief rabbit666 und klatschte begeistert Beifall.
Die Soldaten hörten nicht auf, bis der Pfarrer die Augen schloss, die Glieder noch einmal konvulsivisch streckte - und der KĂŒbel leer war.
Rabbit666 sah aus den Augenwinkeln das blonde MĂ€dchen, das mit großen Schritten auf den Holzwagen zulief. Aber die Szene vor ihm fesselte ihn so, dass er nicht weiter auf sie achtete.
Hinter rabbit666 ertönte ein schriller Schrei; das MĂ€dchen mit dem langen Zopf hatte sich unbemerkt einen armdicken KnĂŒppel vom Wagen geholt, schwang ihn ĂŒber ihrem Kopf und stĂŒrmte auf die Soldaten zu.. Der Gottesmann! SĂŒndige Schwedenbande! Lasset ihn leben, er ist unser Heiliger!“
Die Soldaten lachten, fingen das MĂ€dchen mĂŒhelos ab, rissen ihr den KnĂŒppel aus der Hand, schlugen ihr mit den Schwertergriffen auf den Kopf und warfen das besinnungslose MĂ€dchen wuchtig auf den Boden.
Als wĂ€re das ein Signal gewesen, sprangen alle MĂ€nner des Dorfes los, brĂŒllend liefen sie zum Holzwagen, zerrten KnĂŒppel aus dem Gewirr, stĂŒrzten sich auf die Soldaten. Die Pferde wichen von sich aus zurĂŒck, machten das Kampffeld frei.
„Schwedische Galgenvögel!“
„Ergreifet sie!“
„Schlaget sie tot!“, schrieen die MĂ€nner und drangen auf die Soldaten ein, die ihre Schwerter gezogen hatten.
Rabbit666 trat ein paar Schritte zurĂŒck und feuerte die angreifenden Bauern an: „Zeigt denen mal, was ne Harke ist. Ich will was sehen! Los, los!“

Was nun kam, sprengte alles, was rabbit666 jemals gesehen, geschrieben, getrĂ€umt hatte. Die Soldaten hatten leichtes Spiel; sie schlugen den MĂ€nnern die Arme ab. KnĂŒppel, an denen noch die Arme hingen, fielen in den Dreck; sie hieben den Bauern die Köpfe ab; wenn sie auf dem Boden lagen, stachen sie mit den Lanzen in die Leiber.
Es war ein irrsinniges, grausames Gemetzel. Die Schreie der Getroffenen, das BrĂŒllen der Soldaten ließ rabbit666 fast schwindelig werden.
Das Blut spritzte, Gliedmaßen lagen auf dem Boden, die Söldnerschar schrie und lachte bei der AusĂŒbung ihres gut gelernten ĂŒblen Handwerks, als sei dies das grĂ¶ĂŸte VergnĂŒgen, als hĂ€tten sie nur auf diesen sinnlosen Angriff gewartet - und rabbit666 staunte, vor allen Dingen ĂŒber die unwahrscheinlichen Tricks, mit denen hier gearbeitet wurde.
Als alle MĂ€nner leblos auf dem Boden lagen, rannten einige Soldaten los, griffen sich die fliehenden Kinder, erschlugen sie im Laufen und lachten dabei noch greller – und bei diesem unglaublichen Ereignis verstand rabbit666 plötzlich, dass hier was nicht stimmen konnte.
Bis zu diesem Augenblick hatte er an Tricks, an Effekte und an ein gelungenes Brutaldrehbuch geglaubt, bis ihm die Erkenntnis dĂ€mmerte, dass dies wirklich kein Theater war, dass hier ein fĂŒrchterliches Gemetzel stattfand.
Es war blutiger Ernst, im wahrsten Wortsinn, das begriff er nun mit einem fassungslosen Staunen. Da floss Blut in Strömen und versickerte schnell im aufgewĂŒhlten Boden; abgetrennte Gliedmaßen und Köpfe lagen herum, als wĂ€ren sie Teile von Schaufensterpuppen.
Rabbit666 befiel ein Schwindel, ihm wurde schlecht vor Angst.
“Ich bin in Lebensgefahr - in allergrĂ¶ĂŸter Lebensgefahr! Ich bin mitten im Krieg; ich muss um mein Leben kĂ€mpfen.“
Als er das begriff, drehte er durch. Mit einem Schrei, voller Angst und Panik, stĂŒrmte er los, stolperte ĂŒber einen abgetrennten Arm, stemmte sich schreiend hoch, rannte vorwĂ€rts, stolperte erneut ĂŒber einen leblosen Rumpf und fiel auf den RĂŒcken. Er starrte in den bleigrauen Himmel, hörte das Gejohle nĂ€her kommen und verlor fast den Verstand.
Mit einem jubelnden Aufschrei griffen sich die Söldner die Frauen, die vergeblich zu flĂŒchten versuchten; sie rissen ihnen die Kleider herunter und fielen ĂŒber sie her.
„Tut mir nichts, liebe Soldaten! Lasst mich leben! Ich bin auf eurer Seite! Ich mache alles, was ihr wollt! Hört ihr? Ich bin rabbit666, ich bin Gast von Professor Apparent! Lasst mich leben!“
Niemand antwortete; dann hörte er, wie dicht neben seinem Kopf eine Frau laut aufschrie. Ihr Hilfeschrei ging ihm durch und durch.
„Weg! Weg! Ich muss weg, solange sie noch die Weiber haben!“, dachte er in panischem Entsetzen, erhob sich, stolperte blindlings los. Dann fiel er erneut; er stĂŒrzte auf die Beine des blonden MĂ€dchens, das regungslos dalag, angsterfĂŒllt in die Luft starrte.
„Hilfe!“, flĂŒsterte sie, aber sie sah ihn dabei nicht an. Ihr Verstand war völlig durcheinander.
„Mach, dass du wegkommst!“, brĂŒllte er das MĂ€dchen an. „Du bist mir im Weg!“
Er stieß sie hart an, rappelte sich auf und rannte weiter, auf die BĂ€ume am Rand des Platzes zu.
Hinter dem ersten Baum blieb er japsend stehen, suchte verzweifelt hinter dem Stamm Deckung. Er hatte so starkes Seitenstechen, dass er sich beim Atmen die FĂ€uste in die Seiten drĂŒcken musste; die Luft pfiff ihm nur so aus dem angstgeweiteten Mund.
Er sah rĂŒber zu der Stelle, an der sich das MĂ€dchen soeben hochstemmte. Es taumelte, wankte, und dann waren mehrere MĂ€nner bei ihr. Sie lachten laut; rabbit666 lief der Angstschweiß den Nacken herunter. Er stierte und gaffte gebannt.
Er konnte nicht sehen, was sie mit ihr machten; seine Phantasie machte ihn fast irre. Es dauerte sehr lange, er hörte ihre Schreie, die dann plötzlich aufhörten. Als die MÀnner auseinander gingen, lachend und grölend, trug einer ihren Kopf auf seiner Lanze und streckte ihn hoch in den mitleidlosen Himmel.
Seine Angst wuchs ins Unermessliche, als die Gruppe auf ihn zukam; er fĂŒhlte, wie sich seine Blase entleerte, dann fiel er in Ohnmacht, war lange nicht bei Bewusstsein.
Als er aufwachte, sich durch den Nebelschwaden gearbeitet hatte, die Erinnerung einsetzte, sah er die Lanze dicht vor sich im Boden stecken; er blickte langsam hoch; das blonde MÀdchen sah ihn aus weit geöffneten Augen an. Er erbrach sich, stemmte sich stöhnend und zitternd auf die Knie hoch, stierte zum Platz, auf dem die Leichen lagen.
Die schwedischen Söldner befestigten große BettbezĂŒge, gefĂŒllt mit ihrer Beute, an die PferdesĂ€ttel. Einige MĂ€nner streiften umher, suchten wohl nach Überlebenden. Er wagte es nicht, noch einmal zu dem Kopf hoch zu sehen, das hĂ€tte er nicht mehr ertragen.
„Ich muss hier raus! Ich muss das Haus wiederfinden!“

Es gab nur einen Fluchtweg fĂŒr ihn. Er blickte sich gehetzt um, suchte das nĂ€chste Haus; es war nur wenige Meter entfernt. MĂŒhsam kroch er auf den Knien durch die dornigen, wild ineinander verflochtenen BĂŒsche, blickte sich stĂ€ndig um.
Die HintertĂŒr stand offen, im Haus war es halbdunkel. Er kroch in den Raum, fand die TĂŒr auf der RĂŒckseite und riss sie auf. Aus einer dunklen Kammer strömte der Geruch von gerĂ€uchertem Fleisch; das war nicht das richtige Haus.
Hinter dem Haus kroch er wieder in das dornige GebĂŒsch, darin fĂŒhlte er sich zwar einigermaßen sicher, konnte sich aber nur mĂŒhsam vorwĂ€rts bewegen. Es dauerte ewig, bis er am nĂ€chsten Haus ankam. Er lauschte lange, bevor er sich hinein wagte.
Auch hier fĂŒhrte die TĂŒr in ein KĂ€mmerchen, aber es hatte ein Fenster, und er konnte ein niedriges Holzbett erkennen. Er fiel auf den RĂŒcken, total erschöpft und hoffnungslos.
„Diese Riesenscheiße! Mann, was war das bloß? TrĂ€umÂŽ ich? SpinnÂŽ ich? Schweden? Wo gibtÂŽs hier Schweden? Ob die Schauspieler durchgedreht sind? Jedenfalls ist es hier lebensgefĂ€hrlich!“
Erst nach einigen Minuten rappelte er sich auf, schlich aus dem Haus, kroch wieder in das GebĂŒsch. Er musste das Haus finden, durch das er gekommen war. Das war der einzige Ausweg; nur so hatte er eine Chance..
Auch die nÀchsten HÀuser enttÀuschten ihn. Es wurde langsam dunkel, und er wagte es, um die Ecke eines Hauses auf den Dorfplatz zu schielen. Die bepackten und gesattelten Pferde standen immer noch da; aber alle Reiter waren weg.
„Die suchen mich!“ In neuer Panik kroch er hastig zurĂŒck ins GebĂŒsch, lauschte, hörte Lachen, fremdartige Laute und dann roch er den Rauch.
„Verdammte Scheiße! Die fackeln die HĂ€user ab! Die verbrennen meinen Ausgang. Lieber Gott, hilf mir!“
Er vergaß alle Angst, sprang auf und hastete zum nĂ€chsten Haus. Wieder nichts! Weiter! Das nĂ€chste Haus.
Gelbgraue Rauschschwaden wĂ€lzten sich ĂŒber das Hausdach. Weiter oben flackerte es; der Bleihimmel hatte einen Rotstich bekommen.
Er riss die TĂŒr auf, und dann sah er im Halbdunkel des Raumes die glĂ€nzenden Augen des Falken.
„Oh, mein Gott! Das ist es!“
Er stĂŒrmte zur rĂŒckwĂ€rtigen Wand und griff, tastete, wischte in der Dunkelheit ĂŒber die glatte FlĂ€che der TĂŒr. Keine Klinke!
Mit den HandflĂ€chen fuhr er ĂŒber die Bretter, suchte das Schloss. Aber er fand nur eine glatte Fuge, in der er das TĂŒrschloss vermutete.
Draußen hörte er Schritte, polternde und rĂŒcksichtslos zutretende Schritte, dumpfes GelĂ€chter.
„Verflucht, verflucht! Sie kommen! Sie kommen!“ Er hastete zum Kamin, ertastete das Kamineisen, mit dem das Holz gewendet wurde, stĂŒrzte zur TĂŒr zurĂŒck, suchte erneut die Fuge, fand sie endlich, steckte das spitz geschmiedete Eisen hinein und riss es mit einem heftigen Ruck.
Mit einem Seufzer öffnete sich die TĂŒr. Er warf das Eisen hinter sich; es fiel klirrend auf den Boden – es war ihm egal. Er stĂŒrmte durch die TĂŒr und zog sie hinter sich zu. Mit großen Schritten stĂŒrmte er aus der Bude. Hier war es finster, nur Umrisse der BĂ€ume waren zu erkennen. Mit einem verzweifelten Hechtsprung erreichte er den Rand der Lichtung und das schĂŒtzende BrombeergebĂŒsch.
Mit einem gequÀlten Quieken fiel er auf den Boden und wurde ohnmÀchtig. Als er erwachte, starrte er in einen schwarzen Himmel voller Sterne, die durch die BlÀtter blinkten.
Kein GerĂ€usch war zu hören – oder doch? Über ihm rauschten die FlĂŒgel eines großen Nachtvogels; der heisere Schrei galt seinem GefĂ€hrten.
Er wusste plötzlich, was da draußen, in diesem eigentĂŒmlichen Dorf gefehlt hatte. Da hatte kein Vogel gesungen, nicht ein einziger Vogel. Da war totale Stille gewesen, wenn die Menschen nicht sprachen. Er lauschte angestrengt, hörte den Ruf der Vögel, und dann liefen ihm die TrĂ€nen pausenlos, es wollte nicht aufhören. Er hatte ein unendliches Mitleid mit sich, er musste einfach weinen.
„Mann, was hab ich erlebt! Ob mir das einer glaubt? Das war Krieg! Aber ich hab®s wie ein Mann durchgestanden!“

Trotz der Dunkelheit wagte er den RĂŒckweg; er verirrte sich, lief kreuz und quer durch die WĂ€lder. Er machte nur Pausen, wenn das Seitenstechen zu schlimm wurde.
Dann sah er plötzlich zwischen den BĂ€umen den Schein einer Straßenlampe. Sie warf ihr weißes Licht auf eine Straße aus Asphalt - er war in Sicherheit! Er hatte es geschafft. Er lief einfach los auf der Straße; sie wĂŒrde schon in einen Ort fĂŒhren.
Dann sah er die HĂ€user. Der Ort lag still, kein Mensch war zu sehen. Sein Wagen stand noch am gleichen Platz. Als er den ZĂŒndschlĂŒssel drehte, ging das Radio an; eine unbekannte Frauenstimme sang von Liebe und Leid. Und da musste er schon wieder weinen. Er hatte kein Taschentuch dabei und wischte das Salzwasser mit dem Ärmel weg.

Sein Kopf schmerzte, als er sein Zimmer betrat. Seine Mama schlief wohl schon, er konnte kein Licht im Wohnzimmer erkennen. Er hatte bereits vor der HaustĂŒr die Schuhe ausgezogen, war ohne Licht durch den Flur geschlichen.
Er setzte sich vor den PC und drĂŒckte den Einschaltknopf. Es dauerte ewig, bis er sich einwĂ€hlen konnte. Die Seite seines Literaturportals hatte er als Startseite festgelegt, er war sogleich drin.
Dann sah er sich seinen Posteingang noch einmal an. Es gab keine Email von einem Professor Apparent! Er kontrollierte jede Nachricht der letzten vierzehn Tage, schaute in den Ordner fĂŒr gelöschte Nachrichten, suchte sogar im Papierkorb des PCs.
„Aber die war doch da! Verdammt noch mal! Ich spinn doch nicht!“
Er griff an seine Hemdenbrusttasche – leer! Er lehnte sich erschöpft zurĂŒck, ĂŒberlegte angestrengt, wo er den Plan und die Email-Nachricht verloren haben könnte. Er fand keine Lösung. Sein Kopf schmerzte, und es pochte an der Stirn. Er hatte eine mĂ€chtige Beule an der Stelle, an der ihn der TĂŒrbalken getroffen hatte.
„Die Schweine haben mich reingelegt! Aber was war das dann? Wie können die das gemacht haben? Scheißegal! Ich reagier einfach nicht drauf! Aber Stoff fĂŒr meine nĂ€chste Geschichte, Freunde, den hab ich!“
Er rief sein Textprogramm auf und schrieb die Überschrift:
„Der Schwedentrunk!“
Alles andere wĂŒrde er am nĂ€chsten Tag schreiben; er war todmĂŒde.

Erst nach einer Woche fand Erwin Schulze, alias rabbit666, den Mut, sich in seinen Wagen zu setzen und in das stille Dorf zu fahren. Er stellte den Wagen auf dem gleichen Platz ab, der diesmal sehr belebt war, ging durch das GebĂŒsch am Straßenrand und suchte den Weg durch die WĂ€lder.
Er hatte keine große MĂŒhe, obschon er ohne Plan suchen musste. Bei den verkrĂŒppelten Kiefern blieb er stehen: Er zitterte und seine Beine waren wie Gummi. Dann ging er weiter, durchquerte den Mischwald und fand tatsĂ€chlich die Lichtung.
Da stand das verfallene, windgebeutelte Haus, das mehr eine Bruchbude war. Der Raum war noch immer völlig leer. Auf dem Boden lag dicker Staub, nicht eine Fußspur war darin zu erkennen.
Noch einmal nahm er allen Mut zusammen. Er bĂŒckte sich, um sich nicht wieder den Kopf an dem dicken TĂŒrbalken zu stoßen. Im DĂ€mmerlicht sah er die TĂŒr an der RĂŒckwand und die matt leuchtende Klinke. Seine Hand brauchte ewig, um sie zu ergreifen und nach unten zu drĂŒcken.
Die TĂŒr Ă€chzte und quietschte, als er sie mit der Schulter aufdrĂŒckte. Etwas stemmte sich von außen dagegen; nur mĂŒhsam konnte er die TĂŒr halbwegs öffnen. Brennnesseln und BrombeergebĂŒsch quollen durch die Öffnung in den Raum, wucherten draußen meterhoch an der TĂŒr, hatten ein richtiges Bollwerk geschaffen. Unmittelbar dahinter erhoben sich krĂ€ftige EichenbĂ€ume. Die Lichtung, auf der das Haus stand, war wirklich sehr klein.

__________________
Ich schreibe - also bin ich.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Sigfrid
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

Werke: 2
Kommentare: 22
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Du schreibst sehr spannend und hast einen sehr schönen Schreibstil.
Du schaffst es, daß man sich die Hauptfigur als richtig hassenswerten Egozentriker vorstellen kann.
Nur hat Deine Geschichte am Anfang ein paar LÀngen, die einem das weiterlesen erschweren können.
Aber insgesamt eine fesselnde und aufregende Geschichte.
Es kann eben niemand wissen, ob nur das existiert, was wir sehen und fassen können.
__________________
Ich lerne immer wieder gerne dazu!

Bearbeiten/Löschen    


Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Was wissen wir schon?

hallo Sigfrid, neben unserer schmalen Sicht wird es (hoffentlich) noch mehr geben, als nur das, was wir bewusst sehen.
Zu der AnfangslĂ€nge: Sie ist hier bewusst gewĂ€hltes Stilmittel, langsam, harmlose AblĂ€ufe, eingehende Beschreibubg der hauptfigur und das herantasten an das Ziel; dann das Eintauchen in etwas Überraschendes und Erschreckendes.
Danke fĂŒr die Kritik
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

Bearbeiten/Löschen    


Sigfrid
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

Werke: 2
Kommentare: 22
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Dann kann ich nur noch zu Deinem Konzept, der Geschichte, gratulieren.
Gruß Sigfrid
__________________
Ich lerne immer wieder gerne dazu!

Bearbeiten/Löschen    


Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Danke

Lieber Sigfrid, ich danke fĂŒr die gute abschließende Kritik. Ich hoffe, dass viele Leser die nicht einmal versteckte Kritik in meiner rabbit666-Geschichte verstanden haben.
Man muss Gewalt beschreiben, das ist so selbstverstĂ€ndlich wie das Schreiben ĂŒberhaupt. Es gibt kein Element unseres Lebens, das nicht in einer Geschichte aufgefĂŒhrt werden kann und darf. Es kommt, wie so oft im Leben, auf das Wie und auf die Art an; letztendlich allerdings geht es darum, ob man Gewalt der Gewalt wegen beschreibt (siehe ausfĂŒhrliche Diskussion des Beitrags von urte).
Liebe GrĂŒĂŸe
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

Bearbeiten/Löschen    


gladiator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2001

Werke: 10
Kommentare: 592
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gladiator eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Breimann,

ich habe die von Dir in der Geschichte verarbeitete Kritik verstanden und finde sie auch richtig. Ich bin gespannt, was dienjenigen, an die sie gerichtet ist, dazu sagen werden.

Trotzdem habe ich ein paar Probleme mit Deiner Geschichte.

1. Dein rabbit666 ist schon ein ziemlich widerlicher Typ. Aber eigentlich auch eine arme Sau. WĂ€re es nicht treffender gewesen, mehr die arme Sau als den widerlichen Typen zu beschreiben?
So freundet man sich mit der Figur gar nicht erst an, sondern wartet darauf, daß er endlich das bekommt, was er verdient.
Ich hĂ€tte es besser gefunden, dem Leser zu verdeutlichen, daß viele Leute schon wirklich arme Schweine sind, es aber trotzdem keinen wirklichen Grund gibt, daß sie sich die Ventile suchen, wie wir sie leider kennen.

2. Im Grunde landet rabbitt666 in der Welt, die er selbst in seinen Geschichten beschreibt. Ich hĂ€tte das allerdings deutlicher gemacht, ihn mit den Figuren konfrontiert, die er in seinen Geschichten quĂ€len lĂ€ĂŸt, oder noch besser, ihn zu einem Opfer seiner eigenen Figuren gemacht. Oder ist das bereits der Fall? Dann kommt es nicht klar genug raus.

3. Wie Du die Gewalt beschreibst, ist schon ziemlich hart. Aber sie ist nichts im Vergleich zu dem, was wir ab und zu hier und in anderen Foren lesen mĂŒssen. Einerseits ehrt Dich das, andererseits bleibst Du aber letztlich vor dem letzten Schritt, nĂ€mlich die perverse Gewaltschilderung der Splatter-Schreiber zu entlarven.

Insgesamt eine gute und fĂŒr die LL wichtige Geschichte.

Gruß
Gladiator
__________________
Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!