Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92250
Momentan online:
112 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sehnsucht
Eingestellt am 11. 01. 2012 08:15


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
weibchen
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jan 2012

Werke: 1
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um weibchen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Sie sitzt am Fenster. Sie f├╝hlt sich kalt und leer. Was ist nur aus ihrem Leben geworden?
Er ruft nach ihr, blind vor Schmerz. Alles scheint dunkel. Sie fr├Âstelt, es riecht muffig in dem Raum, alles wirkt d├╝ster und trist. Der dunkle Teppich, die braunen M├Âbel. Ein starker Geruch von Medizin und Desinfektionsmittel steigt ihr in die Nase. Sie w├╝rgt, sp├╝rt wie sich ein saurer, brennender Geschmack in ihrem Mund ausbreitet. Sie kann sich nicht gegen dieses Gef├╝hl wehren, sie ha├čt ihn. Nein, Ha├č reicht nicht aus um diesen Gef├╝hl Ausdruck zu geben. Sein st├Ąndiges R├Âcheln, sei rasselnder Atem, seine stinkenden Ausscheidungen die sie t├Ąglich entsorgen mu├č. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, ein Schatten auch in ihrem Herzen. Langsam kriecht er immer tiefer und fri├čt sich in ihre Seele. Sie f├╝hlt sich verbittert, einsam.

Schon wieder ruft er nach ihr, diesmal mit schneidender Stimme. ÔÇ×Komm her, Rhaline! Ich brauch dich. Jetzt!ÔÇť Sie zuckt zusammen, jedesmal f├╝hlt sie sich schlecht wenn sie es ihm nicht recht gemacht hat. Langsam steht sie auf und geht sich str├Ąubend in Richtung Schlafzimmer. Ein Schwall ├╝blen Geruchs kommt ihr entgegen. Krankheit, alter Schwei├č, eine Spur von Verwesung. Sie kann ihren Ekel nur mit M├╝he unterdr├╝cken. Wie lange mu├č sie dies schon ertragen? Wann hatte es angefangen? Wann hatte sie aufgeh├Ârt, Mensch zu sein. Es scheint ihr eine Ewigkeit her zu sein. Erinnerungen steigen in ihr auf. Das Meer, das sich mit sanften Wellenbewegungen vor ihr auftut. Ein klarer, wei├čer Sandstrand. Musik im Hintergrund, lachende Menschen. Ein leichtes L├Ącheln huscht ├╝ber ihr Gesicht, erstirbt jedoch im selben Moment.
Die schneidende Stimme rei├čt sie in die Realit├Ąt zur├╝ck. ÔÇ×Wo bleibst du?ÔÇť Erschrocken ├╝ber ihre eigene Nachl├Ąssigkeit bem├╝ht sie sich etwas freundlicher zu schauen, setzt ihre Maske auf. Sie will ihn nicht noch mehr ver├Ąrgern. ÔÇ×So, und nun setz dich ein bi├čchen zu mir, hier auf die Kante.ÔÇť Gierig starrt er auf die sich unter ihrer Bluse abzeichnenden Brustwarzen. Eine fleckige alte Hand tastet zittrig nach ihren Br├╝sten. Sie schaudert vor Ekel, vor Angst, dass er mehr verlangen wird. Sie wei├č, sie mu├č tun, was er verlangt, denn sie ist sein Eigentum ÔÇô gekauft, wie eine Ware. Auch wenn sie wollte, sie h├Ątte keine Zukunft ohne ihn, nicht hier, in Deutschland. Die kalte Hand beginnt ihre Brust zu kneten. Er st├Âhnt. ÔÇ×Komm her, zieh das Ding da aus und leg dich zu mir. Schau her, mein L├╝mmel, er wird schon ganz hart.ÔÇť Mit automatischen Handgriffen, v├Âllig abwesend, beginnt sie seinen Penis zu massieren. Er ist klein und krumm, str├Âmt einen fischigen Geruch aus. Sie bemerkt es nicht mehr, sie f├╝hlt es nicht mehr. Sie hat vergessen, warum sie das Leben liebt. Da war einmal etwas, aber jetzt war es nicht mehr da. Sie war mehr tot als lebendig. ÔÇ×Setz dich auf mich, reite mich!ÔÇť Seine r├Âchelnde d├╝nne Stimme zittert vor Erregung. Sie tut was er verlangt. Sie tut es mechanisch, versucht, sich fort zu tr├Ąumen. Dennoch kann sie ihren Ekel nicht unterdr├╝cken. Langsam beginnt sie sich auf ihm zu bewegen. Es schmerzt. Er windet sich unter ihr und wimmert wie ein kleines Kind. Sie bewegt sich schneller. Jetzt ist sie wieder am Meer, bei ihrer Familie. Das Wasser rauscht sanft im Hintergrund. Ein kr├Ąchzendes St├Âhnen, das schlie├člich in ein R├Âcheln ├╝bergeht, rei├čt sie j├Ąh aus ihren Gedanken. Sie verlangsamt ihre Bewegungen als sie sein Zucken bemerkt. Sein ganzer K├Ârper beginnt zu zucken, bis es nur noch ein leichtes Zittern ist und dann ganz erstirbt.

Es ist vorbei. Sie denkt, er ist endlich gekommen, doch irgendetwas stimmt nicht. Sie steigt von ihm hinunter. Sein r├Âchelnder Atem - sie h├Ârt ihn nicht. Sie tastet nach seinem Herz ÔÇô sie f├╝hlt nichts. Erst als sie ihn genau ansieht, bemerkt sie, da├č seine Augen leblos und starr zur Decke blicken. Kurz f├╝hlt sie so etwas wie Trauer in sich aufkommen, die sich jedoch sogleich in ein lautes, tiefes Lachen wandelt.


Ende

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo weibchen,

herzlich willkommen auf (oder in) der Leselupe.

So richtiges Mitleid mag ich f├╝r deine Protagonistin nicht empfinden, schlie├člich hat sie sich ihr Schicksal selbst ausgesucht.
Anf├Ąnglich leide ich sogar ein wenig mit "IHM" mit: "... blind vor Schmerz, "...Geruch von Medizin und Desinfektionsmittel ...", "... ein Schatten seiner selbst ..." ...

Da liegt ein alter kranker Mann, der sich den gr├Â├čten Genuss im Leben eines Mannes erkauft hat und der sie sicher auf seine Art auch liebt - und SIE? Hat sich versucht, Freiheit zu erkaufen und ein finanziell abgesichertes Leben. Das hat freilich seinen Preis - und wie (leider) so oft will Prot. mit Naturalien zahlen.

Am Ende lacht sie ├╝ber seinen pl├Âtzlichen Tod - und genau DAS macht mir die Prot. eigentlich noch unsympathischer.

Aber das ist nur (m)eine Meinung, mal sehen, wie das andere Leser beurteilen.

LG, kageb

Bearbeiten/Löschen    


Ofterdingen
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2009

Werke: 24
Kommentare: 382
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ofterdingen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Vermutlich ekelt sein alt gewordener K├Ârper auch ihn selber an und nicht nur sie tr├Ąumt sich weit fort, sondern auch er, noch weiter, radikaler, ├╝ber die letzte Grenze hinaus und ohne Wiederkehr in die triste Realit├Ąt. Eigentlich ein sch├Âner Plot, auch die Sprache gelungen (obwohl: Letzteres fl├╝stere ich blo├č ganz leise, weil mir sonst bestimmt gleich einer nachweist, wie sehr der Text sprachlich misslungen ist).
__________________
Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schlie├člich gro├č genug. J. P. Sartre

Bearbeiten/Löschen    


USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo weibchen,

eine mutige gut geschriebene Geschichte!
Nur eine Kleinigkeit w├╝rde ich ├Ąndern:
Wann hatte sie aufgeh├Ârt, Mensch zu sein. Es scheint ihr eine Ewigkeit her zu sein.
Dieses doppelte zu sein st├Ârt f├╝r mein Empfinden den Sprachfluss.

LG Uwe

Bearbeiten/Löschen    


FrankK
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Nov 2006

Werke: 22
Kommentare: 2322
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um FrankK eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Weibchen

Eine interessante und zugleich bedr├╝ckende und verwirrende Story

quote:
Sie wei├č, sie mu├č tun, was er verlangt, denn sie ist sein Eigentum ...

Suggeriert: Ostblock oder asiatisch, eines von diesen Models aus dem Bereich "Partnervermittlung", der geh├╝bschte Name f├╝r Menschenhandel. Ein M├Ądchen / eine Frau aus dem "Katalog".

quote:
Komm her, zieh das Ding da aus und leg dich zu mir. Schau her, mein L├╝mmel, er wird schon ganz hart.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ein Mann in seinem Zustand ├╝berhaupt noch einen ... bekommt.

Die nachfolgende Situation ist der Hammer. Keine Ahnung, ob es ├╝berhaupt so funktioniert. Aufragende Brustwarzen deuten auf eine gewisse Erregung Ihrerseits, dass Sie ihn "reitet" zeigt schlussendlich eine Lust, die mindestens auch von Ihr ausgeht. L├Ąsst sich eigentlich kaum noch mit blinden Gehorsam erkl├Ąren. Sklaverei? Besitzdenken? Unterw├╝rfigkeit? Gehorsam?

quote:
Jetzt ist sie wieder am Meer, bei ihrer Familie.

Ich habe keine Ahnung, wie ich darauf komme, aber ich f├╝hle mich irgendwie nach Thailand versetzt. Mindestens aber ein weibliches Gesch├Âpf thail├Ąndischer Abstammung.

quote:
Kurz f├╝hlt sie so etwas wie Trauer in sich aufkommen, die sich jedoch sogleich in ein lautes, tiefes Lachen wandelt.

Ja, endlich, sie hat es geschafft. Erleichterung.
Was? Sie hat ihn zu Tode geritten?
Dieses Lachen zum Schlu├č, ist genau das, was mich, wie Kageb, an der Protagonistin abst├Âst. Jedes bischen Mitleid vernichtend, wird SIE als gef├╝hlskalt vorgef├╝hrt. Aber ist Sie das?
K├Ânnte das Lachen nicht aus der Ironie entspringen, dass sie Ihm genau das erf├╝llt hat, was sich (vorgeblich) jeder Mensch w├╝nscht? Mitten im H├Âhepunkt - Peng - Schlu├č.
Oder ist es Ihr eigener Sarkasmus, der sie zum Lachen bringt? Trotz allem Hass (oder Wut) und Ekel ihm gegen├╝ber empfindet sie so etwas wie Mitleid?

Ich glaubte urspr├╝nglich, Du solltest Deiner Protagonistin ein anderes Ende g├Ânnen. Eines, dass sich etwas harmonischer in die Gesellschaftlichen D├╝nkel einf├╝gt.

Mittlerweile bin ich davon abgekommen. Lass sie zum Schluss lachen.
Es geht um Sehnsucht. Der Sehnsucht nach Freiheit. Sie hat es geschafft, sie ist Frei. Nach - wir wissen nicht nach wie vielen Jahren - langer Zeit ist sie endlich Frei.
Darf man da nicht lachen d├╝rfen? Selbst Angesichts des Todes?


Respektierliche Gr├╝├če aus Westfalen
Frank
__________________
Leben und leben lassen.

Bearbeiten/Löschen    


AchterZwerg
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Weib,
mir gef├Ąllt deine leicht feministische Story.
Ich denke, dass der Ekel vor Krankheit und Tod in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, nicht aber im vermuteten (asiatischen) Herkunftsland der Ware Frau.
Das Lachen am Ende ist f├╝r mich vollkommen in Ordnung. Elias Canetti schrieb einmal ├╝ber den "Triumph der ├ťberlebenden" und lag damit wohl nicht ganz falsch.
Kritisch sehe ich lediglich das leichte Taumeln der Geschichte. Ich k├Ânnte mir vorstellen, dass die anf├Ąngliche Abh├Ąngigkeit deutlicher, der Ritt viel agressiver (denn es handelt sich um eine Situation, in der die Frau obenauf ist) und das Lachen noch gellender geraten k├Ânnte.
Auf den Pflegeprozess m├╝sstest du m. E. nicht ganz so ausf├╝hrlich eingehen ... kurzum etwas straffen.
Die Vorz├╝ge der Geschichte ├╝berwiegen jedoch in meinen Augen bei Weitem, und ich habe mich gern mit deinem Text besch├Ąftigt.

der 8. Zwerg

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!