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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Sein Apartment
Eingestellt am 02. 11. 2013 10:55


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Arno Abendschön
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Gut ausgedacht: sich früh aufs Land zurückziehen, nicht mehr kämpfen müssen, sich in nichts mehr verwickeln lassen. Die Wunden sollten vernarben. Du wolltest deiner Natur doch noch gerecht werden, einen langen Herbst der Kontemplation genießen. Stoff zur Betrachtung in Fülle, Natur, Kultur, einen Garten anlegen. Die Nachbarn wie du selbst: verwundet. Rundum nur Frieden, Ruhe und Frieden. (Man sollte sie in Dosen abfüllen und in die Großstadt versenden.)

Es ging aufs Frühjahr zu, als du hierherkamst. Dann der lange erste Sommer. Nie warst du so viel draußen und in Bewegung. Dein Lebenssommer dagegen lag in der Vergangenheit und war zeitlich nicht genau zu fixieren, jedenfalls war er ziemlich extrem gewesen. Metaphern könnten noch blühen, um ihn zu beschreiben. Wozu? Wenn du zurückschaust, ist dir, als blicktest du in den Orkus – alles verschlungen: Gesichter, Geschichten, Stücke von dir.

Den Herbst, den wirklichen Herbst hattest du dir schöner vorgestellt. Vielleicht wird er im nächsten Jahr besser. Die höheren Beamtenwitwen flogen reihum nach Ischia oder Zypern. Zurückgekehrt seufzten sie: Der Winter, der Winter … Er erwies sich dann als lang und hart, höchst real. Schon zu Silvester waren die Temperaturen so niedrig, wie du sie nie erlebt hattest. Man blieb meist drinnen und sah hinaus in ein überaus transparentes Blau, einen Himmel, der rein gar nichts mehr verbarg. Dann kamen noch trübe Tage. Alles stockte, lag starr. Die Gedanken und Gefühle wurden ein wenig fahnenflüchtig: Tendenzen ins Rückwärtige. Nicht in die Stadt, die du hinter dich gelassen hattest und in der auch nichts mehr so war wie … wie wann? Wer das wüsste.

Früher kanntest du den Ort nur dem Namen nach, die Kleinstadt, in der du nun lebst. Ein Bad, ein Kurort an der Hauptstrecke der Bahn nach Süden. Du musst oft mit dem Zug durchgekommen sein. Die Züge fahren hier sehr schnell, bremsen nicht einmal, wenn sie den Bahnhof passieren. Den weißen Strich erst nach Anhalten eines Zuges überschreiten … Im Vorjahr wurde ein Ruheständler mitgerissen, fort aus der Ruhe, aus dem Frieden. Du nahmst früher, wenn überhaupt etwas, nur kleine rote Häuser mit sauberen roten Dächern wahr, inmitten großer Wälder von Buchen, Kiefern, Eichen. Dann war es schon vorüber und sechs Stunden später warst du in München.


Früher war das Land ein schmaler Korridor. Die Vitalen, die Flexiblen drängten in ihm, wie in Amerika westwärts, hier vor allem südwärts, und an seinem Ende lag München, eine Art deutsches Kalifornien. Dort der Stille Ozean, hier die Alpen. Weiter ging es nicht mehr, die Zirkulation stockte. Da besannen sich die Erfolgreichen, die Schönen, die Lebenskünstler, weshalb sie sich hier versammelt hatten. Freizeitwert, Lebensqualität, Lebensgenuss, das sollte es sein. Sie wollten es nun in konzentrierter Form haben. Indessen blieb das erhoffte Glück nicht selten aus, ein Phänomen, das um 1980 massenhaft auftrat und zu weit verbreiteten hysterischen Reaktionen führte. Die Kneipen blühten, sie waren die Orte öffentlicher Kundgebung privaten Unglücks.

Besonders galt dies für jenen Teil der Bevölkerung, der sich gern als gay bezeichnen ließ. Es gab damals allein drei Lederbars in der Stadt. Der Andrang war an Wochenenden so groß, dass die Sperrstunde von ein auf drei Uhr morgens verlegt werden musste. Jedoch kamen die drei Bars nur abwechselnd in den Genuss dieser besonderen Konzession.

Ich erinnere mich an einen solchen Abend im Bärenhaus, Sommer 1979. In den letzten zwanzig Minuten ging es zu wie immer vor Lokalschluss. Schüchterne fanden sich doch noch, nachdem sie drei Stunden mutlos gewesen waren. Frustrierte Zyniker verließen mit vereister Miene das Lokal. Der große Rest trank und schwadronierte und trank und riss Zoten und trank und kehrte sein Innerstes nach außen und das des lieben Nachbarn auch. Der Kellner flitzte. Die Musik war sehr laut, der Chor der Gäste überschrie sie. Abgerechnet wurde in hexenmeisterlichem Tempo. Jetzt kam noch Gundas, der Wirtin, großer Auftritt. Sie, die Konzessionärin, hatte den ganzen Abend auf einem Barhocker vor dem Tresen verbracht und still gezecht und manchmal mit Stammgästen einige Worte geredet. Nun stieß der Münchner den Gast aus Wuppertal an: Da, die Gunda, jetzt … Und die Gunda sang mit blechernem Organ, ziemlich dünn und unmelodisch … und die Gäste wurden leise … und die Lautsprecher wurden heruntergedreht. Die Gunda sang die Bayernhymne und zu verwandter Melodie ihr berühmtes Wollt ihr wohl nach Hause gehen, wollt ihr wohl zum Ficken gehen.

Nun brach man rasch auf. Gunda selbst musste beim Aufstehen gestĂĽtzt und dann fortgeschafft werden.

Er stand gegenüber, während dieses Tumultes, drei Meter entfernt. Wir sahen uns an und waren uns gleich einig. Hübsch war er, männlich-sanft, vielleicht ein Kind ländlicher Fluren? (Es waren nur die Hochhäuser von Dietzenbach, wie ich nachher erfuhr. Oder war es Sprendlingen? Aber soweit waren wir noch nicht.) Er war nicht allein, sie waren zu dritt, er, Mitte zwanzig oder knapp darüber, dann ein anderer, nahe dreißig, Münchner, wie zu vermuten, und noch ein sehr junger Exote, grazil, feminin, bräunlich die Hautfarbe, die Herkunft nicht zu erraten. Der Bräunliche stand schweigend zwischen den beiden anderen, die sich heftig stritten. Vielleicht um ihn, der in diesem Milieu doppelt exotisch wirkte? Es war so laut in der Bar, dass ich nichts verstehen konnte. Die Erregung der beiden Streitenden verriet ihre Intimität. Und in diesen Streit hinein unser Separatblinkfeuer, sehnsüchtig und voller Einverständnis.

Gunda wurde eben weggebracht. Da löste sich alles auf. Der Ältere ging mit dem Exoten hinaus, und der Jüngere kam zu mir herüber, wütend: „Jetzt schleppt er ihn ab, der Scheißkerl, aber ich lauf nicht hinterher, ich nicht.“ Das mit hessischem Tonfall, ungeniert. Klang es nicht ungefähr so: “Isch laaf `m ned no, isch doch ned.“ Der Fremde sei aus Surinam, sein Freund wolle es zu dritt machen, aber er wolle nicht mit dem Surinamesen ins Bett und der auch nicht mit ihm. Sie passten einfach nicht zusammen. Er und sein Freund, sie wohnten zusammen und sie hätten bloß eine Ein-Zimmer-Wohnung.

Ich sah ihn mir erst noch einmal an.

Er war blond, schlank, normal groß oder leicht darüber, ganz in engem schwarzem Leder, sehr schmuck anzusehen. Kein Zubehör, nichts Buntes, kein Metall. Das Wahre ist doch immer das Einfache. Sein Gesicht: hübsch und ziemlich ernst. Alles in allem ein erfreulicher Anblick – und doch wurde es einem mulmig, wenn man ihn ansah. Mir jedenfalls erging es damals so, und später auch. Wenn ich den seelischen Eindruck, den er vermittelte, wiedergeben soll, werde ich die verbrauchten Bilder meiden, ihn keinen gefallenen Engel nennen und nicht vom Zeichen auf seiner Stirn sprechen. Aber es war so etwas um ihn. Drücken wir es so aus: Er war männlich, doch der Pfeil im Symbol seiner Männlichkeit war nach unten gerichtet, er wies schräg nach unten. Hatte ihn irgendeiner mit Freude heranwachsen sehen?

Ich hatte mich damals in einer Pension am Viktualienmarkt einquartiert, nicht zum ersten Mal. Sie duldeten dort gewöhnlich nicht, dass man Fremde mit aufs Zimmer nahm. Wir könnten es trotzdem versuchen, schlug ich ihm vor, wenn er mitkommen wolle.

Er war unschlüssig. Vielleicht sei er jetzt nicht imstande, mit mir zu schlafen, er sei verärgert und viel zu nervös. Am liebsten würde er sich sofort von seinem Freund trennen, so etwas wie eben sei ja schon öfter passiert. Dann entschloss er sich plötzlich, doch mitzukommen. Er wolle einfach nur mit mir reden und bei mir übernachten.

Unterwegs sagte er mir seinen Namen: Ralf. Er war Koch, für mich einer aus einer langen Reihe, die später irgendwann abgerissen ist.

Ich hatte es nicht besonders eilig, in die Pension zu kommen. Dort lag der Nachtportier auf einer Pritsche neben der Rezeption, wahrscheinlich ein Student. Er ließ sich ungern wecken und zeigte es einem auch. Von Freunden wusste ich, wie schon erwähnt, dass er den Versuch, Eroberungen mitzunehmen, meistens übel aufnahm. Zwar stiegen hier vor allem Homosexuelle ab, doch der Wirt achtete auf den Ruf des Hauses.





Ralf beruhigte sich allmählich. Er sprach offen über seine Angelegenheiten, und ich begriff bald, wie windig es um seine Münchner Existenz bestellt war. Er trottete jetzt zutraulich neben mir her, als könne es nicht anders sein. Wir brauchten eine halbe Stunde vom Sendlinger Tor bis zum Viktualienmarkt.

Der Nachtportier öffnete. Er war umgänglicher als sonst. Wir bekamen den Zimmerschlüssel, ohne etwas erklären zu müssen. Vielleicht stimmte ihn unser zaghaftes Auftreten milde. Er mag sich im Stillen gesagt haben: Ach, ihr zwei … Na dann, in Gottes Namen halt. – Er wünschte sogar freundlich Gute Nacht und legte sich wieder aufs Ohr.

Wir gingen die Treppe hinauf und betraten das sehr karge Zimmer. Dann sprachen wir lange nicht mehr. Er umarmte mich gleich. Die Sache verlief so natürlich und befriedigend wie möglich. Ein selten reiner Eindruck. In München zumindest hatte ich Ähnliches noch nicht empfunden und sollte es dort auch nur noch einmal empfinden – als ich ihn im folgenden Jahr erneut traf.

Nachher ruhten wir still nebeneinander auf dem Bett, ohne schlafen zu können. Zwischen fünf und sechs stand er auf. Er wolle nun doch zu seinem Freund zurück. Je später er komme, desto mehr Ärger werde es geben. Ich hätte ihn gern dabehalten.


Im Sommer darauf fuhr ich wieder nach München, Anfang September. Diesmal war die Sperrstunde im Denver hinausgeschoben. Hier sang keine Wirtin zum Schluss, alles war eine Spur kälter, geschäftsmäßiger. Das Bärenhaus war das Altmünchner Bierlokal, verräuchertes Holz für die Seele, das Denver dagegen ein New Yorker Imitat, kahle Mauern, schwarz getüncht. Fassbinder verkehrte zeitweise hier. Eines Tages kam es im Lokal zu einer Schlägerei, an der er beteiligt war. Fassbinder kam vor Gericht, angeklagt, und die Bar in den Lokalteil der Süddeutschen Zeitung. Für Querelle standen Rainer-Werner, wie ihn die Möchtegern-Insider am liebsten nannten, hier Männer wie Ralf als Modelle vor Augen. Aber Querelle war eine Kino-Schönheit, und Leute wie Ralf verkörperten das wirkliche Leben. Sie waren viel weniger strahlend, dafür verletzlich, widerborstig, manchmal sehr nett, mit Macken, in die man sich verlieben konnte, und auch noch etwas angekränkelt, echte Männer eben.

Er kam erst nach zwei Uhr, und ich erkannte ihn nicht gleich. Er trug dieselbe Montur wie im Vorjahr, dazu noch eine Lederschirmmütze. Im Gesicht wirkte er schmaler. Gesicht und Haltung zeigten die ersten Spuren eines anstrengenden Lebens, das sich vielleicht vorzeitig verbrauchen würde. Er trat kesser auf als früher, er war bereits daran gewöhnt, vielfach begehrt zu werden. Zugleich schien es ihn eine Spur anzuwidern; schwer zu sagen, wie viel daran Spiel war, um den Reiz zu erhöhen, und wie viel echtes Gefühl.

Sie eröffneten gleich eine Art Kesseltreiben auf ihn. Er lehnte ruhig am Tresen und ließ sich auf niemand ein. Sie schmachteten ihn mit den Augen an, gingen immer einige Schritte hierhin und dorthin, ohne ihn aus dem Blick zu verlieren. Mir war es unangenehm, zu dieser Meute zu gehören, es war nicht gerade die Auslese. Doch er zog mich geradeso mächtig an wie sie. Er strafte sie mit Verachtung; vielleicht genügte ihnen das schon zur Not. Sie verzogen sich nach und nach. Gegen drei war ich beinahe allein mit ihm und einem letzten Konkurrenten, der uns aus einiger Entfernung beäugte. Ich sprach ihn jetzt an, ich weiß nicht mehr, mit welcher Floskel. Als er den Mund auftat, erkannte ich ihn endlich: Ralf, der Koch, und sein südhessisches Idiom.

Er kam sofort zur Sache. Etwas arbeitete in ihm. Er könne mich nicht mitnehmen, er habe jetzt keine Wohnung. Er schlafe in einer Gaststätte, die ihm gehöre. Das sei nicht das Richtige für mich.

Was mich betraf, so logierte ich diesmal in einem Hotel im Tal, so normalbürgerlich wie möglich. Schon der Versuch, ihn einzuschmuggeln, erschien aussichtslos. Der Nachtportier dort schlief nicht, er wachte gewissenhaft über Eingang und Ausgang, und verspiegelte Wandflächen erlaubten ihm die Kontrolle auch über jeden Winkel hinter der Tür und am Fuß der Treppe. Das beschrieb ich Ralf genau.

Da notierte er eine Telefonnummer und gab sie mir. Ich solle ihn am Mittag in seinem Lokal anrufen, dann werde sich etwas machen lassen. Er schrieb auch die Adresse dazu, es war Richtung Sendling.

Die Musik war abgestellt, grelles Licht angedreht worden. Wir waren die Letzten. Zusammen gingen wir die Straße hinunter, um uns an der Ecke zu trennen. Er winkte ein Taxi für sich herbei. Als der Wagen hielt, zog er mich am Arm zu sich heran und schob mich dann in die Taxe hinein: „Du kommst doch mit.“

Ich war auf seine Bar neugierig, aber er nannte dem Fahrer barsch eine Straße, die vom Zentrum nach Schwabing hinausführt. Und zu mir, in ganz anderem Tonfall: „Ich versuche jetzt etwas. Sei bitte nicht böse, wenn es nicht klappt.“

Einige Minuten später standen wir auf der A…straße vor einem Apartmenthaus der sechziger Jahre, wie aus einer Dekoration für ein Stück von Botho Strauß: Groß und Klein, meine ich.

Hier sei seine neue Wohnung, und er wolle sie jetzt gleich haben, sofort. Es war noch nicht einmal halb vier.

Er hatte keinen Schlüssel, weder zum Haus noch zur Wohnung. Schweigend drückte er den Klingelknopf zu einer Wohnung im ersten Stock, einmal, zweimal, immer wieder. Nichts geschah. Da kam ein anderer Hausbewohner heim und betrat das Haus, Ralf glitt hinterher. Er hielt die Haustür einen Spalt offen und forderte mich schweigend auf, ihm zu folgen. Die Treppe hinauf erklärte er mir, in einem Apartment im ersten Stock lebten drei Männer, mit denen er geschäftlich zusammenarbeite. Sie besäßen den Schlüssel zu seiner neuen Wohnung, er müsse sie jetzt unbedingt wecken. Er begann ein endloses Lärmen mit ihrer Türklingel, das weithin über die Flure zu hören war. Niemand öffnete, und er wurde jetzt so wütend, wie ich ihn noch nicht erlebt hatte. Er schimpfte und fluchte und hörte mit seinem Sturmgeläut erst auf, als die Klingel plötzlich keinen Ton mehr von sich gab. Von da an traktierte er über längere Zeit die Wohnungstür mit seinen Stiefeln. Mich forderte er auf, in einer dunklen Nische zu verschwinden. Er schien mir völlig nüchtern zu sein und doch von Sinnen.

Als alles ohne Wirkung blieb, ging er allein auf die Straße. Er wolle versuchen, die da drinnen ans Telefon zu bekommen. Ich musste im Hauseingang warten, um ihn nachher wieder hereinzulassen; er hatte niemand erreicht. Er wollte noch einmal hinauf. Oben begann er erneut, gegen die Tür zu treten, noch heftiger als zuvor. Er brüllte jetzt auch. Eine Nachbarin erschien im Flur und verlangte Ruhe. Er achtete gar nicht auf sie, und sie zog sich zurück. Ich sah im Geist schon die Polizei anrücken. Sein krimineller Touch, vorher allenfalls in homöopathischer Dosis wahrzunehmen, doch jetzt unübersehbar, erschreckte mich. Ich wagte nicht, ihn zu dämpfen, es auch nur zu versuchen, aber ans Fortgehen dachte ich auch nicht.

Nach einer Dreiviertelstunde kam einer der drei Bewohner nach Hause. Ralf erhielt ohne viele Worte seinen SchlĂĽssel, und wir gingen sofort die Treppe weiter hinauf.

Er kannte die Wohnung noch nicht und sah sich gleich neugierig um, als wir erst einmal drin waren. Es gab nicht viel zu entdecken. Es war nur ein kleines, mickriges Apartment und noch dazu laut. Es enthielt die allernotwendigsten Möbel, ziemlich scheußliche Stücke, und etwas Wäsche und Geschirr. Die Vormieterin sei erst vor ein paar Tagen ausgezogen, sagte er mir.

„Aber es ist so klein, viel kleiner, als ich gedacht habe. Und dann soll noch einer von denen da unten zu mir heraufziehen. Das geht so nicht, das müssen wir anders regeln. Es reicht gerade für mich. Und für Besuch, so lieben Besuch …“

Er zog mich an sich. Ich spürte seine Wärme. Er war jetzt friedlich. Ich dachte schon, wir würden gleich wieder zum Wortlosen übergehen, zum Eigentlichen und kaum zu Beschreibenden. Aber er hielt mich auf Armeslänge von sich und lächelte, indem er mich ansah, als wolle er mich noch etwas aufsparen. Er ließ mich los, nahm seine Mütze ab und legte sie auf den Tisch. Dann ging er im Zimmer umher und musterte die Möbel noch einmal eingehend. Da könne man noch einiges verändern, dies und das müsse man umstellen und schaffe dadurch Platz für Weiteres. Er entwickelte schon Ideen zur Verschönerung. Er begann sich einzuleben.

Dann war er durstig. Der Kühlschrank war geräumt und abgeschaltet.

„Wo bekommen wir jetzt etwas her? Ich weiß nicht, wahrscheinlich nirgends. Trinken wir gleich Wasser.“

Er holte zwei Weißbiergläser aus dem Küchenschrank und füllte sie mit Leitungswasser. Wir stießen damit an.

„Auf deine Wohnung“, sagte ich, „und dass es dir gut geht.“

Er sah mich groĂź an, schweigend, und trank in zwei ZĂĽgen aus. Dann drĂĽckte er sich heftig an mich und schob mich zum schmalen Bett, warf uns beide auf die schmale Matratze.

Er küsste mich weich und innig, immer wieder, es war das nachdrückliche Versprechen eines Kindermundes. Und dann fickte er recht hart. Der Ausdruckszwang übermannte ihn. Wir kamen in jener Innenwelt an, wo die Beschreibbarkeit aufhört und die Anschauung beginnt. Wir waren bei uns.

Nachher sank ich für eine Stunde in einen sehr leichten Schlaf. Freude und Glücksgefühl grundierten ihn. Ab sechs Uhr konnte ich nicht mehr schlafen. Das Fenster war einen Spalt geöffnet. Es war ein warmer Spätsommermorgen. Straßenbahnen klingelten schon. Die Stadt draußen fand langsam zu ihren sonntäglichen Beschäftigungen.

Meine linke und seine rechte Körperseite berührten sich an den Schultern, Hüften und Schenkeln. Wir lagen halb nackt auf der bloßen Matratze. Beide hatten wir nur unsere weißen T-Shirts anbehalten. Die Ledermonturen lagen als schwarze Knäuel auf dem Fußboden, unsere Stiefel daneben. Er schlief sehr fest. Ich sah ihn gern an, immer wieder. Wie hell seine Haut war – feine Substanz, leuchtend. Er war schön und bei aller mutwilligen Kraft für Kampf und Sieg doch nicht geschaffen. Wenn überhaupt einer, dann war er es, der sich in der Vereinigung verströmen durfte.

Ich wurde hungrig, denn ich hatte am Vorabend zu wenig gegessen. Es konnte Stunden dauern, bis er aufwachen würde und wir irgendwo frühstücken konnten. So ging ich um acht ins Bad, wusch mich und zog mich an. Dann weckte ich ihn, um fortzugehen. Er war betrübt und reagierte schuldbewusst. „Ich habe mich zu breit gemacht. Ich war so müde, ich bin dir wohl unter den Händen eingeschlafen?“

„Nein, nein, es war gut. Alles war schön. Mach dir keine Sorgen. Aber ich habe jetzt Hunger, und du sollst weiterschlafen.“

„Ich habe Durst. Bring mir ein Glas Wasser.“

Er bekam es von mir. Er trank es aus. Ich kĂĽsste und streichelte ihn.

Ich hätte nicht gehen sollen, noch nicht. Und doch ging ich.


Mitte Oktober fuhr ich schon wieder nach München. Die Bars waren voll wie gewöhnlich. Nach eins trafen wir uns alle im Bärenhaus. Ralf stand fünf Meter von mir entfernt und stritt sich mit seinem Freund. Er schien sehr erregt. War es wirklich der Freund vom Vorjahr? Ich war mir nicht sicher. Jedenfalls zankten sie sich und benötigten dazu keinen Dritten mehr. Ich geriet Ralf erst nach einiger Zeit ins Blickfeld, er nickte mir zu und brüllte dann weiter. Ich hörte seine Stimme aus der Musik und dem Stimmengewirr heraus, verstand aber kein Wort. Die Situation ließ mich hoffen.

Da kam Orpheus, wie wir ihn nannten. Er war selbst Wirt. Er hatte sein Lokal erst vor kurzem übernommen. Dem vorigen Pächter war die Konzession entzogen worden, nach jenem Unfall im Gynäkologenstuhl – aber das ist eine andere Geschichte. Ich kannte Orpheus schon Jahre und fragte ihn, ob man auch in Ralfs Laden gehen könne.

„Ja, mein Lieber, weißt du, du kannst doch überall hingehen … Er hat das Lokal erst neulich übernommen. Wer weiß, wie lange es gehen wird … Und dann: Was heißt hier sein Laden? Er hat die Konzession beschafft und nun bildet er sich ein, der Wirt zu sein. Aber ich will sowieso mit ihm reden.“

Er schob sich durchs GewĂĽhl, und ich folgte in seinem Kielwasser. So kam ich mit ihm bei den beiden an.

„Du, nichts für ungut“, begann Orpheus, „aber hör einmal, weißt du eigentlich, dass sie in deinem Lokal lustig weiterfeiern, obwohl schon lange Sperrstunde ist?“

Er reagierte mit Verzögerung, verdutzt, er musste erst die Reserven mobilisieren, um erneut explodieren zu können. Der laufende Streit mit seinem Freund spielte von nun an keine Rolle mehr.

Das sei unerhört, da müsse er sofort hinfahren. Aufräumen! Den Saustall! Was sie denn glaubten, mit wem sie es zu tun hätten – sie sollten ihn kennen lernen. Und so fort, alles con brio, eine Wutexplosion, vor Erregung stark hessisch gefärbt.

Er marschierte zum Tresen und verlangte ein Taxi. Dann kam er zurück. Nun erst wandte er sich an mich, in etwas sanfterem Ton: „Heute Abend hab ich keine Zeit für dich, leider. Du siehst ja, was sie mit mir machen. Aber ich werd es ihnen zeigen.“

Was hätte ich ihm sagen können? Und es wäre dazu auch keine Zeit mehr gewesen. Eine kleine Tunte unterbrach uns, hängte sich an seinen Arm und flehte: „Tu’s nicht, Ralf. Fahr nicht hin. Sie werden’s dir zeigen. Tu’s nicht, bleib hier.“

Die Taxe war schon da. Er stampfte hinaus, ohne noch irgendeinem von uns ein Wort zu sagen. Die kleine Tunte zog er wie eine Klette am Arm mit sich.

Orpheus kommentierte gemütlich: „Da hat er wieder seinen Samstagabendkoller, der Ärmste.“

Er war verschwunden. Ich sah ihn nie mehr.


Nach ihm kamen noch viele andere. Die Reihe brach noch lange nicht ab. Es war viel Durchschnitt darunter, seelisches Mittelmaß, das dich unbefriedigt ließ. Dann wieder einzelne faszinierende Gestalten, denen du dich nicht lange gewachsen fühltest. So bliebst du immer in Bewegung, das erhielt jung. Du häuftest Massen von Erinnerungen an. Darunter verschwand, was für dich von Wert hätte sein können. Und als der Reigen zu Ende war, begann die Erosion. Die Deckschichten, Sand und Geschiebe, verwehten, wurden abgetragen und feste Kerne erschienen. So kehrten die Wenigen zurück, bemerkenswert gut erhalten, ewig jung, wie es scheint. Nun musst du mit ihnen leben.

Du kamst nicht mehr oft nach München. Bei deinem letzten Besuch, Oktober 1982, fandest du das Bärenhaus sehr verändert. Aus der alten Klappe mit Bierausschank war etwas Tolles geworden. Die Toilettenräume waren ihrem eigentlichen Zweck entfremdet. Sie waren – als wäre ein indischer Tempelfries in heftigste Bewegung geraten – mit Massen in allen Stellungen kopulierender Leiber verstopft, Massen sich rasch vereinigender, sich rasch voneinander lösender und in anderer Zusammensetzung rasch erneut vereinigender Leiber. Schiwa trieb sie vor sich her, Schiwa war schon Werk. Im Gastraum vorn zog Wischnu (Orpheus) bekümmert seine Kreise: „Das kommt alles noch einmal ganz anders.“

Querelle lief seit kurzem in den Kinos. Fassbinder war schon tot.

Die Züge nach München sind seitdem viel schneller geworden. Du hörst sie von deiner Wohnung aus, wenn sie, ohne zu bremsen, den Bahnhof passieren. Manchmal kommt es dir in den Sinn, wieder einmal nach München zu fahren. Aber wozu noch?

Von deiner Wohnung aus siehst du auf die Wälder der Umgebung. Das Haus steht an einem Hang. Manchmal gehst du hinauf auf die waldfreie Hochfläche, wo man die Züge nicht mehr hört. Von hier aus siehst du das Land viele Kilometer weit nach Nordosten abfallen, eine sanfte, sich scheinbar ins Unendliche fortsetzende Bewegung. Du steigst immer weiter hinauf zur Kuppe des Lindenberges. Unterwegs blickst du dich um und siehst, wie die Landmassen fliehen, immer weiter ins Ferne, scheinbar Unendliche versinken. Die kleine Stadt ist mit ihren letzten Häusern verschwunden. Die Wälder der Umgebung sind nur noch undeutliche Massen. Alles verschwindet …

Und jetzt sagst du, auch du: Wo lebst du, Lämmchen - erscheine mir doch.

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Vera S
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Lieber Arno, ich möchte etwas zu deiner Geschichte sagen, weil sie mich berührt hat. Obwohl ich eine Frau bin, ist mir die Szene nicht fremd, ganz im Gegenteil. Querelle ist einer meiner Lieblingsfilme, und ich habe mit Begeisterung Genet gelesen, noch vieles mehr, das nur zur "Entschuldigung". Dein Schreibstil ist ungewöhnlich, weil er extrem nüchtern ist und trotzdem sensibel Eindrücke verarbeitet, weil er Beschreibungen an interessanten Stellen vermeidet: (quote) "Die Sache verlief so natürlich und befriedigend wie möglich", was nicht einmal im Ansatz zu eigenen Vorstellungen einlädt, und an anderen Stellen mit einem Satz eine Kette von Assoziationen beim Leser auslöst: (quote) "Hatte ihn irgendeiner mit Freude heranwachsen sehen?"
Beim zweiten Treffen lässt du wieder zwei Ebenen aufeinandertreffen: das harte Ficken auf der einen, (quote) "Wir kamen in jener Innenwelt an, wo die Beschreibbarkeit aufhört und die Anschauung beginnt" auf der anderen Seite. Eine gelungene Möglichkeit, das nicht Beschreibbare fühlbar zu machen. Auch wenn man sich fragen könnte, wessen Anschauung beginnt (denn dem Leser lässt du bewusst nichts zum Anschauen!), so ist die Kontrastierung dieser beiden Begriffe ein Code für Intensität. Ähnlich gelungen erscheint mir der Kontrast zwischen den Gedanken bei der Beobachtung des Schlafenden und der gleich danach wieder einsetzenden nüchternen Beschäftigung mit Alltäglichem (Essen).
Die melancholische Kontemplation, welche die Beschreibung der Münchner Episoden einrahmt und dabei die Perspektive wechselt, welche bitter ist, abgeklärt, die macht den Text, wie ich finde, sehr gelungen.
__________________
Kat

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Vera S
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Kleiner Nachtrag: Die Beschreibung von den vergeblichen Versuchen, in das Apartment zu gelangen, erschien mir beim ersten Lesen zu lang. Sie ergänzen jedoch die sparsamen, skizzenhaften Beschreibungen von Ralf zu einer Persönlichkeit...
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Kat

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