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Leselupe.de > Kurzprosa
Seestadt Leipzig
Eingestellt am 02. 06. 2004 21:41


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wolanders
Wird mal Schriftsteller
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Seestadt Leipzig

Leipzigs Bew├Ąsserungsverh├Ąltnisse in alter und neuer Zeit

In der gro├čen Seestadt Leipzig war einst eine Wassersnot,
Menschen st├╝rzten ein wohl drei├čig, H├Ąuser blieben mehr noch tot.

Wogen rollen auf und nieder, S├╝nder haben keine Lieder,
auf dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen wei├č.

Und die Kranken in dem Bette, auf der Leiter steht ein Mann, der nicht h├Âher steigen kann.

M├╝tter ringe mit den H├Ąnden, Kinder krabbeln an en W├Ąnden, und ein Kind liegt in der Wiegen, auf der Rasen eine Fliegen.

Ach, wie sind die Fluten k├╝hle, und wie d├╝ster ist das Grab! Dies erweichet mein Gef├╝hle, drum brech' ich das Lied hier ab.


Wer den Schaden hat, braucht f├╝r den Spott nicht zu sorgen! Unsrer guten Me├čstadt Leipzig hat immer eine gro├če Wasserader gefehlt, die die Waren billiger heranbringen k├Ânnte; und manche, die der aufstrebenden Handelsstadt, deren Handel trotz dieses Mangels immer mehr bl├╝hte, ihren Aufschwung nicht g├Ânnten, haben sich dar├╝ber im stillen und auch laut gefreut. Seit nun ein Sp├Âtter dieses lustige Liedlein von der "gro├čen Seestadt Leipzig" gesungen hat, ist unsre Stadt diesen Namen nicht wieder los geworden, und Fremde vor allem, die unsre schmalen Wasserl├Ąufe sehen, freuen sich heute noch dieses Scherzes und verspotten uns Leipziger gern. Sie wissen nicht, da├č unsre Stadt fr├╝her, wenn im Gebirge der schnee schmolz und gro├če Regeng├╝sse niedergingen, oft im S├╝den und Westen von einem gro├čen gewaltigen See umgeben war. Elster, Plei├če und Parthe und die vielen sich von ihnen trennenden kleinen Wasserl├Ąufe, die heute zum gro├čen Teil zugesch├╝ttet oder ├╝berbaut sind, die aber einst weit bis in die Stadt herein reichten, traten dann ├╝ber ihre Ufer hinaus und ├╝berschwemmten weithin die Aue; der ganze Wald von Connewitz bis schleu├čig stand unter Wasser, so da├č der Verkehr zwischen diesen beiden Vororten vollst├Ąndig abgeschnitten war und die Frankfurter Wiesen, wo heute die gro├čen Tennispl├Ątze sind, die jetzt von dem breiten, von Zeppelin- und Hindenburgbr├╝cke ├╝berspannten Flutkanal durchquert werden, waren in einen weiten See verwandelt, von dem man kaum das andere Ufer erblicken konnte. Seit die gro├če, breite Flutrinne, die in der Gegend von Zwenkau beginnt, die ├╝bersch├Ąumenden Wasser der Elster aufnimmt, ist die ├ťberschwemmungsgefahr f├╝r die bedrohten Stadteile Leipzigs viel geringer geworden, aber v├Âllig geschwunden ist sie nicht. Noch im Jahre 1909 trat am Ende des Winters einmal so pl├Âtzliches Tauwetter mit Regeng├╝ssen ein, da├č die gewaltigen Wassermassen keinen Ausweg finden konnten und fast den ganzen Stadtteil Schleu├čig unter Wasser setzten. Wie in Venedig fuhr man da in den Stra├čen auf K├Ąhnen umher, wenn man seines Leibes Nahrung und Notdurft befriedigen wollte. Die Verbindung von der Bismarckbr├╝cke nach dem Albertpark war abgeschnitten; denn ein breiter Strom w├Ąlzte seine Fluten aus dem Ronnenholz nach dem Palmengarten zu, weil der Damm an der R├Âdel gebrochen war. Geafhr f├╝r Menschen bestand im gro├čen und ganzen nicht; aber ├Ąngstliche Gem├╝ter jammerten doch ├╝ber die Wassersnot und forderten den Spott der Mutigeren heraus. So mag es wohl auch damals gewesen sein, als der Sp├Âtter sein Lied von der Seestadt Leipzig sang. Und manches humoristische Bild gab es auch bei den Wasserfahrten in der R├Âdelstra├če zu sehen oder an der Furt bei der Bismarckbr├╝cke, wo ein findiger Gesch├Ąftsmann gegen Entgelt die Passanten in einem W├Ąglein durch den Strom fuhr oder Damen auf seinen starken Armen ans andere Ufer hin├╝bertrug.
Wie mag es da wohl in den ├Ąltesten Zeiten, als das slawische Fischerd├Ârflein Lipsf zwischen Elster und Plei├če entstand, oder noch fr├╝her in unsrer Leipziger Gegend ausgesehen haben? Alstrawa (Elster), den eilenden, Lupaha (Luppe), den rauschenden Flu├č, nannten unsr identifizieren.

germanischen Vorfahren schon das Fl├╝ssepaar, das heute noch nebeneinander von Leipzig aus seine Wasser der Saale zuf├╝hrt. Da m├Âgen wohl gr├Â├čere Wassermassen sich zwischen den flachen Ufern dahingew├Ąlzt haben, neue Wasserarme, S├╝mpfe und T├╝mpel bildend, und das Gebiet zwischen Elster und Plei├če war unzug├Ąnglich, nur Sumpf und Moor. Tr├Ąge nur flossen die kleineren Fl├╝sse, Plizna (Plei├če), das schleichende Wasser, und Pardava (Parthe), der Stinkflu├č, dahin. Eine Menge von Namen aus der Zeit, da die Slawen doch das unwirtliche Gebiet zu besiedeln begannen, erz├Ąhlt uns heute noch von dem damaligen Zustand des Landes und von den ungeheuren Schwierigkeiten, die zu ├╝berwinden waren. Leutzsch (luci), L├╝tzschena (lucina), Lausen (luzna) haben einen Stamm, der Sumpfdorf bedeudet; bei Lausen liegt die Sumpfwiese, die Lautschke; Bl├Âsitz und Bl├Âsen stammen von qlesica = Teich oder Sumpf; M├Âckern hat seinen Namen von mokrina, der Bruch, die moorige Niederung. Auch als die Deutschen die Slawen verdr├Ąngten und neue D├Ârfer anlegten, war das Gel├Ąnde stellenweise noch sehr sumpfig. An der Nordseite reichte der Sumpf - der Br├╝hl - von der Parthe her noch dicht bis an die Stadt heran; erst sp├Ąt ist er entw├Ąssert und in das Stadtgebiet mit einbezirkt und bebaut worden. Bei Plagwitz liegt der Ritterwerder, ein dem Ritter Georg Pflug in Leipzig geh├Âriges, aus dem Wasser ragendes St├╝ck Land. Bei Burghausen am Bienitz gibt es Sumpf bei R├╝ben nasse, bei Gro├čd├Âlzig Sauerwiesen; Plau├čig hat einen Binsen, Zweinauendorf einen tiefen und nassen Grund. Eschen, Erlen oder Ellern und Eichen wuchsen in f├╝lle. Flurnamen, wie der Ellrich bei D├Âsen, die Ellern im Parke von Zweinaundorf und bei Schleu├čig an der Elster, erz├Ąhlen davon. Eine noch deutlichere Sprache aber redet die Anlage der Ortschaften an Elster, Luppe und Plei├če; sie lassen alle eine breite Rinne frei und liegen auf dem H├Âhenrande, heute sind sie sogar hier und da noch durch D├Ąmme vor ├ťberschwemmung gesch├╝tzt.
Seid ihr einmal in dem Gewirr von Wasserarmen, S├╝mpfen und Lachen zwischen Elster und Luppe bei Gundorf und weiter hinaus gewesen? So sah es in alter Zeit bis an den Stadtkern heran aus. Erst im letzten Jahrhundert noch sind eine Anzahl Teiche und s├╝mpfe verschwunden. Eure Gro├čm├╝tter haben sich noch gef├╝rchtet, an dem unheimlichen Kanonenteiche bei der Sandgrube vor├╝berzugehen, und eure V├Ąter und M├╝tter sind wohl noch auf schimmels Teiche, wo heute das Reichsgericht steht, Schlittschuh gefahren oder haben dem Fischerstechen zugeschaut. Da gurgelte es hier, da pl├Ątscherte es dort; da rieselte und murmelte es; ├╝ber den Wassern brauten die Nebel; Sumpfgase stiegen auf und leuchteten in der Nacht. Menschen verirrten sich im sumpfigen Wald, versanken und wurden nicht mehr gesehen. Alte buschige Weiden umstanden, gespensterhaft ihre Zweige in die L├╝fte reckend, T├╝mpel und Teiche. Gespensterhaft! Ja, hier lie├č sichs lustig leben f├╝r die Wasserm├Ąnner und Nixen. An den Zweigen der B├Ąume trockneten die Weiblein ihre k├Âstliche Leinenw├Ąsche oder bleichten sie im gr├╝nen Grase, und an den Ufern tanzten sie im Modenlichte ihren Reigen; ihre Wohnung aber hatten sie unter dem Wasser. Eine Wehmutter aus Lindenau, in dessen Umgebung besonders viel Nixen wohnten, wurde einst zu einer Nixfrau gerufen, die guter Hoffnung war; die hatte ein h├╝bsches Heim, wie richtige Menschenkinder; da fehlte nichts in Stube, K├╝che und Keller, und sie wurde gut bewirtet.




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wolanders

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