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Leselupe.de > Humor und Satire
Schwere Träume sind keine Schäume
Eingestellt am 21. 03. 2002 21:35


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Mößner, Bernhard
Routinierter Autor
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Schwere Träume sind keine Schäume

Seit ich meine "Traumorphin" einnehme, bleibe ich von Wunschträumen verschont. Ich träume zwar regelmäßig, doch bescheiden wie ich bin, drehen sich meine Träume nie um weite Reisen, teure Autos oder um fremde Frauen. Kürzlich träumte ich Nacht für Nacht, ich sei eine Ameise!
Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wäre ich danach nicht jeden Morgen mit schmerzenden Gliedern und einem Muskelkater aufgewacht, grad so, als hätte man mich unter einer Straßenwalze hervorgezogen.
Der Grund dafür war sicher, dass man mich als Arbeitsameise eingeteilt hatte. Die Arbeitsameisen haben in einem Ameisenstaat die Aufgabe, Baumaterial für den Bau und Ausbau des Nestes, oder Futter für den Ameisennachwuchs herbeizuschaffen. So hatte ich den Auftrag, Tannennadeln für die Nestvergrößerung herbei zu schleppen, eine Arbeit, die ich am Tag als Kinderspiel belächelt hätte. Einen Sack voll Tannennadeln würde ich in weniger als zehn Minuten einsammeln und die fünf oder sechs Meter vom Baum bis zu unserem Nest tragen.
Aber in meinen Träumen war ich nicht der kräftig gebaute Autor geistreicher Lupenbeiträge, sondern bloß eine rote Waldameise mit kurzen Beinen, und für so eine Ameise ist eine Tannennadel etwa so groß und schwer wie ein Firstbalken für uns Menschen. Dazu kommt, dass eine Ameise auch noch ständig den Hals verdrehen und mit einem Auge nach oben schauen muss, damit sie bei ihrer Schlepperei nicht das Opfer eines beutegierigen Vogels wird.
Als ich eines Morgens wieder einmal unendlich viele blaue Flecken und Beulen an meinem Rücken zählte und noch dazu einen steifen Hals hatte, vereinbarte ich einen Termin bei unserem Hausarzt.
Doktor F. untersuchte mich gründlich und schüttelte mehrmals den Kopf, als ich ihm von meinen anstrengenden Träumen berichtete. Doch dann erinnerte er sich, dass ein Professor vor Jahren auf einem Ärztekongress über einen ähnlichen Fall berichtet hatte.
"Wenn ich", schlug ich ihm vor, "zum Beispiel träumen würde, ich wäre ein großer Vogel, dann müsste ich weder Tannennadeln schleppen, noch müsste ich dauernd nach oben schauen".
Doktor F. dachte nach und sagte nach einer Weile: "Die Tabletten, die sie täglich einnehmen, diese "Traumorphin" sind zu schwach, wir müssen die Dosis von fünf auf zehn Milligramm erhöhen. Nehmen sie jeden Abend eine Tablette, bevor sie schlafen gehen, dann träumen sie von nun an in größeren Dimensionen".
Ich konnte den Abend kaum erwarten und dann schluckte ich eine der größeren Pillen. Danach legte ich mich ins Bett, wo ich erwartungsvoll einschlief.
Ein penetranter Gestank und lautes Gegacker ließen mich munter werden. Es stank, wie aus tausend Hühnerställen zusammen! Dafür trug ich ein Federkleid, ein schneeweißes! Allerdings war ich nicht allein: Mit fünf genau so großen weißen Vögeln saß ich in einem kleinen Käfig.
Unter, neben und über mir sah ich nichts als Maschendraht und Hühner. Käfige und Hühner, soweit ich schauen konnte. Ein Huhn aus unserem Verschlag sprang plötzlich laut gackernd hoch, das Ei, das es gerade gelegt hatte, rollte durch eine Rinne, die mir vorher nicht aufgefallen war, nach draußen. Eines der Hühner, es hieß Berta, sprach mich freundlich an: "Hast du dein Tagesei heute schon gelegt?"
"Nein, wieso, muss ich das?", fragte ich zurück.
"Wir sind Mitglieder der Legebatterie unserer Firma "Herz-Ei", zusammen mit noch fünfzigtausend anderen Hennen", erklärte mir Berta stolz. "Wenn du jeden Tag dein Pflichtei legst, hast du es hier gut und warm".
Als ich am Morgen in meinem Bett aufwachte, tat mir, neben anderen unaussprechlichen Stellen, das Steißbein höllisch weh. Sofort rief ich Doktor F. an und teilte ihm mein nächtliches Erlebnis mit. Er empfahl mir, noch etwas abzuwarten und die Tabletten weiter zu nehmen. Es bestünde doch die Möglichkeit, so meinte er, dass ich in der nächsten Nacht von richtigen Vögeln träume. Aber die zweite Nacht war noch schlimmer: Zwei der Hennen in unserem Käfig begannen, meine Brustfedern auszurupfen. Ich protestierte empört, doch sie meinten nur, ich solle mich nicht so anstellen, das sei hier üblich. Und in der Tat, viele Hennen hockten halbnackt in ihren Käfigen herum. Ab der vierten Nacht genierte ich mich richtig. Ich war inzwischen fast ganz nackt!
Die einzige Abwechslung bot mir die Aussicht hinunter in den Firmenhof. Pausenlos fuhren dort Lieferwagen mit der Aufschrift: "Einmal Herz-Ei, immer Herz-Ei" herein und hinaus. In einer Ecke lag der Hofhund und betrachtete das emsige Treiben um sich her. Er ließ sich durch nichts und niemand aus seiner behäbigen Ruhe bringen.
Nach zwei Tagen hatte ich den nächsten Termin bei Doktor F. "Ich habs", rief ich schon im Vorraum der Arztpraxis, als der Doktor mit wehendem weißem Mantel an mir vorbei rannte und mich mit einem launigen "Ei, ei, ei, wer kommt denn da", begrüßte.
"Ich möchte von nun an im Traum ein Hofhund sein. Dann habe ich einen Hof und ein eigenes Revier, in dem mich alle in Ruhe lassen müssen".
Das sei nicht ganz einfach, meinte der Doktor, dazu müssen wir das "Traumorphin" noch besser austarieren. Wenn die Dosis zu hoch ist, bestünde die Gefahr, dass ich im Traum womöglich als Kamel oder als Elefant auf fremden Kontinenten herumlaufen müsse. Ich blieb stur, denn das wäre immer noch besser, als ein Batteriehuhn bei der Firma "Herz-Ei" zu sein.
Er gab mir eine genaue Dosieranleitung mit, und tatsächlich träumte ich schon in der ersten Nacht, ich sei ein großer, ruhiger und fetter Hund: Mit einem kurzen Seil hat man mich
an einem alten Balken festgebunden. Seltsam ist nur, dass die vielen Menschen, die vorübergehen, ganz anders aussehen, als alle meine Bekannten und Verwandten.
Die meisten von ihnen sind etwas kleiner als die Menschen daheim und ihre faltige Gesichtshaut ähnelt einem gelb-braunen Lederhandschuh. Seltsam sind auch ihre Schlitzaugen. Alle fahren hier mit umgebauten Fahrrädern herum, auf denen sie Lasten oder Menschen transportieren und sie verständigen sich in einer mir völlig fremden Sprache miteinander. Noch wunderlicher erscheinen mir die gepinselten Schriftzeichen auf den Fahnen und Transparenten, die über allen Straßen flattern.
Als vorhin ein unheimlich dicker Mann mit einer blutverschmierten Schürze, aus dessen Tasche ein langes Schlachtermesser herausschaute, daher kam und in meine Flanken griff, hätte ich ihn gern in seine fetten Wurstfinger gebissen, aber man hat mir einen Maulkorb umgebunden. Er scheint mit irgendwem über mich zu verhandeln.
Ich hoffe nur, dass ich aus meinem Traum aufwache, bevor dieser Küchenchef, der mich offensichtlich käuflich erwerben will, mit meinem unbekannten Besitzer handelseinig wird.

__________________
-Bernhard Mößner-

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
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<schauder>

Uh, Bernhard,

wäre das nicht unter "Horror" besser aufgehoben?

Gruß
Gabi

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
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Fängt supergut an, deine Geschichte

bis zum Hofhund hat sie mir gefallen, auf den Rest
könnte man verzichten. Das Messer passt nicht.

liebe Grüße
anemone

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Mößner, Bernhard
Routinierter Autor
Registriert: Dec 2001

Werke: 89
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Schwere Träume....

Liebe Gabi, liebe Anemone,
ihr habt beide fast das Kunststück fertig gebracht, zu antworten, bevor ich den Beitrag fertig hatte. Vielen Dank für eure schnelle zumeist positive Kritik.
Die Haltung von Tieren in Käfigen ist wirklich ein Horror!
Dir, liebe Anemone gefiel das Messer so wenig wie meinem imaginären Hofhund.
-Bernhard-


__________________
-Bernhard Mößner-

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