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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Seid lieb zu mir
Eingestellt am 18. 01. 2004 15:18


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Herbert Stahlvogel
AutorenanwÀrter
Registriert: May 2003

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Seid lieb zu mir

Sie brachen die TĂŒre auf und kamen hereinmarschiert als gehörte ihnen die Welt. Ein Gewehrlauf wurde sofort auf Emma gerichtet. Dabei war sie noch ein Kind. Sie hatten ihre Arbeitsuniformen an und wer sie noch nicht kannte, hĂ€tte meinen können, sie wĂ€ren einem KostĂŒmfilm entflohen.
Sie waren zu viert. Nie kamen sie alleine oder zu zweit. Zu viert waren sie stark. Zu viert waren sie etwas. Emma sah sie nicht an, betete, hoffte unsichtbar fĂŒr sie zu sein. Es war wie in einem schlechten Film.

Die ganze Familie saß am Boden, die FĂŒĂŸe eingezogen und den RĂŒcken gegen die Wand gelehnt.
Wir dĂŒrfen nicht schummeln, hatte ihr Vater einmal gesagt. Wir mĂŒssen ihr Spiel mitspielen, so tun als seien wir Dreck. Und als Emma in die Augen dieser MĂ€nner sah, wusste sie, was ihr Vater gemeint hatte. Emma wĂ€re am liebsten aufgestanden und hĂ€tte diese MĂ€nner in den braunen AnzĂŒgen gefragt, ob sie nicht weniger lebenswert waren als sie. Aber das konnte einen das Leben kosten. Niemand wollte Emma mit ihrer Familie haben und selbst in diesem großen Land hatte man keinen Platz fĂŒr sie. Aber aus dem Land durften sie nicht. Sie waren so viel Wert wie Kakerlaken und diese Gattung versuchten die MĂ€nner zu bekĂ€mpfen. Pestizite, SĂ€ure, Gas.

„Heil Hitler!“ sagte einer, fast zu laut, fast zu ernst und hob den rechten Arm, senkrecht, starr wie eine Maschine routiniert und vollautomatisch. Die MĂ€nner dahinter ahmten den Gruß nach.
Was sie sich bloß dabei dachten? Wahrscheinlich nichts. FĂŒr die Herren in Braun war es schon so normal, wie es fĂŒr Christen gewöhnlich war, GrĂŒĂŸ Gott zu sagen. Vielleicht meinten sie das auch damit. Hitler war fĂŒr sie ein Gott und diese MĂ€nner verrichteten ihre Arbeit fĂŒr ihn. Sie waren seine Boten, sie waren Todesengel, sie waren legitime Killer.
Er ging auf Ibrahim zu. Das Gewehr des hinteren Mannes auf der linken Seite war immer noch auf Emma gerichtet. „Sie mich an, wenn ich mir dir spreche!“ Ibrahim sah ihm in die Augen. Bisher hatte Ibrahim weggesehen. Nur auf Befehl durfte man hochsehen und dann nicht zu lange und am besten auf die Nase – nie direkt.
Dennoch war es leichter auf den Boden zu starren. Niemand sieht dem Tod gerne entgegen. „Wo habt ihr euer Geld versteckt?“ fragte er mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht.
„Wir haben kein Geld mehr. Ihr habt letzte Woche schon alles mitgenommen“, antwortete Ibrahim in einem leichten jĂŒdischen Akzent. „Das war letzte Woche“. Schrie er los. Das machten sie gerne. Das Grinsen verschwand und eine Fratze des Bösen machte sich auf seinem Gesicht breit. Er nahm den Schlagstock aus dem Halfter, schlug auf Ibrahim ein und zerschlug ihm das linke Schulternblatt. Emma hĂ€tte nie gedacht, dass Knochen so leicht, so laut brechen konnten. Ibrahim stöhnte, unterdrĂŒckte aber den Schmerz, den Schrei. „Sieh einer an, kaum reicht man den Bengeln den Finger, schon werden sie frech und fordern die ganze Hand. Jude!“ Schrie er erneut. Was wohl seine Kinder zu ihm sagen wĂŒrden, wenn sie ihn so sehen wĂŒrden mit seinem Schlagstock, seiner Uniform? Was sie sich wohl denken wĂŒrden, wenn er sie mit seiner Mörderhand nach einem Arbeitstag ĂŒber die Wange streichelte? Vielleicht waren sie stolz? Immerhin mussten es ja wohlerzogene Nazikinder sein. Der Mann zog den winterlichen Rotz den Gaumen so lange hoch als hĂ€tte er ihn die letzten Monate extra fĂŒr diesen Moment angesammelt und nach mehreren Sekunden, spukte er sie mit voller Kraft Ibrahim ins Gesicht. „Jude!“ Schrie er noch einmal, als hĂ€tten sie es nicht begriffen. Emma konnte Ibrahims HĂ€nde in den Hosentaschen nervös trommeln sehen. Ibrahim nahm eine Hand heraus und wischte sich die Spucke aus dem Gesicht. Emma erinnerte sich an Abrahams Worte: „Meistens suchen sie sich nur einen heraus.“ Und wieder holte der braune Mann mit seinem Schlagstock aus und schlug erneut auf die gebrochene Stelle. Ibrahim schrie. Er wollte nicht, aber er konnte nicht anders. Der Schmerz war zur Wut entfacht und Wut lĂ€sst sich nicht so einfach unterdrĂŒcken. „Wer hat dir erlaubt die HĂ€nde aus den Hosentaschen zu nehmen? Ihr glaubt wohl alles tun zu dĂŒrfen? Pah, Juden!“ Eine TrĂ€ne stieg in Ibrahim hoch und kullerte ĂŒber seine hageren Wangen hinunter. „Und habt ihr immer noch nichts?“
„Nein. Nichts.“ FlĂŒsterte Ibrahim, weil vermutlich jedes Wort seine Schulter schmerzte.
„Was sagt man dazu. Wollen hier leben und können nicht mal zahlen. Scheint heut nicht Dein Tag zu sein.“ Der Mann im braunen Anzug zog die Pistole und 


in diesem Moment schrak Emma hoch und schrie: „Glaubt ihr nicht, dass unser Leben auch lebenswert ist?“ FĂŒr einen kurzen Moment war es so ruhig, wie in den letzten Wochen nicht mehr. Emma stand immer noch mit offenem Mund da, als ob sie immer noch nicht begriffen hatte, was sie gerade getan hat. Die MĂ€nner standen ruhig da. Der Braune Mann mit der MĂŒtze drehte seinen Kopf langsam zu Emma und sah sie mit einem leichten Grinsen an. Seine Pistole war noch auf Ibrahim gerichtet. Er drĂŒckte ab. Er hatte nicht einmal mit den Augen gezuckt, so normal musste fĂŒr ihn der laute Pistolenschuss schon sein. „Seit lieb zu ihr“, winselte ihre Mutter Sarah. „Seit lieb zu ihr.“
Der braune Mann ging auf Emma zu und fragte: „Wirst du lieb zu mir sein?“ Aber Emma stand immer noch völlig unter Schock mit offenem Mund, unglĂ€ubig dessen, dass ihr Vater vor ihren Augen getötet wurde. Er packte sie an den Haaren. „Na, wirst du lieb zu mir sein?“
Sie hörte ihre Mutter als wĂ€re sie ganz weit von ihr weg, wie sie „Oh Gott“ mehr zu sich selbst sagte. „Oh Gott“, immer und immer wieder.
„Ja“, sagte Emma. „Ich werde lieb zu denen sein die lieb zu meinem Vater waren, lieb zu denen die meine Familie in Schutz nehmen, lieb zu allen Juden dieser Welt. Wie kannst du von Liebe sprechen, wenn du gar nicht weißt was Liebe ist?“
Der braune Mann mit der MĂŒtze sah sie entgeistert an. Grinste sein breites Grinsen und sagte: „Juden! Denken immer sie wissen alles besser.“ Er richtete seine Pistole auf, hielt sie Emma an die SchlĂ€fe und sagte: „Nun hat dich Dein Vater wieder. Sei lieb zu ihm, selbst wenn er dir erzĂ€hlt, du hĂ€ttest ihn um die Ecke gebracht.“ Emma sah ihr ganzes Leben in den Augen dieses Mannes wieder spiegeln. 9 Jahre wird er zerstören. Auslöschen und wenn diese Herren fertig sind hat es sie nie gegeben. Nicht in dieser Strasse, nicht auf dieser Welt. Sie hörte nicht den Schuss, den Schrei ihrer Mutter, das Lachen der MĂ€nner. Sie sank zu Boden. Es ging schnell und das war gnĂ€dig genug.

Was mit der Mutter passierte, wusste Emma nicht, denn sie hatte den Fernseher ausgeschalten. Der Film hatte sie zu sehr mitgenommen. Vielleicht auch deswegen, weil sich Emma auf Grund ihres Namens angesprochen gefĂŒhlt hatte. Sie dachte nur, Gott sei dank sind diese Zeiten vorbei. Nie wieder. Sie war keine JĂŒdin und irgendwie war sie froh darĂŒber. Aber gleichzeitig auch entsetzt. So hatten die Nazis doch etwas bewirken können. Wer wollte schon gerne Jude sein? Es wĂŒrde immer ein komisches GefĂŒhl sein, wie ein Brandmal.

Emma erinnerte sich ein paar Tage spĂ€ter an ihre Gedanken zu diesem Film. Nun stand sie in dieser Seitengasse und 3 kahl rasierte 20JĂ€hrige kamen ihr entgegen. Sie sahen aus wie Kz-HĂ€ftlinge. Mein Gott, was wollten sie mit ihrem Aussehen bezwecken? Sie hatten Klamotten an, als wĂ€ren sie aus einem KostĂŒmfilm, einer trug sogar eine MĂŒtze auf den Kopf. Ihre Stiefel klangen hart auf dem Boden. Es war Winter, es war kalt, aber von diesen 3 Gestalten schien eine noch grĂ¶ĂŸere KĂ€lte auszugehen.

Wenn sie jetzt umdrehen wĂŒrde, dann wĂŒrden die MĂ€nner Verdacht schöpfen. Aber sie wusste nicht mehr, was hinter ihr lag. Die Gasse schien eng zu sein, enger als vorher und irgendwie nahmen diese 3 MĂ€nner den ganzen Platz ein. Also ging sie weiter, vielleicht etwas bedacht und mit einem klopfenden Herzen auf diese 3 MĂ€nner zu. 2 von ihnen waren ernst, waren so ernst, wie man nur selten Menschen in ihrem Alter sieht. Der andere Grinste, grinste sie an. Es war ein falsches Grinsen, falsch und dennoch grinste er als wĂ€re es normal. Eigentlich hatte sie nichts zu befĂŒrchten, denn um es in deren Sprache auszudrĂŒcken, waren sie ja vom selben Blut. Oh mein Gott. Wieder so ein Schwachsinn. Wie leicht man ein Gedankenmuster doch annehmen kann.

Sie kamen sich immer nÀher und dann gingen sie aneinander vorbei als wÀre nichts gewesen.

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Nordlicht
Hobbydichter
Registriert: Jan 2004

Werke: 5
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Supergut. ZunĂ€chst hatte mich der Übergang von der einen zur anderen Emma gestört, am Ende wird auf diese Weise aber mehr draus als die stĂ€ndige Wiederholung der "Nazi/Juden"-Geschichte. So wird ein aktueller Bezug hergestellt.
Gruß
Gudrun

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Herbert Stahlvogel
AutorenanwÀrter
Registriert: May 2003

Werke: 15
Kommentare: 29
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Hallo Gudrun,
vielen Dank fĂŒr Dein Kommentar. Sicherlich muss sich der Leser von der Story im Film erst mal befreien um sich dann auf die Gegenwart einzustellen. Nur weiß ich nicht, ob der Szenenwechsel vielleicht doch zu plötzlich kommt. Glaubst Du ich sollte den Übergang verlĂ€ngern?

Gruß Herbert

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Nordlicht
Hobbydichter
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***Was mit der Mutter passierte, wusste Emma nicht, denn sie hatte den Fernseher ausgeschalten. Der Film hatte sie zu sehr mitgenommen. Vielleicht auch deswegen, weil sich Emma auf Grund ihres Namens angesprochen gefĂŒhlt hatte.***

Nein, ich finde nicht, daß Du den Übergang verlĂ€ngern solltest. Es ist ein einziger Satz, der stutzig macht, und in den beiden folgenden wird schon der Sachverhalt klar. Das bringt immerhin den Leser dazu, kurz innezuhalten und nachzudenken.
Liebe GrĂŒĂŸe
Gudrun

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Herbert Stahlvogel
AutorenanwÀrter
Registriert: May 2003

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Hallo Gudrun,
ok, dann habe ich mich doch nicht getĂ€uscht. Danke fĂŒr Deine schnelle Antwort.
Gruß Herbert

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