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Leselupe.de > Kurzprosa
Segnung des Zeitlichen
Eingestellt am 17. 07. 2000 00:00


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dingdoi
???
Registriert: Mar 2001

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Segnung des Zeitlichen


Nur schwerlich dreht er sich um. Jeden Morgen ist es dasselbe, ist es dieselbe Prozedur; nervt├Âtend, erm├╝dend, monoton: Wecker dr├Âhnt, Drehung nach links, Drehung nach rechts, aufstehen.
Immer wieder ist es die gleiche Qual, die gleiche qu├Ąlende Frage nach dem Grund. Ich kenne viele Leute und Menschen, die mir jetzt antworten w├╝rden: "Tja, wei├čt du, das ist nun mal so." So, wei├č ich das? Wer wei├č schon, woher das kommt! "Der Wunsch nach Ordnung." Aha, klingt plausibel. Aber kann man sich sicher sein, dass die Leute, die so etwas behaupten, nicht voreingenommen sind? Die Gewohnheit hat doch auch sie befallen. Sie arbeiten 8 Stunden am Tag. Schlafen dazwischen. Und wenn sie Gl├╝ck haben, bleibt sogar noch ein wenig Freizeit ├╝brig, in der sie dann ihren Garten zurecht machen oder ihrem Trainingsplan folgen k├Ânnen. Der Mensch als Gewohnheitstier. Die Gesellschaft als Gewohnheitstier.
Ein Blick auf den so verhassten Wecker rei├čt ihn aus seinen Gedanken. Ja, es ist tats├Ąchlich schon 10 nach halb7! Jetzt ist alles eins: Raus aus dem Bett, anziehen, passende Krawatte suchen, fr├╝hst├╝cken, kurz ins Bad, ins Auto und ab geht's.
Wie konnte mir das blo├č passieren? Ich war doch schon wach. Hab' ich denn die Schlummertaste heute verfehlt? Muss wohl so sein. Aber jetzt ist es sowieso zu sp├Ąt, der Chef wird mich in der Luft zerrei├čen! Ich bin tot. Das war's. Finito und aus! Ablenkung - genau - die brauche ich jetzt. Ist doch sch├Ân, so'n Radio im Auto zu haben.
Er schaltet es ein. Doch was er nun h├Âren muss, ist nicht das gew├╝nschte: Voller Elan und Gef├╝hl spricht ein Reporter aus, was seiner Karriere mit diesem Tage Auftrieb verschaffen wird. "Es ist ein grauenvolles Bild." Was war passiert? Achso, ein Flugzeugabsturz. Na ja. Unsere Hauptperson schaut sich um.
Verdammter Stau! Der hat mir gerade noch gefehlt. Is' aber 'ne gute Ausrede, sehr gut. Also, ganz ruhig und abwarten, wie die anderen auch. Aber was muss ich denn da sehen? Ich h├Âr's ganz deutlich! Die Fahrerin da hat ihr Radio lauter gestellt. Und der auch. Da dr├╝ben auch. Was soll das? Lass' mich nachdenken.
"...143 Tote...,...Tr├╝mmer ├╝berall verteilt...,...Spekulationen rei├čen nicht ab...,...bleiben sie dran, wir berichten gleich weiter live von der Absturzstelle...,...M├╝ller-Milch M├╝ller-Milch M├╝ller-Milch die schmeckt und weckt was in dir steckt alles M├╝ller oder was...,...kauft Leute kauft kauft...,...zur├╝ck zu unserem Reporter...,...keine Deutschen...,...immer noch werden Tote abtransportiert..."
Ist es tats├Ąchlich m├Âglich, das Reporter ausgebildete Psychologen sind, die ihre H├Ârerschaft voll unter Kontrolle haben, sie allein mit den ihrem Mund entstr├Âmenden Worten zum Zuh├Âren zwingen k├Ânnen. Nein, ziemlich unwahrscheinlich, oder? Sieh' sie dir doch an. Halb apathisch sitzen sie in ihren Autositzen, die Augen weit ge├Âffnet und weiden sich an den so geliebten Ausspr├╝chen eines Insider-Wortschatzes: "Boa, Tote! Geil, Tr├╝mmer! Wenn ich das blo├č sehen k├Ânnte!" Willige Zuh├Ârer, die kaum loszurei├čen sind von solchen Berichten. Vielleicht w├╝rden sie auch gerne selber mal einen Schwerverletzten aus dem Wrack ziehen. Aber sch├Ân blutig muss er sein. Nach M├Âglichkeit noch's Bein ab. Und voller Stolz haben sie dann vor ihren mehr- oder minderbemittelten Freunden etwas zu erz├Ąhlen: "Ich war dabei!"
Ein leichter Ekel ├╝berzieht sein Gesicht. Er wendet sich ab, legt eine Hand ans Radio und sucht einen anderen Sender. Er h├Ârt wieder Berichte, h├Ârt Lieder, die alt sind, h├Ârt Lieder, die neu sind, h├Ârt Lieder, die zwar alt sind, sich aber neu anh├Âren. Er schaltet das Radio ab. Es geht vorw├Ąrts. Zwar nur langsam, aber immerhin.
W├Ąre ich jetzt schneller gefahren, h├Ątte die junge Person, die mir gerade vors Auto l├Ąuft, wohl keine Chance.
Der Stau hat sich aufgel├Âst.
W├Ąre die alte Dame, die gerade die Stra├če betreten hat, schneller zu Fu├č, h├Ątte ich wohl keine Chance f├╝r ein Ausweichman├Âver. Ich h├Ątte nicht ausweichen k├Ânnen. Kameras w├Ąren aus dem Nichts aufgetaucht, h├Ątten mich an den Pranger gestellt.
"...halt mal voll drauf...,...das Blut muss gut zu sehen sein...,...zeig' die Alte aber nur von hinten...,...jetzt das Auto...,...und zum Schluss der Kerl..."
Jetzt wird's aber Zeit.
Da hat er wohl recht. Aber trotz aller Erkl├Ąrungsversuche muss er sich ein nette kleine 2,5-min├╝tige Standpauke anh├Âren. Warum er so sp├Ąt sei! Zeit sei schlie├člich Geld! Geld h├Ątten sie nicht! Was soll das blo├č noch f├╝r ein Tag werden? Aber was so anf├Ąngt, kann nur noch besser werden. Er schlie├čt die B├╝rot├╝r hinter sich und sinkt in seinen Ledersessel. Auf dem Schreibtisch drei Telefone, die prompt gleichzeitig beginnen zu klingeln.
Keine Technik. Einfach so in den Raum gestellt zwei ziemlich simple und unbedeutende Worte, die erst nach einiger ├ťberlegung ihre wahre Bedeutung offenbaren: ohne Technik nichts. Man h├Ątte keinen Luxus mehr. Kein warmes Wasser aus der Leitung, keine elektrische Heizung, der Schwall von Informationen w├╝rde gestoppt. Ein grauenvolles Szenario, nicht wahr? Aber andererseits eigentlich verlockend: diese Ruhe, kein Piepen w├╝rde st├Âren. Man h├Ątte wunderbar viel Zeit zum Entspannen, denn wo keine Technik, da auch kein Wecker, somit keine wirkliche Zeit. Alles k├Ânnte mir geh├Âren. Meine Gedanken w├Ąren mir wieder eigen, kein Kabel w├╝rde Einfluss nehmen, mich ├╝bersch├╝tten, mir Unwirkliches suggerieren.
So soll es sein!
Stellt sich nur die Frage, was man f├╝r solch ein Leben braucht. Einfacher w├Ąre die Frage: Was braucht man nicht? "Alles" k├Ânnte die Antwort lauten. Ausgenommen sind nat├╝rlich lebensnotwendige Dinge wie Wasser, Essen (insofern wichtig, als dass ich mich in eine H├╝tte einschlie├čen und nicht zum Jagen kommen werde). Zeitung - nein. Es geht schon los. Kaum zu glauben. Ich habe nur an das Einsiedlerdasein gedacht und schon kommt die Reaktion. Zu deuten als Aufforderung umzukehren. Es ist der falsche Weg. Aber ich habe mich entschieden.
Er macht sich also auf den Weg zum Supermarkt. Nachdem er endlich einen Parkplatz gefunden hat, h├Ârt er es schon aus den Lautsprechern t├Ânen. "Wir schlie├čen in 15 Minuten. Bitte verlassen sie das Geb├Ąude."
Er geht trotzdem hinein, kauft Wasser, kauft Lebensmittel, kauft Kerzen. Seelenruhig schlendert er Richtung Kasse. Er hat es doch nicht eilig. Also warum sollte er sich unn├Âtig beeilen?
Was hei├čt f├╝r mich schon Zeit? Das ist doch auch blo├č eine von vielen. Eine Erfindung des Menschen, damit er wei├č, wann was zu tun ist. Planung ist heute alles. Anders w├╝rde ein Mensch wohl auch nicht ├╝berleben k├Ânnen, in einer Zeit, die schnell vergeht. Ich sollte besser sagen: in einem Leben, das schnell vergeht. Da muss man alles nutzen, alles machen, alles erleben. M├╝sste man. Ich tue es. Hei├čt das jetzt eigentlich, dass ich nun ein Aufs├Ąssiger bin? Ich stelle mich gegen die Regeln. Ich lebe anders. Aber das muss es mir wohl schon wert sein. Er zahlt, geht hinaus und f├Ąhrt zu seinem Haus. Dort richtet er sich ein Zimmer zweckm├Ą├čig ein. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Bett, ein Waschbecken mit Wasserhahn - das soll reichen. Danach geht er noch ein letztes Mal hinaus.
Nun denn. Gelabt euch wohl an diesem Anblick, Augen. Es wird das vorerst letzte Mal sein, dass ihr diese Pracht erblicken d├╝rft. Nun schlie├čt euch. Schlie├čt euch.
Es ist soweit. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Die T├╝r wird geschlossen und verriegelt, so wie die Fenster. Es gibt kein Zur├╝ck mehr. Langsam setzt er sich auf den Stuhl, an den Tisch. Der Schwei├č rinnt ihm von der Stirn ├╝ber das Gesicht am Kinn entlang.
Wie sp├Ąt ist es? Meine G├╝te! Man geht doch kaputt! Wie soll die Welt denn laufen ohne Zeit, ohne einen Plan. Das Chaos wird kommen, ein Feuer, eine Brunst, die alles anti-zeitliche verschlingt. Mich wird sie holen, ganz bestimmt. Denn wo kein Plan ist, wird auch kein Ziel sein und die Laster dr├Ąngen sich auf, wollen zerst├Âren. -
Aber, haltet ein uns├Ągliche Gedanken! Warum jetzt? Warum kommt ihr in dieser zweifelhaften Stunde mich zu belehren? Nur wenn ich es recht begreife: Wo sind sie hin, die Wahrheiten, h├Ąppchenweise serviert und aufgetischt? Friss oder stirb!" So war das Motto, noch vor kurzem. Die volle Dr├Âhnung war die Erf├╝llung, zumindest die Befriedigung der Sucht nach H├Âherem. Eine zweifelhafte Sucht.
Nur kurz h├Ąlt er inne, um im n├Ąchsten Augenblick in einen Wahn zu fallen. Bin ich geheilt? Ich sp├╝re kein Verlangen mehr. Ein Erfolg? Ich glaube schon. Ich denke ja. Und das ganz allein. Ohne fremde Hilfe. Es ist jetzt an der Zeit, es zu wagen, die Rolll├Ąden zu ├Âffnen, dem Licht der Sonne, dem Licht eines neuen Abschnitts Einlass zu gew├Ąhren, es zu begr├╝├čen und zu bejubeln. ├ľffnen wir das Fenster, um diesen glorreichen Tag zu bewundern. Ich atme tief ein, strecke meine Arme aus - und merke es regnet. Nun gut, ein paar Min├╝tchen werde ich ja wohl noch ├╝berstehen!
Das hat er sich so gedacht! Falsch!
Aber - Nein! Das kann nicht sein! Unm├Âglich! Das kann nur ein b├Âser Traum sein. Es hat mich wieder! Blut an meinen H├Ąnden! Die Kugel ist rot.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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