Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
90 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Seelenbilder und Flüsterlieder
Eingestellt am 30. 07. 2006 10:39


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
memo
Häufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 68
Kommentare: 152
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um memo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil


Seelenbilder und Flüsterlieder


Sie saß in der Fensterreihe. Es war schwül und die Tür zum Garten stand weit offen. Dias wurden an die Wand des Hörsaals geworfen. Actionpainting, Aktionskunst und Minimalismus notierte ich in mein Heft.
Eine ungewöhnliche Frau, ein eigenwilliger Mensch, groß und kräftig im schwarzen Baumwollkleid und dichtem langen Haar. Sie war mir nie aufgefallen. Doch plötzlich erkenne ich erstaunt dieses schiefe Lächeln in dem vollen, weichen Gesicht.
Seit einigen Tagen lese ich ein Buch. Eine alte Holzkiste, randvoll mit Fotografien, spielt darin eine Rolle. Und eine Frau, die Abschied nimmt. Es ist eine Geschichte von einer Nacht voll der Unfassbarkeit des Todes. Aber auch von den leisen Tönen, die die Stille ausfüllen, wenn die Geräusche der Dunkelheit nicht mehr vertraut sind, wie es beschrieben wird. Es ist ein poetischer Text, mit starker Musikalität. Die Erzählung gleicht einem Requiem an den Freund und Geliebten, der lange krank ist und schließlich unerwartet stirbt. Nur eine kleine Abstellkammer im Krankenhaus und eine kalte Hand bleiben ihr.

Ich wusste, dass die Autorin dieses Buches aus meiner Heimatstadt stammt. Ich ging mit ihr beim Lesen über die Landstraße, begleitete sie unseren Pöstlingberg hinauf und lauschte ihren Gedanken. Bam, bam, bababambam. Wie von selbst hatte sich die Melodie von ihren Lippen gelöst. Der Gedanke an den Tod löscht die Erinnerung an Stimmungen nicht aus, so schreibt sie. Ich kannte das Bild Eugenie Kains von der Umschlagseite und nun sah ich nach der Vorlesung dieses Gesicht. Kurz überlegte ich sie anzusprechen und beschloss schließlich sie in Ruhe zu lassen. Ich stand nur da und blickte ihr nach. Jetzt ist Sommerpause. Vielleicht ergibt es sich im Herbst. Es war im Grunde auch nicht so wichtig. Was sollte ich ihr sagen? Warten Sie, ich habe Ihr Buch gelesen. Was fesselte und erstaunte mich eigentlich an dieser Érzählung? War es wirklich ausschließlich die Sprache, mit diesen klugen Überleitungen in die Vergangenheit, als alles noch gut war. Oder war es vielmehr die schlichte Weise, wie diese Frau mit ihrer Einsamkeit umging, die mir so vertraut schien, da auch mein Mann an Krebs verstorben ist.

„Ein Bild gab es, das verschwommen war und zerrann, ein Bild, das flirrte, sich auflöste…“, heißt es. Es waren diese immer wieder kehrenden Bilder, die an die Philosophie von Roland Barths Theorie „der hellen Kammer“ erinnern. Da Eugenie Kain in ihrem Text die Fotografien „beseelt“. Die rein historische Verortung des Geschehenen als so-ist-es-gewesen weitet sich aus zu einem Bild, das über persönliche, soziale, politische und emotionale Facetten verfügt, die auf einer Fotografie allein nie zu lesen wäre, wie dies Barth in seinem Werk formuliert hat. Heiner Müller hingegen hat in seiner Autobiografie von der Fotografie als Medium der modernen Gesellschaft gesprochen, in der das Erinnern verkommt. Eugene Kain sieht das anders. Sie hat den umgekehrten Weg gewählt, der weit über die Dinge hinausgeht die auf den Bildern zu sehen sind. Sie stellt Bezüge her und gibt den Bildern Leben. Sie schenkt ihnen jene Aura zurück, die Walter Benjamin zufolge mit der technischen Reproduzierbarkeit verloren gegangen zu sein scheint. Sie ist allein mit ihrer Trauer und Verstörung in dieser Nacht, sitzt über der kaputten Fotokiste und findet kein passendes Foto für die Totesanzeige. Schließlich wählt sie ein Bild, auf dem ihr Freund, ein Musiker, bezeichnender Weise nicht deutlich zu erkennen ist. Eine Schwarzweiß- Aufnahme mit Blitz und langer Belichtungszeit. Eine Hälfte des Gesichts ist im Schatten, die andere ganz nahe an den Seiten seiner Gitarre.

Kain schreibt:„ Schon jetzt hatte sie Mühe, sich ein Bild von ihm zu machen, sich an sein Gesicht zu erinnern. An welches? An das der letzten Wochen mit den Schattenwangen und den Stoppelhaaren, die nach der Chemotherapie schnell, aber weiß nachgewachsen waren? An das Bild von ihm aus der Zeit, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren und er mit wehendem Mantel und umgeschnallter Gitarre auf einer Freiluftbühne stand? Oder an das Bild, wenn in dem Gesicht unter ihr, alle Anspannung aus den Zügen wich? Oder das Gesicht, als er, nachdem feststand, dass sein Krebs jetzt in den Lungenflügel saß, gesagt hatte `Ich lebe gerne`." Von all diesen Gesichtern gab es keine Fotos.
Aber sie fand Erinnerungen in Schulaufnahmen mit Zöpfen und kurzen Hosen. Als sie als „kleine Heldin“ nicht am Religionsunterricht teilnahm, weil in ihrer Familie keine kleinformatige Zeitung, sondern die kommunistische „Neue Zeit“ gelesen worden war. Vor allem die weibliche Verwandtschaft, zumeist antifaschistische Widerstandskämpferinnen hatten sie gelehrt, mit den Rücken zur Wand zu stehen, „damit sie dich nicht erschlagen können“. Und sie hatten ihr auch beigebracht:“ Gib immer nur zu, was sie schon wissen!“
Da waren auch Fotos von ihm. Er, ein dünnbeiniges, unterernährtes und rachitisches Nachkriegskind, aufgewachsen in der Enge einer Arbeitersiedlung am Rande von Linz. Seine Musik war es, die ihn hinauswachsen ließ. Was blieb, war ein feines Gespür gegen Unrecht und Anfeindungen. Seine künstlerische Arbeit als Liedermacher war aber auch der Grund für Verletzungen die ihm zugeführt wurden. Seine Lieder waren in Schulbücher zu sehen. Doch mit dem Vermerk: Komponist unbekannt. Seine Musik lebte von seinen Live-Auftritten.
Sie summten manchmal seine Melodien beim Spazierengehen, gemeinsam und fast unhörbar. Einmal gab es ein dumpfes Tönen, als ein Stein aufprallte auf der Eisdecke am See. Sie hatte Angst und er bot seine Hilfe an, doch sie wagte nicht seine Hand zu nehmen. Damals als sie noch warm war. Kain meistert das ambivalente Verhältnis von Nähe und Fremdheit, von Trauer und Gewinn, mit dem Gefährten gelebt zu haben.
„Sie waren aufeinander zu gegangen, darauf bedacht, den Abstand zu halten, der notwendig war, um einander zu erkennen. In diesem Spannungsfeld entstand Energie, die bleiben sollte. Sie ließ sich Liebe nennen.“
Es ist seltsam so unerwartet und in einer alltäglichen Situation, einen Menschen zu treffen, an dessen Gefühlen man in der Nacht zuvor teilgenommen hatte.

Es heißt die Araber wissen, dass der Tod ein schwarzes Kamel ist, das niederkniet vor der Haustür, wenn es so weit ist. Wir haben noch keinen so tröstlichen Vergleich gefunden. Was bleibt wenn jemand stirbt? Für Eugenie Kain sind es Seelenbilder und Flüsterlieder. Sie misstraut den eigenen Erinnerungen und lässt dadurch in eine Tiefe blicken, die immer mehr an Dunkelheit verliert.



Eugene Kain, geb. 1960 in Linz,
studierte Germanistik und
Theaterwissenschaft.
Sie ist als Kulturjournalistin
und Beraterin im Sozialbereich tätig.
Zahlreiche Publikationen und Preise,
u.a. den Buch.Preis 2003
für ihren Roman “Atemnot“(2001).

„Flüsterlieder“
Erzählung, Otto Müller Verlag
ISBN 3-7013-1112-9




margarete bachinger 2006

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Inu
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 120
Kommentare: 2153
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Inu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Margarete

Diese gelungene Rezension bringt mir eine bisher ganz unbekannte Schriftstellerin nahe und auch warum Du uns ihr Buch vorstellen möchtest ... Ähnliches Schicksal, Tod, Verlust, Trauer.

Ein paar wenige Fehler sind mir aufgefallen:


quote:
Seelenbilder und Flüsterlieder


.....Ich wusste, dass die Autorin dieses Buches aus meiner Heimatstadt stammt. Ich ging mit ihr beim Lesen über die Landstraße, begleitete sie unseren Pöstlingberg hinauf und lauschte ihren Gedanken. Bam, bam, bababambam. Wie von selbst hatte sich die Melodie von ihren Lippen gelöst. Der Gedanke an den Tod, Komma weg löscht die Erinnerung an Stimmungen nicht aus, so schreibt sie. Ich kannte das Bild Eugenie Kains von der Umschlagseite und nun sah ich nach der Vorlesung dieses Gesicht. Kurz überlegte ich sie anzusprechen und beschloss schließlich ,sie in Ruhe zu lassen. Ich stand nur da und blickte ihr nach. Jetzt ist Sommerpause. Vielleicht ergibt es sich im Herbst. Es war im Grunde auch nicht so wichtig. Was sollte ich ihr sagen? Warten Sie, ich habe Ihr Buch gelesen. Was fesselte und erstaunte mich eigentlich an dieser Érzählung? War es wirklich ausschließlich die Sprache, mit diesen klugen Überleitungen in die Vergangenheit, als alles noch gut war. Oder war es vielmehr die schlichte Weise, wie diese Frau mit ihrer Einsamkeit umging, die mir so vertraut schien, da auch mein Mann an Krebs verstorben ist.
„Ein Bild gab es, das verschwommen war und zerrann, ein Bild, das flirrte, sich auflöste…“, heißt es. Es waren diese immer wieder kehrenden Bilder, die an die Philosophie von Roland Barths Theorie „der hellen Kammer“ erinnern. Da Eugenie Kain in ihrem Text die Fotografien „beseelt“. Die rein historische Verortung des Geschehenen als so-ist-es-gewesen weitet sich aus zu einem Bild, das über persönliche, soziale, politische und emotionale Facetten verfügt, die auf einer Fotografie allein nie zu lesen wäre, wie dies Barth in seinem Werk formuliert hat. Heiner Müller hingegen hat in seiner Autobiografie von der Fotografie als Medium der modernen Gesellschaft gesprochen, in der das Erinnern verkommt. Eugene Kain sieht das anders. Sie hat den umgekehrten Weg gewählt, der weit über die Dinge hinausgeht die auf den Bildern zu sehen sind. Sie stellt Bezüge her und gibt den Bildern Leben. Sie schenkt ihnen jene Aura zurück, die Walter Benjamin zufolge mit der technischen Reproduzierbarkeit verloren gegangen zu sein scheint. Sie ist allein mit ihrer Trauer und Verstörung in dieser Nacht, sitzt über der kaputten Fotokiste und findet kein passendes Foto für die Totenanzeige. Todesanzeige. Schließlich wählt sie ein Bild, auf dem ihr Freund, ein Musiker, bezeichnender Weise nicht deutlich zu erkennen ist. Eine Schwarzweiß- Aufnahme mit Blitz und langer Belichtungszeit. Eine Hälfte des Gesichts ist im Schatten, die andere ganz nahe an den Seiten seiner Gitarre. Kain schreibt:„ Schon jetzt hatte sie Mühe, sich ein Bild von ihm zu machen, sich an sein Gesicht zu erinnern. An welches? An das der letzten Wochen mit den Schattenwangen und den Stoppelhaaren, die nach der Chemotherapie schnell, aber weiß nachgewachsen waren? An das Bild von ihm aus der Zeit, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren und er mit wehendem Mantel und umgeschnallter Gitarre auf einer Freiluftbühne stand? Oder an das Bild, wenn in dem Gesicht unter ihr, alle Anspannung aus den Zügen wich? Oder das Gesicht, als er, nachdem feststand, dass sein Krebs jetzt in den Lungenflügel saß, gesagt hatte `Ich lebe gerne´ "
Da ist was mit den Satzzeichen. Du weißt bestimmt. Ich kriegs nicht hin mit blau und so ... geht nicht


War gut, zu lesen.

LG
Inu

Bearbeiten/Löschen    


memo
Häufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 68
Kommentare: 152
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um memo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Inu
Ich freue mich wirklich sehr, dass du meinen Text so aufmerksam und vorallem gerne gelesen hast. Danke.
Den Leser an der Hand nehmen, ein Stück nur, dann etwas loslassen damit er sich umsehen kann, Raum hat für eigene Gedanken und die Möglichkeit neugierig zu werden. So bin ich gerne aufgehoben in einem Buch.
Viele liebe Grüße
memo


Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!