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Leselupe.de > Kurzprosa
Seeon
Eingestellt am 09. 11. 2018 12:55


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aligaga
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Ich hab dir von dem kleinen See erzĂ€hlt, der im Osten liegt, hinter den HĂŒgeln des Vorgebirges. Von seinem moorigen Wasser, das so samten ist, sogar im Winter, wenn unter dem Eis das Licht alles andere stĂ€hlern macht.

Den kleinen See hab ich immer geliebt. Schon als Kind. Ich hatte das GefĂŒhl, in ihm drinnen zu sein, wenn ich in meinem kleinen Boot saß. Ich war immer mitten in ihm drinnen, als hĂ€tte er Arme, die mich umfassten. Wenn ich fort vom ihm war, und traurig, dann brauchte ich nur an ihn zu denken, an seine Kraft, mit der er mich hielt, und ich fĂŒhlte mich nicht mehr allein.

Du hast gelacht und gesagt, dass nur ein Walfisch so reden könnte. Oder ein Wassermann, aber dass ich helles Haar hĂ€tte und blaue Augen, und dass Indianerinnen scharf wĂ€ren auf blonde Skalps, nicht auf das nasse Fell einer grauen Robbe. Du hast deine dunkle MĂ€hne geschĂŒttelt und behauptet, du liebtest mich, weil ich so anders sei und dass du nicht wissen willst, was morgen sein wird oder irgendwann.

Dann warst du fort.

Ich liege auf der sandigen Halbinsel, die in den kleinen See hineinragt, und stell mir vor, wie die Seerose in deiner dunklen MĂ€hne wohl ausgesehen hĂ€tte. Seerosen sind stumm und sie duften nicht. Nachts schließen sie die Augen, wie ihre Schwestern an Land.

Ich hab sie in einer Wasserschale auf dem Marmortischchen in meinem Schlafzimmer. Ich komme spĂ€t heim, diese Nacht, lege mich hin und wĂŒnsch mir, ich könnte dich spĂŒren und dir sagen, dass in den dicken Knospen der Seerosen TrĂ€ume verborgen sind, die in ErfĂŒllung gehen, wenn man stark genug glaubt.

Weiß, lila und zitronengelb, ein Dreiklang ĂŒber Dunkelbraun oder Schwarz. Walfische können ihn hören.


Version vom 09. 11. 2018 12:55

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Veil
???
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Ich hab dir von dem kleinen See erzĂ€hlt, der im Osten liegt, hinter den HĂŒgeln des Vorgebirges. Von seinem moorigen Wasser, das so samten ist, sogar im Winter, wenn unter dem Eis das Licht alles andere stĂ€hlern macht.

Adjektive, die verzichtbar wÀren bzw, die man durchaus mit lebendigeren Worten beschreiben könnte.
Beispiel:
samten -> das sich anfĂŒhlt wie Samt, wenn man die Hand auf seine OberflĂ€che legt ...
oder
alles andere stÀhlern macht -> zu Stahl erstarren lÀsst (oder so Àhnlich)


Den kleinen(W) See hab ich immer geliebt. Schon als Kind. Ich hatte das GefĂŒhl, in ihm drinnen zu sein(unglĂŒckliche Formulierung), wenn ich in meinem kleinen(W) Boot saß. Ich war immer mitten in ihm drinnen(W) der Formulierung am Anfang des Absatzes, als hĂ€tte er Arme, die mich umfassten. Wenn ich fort vom ihm war, und traurig (traurig? Warum? Muss das Adjektiv hier sein?), dann brauchte ich nur an ihn zu denken, an seine Kraft, mit der er mich hielt (ist mir persönlich zu unklar), und ich fĂŒhlte mich nicht mehr allein.

Du hast gelacht und gesagt, dass nur ein Walfisch so reden könnte (indirekte Rede: könne). Oder...

Hier habe ich mal aufgehört zu kritisieren. Mir ist mal wieder sehr bewusst geworden, wie viel Arbeit in einer Kurzprosa steckt. Gerade weil solche Texte vom Umfang her wenig Möglichkeiten bieten, eine (gewisse) Dramaturgie zu entwickeln, muss jeder Satz sitzen. Am Ende sollte ein Bild stehen, will ich das GefĂŒhl haben, den Text nochmal lesen zu wollen, um eventuelle Dinge, die mir beim ersten Mal entgangen sind, zu entdecken.
Ich hÀtte gern gelobt! Sei nicht sauer, aber hier kann ich nicht.

Veil

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Es kommt der Tag, an dem der letzte Gedanke diesen Planeten verlassen wird.
Manchmal denke ich, gleich ist es soweit.
(Lotta Manguetti)

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Mir scheint, die ErzÀhlsituation ist komplexer, sie generiert den Duktus des liebevollen Klagens:

Es geht um eine frĂŒhere mĂŒndliche ErzĂ€hlung und ihre Wirkung auf die Adressatin. DarĂŒber lagert sich eine mĂŒndliche, resignative bis intensive erneuernde Rede, sowohl gerichtet an die abwesende Adressatin als auch monologisierend und versuchend, sich selbst in der Klage wieder aufzurichten. Dabei sind eigene sprachliche Gesetze gĂŒltig, musikalische, tröstend kindliche Signale. Daher scheinen mir RegularitĂ€ten des abstinenten Stils (möglichst wenig Wiederholungen, Adjektivvermeidung...) nicht zu greifen.

Die SynÀsthesie mit den drei Farben als Dreiklang, vom Wasserwesen zu hören, scheint mir handwerklich sauber und poetisch wunderschön zu sein.

Beste GrĂŒĂŸe.
ww
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alis nil gravius

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Veil
???
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@Willibald

quote:
Daher scheinen mir RegularitÀten des abstinenten Stils (möglichst wenig Wiederholungen, Adjektivvermeidung...) nicht zu greifen.

Verstehe mich bitte nicht falsch: Mir geht es keineswegs um derlei Stilistik. Wiederholungen können durchaus sinnvoll angewendet werden, was mir in diesem Text nicht einleuchten will. Auch Adjektivvermeidung allein genĂŒgt nicht.
Dieser Text, der im zweiten Teil schöner wirkt, zĂŒndet bei mir nicht wie gefordert. Im Gegenteil. Mir liegt viel an VerstĂ€ndlichkeit, vor allem in Kurztexten. Meine Kritik erwĂ€chst aus dem Anspruch, den ich selbst an mich stelle. Um das zu erklĂ€ren, brauche ich keinerlei AttitĂŒden herauszukramen.
Ich denke, Ali wird es verschmerzen, wenn ich ihm meinen Gefallen an seinem Text versage. Wer bin ich schon?

;-)

Veil

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(Lotta Manguetti)

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aligaga
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Mit ein wenig Sorgfalt beim Lesen und etwas mehr FeingefĂŒhl fĂŒr die hier hĂ€ngenden Bilder könnte man unschwer erkennen, dass es ebengerade nicht um OberflĂ€chliches geht, sondern um Inneres - selbst dann, wenn dies von Eis bedeckt ist (Achtung: Metapher!).

Moorwasser ist samtbraun und stets kalkfrei, also sehr weich. Es macht wenig Sinn, jemandem, der das nicht weiß, mit allerlei ebenso unnöthigen wie unschönen, die Sprachmelodie zerstörenden ErklĂ€rungen zu kommen. Der See, um den es hier geht, ist klein. Auch das Boot, in dem lĂŒhrische Ich sitzt, ist klein. Es ist dessen HĂŒlle, und ohne die Arme des Sees (Achtung, Metapher!) wĂ€re der kleine Wicht, um den's hier geht, verloren.

Die Repetitio "in ihm drinnen" ist ein schlichter, rhetorischer Kniff (Anapher), sie dient dem Crescendo der Sprachmelodie. Im Übrigen sollte klar sein, dass zur Trauer des LĂŒhrichs nicht bloß die Absenz des kleinen Sees, sondern auch die Einsamkeit beitrĂ€gt, in der es sich offenbar befindet. Aber der kleine See ist so stark, dass er den KĂŒmmerer mitsamt seiner Nussschale ĂŒber Wasser hĂ€lt. Die Physiker nennen sowas prosaisch "Auftriebskraft".

Was die Konjunktive anbelangt, unterscheidet @ali die simple indirekte Rede (Konjunktiv I) von der Behauptung (Konjunktiv II). Puristen und sattelfeste Grammatiker können sich daran ergötzen. Sie schlingen nicht, sondern goutieren.

@Ali schreibt lĂŒhrische Kurzprosa nicht, damit sie jedem gefĂ€llt. Oft sind die verstĂ€ndnislosesten Kommentare die besten, zeigen sie hĂ€ufig doch auf, was wirklich in so einem Texterl steckt.

Heiter wieder weiter

aligaga

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Willibald
???
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Salute, Seeonaficionado!

quote:
Mit ein wenig Sorgfalt beim Lesen und etwas mehr FeingefĂŒhl .. könnte man unschwer erkennen, .... verstĂ€ndnisloseste Kommentare ...

Vielleicht mal nicht zum (diesmal mittelmilden) polemischen Punktierstab greifen? (Mittelmilde in der Ali-Skala).

Alis Bilder-Analyse fĂŒr sich allein spricht BĂ€nde und ist alles andere als einschlĂ€fernd.

Morgen in Seeon meeting mit Robbe Franta
(to je mĆŻj nejmenĆĄĂ­ bratr).

Holde, huldigende GrĂŒĂŸe

ww
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alis nil gravius

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