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Leselupe.de > Kurzprosa
Schwer zu sagen
Eingestellt am 19. 04. 2004 18:25


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blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

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Schwer zu sagen


Sie hat es nicht leicht gehabt im Leben. Nicht als Kind, nicht als Frau, nicht als Mutter. Nicht nur ihr Haushalt, ihr ganzes Leben arrangierte sich um den Terminkalender meines Vaters, um die Bed√ľrfnisse ihrer Kinder, um die W√ľnsche ihrer Mutter, die im Alter mehr als wunderlich wurde, die ihre Tochter zuletzt f√ľr die eigene Mutter hielt und sich in kindlich-kindischem Trotz wehrte, gegen alles. Aus Prinzip.

Meine Mutter hat ihre Mutter bis zu deren Tod begleitet. Trotz allem. Mit ganzer Kraft. Sie war die einzige, die meinte, es sei nicht genug, was sie tat. Und zuweilen denkt sie es immer noch. Meine Gro√ümutter starb vor √ľber f√ľnfzehn Jahren.

Doch auch danach kamen die eigenen W√ľnsche meiner Mutter immer erst unter "ferner liefen". Sie kamen, aber sie kamen nach denen ihres Mannes, nach denen ihrer Kinder, nach vielen anderen W√ľnschen, irgendwann. Vielleicht. Und selten so, wie sie sie getr√§umt hatte.

Ich höre noch, wie sie eines Tages sagte: "Meine Generation ist betrogen worden." Sie meinte nicht den braunen Adolf und seine Helfershelfer. Sie meinte die Gesellschaft. Ganz allgemein. Die restriktive ihrer Jugend, die restaurative der Adenauerzeit und die "Alles ist möglich, ist die Welt nicht schön bunt"-Generation noch nicht einmal im Besonderen.
"In meiner Jugend hatten Kinder zu funktionieren. Die Erwachsenen waren alles. Und jetzt… jetzt ist es andersherum. Meine Generation ist betrogen worden."

Als die Erkrankung meines Vaters eine fettarme Di√§t ohne Salz notwendig machte, stellte meine Mutter ihre K√ľche und die Ern√§hrung der Familie von heute auf morgen um. Dass sie selbst mittlerweile auch strenge Di√§t leben muss, sieht man nur daran, dass neben dem appetitlich arrangierten Gem√ľse immer auch ein kleiner gr√ľner Salat auf dem Tisch steht. Ein Teller. Mein Vater mag keinen Salat.

Die Medikamente meines Vaters liegen griffbereit, im Blickfeld. Meine Mutter nimmt ihre t√§gliche Dosis wie nebenher, verbirgt das Was und das Wie im K√ľchenschrank, zwischen dem Hustensaft und dem Calcium, als sei es alles harmlos und eigentlich nicht notwendig. Vielleicht erinnert sie sich auch zu sehr an ihre Mutter, die stolz war darauf, was sie alles einnehmen musste ‚Äď wenn sie nicht meine Mutter beschuldigte, sie vergiften zu wollen, um an das Haus zu kommen, das ihr seit Jahrzehnten √ľberschrieben war.

Was meine Mutter an ihrer und deren Methoden gelitten hat, kommt nur selten zur Sprache, und wenn, dann nur in Nebens√§tzen, leicht dahin gesagt, wie ein Gazezelt √ľber einer noch immer schmerzenden Brandwunde. Was ihre Mutter an ihr vers√§umte, das wollte sie ihren Kindern g√∂nnen. Wer kann sagen, ob sie uns zuviel erlaubte oder das Falsche? Vier Kinder hat sie aufgezogen, und keines verlie√ü ohne ihren Segen das Elternhaus. Vier Kinder hat sie gro√ü werden lassen. Aber sie, die Starke, scheint mir jedes Mal kleiner, wenn ich meine Eltern besuche, unter das Dach schl√ľpfe, das weiterhin ein Bett und mehr f√ľr mich bietet.

Ich wei√ü nicht mehr, wann ich zum ersten Mal bemerkte, dass meine Mutter tats√§chlich kleiner wurde, so wie es zum wirklich √Ąlterwerden zu geh√∂ren scheint. Ich wei√ü noch, dass mein erster BH aus ihrem Schrank kam, aber das ist schon lange her. Noch vor dem Abitur war ich ihr etliche Kleiderweiten voraus.

Es gab eine Zeit, da gingen wir zur gleichen Friseurin. Sie dauerte √ľber 20 Jahre, und doch hatten wir immer unseren eigenen Kopf. Es gab eine Zeit, da waren wir gleich gro√ü, konnten die gleichen Schuhe tragen und taten es doch nicht, gingen unsere eigenen Wege.

Seit Jahren wohne ich nicht mehr in meinem Elternhaus. Wenn ich nun heimkehre, f√§llt mir als erstes auf, wie klein meine Mutter geworden ist. Meine st√ľrmischen Umarmungen von einst w√ľrden sie nun schmerzen. Behutsam und liebevoll nehme ich sie in meine Arme, sie, die mich so oft umarmt hat. Wenn wir uns verabschieden, segnet sie mich, wie fr√ľher. Und ich segne sie, wenn ich gehe, sie in ihrem Alltag zur√ľcklasse.

Vor ein paar Jahren begann ich damit, nur halb im Scherz. Ich zeichnete ihr ‚Äď wie sie mir ‚Äď mit der Daumenspitze ein Kreuz auf die Stirn. Eine letzte Umarmung, und wieder gehen wir unsere eigenen Wege. Und w√§hrend ich gehe, frage ich mich, ob es damals begann, dass sie kleiner wurde.













__________________
Daf√ľr bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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blaustrumpf,

wie in all deinen erz√§hlungen √ľber deine mutter lese ich auch hier deine z√§rtlichkeit f√ľr sie und in eurem umgang miteinander.

sie hat etwas, was es in allen famliengeschichten zu erfahren gibt und doch etwas ganz eigenes.

du beschreibst mit scheinbaren nebens√§chlichkeiten das bedeutsame und das sch√§tze ich speziell an dieser, aber auch an deinen anderen texten. du machst die figuren lebendig f√ľr den leser und l√§dst ihn ein, auf einen besuch daheim vorbei zu gehen. ich f√ľhle mich, als k√§me ich nach hause, auch wenn mein eigenes zu hause ganz anders war und ist.

es ist ein stilles und ganz unscheinbares zeitzeugnis und ich komme nicht als gast in diese familie. ich komme in das haus und weiß, wie es riechen und wie es aussehen wird. vertraut.

der schlu√ügedanke ber√ľhrt mich sehr, das zur√ľcksinnen dar√ľber, wann genau der verfall begann nach diesem leben, das so wenig f√ľr sich selbst gelebt hat.

danke f√ľr den ausflug!
__________________
Freifrau von Löwe

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IKT
Guest
Registriert: Not Yet

@ blaustrumpf
Mit Deiner Geschichte hast Du meine Mutter f√ľr mich wieder "auferstehen" lassen, denn vieles von dem was Du schreibst, k√∂nnte ich so besiegeln.
Deine Art zu schreiben gefällt mir. Der erzählerische Ton, die Zärtlichkeit...
Was soll ich mehr sagen. Danke!
LG IKT

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gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
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Liebe blaustrumpf,

Deine Geschichte hat mich in ihrer Innigkeit sehr bewegt. Es ist Dir zu danken f√ľr das Sehen, das Erkennen und das Erz√§hlen √ľber unscheinbare, nur vermeintlich kleine Gesten und dem, was sie uns sagen.
gareth

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Kasoma
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Blaustrumpf,

da geht mir beim Lesen ganz viel durch den Kopf:
Wie schnell die Zeit uns davonfliegt, heute sind wir Tochter, morgen selbst Mutter, Oma und dann...
Irgendwann werden auch wir kleiner und bemerken es nicht.

Es ist Dir gelungen, diese ungeheuerliche Normalität sanft und warm zu schildern, trotzdem sehe ich auch die Grausamkeit des Lebens dahinter...

Gefällt mir ausnehmend gut!

Mich interessiert, ob Du Deine Mutter tatsächlich gesegnet hast? Hat sie das zugelassen?

Lieber Gruß von Kasoma

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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

Werke: 27
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Liebe Blaustrumpf,

handwerklich gibt es nichts auszusetzen. Inhaltlich bin ich sehr angetan und f√ľhle mich angesprochen, weil auch meine Mutter, die ich sehr verehre, irgendwie kleiner geworden zu sein scheint und ich nicht genau wei√ü, wann dieser Prozess seinen Anfang nahm. Vermutlich hat die Beobachtung des Kleinerwerdens auch mit der Angst vor einem pl√∂tzlichen "Wegsein" zu tun. Jedenfalls haben die Besuche bei meiner Mutter zugenommen, seitdem sie auf unerkl√§rliche Weise zu schrumpfen beginnt.

Lieben Gruß
Majissa

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