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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Sechs Tage im November (1/2)
Eingestellt am 20. 11. 2002 00:11


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Till Braven
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 8
Kommentare: 30
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Ich will nicht vergessen, was mir geschehen ist.
Achter November.
Ich trete aus dem Haus auf die Straße, und spĂŒre, daß es ein kalter Tag werden dĂŒrfte, der erste frostige in diesem Herbst. Bevor ich losgehe, drehe ich mich noch einmal um, und lasse den Blick kurz ĂŒber die NachbarhĂ€user ziehen, dies habe ich mir in letzter Zeit angewöhnt. Mein Weg fĂŒhrt mich dann ein kurzes StĂŒck zur Bushaltestelle, so wie an jedem Morgen.
Dort leide ich bereits unter dem seichten Wind, denn der Mantel, den ich eilig vor dem Weggehen ĂŒbergestreift habe, erweist sich als zu dĂŒnn fĂŒr die heutige KĂ€lte. Doch zum Umkehren ist es zu spĂ€t, den Gedanken an ein wĂ€rmeres KleidungsstĂŒck muß ich kurzerhand verwerfen, denn der Bus folgt seinem Fahrplan, und sollte daher jeden Moment auftauchen. So stehe ich und warte.
Man wÀhnt sich wohl in Sicherheit, wenn man steht, und das Auftauchen eines Busses erhofft. Ein solches Weilchen enteilt ohne geschÀrfte Sinne, gerade am Morgen, wenn der Schlaf noch nicht vollstÀndig gewichen ist. Dann achtet man auf die AblÀufe um einen herum nur wage, zumal diese sich gleichen von Tag zu Tag, und bemerkt die Ereignisse lediglich am Rande.
So stoppt eine hellgraue Limousine am Fahrbahnrand in Höhe der Haltestelle, ohne meinen Argwohn zu wecken. Ich nehme zwar ebenfalls zur Kenntnis, daß ich aus dem Innern gemustert, beĂ€ugt und beobachtet werde, doch wer auf den Bus wartet, schöpft nicht sofort Verdacht. So verstreichen ein paar Sekunden des Nichtstuns.
Ich beobachte noch, daß auf der gegenĂŒberliegenden Straßenseite eine Frau entlang spaziert, der ich auf diese Art an all den Tagen begegne, an denen ich morgens auf den Bus warte. Ich vermute wohl richtig, daß sie in der Nachbarschaft wohnt, und sich auf dem Weg zum BĂ€cker befinden dĂŒrfte.
Da öffnen sich die TĂŒren des Automobils und heraus steigen zwei MĂ€nner, beide schĂ€tzungsweise jĂŒnger, als ich es bin. Sie gehen geradewegs auf mich zu, und reden mich an.
„Sie sind Herr Braven, wie wir annehmen?“
„Der bin ich.“ antworte ich nickend.
„Till Braven?“
„Ja, genau.“ murmele ich.
„Dann mĂŒssen wir Sie bitten, mit uns zu kommen.“
Nun betrachte ich die beiden genauer. Der, welcher die Fragen stellt, hat sich mir bis auf ein kurzes StĂŒck genĂ€hert, wĂ€hrend sich der zweite, eher lauernd, etwas mehr im Hintergrund aufhĂ€lt. Sie sind nahezu identisch gekleidet, von dunklen MĂ€nteln umhĂŒllt, die mir, so wie meine eigene Kleidung, fĂŒr die morgendliche KĂŒhle zu schwach erscheinen.
„Warum?“ frage ich nach kurzer Überlegung.
„Wir haben den Auftrag, Sie vorzufĂŒhren.“ sagt der Vordere und legt ein LĂ€cheln ins Gesicht, das seine ZĂ€hne entblĂ¶ĂŸt.
„Warum?“ frage ich erneut, „ich warte hier auf den Bus, wie jeden Morgen.“
„Das wissen wir.“ erwidert der Sprechende, „wir haben diesen Moment schließlich abgepaßt.“
„Dann kennen Sie also meine IdentitĂ€t. Warum also die Frage nach meinem Namen?“ möchte ich erfahren.
„Das ist reine Formsache, muß sein.“ Und nach einer kurzen Pause fĂŒgt er hinzu: „Darf ich Sie nun bitten, in unser Fahrzeug einzusteigen.“
„Wir sind nĂ€mlich nicht befugt, Ihnen AuskĂŒnfte zu geben.“ Mit diesen Worten griff nun auch der Entferntere ins GesprĂ€ch ein. „Sie werden in KĂŒrze den Grund erfahren, nur Geduld, folgen Sie uns vertrauensvoll.“
„Kann ich das denn?“ frage ich unsicher.
„Aber natĂŒrlich !“ antworten beide wie im Chor.
Kurz ĂŒberlege ich nun, ob es Zweck haben wĂŒrde, die Festnahme mit EinwĂ€nden hinauszuzögern. Zwar hĂ€tte ich davon reden können, daß ich schließlich auf dem Weg zur Arbeit sei, und daß man mich dort im BĂŒro in KĂŒrze erwarten wĂŒrde, doch ich war mir just sicher, daß meine GegenĂŒber auch darauf eine durchdacht scheinende Antwort parat hĂ€tten, und ließ daher auch die Frage unter den Tisch fallen, ob ich zuvor telefonieren dĂŒrfe, um mich zu verstĂ€ndigen.
So gehe ich die wenigen Schritte zum Auto durch das Spalier meiner beiden Verhafter. Sie lÀcheln, und ihre HÀnde beschreiben mit einladender Geste, mich im Fond des Wagens niederzulassen.
Als sich das Fahrzeug zuerst in dieselbe Richtung in Bewegung setzt, die auch der erwartete Bus genommen hĂ€tte, schweift mein Blick wieder zu den NachbarhĂ€usern, bis die erste Seitenstraße passiert ist. Schließlich hĂ€tte es durch einen Zufall sein können, daß ich jemanden sehe, der mir vertraut ist, wenngleich auch nur durch eine zugegebenermaßen recht unwahrscheinliche FĂŒgung. Und daß auch ich von ihr gewahrt werde, in diesem Moment, in dem mich jenes Auto abtransportiert.
Doch entdecke ich sie nicht.
„Wohin werden Sie mich ĂŒberhaupt bringen?“ frage ich noch, dabei erwarte ich jedoch keineswegs eine ausfĂŒhrliche Antwort. Ich höre nicht einmal mehr richtig zu, als man mich erneut auf das bevorstehende GesprĂ€ch verweist, welches der Vorgesetzte mit mir zu fĂŒhren beabsichtigt, sondern schweife in meinen Gedanken ab, wĂ€hrend die Fahrt deutlich einem Ziel in der Innenstadt entgegen strebt. Im Innern der Limousine ist es angenehm warm, und der eisige Wind, der an der Haltestelle durch meine Kleidung gezogen ist, kann mir nichts mehr anhaben.

Es war an einem Maitage, an dem ein klarer blauer Himmel die wĂ€rmenden Strahlen der Mittagssonne durchließ, weshalb ich mich mit einem Magazin lesend auf meinem Balkon niedergelassen hatte, um, in LektĂŒre versunken, zu entspannen. Dazu hatte ich mir, der GemĂŒtlichkeit im Sonnenschein willen, einen Becher Tee kredenzt. So schaute ich, eher unbewußt, von Zeit zu Zeit auf, verließ fĂŒr einen kurzen Augenblick das Heft vor mir, nahm einen Schluck, und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Der wurde vom Anblick der AnwohnergĂ€rten eingefangen, die sich in blĂŒhender FĂŒlle farbenfroh zeigten.
Da sah ich sie zum erstenmal. Im Nachbargarten des Nachbarn stand sie, kurzĂ€rmelig aber mit langem Rock bekleidet, an einer Sonnenblume, die einen Kopf kleiner schien als sie selbst, und strich mit der Hand vorsichtig ĂŒber die BlĂŒte. So sah ich sie das erstemal.
Nun mag es sein, daß sie mich bei dieser Gelegenheit selbst gar nicht bemerkt hatte. Aber spĂ€ter tauschten sich unsere Blicke aus, und signalisierten dies durch einen Wink. Noch verging aber ein gutes Jahr, ehe wir auch miteinander sprachen, und ich ihren Namen erfuhr.
Und ich trank einen krĂ€ftigen Schluck, und ich stellte den Becher vor mich auf den Tisch, und ich fand wieder zu der Zeitschrift zurĂŒck und las. Doch da war jetzt jemand, dort in dem Haus halb visavis, und hatte diesesmal den Garten in einem langen Sommerrock durchquert, vorbei an den ApfelbĂ€umen, zunĂ€chst an dem grĂ¶ĂŸeren, schließlich an dem kleineren dahinter, bis zu jener Sonnenblume.


Neunter November.
Ich erwache, und spĂŒre sofort, daß also nichts getrĂ€umt ist. Da liege ich in einem Raum von kĂŒhl nĂŒchterner Umgebung auf einer Liege, die aus einer harten, dĂŒnnen Unterlage in einem Stahlrahmen besteht. Mein Blick tastet schlĂ€frig die Decke ab, von der eine nĂŒchterne Lampe mit einer Milchglaskugel herabhĂ€ngt. Die Lampe brennt, und ich orientiere mich in ihrem Schein.
Die vier WĂ€nde, innerhalb derer ich mich wiederfinde, geben sich grob verputzt, und haben, wenn ĂŒberhaupt, vor langer Zeit einen letzten Anstrich verpaßt bekommen. So vermag es auch das GlĂŒhlampenlicht von der Decke nicht, die Trostlosigkeit, in der dieser Morgen beginnt, zu vertreiben. Vom Fenster her, das in die Außenwand in Übermannshöhe eingelassen ist, so daß es unmöglich erscheint, nach draußen zu gucken, dringt kein Tageslicht an den Ort. Daher wird mein Schlaf zu einem Zeitpunkt beendet gewesen sein, noch bevor die Sonne aufsteigen dĂŒrfte.
Ich will die Stunde wissen, aber am Handgelenk befindet sich nicht wie gewohnt die Armbanduhr, und ich besinne mich kurz des gestrigen Tages, da man mir meine diversen GegenstÀnde abgenommen hat, um sie wÀhrend meines Aufenthalts statt meiner zu verwahren.
Also entschließe ich mich weiter zu schlafen, und wenn es dagegen ein inneres StrĂ€uben geben sollte, so doch einfach zu ruhen, zu dösen, nicht anzuspannen, sondern vielmehr die kommenden Dinge zu erwarten, wenn möglich in vollkommener Gelassenheit. Ich solle ein bißchen Geduld mitbringen, mehr nicht, so ist es mir gesagt worden am gestrigen Tag, man benötige von mir ein paar Angaben, mehr wirklich nicht, ich wĂŒrde einfach gebeten werden, einige Details zu erlĂ€utern, auf die eine oder andere Frage einzugehen, um in einer schwierigen Untersuchung hilfreich zugegen zu sein.
Daher liege ich. Auf dem RĂŒcken liege ich, und verschrĂ€nke die Arme hinterm Kopf. Ich halte die Augen geschlossen und will nichts bewerten, an nichts Bestimmtes denken, mich nicht in Kleinigkeiten verzetteln. Der Raum geht mir aber nicht aus dem Kopf, auch bei verschlossenen Lidern nicht. Über mir schwebt die Lampe und wirft ihren matten Schein. Dieser trifft mich, genauso unter mir das Bettgestell oder die schwere HolztĂŒr, welche mich einsperrt. In Gedanken lasse ich die Leuchte schwingen, damit ihr Lichtkegel umhertanzen kann. Auf diese Weise soll es hier etwas geben, was sich bewegt, abgesehen von meinem Atem.
Es ist jetzt meine Aufgabe, abzuwarten, darauf zu hoffen, daß sich bald jene TĂŒr öffnen wird, welche mich festhĂ€lt. Doch solange dieser Fall nicht eintritt, kann ich wachen oder in den Schlaf versinken, ganz wie es mir beliebt, und ich mag in Gedanken versponnen sein dabei, oder trĂ€umen, am Tage sowie nach Einbruch der Dunkelheit. Es zĂ€hlt einzig, ausgeruht zu sein, wenn ich zum GesprĂ€ch gebeten werde.

Dann rief ich ihr etwas zu.
Das geschah, wĂ€hrend ich auf meinem Balkon an die BrĂŒstung gelehnt stand und hinĂŒberschaute, als ich sie hinter einem Fenster ausmachen konnte. Sie huschte vorbei, und hielt dann doch inne. Mit einem fröhlichen LĂ€cheln winkte sie mir zu, und ich grĂŒĂŸte auf die gleiche Weise zurĂŒck. Und schon verschwand sie vom Fenster, um flugs ihrerseits auf dem Balkon aufzutauchen. Eine ganze Weile lĂ€chelten wir nur, in ganz Ă€hnlicher Pose verharrt, ein jeder auf einem Balkon stehend, auf die Balustrade gelehnt.
Aber es geschah nichts, denn sie sagte keinen Ton, obwohl sie ja schon herausgetreten war, an die frische Luft. Nun dachte ich bei mir, daß dieser Moment wohl nicht verrinnen sollte, ohne ein Wort. Denn noch kannte ich nicht einmal ihren Namen.
Also rief ich ihr etwas zu. „Wolln wir nicht mal ein Bier trinken gehen?“ fragte ich so von Haus zu Haus, von Balkon zu Balkon.
„Ja, können wir machen.“ rief sie mir als Antwort herĂŒber. „Ich werde mal schauen, wann ich Zeit habe, aber nĂ€chste Woche wird's schon klappen.“
Ich nickte, und dĂŒrfte gestrahlt haben. Noch einen ganzen Zeitraum blieben wir stehen, um uns anzulĂ€cheln, ehe sich die Situation auflöste.
An dem Abend ging gerade die Sonne ĂŒber der Stadt unter, als wir uns in die nĂ€chste Eckkneipe begaben, und wir redeten dort ĂŒber einander, so wie man sich vorstellt, wenn zwei Menschen sich das erstemal miteinander unterhalten, und sprachen, wie man so schön sagt, ĂŒber Gott und die Welt, und ganz nebenbei verriet sie mir, daß sie Nina heißen wĂŒrde, wĂ€hrend wir uns ab und an mit den BierglĂ€sern zuprosteten, wobei wir ein LĂ€cheln auf den Lippen zeigten, und keinesfalls vergaßen, die Farbe in den Augen gegenĂŒber anzusehen. So konnten wir die Stunden verstreichen lassen.
Am Ende des anschließenden Heimwegs blieben wir vor Ninas Hauseingang stehen, und verweilten.
„Es war ein schöner Abend.“ sagte sie leise.
„Ja, das war's.“ gab ich zur Antwort.
„Wir sollten sowas wiederholen, bei Gelegenheit.“ fuhr sie fort.
Ich nickte zustimmend. „Auf jeden Fall.“ sagte ich noch, als wir uns zum Abschied die Arme entgegen streckten. Und dann, als wĂŒrde sich niemals wieder die Möglichkeit bieten, drĂŒckte ich ihr einen Kuß auf die Wange, und löste mich, indem ich weiterging.
Bis zu meinem Zuhause war es schließlich ein kurzes StĂŒck, an ein paar HĂ€usern vorbei, und eben um die Ecke, dann war die HaustĂŒr erreicht. Auf diesem Weg ging mir nur eins durch den Kopf, daß ich wohl all meinen Mut aufgebracht haben dĂŒrfte, in genau dem Moment, in dem ich Nina das KĂŒĂŸchen gab.

Ein scharrendes GerĂ€usch weckt mich. Nun ist es Tag, und ich sehe gerade noch, wie in der ZellentĂŒr eine Klappe zugeschoben wird. Es muß mir jemand ein Tablett mit Essen in den Raum gerĂŒckt haben, wodurch auch das Gerumpel entstanden sein wird, denn da befindet es sich auf dem kalten Boden, beladen mit einem StĂŒck Brot, etwas KĂ€se, und einer Wasserflasche.
Ich erhebe mich, und stehe nach drei Schritten davor. Doch die TĂŒr ist verschlossen, wie zuvor. Aus der NĂ€he betrachtet, macht sie einen noch undurchdringlicheren Eindruck, als von meiner Liegestatt aus. Ein massiver Eisenrahmen hĂ€lt dicke Holzbohlen zusammen. Nirgendwo ist eine Ritze, durch die man hindurchlugen könnte, um einen schmalen Blick auf den Flur davor werfen zu können. Und, mehr um einfach auszuprobieren, was wohl geschehen wĂŒrde, oder, um ĂŒberhaupt etwas zu tun, klopfe ich mit den Fingerknöcheln dagegen, mehrere Male klopfe ich an das Holz, so wie man an eine TĂŒr klopft, um sein Eintreten zu signalisieren.
Doch schon erscheint mir mein Handeln albern. Wieviele FĂ€uste, kommt es mir in den Sinn, mögen wohl schon dagegen gehĂ€mmert haben, sich an der TĂŒr wund geschlagen haben in einer unbeschreibbaren Hoffnung, und nie dĂŒrfte sie sich auch nur einen Spalt breit geöffnet haben, nicht auf das stĂ€rkste Pochen hin.
Ich betrachte nur kurz das eingeschobene Essen, und ohne es vorlĂ€ufig anzurĂŒhren, setze ich mich dagegen wieder auf das Bett, schließlich verfĂŒge ich an diesem Ort ĂŒber keine weitere Sitzgelegenheit, wenn man von der recht flachen KlosettschĂŒssel absieht, die ihren Platz in der Ecke zwischen der Liege und der TĂŒr hat.
Ich denke ĂŒber meine Tageseinteilung nach. Ich erklĂ€re es fĂŒr schĂ€dlich, tagsĂŒber schon zuviel zu verschlafen. Einerseits, weil damit die Gefahr steigt, nicht hellwach zu sein, wenn ich zu dem angekĂŒndigten GesprĂ€ch gerufen werden sollte, aber auch, um denn nachts nicht allzu lange und allzu oft wach liegen zu mĂŒssen.


Zehnter November.
Ich rechne fest damit, daß sich heute meine Lage Ă€ndern wird, immerhin beginnt der dritte Tag in diesem Raum unter Verschluß.
Als ich aufwache, ist es lĂ€ngst schon heller Tag, es dringt ein wenig Sonnenlicht durch das Fenster ĂŒber mir, und die Lampe mit der trĂŒben Glaskugel ist andernorts bereits ausgeschaltet worden. Aber ich habe im Schlaf geschwitzt, und die Bettdecke, sowie meine Kleider, fĂŒhlen sich unangenehm feucht an.
Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, im zurĂŒckliegenden Schlaf etwas getrĂ€umt zu haben, und zwar weder an bildnerische Details, noch an die Tatsache an sich, ĂŒberhaupt von Illusionen umgeben worden zu sein. Daher richte ich mich plötzlich erschrocken auf, und blicke in die Richtung zur TĂŒr. Aber das Essen ist noch nicht eingeschoben worden, was mir einen ungefĂ€hren Anhaltspunkt ĂŒber die Tageszeit gibt, wenn davon ausgegangen werden kann, daß jenes immer in derselben Zeitspanne gereicht wird.
Inzwischen, so vermute ich, wird mein Entfernen aufgefallen sein. Es hat schließlich seit einigen Tagen kein elektrisches Licht mehr in meiner Wohnung gebrannt, niemand hat auf das Klingeln des Telefons hin zum Hörer gegriffen, und die Katze dĂŒrfte auf der Suche hungrig durch die Gegend streunen.
Daher erweist es sich doch als Vorteil, zumindest fĂŒr das Tier, daß ich stets ein kleines Fenster offen halte, um es nicht einzusperren. NatĂŒrlich hĂ€tte ich sie gebeten, sich ein wenig um die Katze zu kĂŒmmern, wenn mir die Gelegenheit zu einem FerngesprĂ€ch bei meiner Einlieferung vergönnt gewesen wĂ€re, doch die Katze wird sich zu helfen gewußt haben, nachdem ich nicht mehr, wie gewöhnlich, zurĂŒckgekehrt bin, und möglicherweise, so kann ich nur hoffen, hat sie sich sogar in ihre NĂ€he begeben.

Da hatte es sich die Katze auf Ninas Schoß bequem gemacht, und wurde umarmt und gestreichelt. Beide waren dabei so vertieft in ihre zu einander geneigte TĂ€tigkeit, daß ich mir beinah wie ein Störenfried vorgekommen wĂ€re, sollte ich gerade jetzt den Versuch unternommen haben, die Aufmerksamkeit, etwa durch etwas Gesagtes, auf mich zu lenken.
An diesem Abend war etwas aufgetischt worden, und ich wußte einen mittelalterlichen Auflauf zu bereiten, bei dem ein Teig aus saurer Sahne und Mehl eine FĂŒllung aus sĂŒĂŸer Sahne, in die ich Lauch und Schinken gegeben hatte, so ummantelte, damit dieses Werk eine gute Stunde im Ofen backen könne. Dieses Gericht wurde nur sehr sparsam von GewĂŒrzen getragen, und es bedurfte gerade einer winzigen Prise Salz und einem Hauch von Pfeffer, den ich einzubringen hatte, um dessen Geschmack entfalten zu lassen. Dazu tranken wir Bier, und saßen einen lauen Sommerabend lang auf dem Balkon meiner Wohnung.
„Ich bin noch nie so wunderbar bekocht worden.“ Mit diesen Worten konnte Nina ihr Gefallen an meiner MĂŒhe kundtun, und mich freuten diese Worte ĂŒber die Maßen, als ich mit dem letzten Licht des Tages das Geschirr in die KĂŒche davon rĂ€umte.
„Und ich habe nie zuvor eine so wundervolle Nachbarin bekocht.“ lautete meine Antwort auf ihr Kompliment, doch mit einer stillen Geste wies sie, kaum wahrnehmbar, meine Nettigkeit zurĂŒck.
In der Zwischenzeit, in der ich den Balkontisch von den Dingen unseres Essens entledigt hatte, war nun die Katze angekommen, hatte Nina mit der gebotenen Vorsicht in Augenschein genommen, und ihr, durch das Zurruhelegen auf ihren Oberschenkeln, entspannend die Freundschaft angeboten.
So floß die Zeit dahin, und ĂŒber uns breitete sich ein allmĂ€hlich ein klarer Sternenhimmel aus, als wir da saßen, auf dem Balkon darunter. Es war der Sommer, in dem Jupiter das dominierende Glanzlicht der frĂŒhen NĂ€chte war, und so fragte ich Nina nach einigen verstrichenen Minuten einfach: „Soll ich dir Sterne zeigen, die du mit bloßem Auge noch nie gesehen hast?“
„Wie?“
Nun erhob ich mich, und deutete mit ausgestreckter Hand auf den hellsten Punkt am Firmament. „Ich hab ein kleines Teleskop, und wenn wir das auf diesen Stern richten wĂŒrden, den Jupiter, siehst du ihn, dann könnten wir einen Blick auf seine vier großen Monde werfen, die schon Galilei entdeckt hat.“
Daher beschauten wir bei Einbruch jener Nacht die Jupitermonde, von derer vier sich uns allerdings nur drei prÀsentieren sollten, da sich einer davon wohl verstohlen hinter dem Planeten versteckt hielt.
Und wir fĂŒhlten uns nicht nur von der Ferne angezogen, die uns umgab, sondern auch von einander. Wir standen hinter der Linse, als wĂ€re der Platz dort drangvoll eng, und so berĂŒhrten wir uns ganz nebenbei, und die Schultern rieben sich, immer, wenn wir uns beim Durchblicken ablösten, um ein StĂŒck des Universums zu erspĂ€hen. So berĂŒhrte ich ihre Hand, als Nina sich nach vorn neigte, und dies wurde der Moment, in dem ihre Arme mich umschlangen, und ich es gestattete, von ihr angezogen zu werden, um mich umfangen gedrĂŒckt zu fĂŒhlen. Und so geschmiegt, um und an einander, fanden sich unsere Lippen ganz von selbst, und es folgte ein dicker Kuß auf den nĂ€chsten, dabei streichelte ich ihr durch's Haar und ĂŒber die Wangen, wĂ€hrend die MĂŒnder, verspielt und unermĂŒdlich, emsig versunken waren und nicht ans Aufhören zu denken schienen. Also verstĂ€rkte ich erneut den Druck meiner Arme um ihren Hals, und Nina lehnte sich dagegen, wĂ€hrend der Augenblick sich dehnte, und jene Himmelskörper, derentwillen wir uns aufgestellt hatten, unmerklich ihre Bahn fortsetzten, weil sie von uns nicht aufgehalten werden konnten.
„Laß mich jetzt gehen.“ sagte sie leise, und richtete ihren Kopf auf, um mir in die Augen zu schauen. So lösten wir allmĂ€hlich unsere Einigkeit, wobei wir uns allerdings keineswegs beeilten, aber nun bewegten wir uns in kleinen Schritten auf die WohnungstĂŒr zu, und stiegen die Treppe hinab zur Straße. Auf dem Hof vorm Haus werkelte jemand in einer gegenĂŒberliegenden Garage, und ein schwacher Lichtkegel drang von dort zu uns herĂŒber. Wir ließen uns davon aber nicht abhalten, zum Abschluß dieses Abends genau dort umarmt zu verweilen, und dann sollte der Zeitpunkt nahen, an dem Nina ging.
„Es war ein schöner Abend.“ flĂŒsterte ich zuvor, und diesmal durfte ich es sein, der diesen Satz in den Mund nahm. Sie nickte und lĂ€chelte.
„Schlaf gut, und trĂ€um was Schönes.“ lauteten Ninas Worte, mit denen sie sich schließlich entfernte. Dann, als sie die Ecke erreicht hatte, winkte sie noch einmal, und ich tat es ihr nach, denn so lange hatte ich immer gewartet, bis ich in die vier WĂ€nde zurĂŒckkehrte.


Fortsetzung "Sechs Tage im November (2/2)"

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