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Leselupe.de > Kurzprosa
Seelenvirus.
Eingestellt am 26. 07. 2004 04:48


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rocketboy
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Seelenvirus.

Ich konnte mir selbst nie Schmerzen zuf├╝gen, dazu fehlte mir der Mut. Mich selbst zu schneiden, das habe ich nicht geschafft. Oft stand ich mit dem Messer da, hatte es angesetzt an der wei├čen Haut meines Unterarmes, und versuchte deren Oberfl├Ąche zu ritzen. Aber ├╝ber einen schmalen wei├čen Strich, an dem meine Haut ein wenig aufgeraut war, bin ich nie hinausgekommen. Deshalb genie├če ich es jetzt so, mit der Katze zu spielen. Klar, die Kratzer auf meinem Arm sehen nicht besonders schlimm aus. Sie sind auch nicht sonderlich tief, haben kaum geblutet. Aber zubei├čen kann die Katze ganz sch├Ân fest. Wenn ich sie ein wenig reize, und ihr den Bauch kitzle, dann packt sie mein Handgelenk, verbei├čt sich in meiner Handfl├Ąche und tritt mit den Hinterbeinen gegen meinen Arm, auf dem ihre Krallen kleine Wunden hinterlassen. Auch wenn es weh tut, h├Âre ich nicht auf, sie weiter zu ├Ąrgern und entziehe ihr nicht meine Hand. Irgendwann bei├čt sie mit ihren Z├Ąhnen so fest in meinen Daumenballen, dass ich nichts mehr f├╝hle, abgesehen von diesem k├Ârperlichen Schmerz. Wenn du so einen gro├čen au├čerordentlichen Schmerz versp├╝rst, dann ist alles andere auf einmal weg, es ist nicht nur einfach ├╝berdeckt, f├╝r einen Moment sind all diese anderen verdammten Gef├╝hle irgendwo au├čerhalb deines Inneren und huschen dir erst wieder ins Gem├╝t, wenn die Konzentration des k├Ârperlichen Schmerzes nachl├Ąsst.

Es ist ja nicht mal so, dass mich ein seelisches Leiden sehr stark bedr├╝cken w├╝rde. Es ist eher so, dass da dieses Gef├╝hl ist, und das ist so unheimlich traurig, so blechern und hohl, so nass von Tr├Ąnen, die ich noch nicht geweint habe. Wenn du in dieses Gef├╝hl hineinrufst, dann verschlingt es deine Stimme wie ein hungriges schwarzes Loch, und wirft dir keine Antwort zur├╝ck, geschweige denn dein Echo. Es kann deine Gedanken auffressen und wenn du nicht aufpasst, dann saugt es auch deine Blicke, deine Worte, dein Wesen auf, so als w├Ąrst du der letzte Idiot auf Erden, der weder reden noch schweigen kann. Das T├╝ckische an diesem Gef├╝hl ist seine Virulenz. Lange lauert es tief in dir drinnen, und wenn du abgelenkt bist, mit Freunden deine Tage verbringst und im Rausch deine N├Ąchte, wenn du Spa├č hast und dir einen guten Ich-Zustand attestierst, dann merkst du gar nicht, dass es da ist. Aber wehe, du verlebst einen fad schmeckenden Sonntag alleine bei dir zuhause, ertr├Ągst seit langer Zeit deine eigenen vier W├Ąnde zum ersten Mal wieder mit der Gewissheit, dass du ihnen nicht auskommst, denn wohin k├Ânntest du auch gehen? Das eigenartige Licht, das durch den wolkenbedeckten Himmel gefiltert wird, dringt wei├č durch deine Jalousien und ├Ątzt dir jede F├Ąhigkeit, eine Entscheidung zu treffen, weg. Und dann, wenn du das dritte Buch weglegst, weil du dich doch nicht darauf konzentrieren kannst, wenn du zum wiederholten Mal den Fernseher aufdrehst, nur um ihn wieder abzudrehen, wenn du das Telefon ansiehst, als k├Ânnte es allein dir sagen, wen du anrufen sollst, genau dann kommt dieses Gef├╝hl in dir hoch und schwemmt dich weg.

Stell dir einfach vor, du w├╝rdest auf dem Grund eines ausgetrockneten Brunnens sitzen. Du wei├čt zwar, dass es Luft ist, die du atmest, aber k├Ąmst du dir nicht doch so vor, als w├╝rdest du gerade ertrinken, weil du Wasser in deine Lungen saugst? Auch wenn schon lange keiner mehr von diesem Brunnen trinken konnte, allein das Wissen von der Existenz des Wassers, das da vor dir war, h├Ąlt es lebendig und in der einen Realit├Ąt atmest du Luft, in der anderen aber, von der du merkst, das sie nur durch eine kleine Verschiebung im Raum-Zeit-Kontinuum zu erreichen w├Ąre, atmest du Wasser. Jetzt sag mir, w├╝rdest du nicht an der Luft ertrinken? Genauso verh├Ąlt es sich mit dem ach so traurigen Seelenvirus, der in mir steckt. Ich verrecke an ihm, egal ob er an meiner Hautoberfl├Ąche kratzt oder im letzten Winkel meines K├Ârpers sitzt und schweigt. Wei├čt du was? Es ist ganz einfach.

Ich beschlie├če zu sterben, jeden Tag ein bisschen.



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Herzog
???
Registriert: Apr 2004

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Sehr genau beobachtet ...

... und unpr├Ątenzi├Âs beschrieben: Dieses Hintergrundggef├╝hl eines abgesicherten und vielleicht gerade deshalb ins Leere laufenden Lebens. - Diese Unf├Ąhigkeit, sich selbst zu akzeptieren, mit sich selbst im Reinen zu sein, Selbstgewissheit zu versp├╝ren auch ohne das Echo der Au├čenwelt! Dieses Empfinden von Isoliertsein! Dieser Wunsch nach Au├čenbeziehung, nach Ber├╝hrung mit der Welt, sei es auch um den Preis der eigenen Verletzung!

Angefangen von dem Milchtritt und Milchbiss des K├Ątzchens bis hin zu dem Gef├╝hl des tageweisen Dahinsterbens - alles Erfahrungen, die von mir geteilt werden.

Deshalb und wegen der bemerkenswerten sprachlichen Pr├Ązision uneingeschr├Ąnkte Anerkennung f├╝r deinen Text.

Gru├č, Herzog

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