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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Seelenleben
Eingestellt am 06. 08. 2012 19:01


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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Seine Frau hatte vorgesorgt. Sie wusste, dass er sich nichts kochen w├╝rde, aber auch eine Abneigung hatte gegen Imbissbuden, Speiselokale und Restaurants. Portionsweise hatte sie verschiedene Speisen f├╝r zehn Tage in der Gefriertruhe deponiert, so dass er sie nur in der Mikrowelle hei├č machen musste.
Nun, am elften Tag, richtete Hermann Behnke seinen morgendlichen Spaziergang, der ihm seit seiner Pensionierung vor vier Jahren zur Gewohnheit und zum Bed├╝rfnis geworden war, so ein, dass er um die Mittagszeit vor dem 'Restaurant am See' stand. Er z├Âgerte, sp├Ąhte durch die Scheibe, entdeckte mehrere freie Tische und ging hinein.
Er nahm an einem Zweier-Tisch Platz, studierte die Tageskarte und entschied sich f├╝r das Schollenfilet mit Kartoffelsalat.
W├Ąhrend er an seinem Alsterwasser nippte, kamen sieben in Schwarz gekleidete Personen herein. Sie funktionierten den Vierer-Tisch vor ihm am Fenster in einen Sechser-Tisch um, in dem sie zwei St├╝hle von einem anderen Tisch dazu stellten und sprachen kurz ├╝ber die Tischordnung. Ein ├Ąlterer Herr, in den Achtzigern, fragte ihn, ob er sich zu ihm setzen d├╝rfe.
"Selbstverst├Ąndlich!" antwortete Behnke. Und dann lachend:"Sie wollen sich doch nicht als Siebenter da noch `reinquetschen!"
Er setzte sich, nahm seine Brille in die Hand und betrachtete Behnke einen Moment lang aus tr├╝ben grauen Augen. "Wir haben eben meine langj├Ąhrige Nachbarin beerdigt", sagte er lakonisch.
"Oh!" antwortete Behnke. "Wenn Sie auch nicht verwandt waren, trotzdem herzliches Beileid!"
"Danke!"
Eine Kellnerin brachte Behnkes Gericht und nahm die Bestellung der Trauerg├Ąste auf.
Behnke stocherte in seinem Essen herum. Der Salat war ganz pikant, aber das Filet schmeckte fade, h├Ątte ebenso Fleisch sein k├Ânnen.
"Sie werden sonst wohl zu Hause verw├Âhnt?" fragte sein Tischnachbar.
"Ja, selbst am Essen merkt man, dass einem die Frau fehlt!"
"Doch hoffentlich nichts Ernstes?"
"Nein, zum Gl├╝ck nicht! Sie bekam eine neue H├╝fte und jetzt trennen uns noch drei Wochen 'Reha'."
"Dann haben Sie das ja bald ├╝berstanden. Seit meine Frau tot ist, bek├Âstige ich mich selber. Manchmal hat meine Nachbarin, die mit meiner Frau gut befreundet war, f├╝r mich mitgekocht."
"Sie werden sie vermissen!"
Er bekam Schweinebraten mit Rotkohl, und Behnke w├╝nschte ihm guten Appetit.
"Ja, ich werde sie vermissen. Ich tr├Âste mich aber damit, dass es ein Wiedersehen mit meiner Frau geben wird!"
"Das verstehe ich nicht. Wie meinen Sie das?"
"Sind Sie gl├Ąubig? Das k├Ânnen Sie nur verstehen, wenn Sie kein Atheist sind!"
"Ich habe meinen Glauben!" antwortete Behnke bestimmt.
"Sein Gegen├╝ber nickte nur und konzentrierte sich auf das Essen. Behnke bestellte sich noch ein Alsterwasser und lud ihn zu einem Bier ein. Als die Getr├Ąnke kamen, bedankte er sich, nahm einen gro├čen Schluck und fragte: "Glauben Sie denn, dass es eine Seele gibt?"
"Eine Seele? Meinen Sie Seelenwanderung oder die Seele, die in den Himmel verschwinden soll?"
Er kaute erstmal einen Bissen Fleisch durch. "Himmel ist ja ein abstrakter Begriff. Meine Tochter hat vor zwei Jahren zu meinen Enkelkindern gesagt: 'Oma ist jetzt im Himmel'. Damit haben sie sich zufrieden gegeben. Aber geben Sie sich als Erwachsener damit zufrieden?"
Behnke schob den Teller mit dem nicht bezwungenen Filet beiseite. Diese Unterhaltung schmeckte ihm besser! "F├╝r einen Erwachsenen ist das nicht so einfach. Die Seele soll ja den toten K├Ârper verlassen. Wer oder was ist aber die Seele? Keiner hat sie bisher gesehen. Schwebt sie aus der toten H├╝lle wie ein Luftballon zu Gott in den Himmel? Selbst die Astronauten haben vergeblich im Weltraum danach geschaut."
Der ├Ąltere Herr sch├╝ttelte l├Ąchelnd den Kopf. "Wer an ein Wiedersehen nach dem Tode glaubt, der stirbt ruhiger. Ich glaube daran und stelle mir vor, dass sich die Seelen auf dem weit ├╝ber den Himmel gespannten Regenbogen aufhalten."
Behnke sah ihn ungl├Ąubig an. Er schien es aber wirklich ernst zu meinen. "Wie stellen Sie sich das genau vor?"
"Dass die Seelen dort oben wieder eine Art Lebewesen werden. Sie h├Ąngen wie Flederm├Ąuse mit dem Kopf nach unten und blicken hinunter. Die Sehst├Ąrke der Augen ist hunderttausendmal st├Ąrker als bei einem Adler, damit sie jeden Winkel unserer Erde erkennen k├Ânnen."
Behnke konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren und fragte sich, ob er nicht von ihm auf den Arm genommen wird.
Doch seinem Gegen├╝ber konnte er nichts Derartiges anmerken.
"Was ist das f├╝r ein neues Leben? Mit dem Kopf nach unten h├Ąngend die Erde zu beobachten, ist das erstrebenswert? Ist dass alles, was Sie an g├Âttlicher Liebe erwarten? K├Ânnen die Seelen zumindest miteinander kommunizieren?"
"Das wei├č ich nicht, das erf├Ąhrt man oben."
"Und warum kann man sie auf dem Regenbogen nicht erkennen?"
Bevor er antworten konnte, ert├Ânte eine Stimme vom Nebentisch: "Herr Schulz, sind Sie fertig? Wir wollen Sie wieder mitnehmen!"
Er leerte das halbe Glas Bier in einem Zug und sagte: "Wir k├Ânnen sie von hier aus nicht erkennen. Selbst das st├Ąrkste Weltraumteleskop kann sie nicht erfassen, weil sie sich auf der erdabgewandten Seite des Regenbogens befinden. Vergleichbar mit der R├╝ckseite des Mondes!"
Er verabschiedete sich, verschwand mit der Gruppe wie ein Spuk und lie├č Behnke nachdenklich zur├╝ck.

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