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Leselupe.de > Kurzgeschichten
See-Geschichten
Eingestellt am 09. 03. 2005 15:35


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Christina
Autorenanwärter
Registriert: Mar 2005

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See-Geschichten .......

5


Das Schiffshorn tutete dreimal.
Peter hielt seinen Regenschirm etwas höher. Nun konnte er sehen, wie das Ausflugsschiff anlegte.
Seit Tagen hatte er sich auf diese Rundfahrt auf dem großen schönen See gefreut. Eigentlich fand er es sogar besonders anziehend, dass es regnete. Denn er war noch nie bei Regen über einen See gefahren, soweit er sich erinnern konnte.
Jetzt hatte der weiße Katamaran seine Klappe geöffnet und spuckte eine Reihe Leute aus. Sie kamen alle aus dem Inneren des Schiffes, denn heute konnte wahrlich keiner draußen sein.
Es regnete nicht nur, nein, es schüttete gewaltig. Und obwohl es ein gewöhnlicher Mittwochnachmittag außerhalb der Touristensaison war, und das Schiff beileibe nicht überfüllt, hatten die nun Einsteigenden mit ihren vielen Schirmen zu kämpfen, die aneinander stießen, was Manchen zu Unmutsäußerungen bewegte. „Wie ungeduldig!“, schüttelte Peter den Kopf und wartete, denn es gab keinen Grund, um einen Sitzplatz zu bangen.
Erst musste man an einem Kassenhäuschen vorbei, an dessen Öffnung eine emsige Dame fleißig kassierte. Sie blickte gar nicht auf und keinem Menschen ins Gesicht, während die Registrierkasse vor sich hin klingelte. Peter fand, sie hatte €-Zeichen in den Augen, als sie nun doch den Kopf hob, weil Peter sein Kleingeld zusammenkratzte. „Haben Sie sich denn das Geld nicht vorher zusammengerichtet?!“ fragte sie ihn etwas zu unwirsch. Peter antwortete lieber nicht und ging weiter, als sie: „Hier! Ihr Zettel!“ rief. „Ich brauche keinen Zettel.“ sagte Peter und betrat den Gastraum des Schiffes.
Dieses hatte bereits abgelegt, denn – Zeit ist ja bekanntlich Geld.....
Peter sah sich um. Er fand es etwas unlogisch, dass die Sitzbänke samt Tischen so angeordnet waren, dass eigentlich jeweils nur zwei Personen am Fenster einen guten Ausblick haben konnten. Zum Glück waren ja nicht so viele Leute an Bord, sodass er sich direkt an eine Fensterscheibe setzen konnte.
Fasziniert blickte er nach drauĂźen.

Wasser ohne Ende!
Das eine rann in Strömen die Scheiben herunter. Das andere regnete in Millionen Tropfen auf das dritte, den See. Jeder dieser unzählbaren Regentropfen malte in Sekundenschnelle einen kleinen Kringel auf die Seeoberfläche, bevor er versank.
Ein nicht endendes Schauspiel für die Augen, und für die Ohren gab es dazu gedämpft prasselnde Musik.

„Meine Damen und Herren!!!“ – grölte es da urplötzlich aus einem völlig übersteuerten Lautsprecher. „Wir möchten Ihnen nun Informationen ....... bla bla bla .......“. Eine langweilige, automatisierte Tonbandstimme erzählte nun – weiterhin viel zu laut – endlos über alles scheinbar Wissenswerte.
Ich wollte das alles gar nicht wissen, dachte Peter nur, ich hätte lieber weiter dem Regen zugehört. Er versuchte, sich auf seinen Sehsinn zu konzentrieren und genoss wieder den Blick nach draußen.

Er sah ein lebendiges Gemälde in allen Grauschattierungen.
Schaute man über die Wasseroberfläche langsam Richtung Himmel, zerfloss das Grau der Wolken mit dem des Wassers, unterbrochen von einem wieder anders grauen Regenvorhang. Er war so dicht, dass es schon wie Nebel aussah, und man das Ufer mit seinen Bäumen und Wiesen in der Ferne nur mehr in einem stumpfen Dunkelgrün erahnen konnte.
Peter dachte gerade, was dies doch fĂĽr eine unwirkliche Stimmung sei,

- als es laut brummte und er fĂĽr einen Moment unangenehm geblendet die Augen zusammenkneifen musste.
Eine ganze Reihe gleißend heller Neonröhren waren gerade angegangen, nachdem der Sprechautomat mit den Worten: „Verwöhnen Sie sich bitte an unserem Selbstbedienungs-Büfett!“ endlich mit seinen Mitteilungen ein Ende gefunden hatte.
Eine Menge Leute sprangen auf, bildeten eine Warteschlange, alle Köpfe waren einheitlich in Richtung Theke gehalten.
Peter sah auf eine Gruppe, die wohl schon länger hier saß, und johlend die leeren Bierflaschen am Tisch zählte.
Die ersten kehrten mit Kaffeetassen zu ihren Plätzen zurück, einer schimpfte laut über die Wucherpreise. Seine etwas übergewichtige Frau verlangte nun nachträglich doch nach Kuchen, worauf der Mann sich widerstandslos erneut in die Warteschlange einreihte.
Peter rutschte noch enger ans Fenster, drĂĽckte sich fast die Nase daran platt.

Aus dem Regen-Nebel-Grau stachen weiße, sich heftig bewegende Punkte hervor. „Möwen!“ freute sich Peter und war erstaunt und beeindruckt, wie sie alle in solch einer Vielzahl ihrem Möwen-
alltag nachgingen, unbeeinflusst und wenig irritiert von der unfreundlichen Wetterlage.
Peter träumte vor sich hin. Jetzt würde er auch gerne mit einem ihm lieben Menschen hier sitzen wollen und gemeinsam hinaus aufs Wasser schweigen ...... das sind die
besten „Unterhaltungen“, schwelgte er vor sich hin.

Jemand muss seine Gedanken falsch gelesen haben!
„Darf ich mich mal auf Ihre Seite setzen?“ fragte eine Stimme. Bevor er überhaupt reagieren konnte, saß ihm schon eine ältere Dame gegenüber und begann sofort ein Gespräch.
Peter war ein kommunikativer Mensch und unterhielt sich gerne – aber nicht heute! Genervt, und sehnsüchtig nach der Stimmung draußen, schaute er weiter zum Fenster hinaus, während seine neue Tischdame unbeirrbar erzählte. Sie hätte auch einen Sohn in seinem Alter, der lebe aber in Amerika .....
Kein Wunder, fuhr es Peter in den Kopf, der wollte wahrscheinlich nicht mehr zuhören ....
Im Minutentakt sagte er nun „hm“ und „tja“.

Draußen hatte nun der Regen etwas nachgelassen und man konnte die Uferstreifen besser sehen. Einige Kilometer lang war dort kein Mensch und kein Haus auszunehmen. Dafür satte Wiesen oder dichte Baumreihen, aus denen hin und wieder Rehe hervortraten und vorsichtig Richtung Schiff äugten. Peter fand das sich ihm bietende Bild wunderschön.

„Jetzt ist der Ansturm vorbei,“ kicherte die Dame dazwischen,„nun will ich mir auch mal einen Tee holen.“. Sie erhob sich und ging ans Büfett.
„Meine Damen und Herren!!!“ brüllte der Lautsprecher da wieder los, „unsere einstündige Rundfahrt ist nun beendet. Wir hoffen .......“.
Peter fühlte tiefes Bedauern. Widerwillig musste er seine Sachen nehmen. Jetzt hätte ich gerne noch mal so eine Stunde, wünschte er sich.

Wie viele Stunden und welches großartige Schauspiel hätte die Natur wohl noch bieten müssen, um auf sich aufmerksam zu machen? – Kaum eine Chance gegen Lärm, grelles Licht, abgestumpfte Menschen.
„Ein vergeudeter Nachmittag?“ fragte sich Peter nachdenklich auf seinem Heimweg.
Nein. Er hatte viel gesehen und ĂĽber vieles nachgedacht.
Und er lebte gerne.
Da gibt es keine vergeudeten Nachmittage.


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