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Leselupe.de > Horror und Psycho
Seelenwanderung
Eingestellt am 14. 02. 2007 19:27


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Enola Aileen
Hobbydichter
Registriert: Feb 2007

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Alle vier Jahre, genauer gesagt, am 29.Februar bleibt die Zeit f├╝r einen Augenblick stehen.
Es ist ein gleichbleibender Zyklus, der all die rastlosen Seelen aus ihren Verstecken treibt, um durch die sich in vielen Teilen der Welt ├Âffnenden Tunnel in das Licht zu treten. Dieser Moment ist nicht l├Ąnger eine Zeit der Lebenden, sondern es ist die Zeit derer, die einmal gelebt haben.


Der schlichte Abrei├čkalender, der in ungef├Ąhrer Augenh├Âhe auf der gemustert tapezierten Wand angebracht war, zeigte den 29.Februar. Direkt nebenan, auf gleicher H├Âhe, leistete ihm ein in einem goldlackierten Rahmen eingefasster Spiegel Gesellschaft. Aus dem eingerahmten Rechteck heraus, schaute ein Mann fortgeschrittenen Alters auf das Ebenbild eben seiner Person, die im sp├Ąrlichen Licht einer schwach leuchtenden Stehlampe furchtbar verloren wirkte. Barfu├č, nur mit einer hellblauen Pyjama-Hose bekleidet stand er da und starrte ins Leere. Zusammengesunken, wie ein armer S├╝nder lie├č er die Schultern schlaff h├Ąngen, und die Arme kraftlos an seinem K├Ârper herabbaumeln, auf dem die Spuren des Alterns bereits deutlich sichtbar waren. Die Muskeln seines Oberk├Ârpers waren geschrumpft, ebenso wie die seiner Arme. Die Haut hing schlaff herab und bildetet Falten, so dass die br├Ąunlichen Altersflecken auf seinen H├Ąnden noch deutlicher hervortraten.
Er bot wahrlich einen bemitleidenswerten Anblick. Lediglich der Fetzen Papier, den er zusammengekn├╝llt so fest in der rechten Hand hielt, dass die Sehnen und Adern aus seiner Haut traten, st├Ârten den schw├Ąchlichen Eindruck den er ansonsten bot. Das wenige, das von der Schrift auf dem Papierfetzen zu sehen war, lie├č erkennen, dass es eines der Bl├Ątter dieses Kalenders war, der in dieser Nacht eine so tragende Bedeutung hatte. Er bewies, dass der gestrige Tag vor├╝ber, und der Tag, der sich nur alle vier Jahre wiederholte, angebrochen war.
In Erwartung auf ein Ereignis, das noch heute an diesem seltenen Tag stattfinden w├╝rde, hatte er die letzten Stunden offenbar sehr gelitten. Das Leid, dessen Ursprung in seinem tiefsten Inneren verborgen gewesen war, dr├Ąngte nun, nachdem es entfesselt worden war mehr und mehr an die Oberfl├Ąche, wo es sich erbarmungslos zu erkennen gab. Er war ├Ąu├čerst nerv├Âs; seine blonden Locken, in denen sich die ersten grauen Haare bereits zu deutlich sichtbaren grauen Str├Ąhnen verdichtet hatten, hingen ihm wirr und widerspenstig ins Gesicht. Sein ganzer K├Ârper zitterte vor Anspannung und er schwitzte, obwohl es in der Wohnung so kalt war, das der hei├če Atem kleine Wolken vor seinem halb ge├Âffneten Mund bildete. Der Schwei├č, der sofort an der Luft erkaltete, bedeckte seinen nackten Oberk├Ârper mit einer G├Ąnsehaut. Dunkle Ringe untermalten seine blauen Augen und auf seinem Gesicht lag der Schatten der Qual, die so pl├Âtzlich in sein Leben eingebrochen war. Sein Blick jedoch, war trotz allen Leidens der Blick eines wilden Tieres. Dem Wahnsinn nahe, gesch├╝rt von Ungl├Ąubigkeit, flackerte dort ein Feuer, dass sowohl Spannung als auch Todesangst auf das Gesicht im Spiegel malte.
Etwas war anders als sonst. Etwas Dunkles senkte sich so eindringlich auf ihn herab, dass er es fast mit den H├Ąnden greifen konnte. Aber akzeptieren konnte er er es trotzdem nicht. So lange wie noch ein Funken Hoffnung entgegen seinen Bef├╝rchtungen bestand, wollte er darum k├Ąmpfen. Also fragte er sein Spiegelbild, als w├Ąre es eine eigenst├Ąndige Person, die sein Schicksal in den H├Ąnden hielt, und somit auch beeinflussen konnte.
\"So viele Jahre blieb es vor mir verborgen, bis zu diesem einen Tag vor genau vier mal vier Jahren. Das mir etwas so Gro├čes, etwas so Phantastisches widerfahren war, konnte nur Gutes verhei├čen, und ich vers├Ąumte es Angst zu haben. Heute jedoch habe ich Angst. Ich f├╝hle mich so leer, meiner Zukunft beraubt. Ist nun der Augenblick gekommen, an dem mein Leben zu Ende geht?\"
So hingen die Worte nun im Raum, schwebten haltlos umher, bis etwas kommen w├╝rde um ihm zu antworten. Und etwas kam.
Glei├čendes Licht strahlte pl├Âtzlich durch die in der Zimmert├╝r eingelassene Milchglasscheibe und tauchte den Raum in eine merkw├╝rdige farblose Helligkeit. Der Zeitpunkt war nahe.
Das ├Ąngstliche Flackern in den Augen des Mannes nahm noch einmal zu, und er begann noch st├Ąrker zu schwitzen. Kleine Schwei├čperlen hatten sich auf seiner Stirn und dem R├╝cken gebildet, die in dem kalten, stetig an Intensit├Ąt zunehmenden Licht funkelten wie kleine Diamanten. Er wusste was nun folgen w├╝rde; hatte es bereits vier Mal mit eigenen Augen sehen d├╝rfen, aber trotz der ma├člosen Angst, die ihn inzwischen fast um den Verstand brachte, legte sich der Hauch eines L├Ąchelns auf sein Gesicht. Er wandte sich von der Gesellschaft seines Spiegelbildes ab, und drehte sich um. Dabei lie├č er seinen Blick ausgiebig ├╝ber die vielen antiken M├Âbel und Gegenst├Ąnde gleiten, die er im Verlauf seines Lebens gesammelt hatte, um anschlie├čend an der imposanten Standuhr h├Ąngen zu bleiben, deren Ticken nunmehr Ohrenbet├Ąubend laut durch die Stille des Zimmers drang. Sie hatte ihren Platz direkt neben der Zimmert├╝r gefunden, so dass sie vom unmittelbaren Schein des Lichtes verschont blieb, das durch die geschlossene T├╝r in den Raum fiel. Dennoch strahlte ihr Holz in voller G├Ąnze, als schlummerte in ihrem Inneren eine eigene, geheimnisvolle Macht, die nun energisch nach Au├čen dr├Ąngte.
Augenblicke sp├Ąter nur, nachdem er sich umgedreht hatte, ├Âffnete sich die Zimmert├╝r und eine Reihe von transpanrenten, menschlichen Gestalten betraten den Raum, ohne Notiz von dem zitternden halbnackten Mann zu nehmen, der nun dem Spiegel den R├╝cken kehrte. Vor der Standuhr, die noch immer in diesem seltsamen Licht erstrahlte das, inzwischen intensiver geworden, in einem gleichm├Ą├čigen Rythmus an-und abschwoll, blieben sie stehen. Es war ein harmonisches Pulsieren, welches dem ├╝ber einhundert Jahre altem Holz der Uhr Leben einhauchte und es ver├Ąnderte. Die Frontt├╝r, durch deren Glasscheibe man eben noch das Pendel und zwei vergoldete, kunstvoll geschmiedete Gewichte hatte sehen k├Ânnen, verblasste mit jedem weiteren Aufleuchten. Ein weites, langgezogenes Nichts entstand; einem Tunnel gleich, in dessen weiter Ferne ein kleiner, aber strahlender Lichtpunkt zu sehen war.

Die Stunde, auf die all diese wandernden Seelen gewartet hatten, die Stunde in denen ihnen der Zugang ins Licht nach vier langen Jahren nicht mehr l├Ąnger verschlossen blieb, war nun endlich gekommen. Schon reihten sich die Ersten ein und schritten ohne zu z├Âgern ├╝ber die entstandene Schwelle in ihr n├Ąchstes Leben, bereit dort ihren langersehnten Frieden zu finden.

So faszinierend dieses Schauspiel auch sein mochte, heute erfreute es ihn nicht. Ganz im Gegenteil, denn wenn er nicht so starr vor Angst gewesen w├Ąre, dann h├Ątte er wohl auf der Stelle das Zimmer verlassen. So aber hatte er sich nur ein kleines St├╝ck zur├╝ckgezogen. Seine Oberschenkel ber├╝hrten jetzt die Kommode, die vor dem Spiegel, den er noch vor wenigen Momenten befragt hatte, ihren Platz gefunden hatte. Doch so sehr er es auch w├╝nschte, er konnte seinem Schicksal nicht mehr entfliehen.
Und w├Ąhrend nun der nicht mehr enden wollende Strom der unterschiedlichsten Seelen weiterhin auf den Tunnel zustrebte, l├Âste sich die Gestalt einer noch recht jungen Frau aus der Reihe und schrit auf ihn zu. Sie musste zu Lebzeiten einmal sehr Begehrenswert gewesen sein, denn sie war sehr h├╝bsch; genauso wie er sich als Kind immer einen Engel vorgestellt hatte, mit langem, gelocktem Haar, das ihr weit und voll ├╝ber die Schultern fiel. Pl├Âtzlich tat sie ihm Leid. So sehr sogar, dass er seine Furcht verga├č und ihr einen vorsichtigen Schritt entgegen trat.
Sie selbst blieb einen halben Schritt vor ihm stehen und streckte die Hand aus, um die Seine zu nehmen. Im ersten Moment erschrak er, wollte sogar die Hand vor ihr zur├╝ckziehen, entschied sich aber in letzter Sekunde doch anders, und lie├č sich von ihr ber├╝hren.
\"Du musst keine Angst haben\", sagte sie mit ihrer kristallklaren Stimme, welche die G├Ąnsehaut auf seinen Armen und Oberk├Ârper noch einmal verst├Ąrkte. \"Diese Welt zu verlassen ist nicht so schlimm wie du denkst. Viel schlimmer ist es, vier Jahre lang das Leben in einer Welt zu betrachten, die nicht l├Ąnger die Welt sein wird, die du einmal kanntest. Komm mit mir. Ich verspreche die, dass es dir gut gehen wird. Du wirst deinen Frieden finden.\" Sie strich mit der Hand ├╝ber seine rechte Wang; keine Br├╝hrung, nur ein kalter Hauch war zu sp├╝ren, w├Ąhrend ihm sein Engel mit leicht zur Seite geneigtem Kopf fest in die Augen sah. \"Frieden,... das ist es doch wonach du dich sehnst, nicht wahr?\"
Teils nachdenklich, teils fasziniert von ihrer zerbrechlichen Erscheinung entgegnete er ihrem Blick, ohne etwas zu erwidern. Aber er glaubte ihr. Er glaubte ihr, obwohl er sie gar nicht kannte. Es war, als w├Ąre all seine Angst und die Anspannung der letzten Stunden, innerhalb eines Wimpernschlages von ihm gefallen. Ein knappes, best├Ątigendes Nicken gesellte sich zu dem aufwallenden L├Ącheln in seinem Gesicht, und er lie├č sich von ihr bereitwillig zu der Schlange der wartenden Seelen geleiten.
Sich noch immer bei den H├Ąnden haltend, r├╝ckten sie in der Reihe vor, und standen schlie├člich vor dem Geh├Ąuse der Standuhr, in dem der Tunnel wie ein schwarzer Teppich ins Endlose f├╝hrte. Um ihn gemeinsam zu passieren, war der Durchgang zu schmal, aber ein kurzer gegenseitiger Blick reichte aus, um klarzusellen, dass sie beide nicht allein gehen wollten. Also wechselte er rasch die Hand, damit sie beide problemlos hintereinander ├╝ber die Schwlle treten konnten. Wie ein echter Gentleman lie├č er ihr den Vortritt, und folgte anschlie├čend ohne sich noch einmal umzublicken. Die Angst, die noch vor wenigen Augenblicken so bedr├╝ckend auf seinem K├Ârper gelegen und ihm die Luft zum atmen genommen hatte, war von ihm gewichen. Er war pl├Âtzlich so entspannt wie schon lange nicht mehr und Erleichterung erhellte sein Gesicht als er ├╝ber die Schwelle auf die andere Seite trat. Endlich w├╝rde er frei sein, und er w├╝rde wieder gl├╝cklich sein.

Die entscheidende Stunde dieses so seltenen Tages ging zu Ende. Der Strom der Seelen versiegte und es kehrte wieder Ruhe ein. Allein seine tote, seelenlose H├╝lle verblieb in dem Zimmer, und das wieder entfachte Ticken der Standuhr verbarg das Wunder das in ihr schlummerte.
So lange, bis sie in vier Jahren wieder all die Seelen zu sich rufen w├╝rde, die ziellos in der Welt umher wandern.

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