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Leselupe.de > Gereimtes
Seelen werden nachts vermessen
Eingestellt am 10. 06. 2008 19:41


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Reggy
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2007

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Nacht. Das Schweigen lässt vergessen,
was dem Dämmern anvertraut.
Seelen werden nachts vermessen,
wie der Schein auf bleicher Haut.

Und der Mond malt seine Psalmen
auf die Narben dieser Welt.
Silber windet sich von Halmen,
wenn die Träne uns erhellt.

Und die Kälte spielt den Tröster -
schmelzen lässt sie Träume nicht.
Baut aus ihnen finst're Klöster,
Teppiche aus Asche flicht.

Und der Nebel schickt Gebete
zu dem stillen Horizont.
Doch die Hoffnung, die dort wehte
stahl am Ende sanft den Mond

Rezitation:
__________________
"...dann existiere ich auch nicht!"
Filmzitat

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abertausendweit
Guest
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Hallo!

Angesichts deines jungen Alters (das Oxymoron l√§sst gr√ľ√üen), finde ich das schon eine ordentliche Leistung! Vier Strophen, in denen nicht nur das abab-Reimschema durchgehalten ist, sondern auch der regelm√§√üige Wechsel m√§nnlicher und weiblicher Kadenzen bei den 4-Hebern. Die Reime sind nahezu sauber (Ausnahme: Horizont-Mond), wenn auch einfach gehalten. Von handwerklicher Seite also: Respekt!

Inhaltlich √ľberzeugt mich der Text noch nicht. Bereits in S1 stolpere ich √ľber die letzten beiden Verse, in denen es hei√üt:

Seelen werden nachts vermessen,
wie der Schein auf bleicher Haut.


Wessen Seelen? Die Seelen aller Menschen? Inwiefern sollten diese nachts vermessen werden? Du siehst, bereits zu Beginn wird der Leser mit einer Aussage konfrontiert, die so unpr√§zise ist, dass, zumindest ich, nicht wirklich was damit anfangen kann. Der Vergleich funktioniert in meinen Augen auch nicht so recht, denn inwiefern ist ein Schein vermessen? Soll an dieser Stelle auf ein "vermessenes" (i.S. v. gewagt) erotisches Bild abgezielt werden? Bleiche Haut klingt mir zu tot, blasse f√§nde ich ‚Äď wenn auch nicht erotischer ‚Äď so doch vitaler.

Die S2 gef√§llt mir wesentlich besser, das wirkt zumindest sehr poetisch. Nur der letzte Vers ist mir wieder zu unkonkret ‚Äď wer ist "wir"? Welche Tr√§ne und warum wird √ľberhaupt geweint? In Hinblick auf die Narben der Welt k√∂nnte man versucht sein, das als plumpes Weltschmerzgedicht abzutun, doch ist es fast zu schade daf√ľr.

S3 bleibt mir inhaltlich ein kleines R√§tsel. Wenn ich eine Interpretation abliefern m√ľsste, w√ľrde ich die Z1 derart deuten, dass ein lyrI Kummer, welcher Art auch immer, hat und Trost in der Natur (K√§lte) sucht, also das Haus verl√§sst, um auf einem Spaziergang Kraft zu tanken und den Kopf freizubekommen. Doch gibt es wenige Anhaltspunkte, die diese Sichtweise untermauern w√ľrden. Die K√§lte wird - wie in den Strophen zuvor Schein, Mond und Silber ‚Äď personifiziert. Das nenne ich konsequent.

Doch habe ich wiederum Schwierigkeiten, den letzten Vers unterzubringen, der m. E. √ľberhaupt nicht in das Gedicht passt. Den "Teppich" assoziiere ich sofort mit dem Gedicht Ein alter Tibetteppich E. Lasker-Sch√ľlers und die "Asche" mit Celans Todesfuge. Das will im Grunde nichts hei√üen, vielleicht geht es nur mir so, doch glaube ich, dass bestimmter Termini in ihrer Zusammenf√ľhrung zu einem Bild zuweilen schon zu stark "besetzt" sind, um diesen Assoziationen beim Lesen aus dem Weg zu gehen. Insofern wirkt dieser Vers auf mich deplaziert.

Die letzte Strophe gef√§llt mir, sie scheint als R√ľckblick zu fungieren, denn bereits in S1 ist ja die Nacht angebrochen; somit d√ľrfte kaum noch ein Horizont sichtbar gewesen sein. Auch hier stellt sich die Frage, wer sich da was erhoffte und warum diese Hoffnungen nun ausgerechnet in der Nacht zerbrachen. Nach "wehte" fehlt √ľbrigens noch ein Komma, am Ende ein Punkt.

Gruß, a.

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mitis

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Registriert: May 2008

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quote:
wie der Schein auf bleicher Haut

da bin ich mir formulierungsmäßig nicht sicher:
aber ich glaube, es gibt keinen schein auf bleicher haut, sondern nur schimmer/licht auf bleicher haut. oder vielleicht noch ein Schein auf bleiche Haut (im Sinn von Strahl/Beleuchtung, mit Akkusativ)
der "schein" bedeutet f√ľr mich in erster linie so viel wie illusion etc. (schein und sein)
kann nat√ľrlich hier mitgemeint sein mit dem mondlicht und h√§tte eine sch√∂ne doppel-bedeutung. "schein" kann auch bewusst als nicht existierendes wort eingesetzt sein.
trotzdem glaube ich, dass es das wort "schein" allein im sinn von "scheinen" oder "mondschein", "sonnenschein" nicht gibt.
aber vielleicht weiß es hier jemand besser.

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Reggy
Wird mal Schriftsteller
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Guten Tag,
ich danke euch allen f√ľr eure hilfreichen Rezensionen, eure Meinungen haben mir sehr geholfen. Jetzt sehe ich z.B. die Unklarheiten meiner Metaphern, die auf den Formulierungen beruhen.
"Schein" - gemeint ist tatsächlich das Licht (des Mondes), und "vermessen" im Sinne von, irgendeine Macht misst die Seelen ab, wenn es nacht wird - weil sie dann genauso im Mondschein baden wie die bleiche Haut. Wie könnte man das eindeutiger formulieren?
GLG
Reggy
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MarenS
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Lass die Zeile mit "vermessen" ruhig so stehen, ich habe es so gedeutet wie du es meintest, es ist also möglich es so zu lesen.
Auch der Schein auf bleicher Haut stört mich nicht auch wenn es nicht gerade ein geläufiger Begriff ist oder sogar ein etwas eigenwilliger.
Allerdings gebe ich offen zu, an der ein oder anderen Stelle diverse Verständnisprobleme zu haben z.B. dritte Strophe letzte Zeile die Träne.

Ich bin gespannt darauf ob und was du ändern mgast und wie es dann aussieht.

Gr√ľ√üe von Maren

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presque_rien
???
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Hi Reggy,

ich finde dein Gedicht sehr sch√∂n; aber da liegt zugleich das Problem: Es ist m.E. nicht viel mehr als "sch√∂n". Du hast ein beeindruckendes Gef√ľhl f√ľr Rhytmus und √Ąsthetik; aber ich w√ľrde mir w√ľnschen, das Gedicht w√§re mehr "auf den Punkt gedichtet". Man wei√ü nicht so ganz genau, was du sagen willst.

Ich glaube, das größte Problem ist vielleicht, zu entscheiden, welcher "Akteur" in diesem Gedicht wie zu bewerten ist, z.B.:

quote:
Doch die Hoffnung, die dort wehte
stahl am Ende sanft den Mond
Die Hoffnung ist ja grunds√§tzlich positiv besetzt - aber sie "stahl" den Mond. Warum tut sie das? Und warum tut sie das? Und warum "doch"? Man k√∂nnte jetzt sagen, dass die Nacht leicht negativ besetzt ist, also eher unheimlich ist - dazu w√ľrde auch die dritte Strophe passen - √ľbrigens meine Lieblingsstrophe (ich glaube wirklich nicht, dass dir Lasker-Sch√ľler & Celan da im Wege stehen!):
quote:
Und die Kälte spielt den Tröster -
schmelzen lässt sie Träume nicht.
Baut aus ihnen finst're Klöster,
Teppiche aus Asche flicht.
Aber dann passt die zweite Strophe wieder nicht, die eine sehr romantische Beschreibung der Nacht gibt:
quote:
Und der Mond malt seine Psalmen
auf die Narben dieser Welt.
Und die bereits vieldiskutierte Stelle
quote:
Seelen werden nachts vermessen,
wie der Schein auf bleicher Haut.
gibt mir ebenfalls R√§tsel auf: Inwieweit wird denn der Schein auf der Haut vermessen und wozu? Was ist das Ergebnis? (Dieselbe Frage stellt sich dann nat√ľrlich auch bei dem anderen Teil der Metapher.)

Deshalb finde ich, das ist eines von den Gedichten, die einem beim Lesen sehr gefallen, aber, sobald man anf√§ngt, wirklich dr√ľber nachzudenken, leider etwas unbefriedigend bleiben. Trotzdem, es ist immer noch sehr gut!

С приветом,
presque

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