Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5542
Themen:   95002
Momentan online:
358 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Schwer zu sagen
Eingestellt am 19. 04. 2004 18:25


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

Werke: 20
Kommentare: 735
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um blaustrumpf eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Schwer zu sagen


Sie hat es nicht leicht gehabt im Leben. Nicht als Kind, nicht als Frau, nicht als Mutter. Nicht nur ihr Haushalt, ihr ganzes Leben arrangierte sich um den Terminkalender meines Vaters, um die BedĂŒrfnisse ihrer Kinder, um die WĂŒnsche ihrer Mutter, die im Alter mehr als wunderlich wurde, die ihre Tochter zuletzt fĂŒr die eigene Mutter hielt und sich in kindlich-kindischem Trotz wehrte, gegen alles. Aus Prinzip.

Meine Mutter hat ihre Mutter bis zu deren Tod begleitet. Trotz allem. Mit ganzer Kraft. Sie war die einzige, die meinte, es sei nicht genug, was sie tat. Und zuweilen denkt sie es immer noch. Meine Großmutter starb vor ĂŒber fĂŒnfzehn Jahren.

Doch auch danach kamen die eigenen WĂŒnsche meiner Mutter immer erst unter "ferner liefen". Sie kamen, aber sie kamen nach denen ihres Mannes, nach denen ihrer Kinder, nach vielen anderen WĂŒnschen, irgendwann. Vielleicht. Und selten so, wie sie sie getrĂ€umt hatte.

Ich höre noch, wie sie eines Tages sagte: "Meine Generation ist betrogen worden." Sie meinte nicht den braunen Adolf und seine Helfershelfer. Sie meinte die Gesellschaft. Ganz allgemein. Die restriktive ihrer Jugend, die restaurative der Adenauerzeit und die "Alles ist möglich, ist die Welt nicht schön bunt"-Generation noch nicht einmal im Besonderen.
"In meiner Jugend hatten Kinder zu funktionieren. Die Erwachsenen waren alles. Und jetzt
 jetzt ist es andersherum. Meine Generation ist betrogen worden."

Als die Erkrankung meines Vaters eine fettarme DiĂ€t ohne Salz notwendig machte, stellte meine Mutter ihre KĂŒche und die ErnĂ€hrung der Familie von heute auf morgen um. Dass sie selbst mittlerweile auch strenge DiĂ€t leben muss, sieht man nur daran, dass neben dem appetitlich arrangierten GemĂŒse immer auch ein kleiner grĂŒner Salat auf dem Tisch steht. Ein Teller. Mein Vater mag keinen Salat.

Die Medikamente meines Vaters liegen griffbereit, im Blickfeld. Meine Mutter nimmt ihre tĂ€gliche Dosis wie nebenher, verbirgt das Was und das Wie im KĂŒchenschrank, zwischen dem Hustensaft und dem Calcium, als sei es alles harmlos und eigentlich nicht notwendig. Vielleicht erinnert sie sich auch zu sehr an ihre Mutter, die stolz war darauf, was sie alles einnehmen musste – wenn sie nicht meine Mutter beschuldigte, sie vergiften zu wollen, um an das Haus zu kommen, das ihr seit Jahrzehnten ĂŒberschrieben war.

Was meine Mutter an ihrer und deren Methoden gelitten hat, kommt nur selten zur Sprache, und wenn, dann nur in NebensĂ€tzen, leicht dahin gesagt, wie ein Gazezelt ĂŒber einer noch immer schmerzenden Brandwunde. Was ihre Mutter an ihr versĂ€umte, das wollte sie ihren Kindern gönnen. Wer kann sagen, ob sie uns zuviel erlaubte oder das Falsche? Vier Kinder hat sie aufgezogen, und keines verließ ohne ihren Segen das Elternhaus. Vier Kinder hat sie groß werden lassen. Aber sie, die Starke, scheint mir jedes Mal kleiner, wenn ich meine Eltern besuche, unter das Dach schlĂŒpfe, das weiterhin ein Bett und mehr fĂŒr mich bietet.

Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal bemerkte, dass meine Mutter tatsĂ€chlich kleiner wurde, so wie es zum wirklich Älterwerden zu gehören scheint. Ich weiß noch, dass mein erster BH aus ihrem Schrank kam, aber das ist schon lange her. Noch vor dem Abitur war ich ihr etliche Kleiderweiten voraus.

Es gab eine Zeit, da gingen wir zur gleichen Friseurin. Sie dauerte ĂŒber 20 Jahre, und doch hatten wir immer unseren eigenen Kopf. Es gab eine Zeit, da waren wir gleich groß, konnten die gleichen Schuhe tragen und taten es doch nicht, gingen unsere eigenen Wege.

Seit Jahren wohne ich nicht mehr in meinem Elternhaus. Wenn ich nun heimkehre, fĂ€llt mir als erstes auf, wie klein meine Mutter geworden ist. Meine stĂŒrmischen Umarmungen von einst wĂŒrden sie nun schmerzen. Behutsam und liebevoll nehme ich sie in meine Arme, sie, die mich so oft umarmt hat. Wenn wir uns verabschieden, segnet sie mich, wie frĂŒher. Und ich segne sie, wenn ich gehe, sie in ihrem Alltag zurĂŒcklasse.

Vor ein paar Jahren begann ich damit, nur halb im Scherz. Ich zeichnete ihr – wie sie mir – mit der Daumenspitze ein Kreuz auf die Stirn. Eine letzte Umarmung, und wieder gehen wir unsere eigenen Wege. Und wĂ€hrend ich gehe, frage ich mich, ob es damals begann, dass sie kleiner wurde.













__________________
DafĂŒr bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

Werke: 47
Kommentare: 222
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um freifrau von löwe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

blaustrumpf,

wie in all deinen erzĂ€hlungen ĂŒber deine mutter lese ich auch hier deine zĂ€rtlichkeit fĂŒr sie und in eurem umgang miteinander.

sie hat etwas, was es in allen famliengeschichten zu erfahren gibt und doch etwas ganz eigenes.

du beschreibst mit scheinbaren nebensĂ€chlichkeiten das bedeutsame und das schĂ€tze ich speziell an dieser, aber auch an deinen anderen texten. du machst die figuren lebendig fĂŒr den leser und lĂ€dst ihn ein, auf einen besuch daheim vorbei zu gehen. ich fĂŒhle mich, als kĂ€me ich nach hause, auch wenn mein eigenes zu hause ganz anders war und ist.

es ist ein stilles und ganz unscheinbares zeitzeugnis und ich komme nicht als gast in diese familie. ich komme in das haus und weiß, wie es riechen und wie es aussehen wird. vertraut.

der schlußgedanke berĂŒhrt mich sehr, das zurĂŒcksinnen darĂŒber, wann genau der verfall begann nach diesem leben, das so wenig fĂŒr sich selbst gelebt hat.

danke fĂŒr den ausflug!
__________________
Freifrau von Löwe

Bearbeiten/Löschen    


IKT
Guest
Registriert: Not Yet

@ blaustrumpf
Mit Deiner Geschichte hast Du meine Mutter fĂŒr mich wieder "auferstehen" lassen, denn vieles von dem was Du schreibst, könnte ich so besiegeln.
Deine Art zu schreiben gefÀllt mir. Der erzÀhlerische Ton, die ZÀrtlichkeit...
Was soll ich mehr sagen. Danke!
LG IKT

Bearbeiten/Löschen    


gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
Kommentare: 785
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gareth eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Liebe blaustrumpf,

Deine Geschichte hat mich in ihrer Innigkeit sehr bewegt. Es ist Dir zu danken fĂŒr das Sehen, das Erkennen und das ErzĂ€hlen ĂŒber unscheinbare, nur vermeintlich kleine Gesten und dem, was sie uns sagen.
gareth

Bearbeiten/Löschen    


Kasoma
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Blaustrumpf,

da geht mir beim Lesen ganz viel durch den Kopf:
Wie schnell die Zeit uns davonfliegt, heute sind wir Tochter, morgen selbst Mutter, Oma und dann...
Irgendwann werden auch wir kleiner und bemerken es nicht.

Es ist Dir gelungen, diese ungeheuerliche NormalitÀt sanft und warm zu schildern, trotzdem sehe ich auch die Grausamkeit des Lebens dahinter...

GefÀllt mir ausnehmend gut!

Mich interessiert, ob Du Deine Mutter tatsÀchlich gesegnet hast? Hat sie das zugelassen?

Lieber Gruß von Kasoma

Bearbeiten/Löschen    


majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

Werke: 27
Kommentare: 399
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um majissa eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Blaustrumpf,

handwerklich gibt es nichts auszusetzen. Inhaltlich bin ich sehr angetan und fĂŒhle mich angesprochen, weil auch meine Mutter, die ich sehr verehre, irgendwie kleiner geworden zu sein scheint und ich nicht genau weiß, wann dieser Prozess seinen Anfang nahm. Vermutlich hat die Beobachtung des Kleinerwerdens auch mit der Angst vor einem plötzlichen "Wegsein" zu tun. Jedenfalls haben die Besuche bei meiner Mutter zugenommen, seitdem sie auf unerklĂ€rliche Weise zu schrumpfen beginnt.

Lieben Gruß
Majissa

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung