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Leselupe.de > Anonymus
Schwieriger Einstieg
Eingestellt am 09. 03. 2007 15:11


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Ja, Leute, wenn ich mich kurz vorstellen darf: Ich bin eine Drei. Eine ganz gewöhnliche Drei. Ich komme aus dem Grenzbereich zwischen Unter- und Mittelschicht, hatte auch eine schwere Kindheit. Trotzdem war mir von Anfang an der Ehrgeiz eigen, in die höheren Sphären aufzusteigen. Ob ihr es glaubt oder nicht: ich träume, solange ich träume, von einem Leben als Acht.
Natürlich war mir klar, dass aus einer beliebigen Drei selten eine Acht wird. Die Umstände im Reiche der Zahlen erlauben es einfach nicht. Eine Eins, so paradox das ist, hat es da leichter. Sie sucht sich einfach eine Null und gilt schon als respektable Zehn. Findet sie mehrere willige Nullen, kann man den Höhenflug ihrer Bedeutung nicht mehr stoppen. Manche dringen wertemäßig gar in die Sphären von Zehnerpotenzen ein!
Unsereins bleibt nur eine Möglichkeit: Buckeln. Wir, die geborenen Dreien, müssen uns derart verkrümmen, dass es weh tut. Wir müssen den Oberkörper zur Mitte hin drücken, den Unterkörper mit aller Macht zu dieser hin ziehen. Haben wir das geschafft, müssen wir solange in dieser verrenkten, ungesunden Stellung verbleiben, bis jemand kommt und ehrfurchtsvoll grüßt: „Gute N-Acht“, zum Beispiel. Oder „O M-Acht, ich grüße ihnen!“
Keinesfalls darf es sich bei den vorbeikommend Grüßenden um Angehörige der höherzahligen Schichten handeln. Alles über der Achterklasse zählt nicht. (Die Regel ist, finde ich, sinnvoll. Denn solche grüßen prinzipiell nicht.)

Unmittelbar nach Schulende, also nach dem Abschluss der dritten Klasse, bewarb ich mich um eine Lehre als Teiler. Das ist ein begehrter Lehrberuf, man kann nach erfolgreichem Abschluss für so ziemlich alles eingesetzt werden, was für Dreien denkbar und erlaubt ist. Verdient man z.B. sein Geld unter einer Eins, geht man als Drittel durchs Leben. Gelangt man in die Kopfbereiche einer Basiszahl, wird man zu einer aufgebläht-körperlichen Größe.
Ein Dienst über einer Dezimalzahl kleiner eins ist auch nicht schlecht, man wächst im Endergebnis zu neuen und beträchtlichen Werten heran.
Der Dienst über einer Null wurde schon vor langer Zeit verboten: Wir Kleinzahligen würden sonst zu unendlich großen Gesamtwerten. Das will man nicht. (Man will – unter uns gesagt – eigentlich überhaupt keine Veränderung.)
Wir selbst fürchten uns vor einem bestimmten Dienstverhältnis ganz besonders: Geraten wir rechterhand an eine Eins, wollen die meisten Freunde nichts mehr von einem wissen.

Die Lehre beendete ich natĂĽrlich mit einem runden Dreierzeugnis. Kurzerhand bewarb ich mich im Ă–ffentlichen Dienst. Genauer: bei der Polizei.
Die guckten zwar ein bisschen blöd, als ich mich vorstellte und von meinen Träumen sprach. Doch ich hatte Erfolg, ich erhielt einen Arbeitsvertrag als verdeckt arbeitende Sechs. In einer Schnellumbildung bog man meinen oberen Bereich – bei den Menschen spricht man vom „Kopf“ – ein wenig hoch, die unteren Bereiche zog man in die Länge und dann, in einem schönen Kreis, bis zur Bauchmitte, und schon durfte ich als respektable Sechs in Zivil in einem Problemviertel meinen Dienst antreten. Keiner sah mir die Drei an. (Was ich nicht vergessen will: man drehte mich nach meiner Schnellumbildung natürlich einmal komplett von links nach rechts um.)

Es handelte sich um eines jener Viertel, das man faktisch aufgegeben hat. Ein Viertel mit extrem hoher Arbeitslosigkeit, mit Kriminalität, Drogenhandel, Prostitution. Zunächst nahm ich an, ich solle mich in die Kreise der Kriminellen einschleichen und die Sechsen beim Anschaffen beobachten, die Fünfen beim Drogendealen, die Vieren beim Graffiti-Schmieren, die Dreien beim Freien usw. Denkste! Meine Aufgabe war viel heikler: Ich sollte – ob ihr es glaubt oder nicht – strafbare Parolen an Häuserwände schmieren und im Munde führen. Parolen in der Art von: „Hochzahlige entmachten! Sie lügen und betrügen, sie reißen alle Nullen an sich!“
Oder: „Ausländische Zahlen raus! Sichert die nationalen Zahlen – bei den nächsten Wahlen!“ Oder: „Nullen an die Macht! Folgt niemals einer Acht!“ Merkwürdige Parolen, aber ich bekam sie nun einmal von meinem Arbeitgeber vorgegeben.
Seltsam an der Geschichte war, dass ich doch selbst schon einen Schritt in die Richtung der Höherzahligen getan hatte, und dass ich nach wie vor träumte, zu einer noch höheren Zahl verbogen zu werden.

Und der Zweck meines Einsatzes? Ja, der Zweck lag angeblich darin, durch mein provokantes Auftreten bei den Rädelsführern Vertrauen zu gewinnen. Es sollten in diesem Viertel Zahlen unterwegs sein, die den allgemeinen Frieden störten, Parolen verbreiteten, Unruhe stifteten. Der Staat sah sich bedroht. Mein Verhalten sollte mir Kontaktmöglichkeiten einbringen, Sympathien. Ich käme in die Szene rein, könnte gefährliche Falschzahlobjekte identifizieren, werten, dingfest machen lassen.

Den ersten Abend im Viertel verbrachte ich in der Szenekneipe „Zahl Total“. Am Tresen lümmelnd, hintergrübelte ich angestrengt die mögliche Bedeutung des geheimnisvollen Namens, wobei ich an einem eklig süßen Getränk nippte, angeblich ein Bacardi 151. Ergebnis meiner Grübelei: Null.
Ich beobachtete das Kommen und Gehen der Gäste. Ich lächelte freundlich, nickte allerlei Nullen und Einsen zu, staunte über die besonders eingebildeten Imaginären, die aufgedonnerten Doppelnamigen, ich meine die Komplexen, die sich für was ganz Besonderes hielten. Alle achteten peinlichst auf den größtmöglichen Abstand zu mir. Keiner machte die leisesten Anstalten, neben mir Platz zu nehmen, nicht mal eine Leermenge.
Mehrmals wechselte ich meinen place. Die Gäste schienen sich jedesmal an mir ein Beispiel zu nehmen. Kaum saß ich neben einem, veränderten sie ihre Ordinaten.
Irgendwann gab ich auf, blieb sitzen, trank zahllose Bacardis. Mein Ziel war, den Rest meines Bewusstseins auf Null-Level zu negieren. Fast wäre mir das gelungen.

Die Morgendämmerung tangierte bereits meine unendlich verkleinerten Sehschlitze, da sackte eine schlaffe Vier auf den Barhocker neben mir. Auf ihrem Shirt las ich: „Keine ausländischen Zahlen! Schützt unsre Irrnationalen!“
Ich nickte overcool, soweit ich dazu noch in der Lage war, und versuchte die Mieze ins Gespräch zu ziehen. Ich schimpfte heftig auf den Staat, auf den ganzen Zahlensalat, den dieser zugelassen habe, auf die inflationär sich vermehrenden Nullen, die aufgeblasenen Komplexen na und so weiter. Vier-Miezi schwieg beharrlich.
Ich versuchte es mit einer der empfohlenen Hohlmengendampfparolen: Wir bräuchten, erklärte ich flüsternd, eine Rückbesinnung auf echt nationale Zahlen. Erwartungsvoll äugte ich aus meinen tendenziell gegen closed gehenden Augenspalten.
Vier-Miezi sah mich an, schwieg, erbleichte. Sie rutschte vom Hocker, zeigte unauffällig in Richtung Doppel-Null, also dahin, wo die Gäste Überflüssiges abzählten – bei den Menschen heißt es wohl Toilette –, und lief los. Ich folgte logischerweise schon ein paar Sekunden später, hoffte ich doch auf eine schnelle Nummer.
Zu der kam es jedoch nicht, verdammt nochmal beim heiligen Zahlenstrahl. Statt dessen erzählte sie mir in der engen Kabine, sie habe sofort so ein Gefühl gehabt, als sie mich da sitzen sah.
Was sie mit „so einem Gefühl“ meine, wollte ich wissen.
Sie tippte gegen meinen prallrunden Sechs-Bauch. Ich sah an mir runter. Tatsächlich: da hing mein Dienstausweis! Scham- und Zornesröte schossen in mein gewollt-gebogenes Sechsgesicht, das eigentlich nur eine hochgebogen-gewendete Drei-Fresse ist.
Sie lächelte.
„Du bist“, wisperte sie, "nicht der Erste, dem das passiert. Hier patzten schon manche.“
Ich starrte sie verständnislos an.
„Na-ja“, fuhr sie verlegen fort, viele hier arbeiten für uns. Alle haben Angst, es sich anmerken zu lassen.“

An diesem Morgen lieĂź ich mich komplett mit dem 151-er volllaufen.





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