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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Seelendreck
Eingestellt am 06. 05. 2010 18:45


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Dr Time
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Seelendreck

Noch Stunden sp├Ąter glaubte er das Ger├Ąusch der T├╝r zu h├Âren, die seine Frau ins Schloss geworfen hatte. Es hallte noch immer durch das Haus, f├╝r das sie beide so viel Schwei├č und Tr├Ąnen auf die teuren Fliesen vergossen hatten. Aber diese Fliesen, so schien es ihm nun, waren nur f├╝r einen einzigen Zweck verlegt worden. Nicht weil sie so gut zu reinigen waren, nicht weil sie die Fu├čbodenheizung so effektiv machten und nicht weil sie schick waren.

Nein ÔÇô Reflexion. Das war es, worauf es ankam, wenn man Tassen zerbrach, wenn man sich laut anschrie und wenn man ein letztes Mal seinen Worten Ausdruck verleihen wollte, obwohl man wusste, dass alles l├Ąngst vorbei war.

Aber wann blo├č hatte es angefangen, vorbei zu sein? Warum hatte es angefangen, vorbei zu sein? Und das Wichtigste ÔÇô wie konnte es so lange schon vorbei gewesen sein, ohne dass sie es gemerkt hatten?

Hatte er ihre Bed├╝rfnisse nicht gesehen in all den Jahren? Hing er zu sehr seinen eigenen Tr├Ąumen nach, seinen verpassten Chancen und den gro├čen Pl├Ąnen? M├Ąnner haben das ja meistens. Den Traum von der Weltumseglung oder von einer Harley-Davidson in der Garage. Stattdessen bekommt man aber h├Âchstens einen Gartenteich und einen Kombi mit Verdeck, den man sowieso nicht mehr braucht, wenn die Kinder erst einmal aus dem Haus sind.

Zusammengekauert, die Beine mit den Armen umfassend, so sa├č er nun auf dem blitzsauberen Fliesenboden und f├╝hlte sich selbst schmutzig. In seiner Seele stank es nach vergammelten Ideen, deren Verfallsdaten l├Ąngst abgelaufen waren. Aber auch jede Menge M├╝ll, f├╝r den er sich sch├Ąmte, hatte sich angesammelt.

Er musste all diesen Seelenm├╝ll beseitigen, um wieder ein guter Ehemann zu sein, dachte er, und ging ins Bad, wo er sich rasierte - zum ersten Mal seit Wochen wirklich gr├╝ndlich. Er zog den Anzug an, in dem ihn seine Frau so sehr mochte, und r├Ąumte das Haus auf. Doch zur Reinigung seiner Seele bedurfte es nat├╝rlich noch mehr.

Auf dem Dachboden hatte er ein paar Dinge gut versteckt, die er unbedingt entsorgen musste, bevor er seine Frau um eine zweite Chance bitten w├╝rde. Mit einer gro├čen, blauen M├╝llt├╝te stieg er hinauf um alles darin zu verstauen.

Die Plastikvagina, die er einmal in einem Pornoladen gekauft hatte. Nat├╝rlich auch die dazu geh├Ârigen Heftchen. Es lag sovieles dort, an das er lange nicht mehr gedacht hatte. S├Ąuberlich abgelagert wie Sedimente seiner Vergangenheit. Da war die Lederjacke, die noch nach genau dem Nikotin roch, welches viele Jahre zuvor durch seine Lungen gestr├Âmt war. Und unter der Jacke lagen still und stumm seine Lieblings-Schallplatten, inzwischen verbogen von der Hitze unterm Dach. Zu gerne h├Ątte er sich wieder einen Plattenspieler zugelegt, aber immer wieder gab es deswegen Streit mit seiner Frau. (Wo soll das ganze Zeug denn hin?) Kein Streit mehr. Weg mit dem Vinyl.
Dann fand er seine alten Tageb├╝cher wieder. Er schlug wahllos irgendeine Seite auf und las von seinen Tr├Ąumen, einmal einen verfallenen Bauernhof zu kaufen und ihn zu einem gem├╝tlichen Heim umzubauen. Zuklappen. Weg damit.

Er liebte seine Frau, seine Kinder und sogar den CD-Player. Auch das Haus und der gro├če Garten waren ihm lieb und teuer. Punkt.

Dann diese albernen Hobbys. Nie w├╝rde er als Maler sein Geld verdienen k├Ânnen. Wozu also noch die ├ľlfarben, die ohnehin l├Ąngst vertrocknet waren? Reine Zeitverschwendung, dieses Gepinsel. Also kamen auch seine Malerpalette und die Bilder in die blaue T├╝te. Es waren sehr viele Bilder. Und so war der M├╝llsack nun fast voll.

Den alten, kaputten Kopfh├Ârer hatte er einmal von seinem besten Freund geschenkt bekommen. Damals, als sie beide zehn waren, hatten sie im Wald immer Soldaten-Man├Âver gespielt. Als Funker brauchte man einen m├Âglichst gro├čen Kopfh├Ârer. Sein Freund lebte inzwischen in Kanada, z├╝chtete Hunde und war schwul geworden. Ob er noch manchmal an den kleinen Funker mit dem gro├čen Kopfh├Ârer dachte? Jedenfalls passte das Ding nicht mehr in den M├╝llsack. Also setzte er es sich kurzerhand auf und sah nun aus wie Micky Maus.

So stieg er die enge Dachbodentreppe hinunter zum Flur. Auf der untersten Stufe wurden Meatloaf, Abba und die Village People dem Plastiksack zu schwer. Er riss der L├Ąnge nach auf, und der gesamte Seelendreck-Inhalt breitete sich im Flur aus. Die Gummi-Muschi fiel direkt vor die F├╝├če seiner Frau, die gerade zum Flur hereingekommen war und nun zwischen all den Pornoheften stand. Sie sagte irgendetwas, aber davon verstand er kein einziges Wort.

Gro├če Milit├Ąr-Kopfh├Ârer isolieren hervorragend jedes Ger├Ąusch.

__________________
"der erste Entwurf ist immer schei├če"
Ernest Hemmingway

Version vom 06. 05. 2010 18:45
Version vom 10. 05. 2010 22:27
Version vom 10. 05. 2010 22:44

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Lio
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Hi Stephan,

war das damals dein erster Entwurf, dann m├╝sste er ja sch.... sein:-) Nee quatsch, ich finde die Idee, dass man durch das Wegschmei├čen von Dingen mit der Vergangenheit aufr├Ąumt grunds├Ątzlich ganz witzig und die Erinnerungen des Prot. sind ja auch interessant.

Bei der genaueren Betrachtung fielen mir aber stillistische und dramaturgische Fehler auf:

Dramaturgie:

Kein Konflikt. Ich glaub┬┤ dem Prot. nicht, dass er nicht weiter leben k├Ânnte ohne seine Seele zu s├Ąubern. Mir fehlt also seine Motivation und da er f├╝r mich nicht motiviert ist, gibt es auch keinen wirklichen Konflikt.

Alle anderen Punkte, die die Dramaturgie betreffen, beruhen auf dem fehlendem Konflikt, sprich es gibt keine Enwicklung, der Text pl├Ątschert so vor sich hin und endet irgendwo, aber nicht mit einem Knall.

Stilistik

Wie man schreibt ist nat├╝rlich jedem selbst ├╝berlassen. Angesagt ist ja gerade der Hyperrealismus, da w├Ąre schon dein zweiter Satz viel zu lang.

Anstatt:

quote:
In seiner Seele sah es beinahe so aus, wie in der verwahrlosten Wohnung dieser Kinder aus Berlin, die man monatelang allein gelassen hatte, bevor das Jugendamt sie fand.

Hier:

Seine Seele glich einer verwahrlosten, von zur├╝ck gelassenen Kindern bewohnte Wohnung.

Aber wie gesagt, dass ist Ansichtssache.
Au├čer Frage steht aber, dass dein Wortschatz damals noch nicht so gro├č war, weil immer wieder die gleichen W├Ârter vorkommen:
quote:
Bevor er jedoch an sein Innerstes ging, rasierte er sich. Zum ersten Mal seit Wochen tat er dies wirklich gr├╝ndlich. Er kaufte sich neue Kleidung, und schnitt sich die Fingern├Ągel. Das alles tat er, um auch ├Ąu├čerlich ein Zeichen zu setzen. Doch zur Reinigung seiner Seele bedurfte es nat├╝rlich noch mehr.

Er ging also auf den Dachboden und packte ein paar Dinge, die er dort gut versteckt hatte, in eine gro├če blaue M├╝llt├╝te.
u.s.w.

Du gebrauchtest damals au├čerdem noch viele f├╝r den Textfluss nicht notwendige Worte:

quote:
Er ging also auf den Dachboden und packte ein paar Dinge, die er dort gut versteckt hatte, in eine gro├če blaue M├╝llt├╝te. Die Plastikvagina, die er damals in diesem Pornoladen gekauft hatte. Nat├╝rlich auch die dazu geh├Ârigen Heftchen. Es lag sovieles dort, an das er lange nicht mehr gedacht hatte. S├Ąuberlich abgelagert wie Sedimente seiner Vergangenheit. Da waren seine Schallplatten, die inzwischen verbogen waren von der Hitze unterm Dach. Zu gerne h├Ątte er sich mal wieder einen Plattenspieler zugelegt, aber immer wieder gab es deswegen Streit mit seiner Frau. (Wo soll das ganze Zeug denn hin?) Kein Streit mehr. Weg mit dem Vinyl.
etc.

Ich wei├č nicht, ob dir meine Anmerkungen etwas gebracht haben, vielleicht hast du diesen Text ja auch nur aus Nostalgie hoch geladen und willst ihn gar nicht mehr ├╝berarbeiten.

Alle Gute!

Lio


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Dr Time
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Danke f├╝r die Kritik und das Besch├Ąftigen mit meinem Oldtimer-Text. - Nein, Nein, es hatte keineswegs nostalgische Gr├╝nde, sondern es interessierte mich, wie der Text hier bewertet wird.
Im Grunde ist es ja die Momentaufnahme einer Midlifecrisis. Insofern liegt die Motivation des Prot. wohl ein St├╝ck weit in der Vergangenheit. Dass man sie nicht erf├Ąhrt, ist in der Tat ein Manko. Du hast also Recht. Ich h├Ątte z.B. einflechten k├Ânnen, dass er sich zuvor mit seiner Frau gestritten hatte.

Der zweite Satz ├╝brigens (das mit den verwahrlosten Kindern) resultiert aus einer Meldung, die kurz zuvor durch s├Ąmtliche Medien gegangen war und damals aktuellen Bezug hatte.
Was die L├Ąnge des Satzes angeht, sage ich mal, und das soll nicht despektierlich klingen, war es mir eigentlich immer egal, was so angesagt ist, wie du es ausgedr├╝ckt hast. Aber ich verstehe schon was du meinst. F├╝r eine Kurzgeschichte kracht es am Anfang nicht genug. Der Satz ist zu kompliziert. Da werde ich mal nacharbeiten. Aber ich warte wohl noch ab, was sonst so an Kritik kommt.

Besonders geholfen hat mir dein Hinweis auf die ├╝berfl├╝ssigen Worte. Komisch, dass es mir nicht selber aufgefallen ist.

LG Stephan

PS. Da hatte Hemmingway wohl mal wieder Recht
__________________
"der erste Entwurf ist immer schei├če"
Ernest Hemmingway

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