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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sein Wille
Eingestellt am 23. 12. 2014 11:25


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Profatus
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Sein Wille

Der Professor betrat sein Arbeitszimmer, ließ sich mit einem dumpfen RĂ€uspern auf den barocken Stuhl am Schreibtisch nieder und zog behutsam den Papierstapel aus seiner Tasche. Eilig, sogar ein wenig aufgeregt, durchblĂ€tterte er die Zettelsammlung.
UngefÀhr in der Mitte des Stapels fand er, wonach er gesucht hatte.

»Eloy«, flĂŒsterte der Professor voller Vorfreude und zog die Hausarbeit hervor.
Dieser Student war ganz nach seinem Geschmack, er hatte die richtigen Voraussetzungen fĂŒr eine erfolgreiche Karriere. Als renommierter Psychologie-Professor konnte er das mit Sicherheit beurteilen. Der Junge benötigte nur ein paar wegweisende AnstĂ¶ĂŸe. Deshalb war er sehr gespannt darauf, ob sich der Lehrling seine RatschlĂ€ge und Hilfeleistungen zu Herzen genommen hatte.

Wie gewohnt fiel sein erster Blick auf das Literaturverzeichnis am Ende. Namen wie Kernberg, Wirth und Zimbardo suchte und fand er dort. Der Professor lÀchelte zufrieden. Er machte sich nun daran, die Arbeit von Beginn an zu lesen.

Die Einleitung war viel zu lang. Bereits auf Seite drei fand er den ersten Rechtschreibfehler. Eine der aufgestellten Thesen auf Seite sieben war eindeutig Muzafer Sherif zuzuordnen, was der Student jedoch nicht entsprechend angegeben hatte.

Der Professor spĂŒrte die Wut in sich aufsteigen. Mit jeder Zeile, die er las, schien sich seine Stimmung zu verschlechtern. Als er auf Seite elf einen weiteren Rechtschreibfehler entdeckte, nahm er die Unterlagen energisch in beide HĂ€nde und schlug sie mehrfach auf die robuste Schreibtischplatte. Erst als seine Fingerknöchel zu schmerzen begannen, hielt er inne. Regungslos und mit geschlossenen Augen versuchte er, sich zu beruhigen. Das Pochen in den Fingern wurde langsam ertrĂ€glich, der Puls senkte sich wieder.

AbfĂ€llig legte er die Arbeit zurĂŒck zu den anderen. Dann wischte er sich mit einem Taschentuch nachlĂ€ssig das Blut von den wunden HĂ€nden.

Seine Aufmerksamkeit richtete sich bereits auf die Schrankwand links von ihm. Er ließ das rote Tuch achtlos zu Boden fallen und schritt hinĂŒber zu den dunklen HolztĂŒren, um sie zu öffnen. Die opulente Technik im Inneren brachte er mit geĂŒbten Fingern schnell zum Laufen.

Bereits wenige Sekunden spĂ€ter flackerte der Monitor auf. Der Professor lĂ€chelte zufrieden. Die Investition in das sehr teure Überwachungssystem hatte sich wahrlich gelohnt, die Kamera lieferte ein qualitativ hochwertiges Bild. Es zeigte den Keller seines Hause, der aber keinerlei Ähnlichkeit mehr mit seinem ursprĂŒnglichen Wesen hatte. FĂŒr seinen jetzigen Zweck jedoch wirkte er perfekt.

»Hallo Adam«, sagte der Professor und umklammerte dabei erregt das kleine Mikrofon.
Der Mann auf dem Monitor richtete sich auf. Erschrocken blickte er zu allen Seiten.
»Was? Wer ist da?«, rief er Àngstlich. Durch die kleinen Lautsprecher klang seine Stimme etwas mechanisch und ziemlich leise.
»Wie geht es Dir heute, Adam?«, fragte der Professor einfĂŒhlsam.
»Hören Sie, hier liegt eine Verwechslung vor. Mein Name ist nicht Adam. Sie haben den Falschen. Lassen Sie mich raus!«

Der Professor drehte an einigen Knöpfen, bis ihm der Klang aus den Lautsprechern besser gefiel.

»Und«, fragte er, wÀhrend er immer noch mit der Armatur beschÀftigt war, »wie gefÀllt Dir Dein neues Reich?«

Der Mann auf dem Bildschirm schaute irritiert um sich. Sein Blick fiel auf den Kunstrasen, die kĂŒnstlichen Pflanzen und die blau und weiß gestrichenen WĂ€nde. Der Raum hatte keine Fenster und scheinbar auch keine TĂŒren, so dass er sich fragte, wie er ĂŒberhaupt hier herein gebracht worden war. Er blickte wieder auf die Kamera an der Decke.
»Hören Sie mir eigentlich zu? Ich sagte, dass ich nicht dieser Adam bin. Sie haben den Falschen eingesperrt!«

Der Professor lÀchelte.
»Es ist wunderschön, oder? Ein kleines Paradies.«

Seine Gedanken wurden jĂ€h unterbrochen. Der Vibrationsalarm seines Handys erzeugte ein störendes und unangenehmes GerĂ€usch. Missmutig schaltete er das Mikrofon aus. Dann wĂŒhlte er in der Tasche nach dem Telefon. Eine junge Frauenstimme ertönte am anderen Ende.

»Herr Professor! Schön, dass ich Sie erreiche. Ich hoffe, ich störe nicht. Sie hatten mir heute nach der Vorlesung gesagt, ich könnte Sie am Nachmittag anrufen. Erinnern Sie sich?«

Er fasste sich zerknirscht an die Stirn. Er hatte es vergessen.

»Ja, natĂŒrlich. Ich erinnere mich. Aber leider ist mir etwas Wichtiges dazwischen gekommen. Ich fĂŒrchte, wir mĂŒssen unser GesprĂ€ch vertagen.«
»Oh. Ja, verstehe. Schade.«

Die junge Frau klang enttÀuscht.

»Wissen Sie, ich habe ein paar dringende Fragen zu meiner Hausarbeit. Der Abgabetermin ist bereits in dreizehn Tagen. Ich wĂ€re Ihnen unendlich dankbar, wenn wir zeitnah darĂŒber sprechen könnten.«

Der Professor sah nachdenklich auf den Monitor.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag: kommen Sie doch einfach am Samstag zu mir nach Hause. Dann werde ich fĂŒr Sie Zeit haben. Die Adresse haben Sie, richtig?«
»Ja, habe ich. In Ordnung, wunderbar. Vielen Dank. Wann passt es Ihnen denn am Samstag?«
»Sagen wir um eins? Oder nein, besser um zwei Uhr.«
»Gut, ich werde da sein. Nochmals besten Dank!«
»Keine Ursache. Dann also bis Samstag, Eve.«
»Elisabeth!«
Der Professor horchte erschrocken auf. »Wie bitte?«
»Elisabeth!«, wiederholte die Frau. »Mein Name ist Elisabeth. Nicht Eve.«
»Ja, natĂŒrlich. Elisabeth!«, erwiderte der Professor aufgeregt. »Ich war in Gedanken.«


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Version vom 23. 12. 2014 16:49
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DocSchneider
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Hallo Profatus, herzlich Willkommen in der Leselupe!

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Ilona B
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Hallo Profatus,
herzlich willkommen bei der Leselupe.
Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Ich fand sie richtig spannend.

Nur musste ich erst einmal die Namen (Kernberg, Wirth, Zimbardo, Muzafer Sherif) nachschlagen, um auf das Studienfach Psychologie zu kommen. Was Neues zu lernen ist natĂŒrlich nicht schlecht, aber mir wĂ€re es lieber gewesen, es hĂ€tte sich aus dem Text ergeben.

Was mir jedoch am meisten fehlt, ist Sinn und Ziel der EntfĂŒhrung von "Adam" und höchstwahrscheinlich "Eve".
Ist da eventuell ein Zusammenhang mit der Arbeit von "Eloy"?

__________________
Herzliche GrĂŒsse Ilona

Es gibt Wichtigeres im Leben, als bestÀndig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.(Mahatma Gandhi)

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Profatus
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Hallo Ilona,

vielen Dank fĂŒr Dein Feedback. Es freut mich, dass Dir die Geschichte gefallen hat.

Ich selbst mag es bei Geschichten ganz gern, wenn man als Leser ein bisschen gefordert wird. Durch Symbolik, Anspielungen und andere (versteckte) Hinweise. Daher setze ich das auch in vielen meiner Kurzgeschichten um. Es freut mich deshalb auch zu hören, dass Du die Namen nachgeschlagen hast. So stelle ich mir das vor :-)
Die genannten Wissenschaftler sollen ĂŒbrigens nicht nur das Oberthema symbolisieren, sondern gehen noch ein StĂŒck weiter. Es sind alles Psychologen, die sich mit mehr oder weniger erschreckenden Themen befasst haben. So zum Beispiel "Aggression bei Persönlichkeitsstörungen" (Kernberg), "Gewaltverhalten bei Menschen" (Zimbardo), "Narzissmus und Macht" (Wirth).

Apropos Namen: Eloy bedeutet "der AuserwĂ€hlte". Diese Episode baut die Spannung auf und soll andeuten, dass der Professor bei seiner Arbeit persönliche Ziele bzw. eigenen Interessen verfolgt. Anders gesagt: er nutzt / missbraucht die Macht, die er als Lehrkörper besitzt. Er hat sich einen Studenten herausgepickt, den er bevorzugt behandelt. Darum wird er auch so wĂŒtend, als er merkt, dass seine BemĂŒhungen und sein Wohlwollen dem AuserwĂ€hlten gegenĂŒber scheinbar umsonst waren bzw. nicht gewĂŒrdigt werden. Der Wutausbruch wiederum soll ganz im Sinne von "Genie und Wahnsinn" sein zweifelhaftes und labiles Wesen zeigen.

Der Part mit Adam und Eve treibt die Darstellung (Machtmissbrauch, Ego, Wahnsinn) dann auf die Spitze. Der Professor hĂ€lt sich fĂŒr nicht viel weniger als Gott persönlich. Im Keller baut er sich seinen eigenen Garten Eden. Adam hat er schon, Eva (englisch: Eve) fehlt noch.

Auch der Name Elisabeth ist nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt. Er bedeutet "die Gottgeweihte" und soll zeigen, dass der Professor mit seinem verrĂŒckten Plan Erfolg haben wird.

Ich hoffe, diese ErklÀrungen helfen beim VerstÀndnis weiter. Ich gebe Dir aber Recht, dass ich den Part mit Eloy vielleicht etwas deutlicher (als Vorbote) hÀtte gestalten können. Möglicherweise wÀre auch ein kleiner, direkter Hinweis auf den Fachbereich Psychologie hilfreich gewesen. Allerdings, wie eingangs erwÀhnt, möchte ich den Leser auch ein bisschen fordern.
In jedem Fall behalte ich Deine Anmerkungen fĂŒr zukĂŒnftige Geschichten im Hinterkopf. Vielen Dank noch mal.

Gruß, Profatus

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aligaga
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Hallo @Profatus,

wer als Schriftsteller dem Leser (hier besser: dem Kritiker) mit

quote:
Allerdings, wie eingangs erwÀhnt, möchte ich den Leser auch ein bisschen fordern.
kommt, sollte hinreichend Substanz dabeihaben, damit der auch begreift, warum und wofĂŒr er sich denn anstrengen sollte.

Im Gegensatz zu @Ilona sehe ich hier keine "spannende Geschichte" auf uns zukommen, sondern ein recht umstÀndlich geschriebenes und altmodisch ausstaffiertes Fragement, in dem ein Professor in etwa so agiert wie eine "SpectabilitÀt" aus den vor-68ern des vorigen Jahrhunderts; die Kulisse einem Edgar-Wallace-Film der damaligen Zeit entnommen und die Dialoge in etwa ebenso hölzern.

Sorry, aber eine "Kurzgeschichte" ist das nicht, eher der Ausriss aus einer absehbar faden, lĂ€ngst in hunderterlei Variationen durchgespielten "Herr und Hund"-Nummer, in der meist nicht der Hund oder die Hunderln, sondern das Herrchen ins Gras beißen muss und sein "Werk" in Flammen aufgeht.

Tipp: AlltĂ€gliche Allmachtsfantasien und AbhĂ€ngigkeiten nicht dadurch aufpeppen wollen, dass man tonnenschwere Kulissen mitsamt ihren Fußnoten durch die Gegend rattern lĂ€sst, sondern die AbgrĂŒnde im Trivialen aufzeigen! Plausibel bleiben! Böses FlĂŒstern ist oft zehnmal wirksamer als jeder Theaterdonner ...

Gruß

aligaga





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Profatus
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2014

Werke: 2
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Hallo aligaga,

vielen Dank fĂŒr Dein Feedback.

In der Tat habe ich hier versucht, ein bestimmtes Bild, eine bestimmte Stimmung aufzubauen, die meine Hauptperson widerspiegelt. Dazu gehört auch der altmodische Touch, schon alleine um zu zeigen, dass es sich um einen Àlteren Herren handelt (der im Laufe der Jahre, wahrscheinlich durch die Arbeit, offensichtlich seinen Verstand verloren hat).

Was genau meinst Du mit "umstÀndlich geschrieben"? Das kann ich bestenfalls in Bezug auf die ersten Zeilen nachvollziehen. Aber auch hier ist es bewusst so arrangiert, um das Wesen des Professors zu vermitteln: ordentlich, diszipliniert und irgendwie unangenehm/unsympathisch.

Deine "Herr und Hund"-Anmerkung finde ich amĂŒsant (nicht böse gemeint). Ich möchte aber darauf hinweisen, dass in meiner Geschichte tatsĂ€chlich das Herrchen gewinnt ;-)

Deinen Tipp am Ende finde ich sehr gut, sehe ich genauso. Ich werde noch mal darĂŒber nachdenken, wie ich das evtl. besser umsetzen kann.

Schade, dass Dir die Geschichte nicht gefallen hat. Aber danke noch mal fĂŒr die offene Kritik und die interessante Interpretation.

Gruß, Profatus

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