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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schwere Kost
Eingestellt am 09. 12. 2003 17:09


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Wanni
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2003

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Eigentlich hatte ich den Fr├╝hling auserkoren, mir das zu bringen, wonach ich mich so lange sehnte. Nun war es der Herbst, der sich dazu herabgelassen hatte mir ein wenig unter die Arme zu greifen. Die Bl├Ątter hatten gerade erst angefangen sich zu verf├Ąrben, aber der Wind war schon kalt und bei├čend. In der Sonne lie├č es sich aber aushalten. Ich hatte ganz vergessen, wie sch├Ân der See war. Bei meinem ersten Besuch war ich erstaunt, dass es ├╝berhaupt einen gab und ich stellte mir vor, was alles geschehen k├Ânnte um so einen See herum. Nichts von dem ist je eingetreten.
V├Âgel streiten sich um ein paar Brocken und der Wind, der mir in die Seite bl├Ąst, l├Ąsst sie vor mir in der Luft stehen. Ich bedauere meinen Fotoapparat vergessen zu haben, wie schon so oft. Ein kleiner Steg f├╝hrt auf den See hinaus, es gibt dort eine Bank und einige V├Âgel sitzen auf dem Gel├Ąnder. Fast wie am Meer. Sie sehen aus wie Verb├╝ndete, diese Kotmaschinen. Wo sie sich l├Ąnger als ein paar Minuten aufhalten, bildet sich eine wei├če Pf├╝tze am Boden. Irgendwer muss diese Bank saubermachen, denn es ist der einigste Fleck auf dem Steg, der nicht von Kot bedeckt ist. Ich stelle mir die Person vor, die diese unglaublich selbstlose und gleichzeitig unansehnliche Arbeit verrichtet. Ich zweifle daran, dass sich die Stadt um solche Kleinigkeiten k├╝mmert. Der See ist umgeben von B├Ąumen und gleich dahinter sieht man die grauen Wohnblocks und B├╝rogeb├Ąude aufragen. Doch das interessiert mich heute alles nicht. Dieser Ort hat mich f├╝r diesen Augenblick wieder. Die V├Âgel kreischen, als h├Ątte man sie sexuell bel├Ąstigt und die vielen kleinen Wellen reflektieren sie Sonne, so dass ich blinzeln muss, wenn ich aufs Wasser hinausschaue.
Ich wei├č schon warum ich hier sitze, ausgerechnet jetzt. es liegt nicht am See, der hat sich nicht ver├Ąndert. Selbst das Wetter war schon einladender. Das ich hier bin, ist der Beweis daf├╝r, dass sich etwas ver├Ąndert hat. Ich kenne das, ich hatte es schon einmal. Man k├Ânnte von einer Genesung sprechen, doch dazu m├╝sste man meine Verfassung zuvor, als eine Art langj├Ąhrige Krankheit ansehen, welche einen ohne ├Ąu├čerlichen Eindruck zu hinterlassen, befallen hat. Weniger radikal w├Ąre es, es als einen unnat├╝rlichen Zustand zu bezeichnen, der nun zu Ende geht. Ich frage mich, wie hoch die Heilungschancen sind und wie oft man dieser t├╝ckischen Seuche erliegen kann ohne dabei gr├Â├čeren Schaden zu nehmen.
Die Heilung erfolgt rapide, allerdings bedarf es einer fortdauernden "Therapie" um einen R├╝ckfall zu vermeiden. Dieser Aufwand ist zugleich Notwendigkeit und Vergn├╝gen. Risiken sind jedoch nie ausgeschlossen.
Alte Erinnerungen wiegen schwer. Ich bin erst zwanzig Jahre und trage schon so viele mit mir herum, dass es mich manchmal fast erdr├╝ckt. Es ist anzunehmen, dass die Sch├Ânen unter ihnen mehr belasten, als die Schlechten, weil man sie stets gerne wiederholen m├Âchte. Manchmal frage ich mich z.B. was aus mir und dieser Franz├Âsin mit dem wundersch├Ânen Mund geworden w├Ąre, wenn ich nur ein paar Tage l├Ąnger h├Ątte bleiben k├Ânnen. Ich denke gerne an diese Geschichte zur├╝ck, sie war eine Art Erf├╝llung eines Traumes oder besser gesagt eines Wunsches, der sich schon lange zuvor in mir geregt hatte. Ich glaube, dass ist letztendlich auch der Grund, was diese Begebenheit so berauschend machte.
Ich begegnete ihr in der Eingangshalle einer Auberge de Jeunesse in Metz, nachdem ich kurzerhand dort aus dem Zug ausgestiegen war. Sie stand da, unterhielt sich mit der Frau an der Rezeption und a├č Kuchen, w├Ąhrend ich auf meinen Schl├╝ssel wartete. Sie sah exotisch aus. Halb Marokkanerin, halb Franz├Âsin, wie sich sp├Ąter herausstellte. Ihr Haar war leicht gekr├Ąuselt und sie grinste mich an, als sie bemerkte, dass ich das St├╝ck Kuchen anstarrte, welches sie in der Hand hielt. Dazu muss ich erz├Ąhlen, dass ich damals auf meiner Reise durch Frankreich, haupts├Ąchlich trockenes Baguette und K├Ąse gegessen a├č, manchmal auch ein wenig Wurst aus Dosen oder Schokolade. Kuchen hatte ich schon seit Wochen nicht mehr anger├╝hrt. Sie wartete neugierig darauf welches Zimmer ich bekommen w├╝rde und als sie bemerkte, dass meines nur einige Schritte von ihrem entfernt war, stie├č sie einen freudigen Ton aus und versuchte mir mitzuteilen, dass wir so eine Art Nachbarn waren. Mir war das nicht entgangen und ich fragte gerade heraus ob sie mir vielleicht die Stadt zeigen k├Ânnte. "Est-ce que tu peus me montrer la ville?"
Im gesamten Haus, befanden sich au├čer mir, ausschlie├člich M├Ądchen. Die meisten von ihnen noch nicht vollj├Ąhrig. In Frankreich, so erfuhr ich, haben M├Ądchen, die Probleme mit ihrem Eltern haben, die M├Âglichkeit, f├╝r lau in den Jugendherbergen zu wohnen, bis sie alt genug sind f├╝r sich selbst zu sorgen. Ich war also umgeben, von einer ganzen Schar von Problemf├Ąllen, auch wenn die meisten nichts daf├╝r konnten, da war ich mir sicher. Wir machten uns einen Termin aus und trafen uns sp├Ąter am Abend zu dritt, d.h. Naouel, so war ihr Name, einer ihrer Freundinnen, deren Namen ich vergessen habe und ich. Wir liefen durch die Stra├čen, die immer noch von der Sonne aufgeheizt waren, und schlenderten durch die vielen Parks, mit denen in Frankreich nicht gegeizt wird. Auf einer Wiese nahe dem Fluss, legten wir uns ins Gras. Sie versuchten mir Vokabeln beizubringen, doch ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich wei├č nicht mehr wieso, aber ich erz├Ąhlte ihnen von einem Zitat das ich einmal auf den ersten Seiten eines Buches von Djian gelesen hatte. Es war ein Satz ohne jeden Schn├Ârkel und es hatte einen gewissen Reiz ihn auszusprechen. Ich behielt ihn zugegebener Ma├čen, auch deshalb im Kopf, weil er kurz und leicht zu merken war. Perfekt um ihn ab und an einzusetzen. Eine nicht zu untersch├Ątzende Waffe. Er ging ungef├Ąhr so: "L'ignorance est la nuit de l'esprit er cette nuit na ni lune et ni ├ętoile."
Naouel stie├č einen Seufzer aus und lie├č den Kopf in ihre Arme sinken. Sie lag einfach nur da und ich h├Ątte wer wei├č was daf├╝r gegeben, wenn ihre Freundin jetzt auf der Stelle geplatzt w├Ąre. Sie machte sie ├╝ber Naouel lustig. Es war nicht zu ├╝bersehen, dass sich diese aufregende Franz├Âsin, ein wenig in mich verknallt hatte. In dieser Situation aber konnte ich nicht darauf eingehen, es h├Ątte sie vor ihrer Freundin kompromittiert. Ich versuchte es daraufhin so zu arrangieren, dass wir uns nachts in meinem Zimmer treffen w├╝rden, das ungef├Ąhr dreimal so gro├č war wie ihres, mit der dreifachen Anzahl an Betten. Was nicht unbedingt etwas bedeuten muss. Mir war klar, dass die Situation alles andere als einfach war. Wir konnten kaum ein vern├╝nftiges Wort miteinander reden.
Sie konnte ausschlie├člich franz├Âsisch und meines war alles andere als ausreichend, f├╝r das was kommen sollte. Auch die Tatsache, dass wir beide wussten weswegen wir hier waren, blockierte uns. Ich begann damit den ersten Schritt zu machen, versuchte ihr zu erkl├Ąren was ich dachte, was nach hinten losging. Ich hatte das bef├╝rchtet. Es war allerdings der einzige Ausweg aus dieser beklemmenden Ungewissheit, die immer noch in F├╝nkchen existierte. Also mit dem Kopf durch die Wand und die Antwort kam prompt.
"Non", sagte sie, sie h├Ątte mich nicht gek├╝sst, so als w├Ąre das, dass normalste von der Welt. Ich versuchte mir wei├čzumachen, das sie genau das Gegenteil von dem sagte was sie meinte. Sie log, sie musste l├╝gen, anders war das nicht zu erkl├Ąren. Die Angst sich blo├čzustellen blockierte sie, obwohl ich bereits den ersten Schritt getan hatte. von diesem Moment an wusste ich, da es gelaufen war.
Es war pl├Âtzlich zu kompliziert geworden. Ich verfl├╝chtigte mich in Ausreden und Entschuldigungen, um nicht in solch einer Weise auseinander gerissen zu werden. Tausendmal die gleichen S├Ątze, von denen sie wahrscheinlich gerade mal die H├Ąlfte verstand.
Es war still geworden, ich hatte getan was ich konnte, ich war am Ende meiner Weisheit.
Pl├Âtzlich erhob sie sich und legte sich zu mir auf das Bett. Die gro├čen, schr├Ągen Fenster trugen die Nacht ins Zimmer und ich war aufs ├Ąu├čerste gespannt, was jetzt kommen sollte. Ich ergriff die Gelegenheit und spielte an ihrem Haar, begann sie sachte an Stirn und Wangen zu streicheln. Als ich mir sicher genug war, dass nichts mehr schief gehen konnte, trug ich noch einmal das Zitat vor, in der Hoffnung, die gleiche Reaktion zu ernten wie am Abend. Es passte nicht zur Situation, dessen war ich mir bewusst, doch meine Neugier auf seine Wirkung lie├č mich es mich k├╝hn vortragen. Dem Verpassten nachzutrauern ist die schlimmste Angewohnheit der Menschen - dem wollte ich nicht Rechnung tragen. Sie verharrte einen Augenblick, dann legte sie mir eine Hand auf die Brust und ich wusste, dass der Zeitpunkt gekommen war, sie zu k├╝ssen. Das Ganze dauerte ├╝ber acht Stunden und wir fummelten und knutschten die gesamte Nacht hindurch, bis zum Morgengrauen, bis zum Fr├╝hst├╝ck.
Ich war mir relativ sicher, dass die anderen G├Âren den Braten l├Ąngst gerochen hatten und wussten was geschehen war. Naouel kam nicht, sie musste eingeschlafen sein, ich war also allein gelassen mit diesen Monstern, die mich nun gleich, mit verkniffenen Mienen anschauen w├╝rden.
"As-tu bien dormi ?" Ob ich gut geschlafen hatte? Nein hatte ich nicht, wann auch. Ich wusste doch, dass sie darauf anspielen w├╝rden. Ich wartete auf weitere Spr├╝che, doch nichts kam. Ich lie├č einen unauff├Ąlligen Blick durch die Runde schweifen, doch nichts. Sie a├čen brav ihr Fr├╝hst├╝ck, wenn auch ein wenig irritiert, obschon meiner Anwesenheit. Sie hatten also keinen Schimmer und abgesehen davon sind Frauen in diesem Alter keine guten L├╝gnerinnen, ich h├Ątte also Wind davon bekommen, wenn sie es versucht h├Ątten. Ich war froh, Naouel nicht in die Schei├če geritten zu haben, Klatsch konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen, Metz war ein Dorf.
Ob es nun daran lag, dass ich nicht geschlafen hatte, weshalb ich so unaufh├Ârlich dar├╝ber nachdenken musste, oder an etwas anderem, dass mir dieses Erlebnis so in Erinnerung geblieben ist, ist schwer zu sagen. Man wird das jedenfalls sein ganzes Leben mit sich rumschleppen und es ab und an herausholen um sich daran satt zu sehen und im Stillen zu leiden.

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