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Leselupe.de > Humor und Satire
Sein größter Wunsch
Eingestellt am 16. 03. 2007 18:03


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Raniero
Textablader
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Sein größter Wunsch

Der Maestro legte den Taktstock ab und verbeugte sich vor dem Publikum; anhaltende Standing Ovations waren die Folge.
So vollzog es sich ein jedes Mal, ob in den entlegensten Winkeln des Erdballs oder in den großen Metropolen, wo immer er auftrat und sein Dirigat zelebrierte, wie es ihm dereinst selbst ein absolut nicht wohl gesonnener Kritiker bescheinigt hatte;
stets war die Aufführung von großem Erfolg gekrönt.
Alle hatte er sie schon geleitet, die großen und größten Orchester der Welt und an den führenden Opernhäusern, sei es an der Met in New York, dem Opernhaus in Wien oder der Scala in Mailand, um nur einige zu nennen, war er ein gern gesehener Gast, der immer wieder mit frenetischem Beifall auf‘s Neue gefeiert wurde.
In der Tat war er nun, da er soeben die Schwelle des Alterns überschritten hatte, auf dem Zenit seines Schaffens angelangt und mit seiner Perfektion und Eleganz berührte er bei jedem seiner Konzerte, wie es einmal ein anderer, ihm durchaus wohlgesonnener Musikkritiker blumenreich beschrieb, den Himmel.
Doch wie heißt es im Volksmund; wenn es am schönsten ist, soll man gehen resp. aufhören, und diesen Gedanken wollte sich der unerreichte Maestro zu eigen machen, indem er an diesem Abend, nachdem er mit einem majestätischen Fingerzeig dem nicht enden wollenden Beifall Einhalt geboten hatte, den entscheidenden Satz in’s Mikrofon sprach:
„Meine Damen und Herren, ich bedanke mich, auch im Namen meiner musikalischen Mitstreiter, für Ihre Aufmerksamkeit. Zu meinem Bedauern muss ich Ihnen nun an dieser Stelle mitteilen, das ich beschlossen habe, unwiderruflich, mich gänzlich vom Pult zurückzuziehen. Die heutige Operngala war daher der letzte öffentliche Auftritt in meiner Tätigkeit als Dirigent. Ich werde aufhören, denn wie sagt man doch so schön...“
Den Abschluss dieser kleinen feinen Ansprache bildete der schon zitierte Spruch aus dem Volksmund.

Im Operhaus herrschte entsetztes Schweigen, nach dieser für das gesamte Publikum so überraschenden Ankündigung.
Was mochte den Maestro bewogen haben, fragten sich Unzählige im Parkett und auf den Rängen, einen derart grausamen Schritt anzukündigen, gleichsam als Krönung eines solch schönen abends?
Warum versetzte er, der sich auf der absoluten Höhe seiner Schaffenskraft befand und für den auf absehbare Zeit kein Ersatz zu sehen war, das gesamte Publikum in ein derart bebendes Erschrecken, stürzte es gar in Resignation und dumpfe Trauer?
Mehr als vor den Kopf gestoßen und ebenfalls in tiefste Resignation versetzt fühlte sich auch die nicht gerade kleine Schar der anwesenden Fachleute der schreibenden Zunft, sprich der Musikkritiker.
Mit Verbitterung stellten sie sich allesamt die Frage, worüber sie künftig ausführlich berichten, wen oder was aus dem Bereich der klassischen, zuweilen noch immer E genannten Musik sie künftig zerreißen oder hochleben lassen sollten, wenn der größte lebende Vertreter seiner Zunft nicht mehr auf dem Pult stand? Allüberall, wohin man auch blickte, an diesem Abend, nach diesem furchtbaren Abgang, herrschte blankes Entsetzen und lähmendes Schweigen.

Einige Stunden später – das Publikum hatte längst schon in absoluter Stille, gleich einem Schweigemarsch, den Musentempel verlassen – klopfte es zaghaft an der Garderobentür des Maestros.
‚Wer mag das sein‘, fragte sich der große Dirigent verblüfft. Er hatte zuvor strikte Anweisung gegeben, ihn keinesfalls zu stören.
‚Es muss jemand sein, der meine Gewohnheiten kennt, der genau weiß, dass ich nach jedem Konzert noch eine längere Zeit hier verharre, in kontemplativer Betrachtung. Welcher Eindringling wagt es da, meine Kreise zu stören?‘
Mit einer unwirschen Geste öffnete er dem Eindringling die Tür und wich auf der Stelle zurück.
Vor ihm stand, er vermochte es kaum zu glauben, sein schärfster Rivale auf dem Gebiet der klassischen Musik, wenn auch nicht am Dirigenten- sondern am Schreibpult, sein ungeliebter und ihm nicht wohl gesonnener Kritiker.
„Sie hier, mein Lieber; was verschafft mir die Ehre?“ rief er zynisch, „sind Sie hierher gekommen, um Ihre unverhohlene Freude zum Ausdruck zu bringen, dass Sie mich endlich los sind, oder wollen Sie mich etwa umstimmen? Haha, das würde ich Ihnen aber nicht abnehmen, mein Freund“.
Dieses hatte er auch nicht vor, der große Musikkritiker, ungeliebt und gefürchtet in seiner Zunft wie sein Gegenüber am Taktstock, darin hatten sie etwas gemeinsam.
„Beileibe nicht, verehrter Maestro“, entgegnete der Journalist, „ich werde mich hüten, Ihnen etwas ausreden zu wollen, was Sie sich in den Kopf gesetzt haben. Nein, verehrter Freund der wohlgeformten Töne, es ist etwas anderes, was mich zu Ihnen führt, ja geradezu drängt“.
Der Freund der wohlgeformten Töne wurde misstrauisch.
So hatte er ihn ja noch nie genannt, dieser vermaledeite Schreiberling, weder in direkter Anrede noch in einer seiner oftmals grässlichen Rezensionen. Was führte er im Schilde, dieser Spitzbube? Argwöhnisch beäugte er ihn und setzte nach.
„Soso, etwas anderes führt Sie her, es drängt Sie sogar. Doch nicht etwa ein Gefühl der Wertschätzung?“
Eine kleine Weile standen sie sich gegenüber wie zwei Boxer im Ring, vor dem großen Schlagabtausch. Dann aber besann sich der Dirigent eines Besseren, und er bot seinem Gast höflich einen Stuhl an.
„Na, dann mal los, mein Lieber“, sprach er in väterlichem Tonfall und klopfte seinem Gegenüber auf die Schulter, „was ist es denn, was Sie auf dem Herzen haben?“
„Lieber Maestro“, begann der Kritiker und legte seine Stirn in Falten, Glauben Sie mir, nur ehrlichste Absichten führen mich zu ihnen. Wenn unser Verhältnis in der Vergangenheit auch ein wenig getrübt und nicht von gegenseitiger Hochachtung geprägt war...“
„Ein wenig getrübt ist gut“ unterbrach ihn der Maestro scharf, „runter gemacht haben Sie mich, mit Ihren sogenannten Kritiken; immer drauf, auf den Alten, dachten Sie sich, der kann es doch vertragen“.
„So muss ich Ihnen doch eingestehen“, fuhr der Journalist fort und griff zum Taschentuch, „dass ich bei Ihren unvermuteten Abschiedsworten vorhin einen unvermuteten Weinkrampf erlitt. Ja, lachen Sie nicht, großer Meister, es verhielt sich in der Tat so, ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten, musste ihnen freien Lauf lassen. Nun aber bitte ich Sie inständig, sagen Sie mir, verehrter Maestro, Sie, der Sie auf dem Zenit ihrer Kunst stehen, ein Mann in der Nachfolge der Größten, die jemals einen Taktstock hielten, warum nur, Maestro, warum nur haben Sie diese furchtbare Entscheidung getroffen? Warum nur, warum, wollen Sie vorzeitig und ohne Not den Olymp verlassen?“
Nun konnte auch der Maestro nicht mehr an sich halten, bei diesen flehentlichen und unerwartetem Gefühlsausbruch seines schärfsten Kritikers; er ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf, und gemeinsam weinten sie eine Zeitlang still vor sich hin. Als sie sich schließlich wieder erholt hatten, von ihren ungestümen Herzenswallungen, zog der Dirigent seinen ehemaligen Feind, der ihm nun der liebste Freund geworden war, zu sich heran, ganz nah.
„Ich möchte Ihnen etwas anvertrauen, Freund, nur Ihnen allein, etwas, das ich selbst nicht einmal meiner Mutter, weilte sie noch auf Erden, anvertraut hätte.“
Voller Rührung und mit einem Lächeln, welches noch nie zuvor die Gesichtszüge des strengen Kritikers umspielt hatte, blickte dieser seinen neu gewonnenen Freund an.
„Ich habe mich zu dieser für viele etwas drastisch erscheinenden Maßnahme entschieden“, schickte der Maestro sich an, sein innerstes Geheimnis preiszugeben, „weil ich einfach nicht mehr anders kann.
Natürlich war und ist mein Leben reich an Momenten höchster künstlerischer Verzückung und Entrückung, doch auf der anderen ist es ebenso reich an Entbehrungen einfachster und banaler Art, die der kleine Mann auf der Straße sich nicht einmal vorstellen kann, weil er sie nicht hat, diese Entbehrungen.
Ihm, dem kleinen Mann, ist es erlaubt, Dinge zu tun, die ich mir niemals erlauben dürfte, stehe ich doch permanent im Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Wie Sie selbst sehen, liebster Freund, zahle ich also einen recht hohen Preis für meine Lebensführung als prominenter Zeitgenosse, als Berühmtheit, und daher habe ich mich entschlossen, den restlichen Lebensabschnitt, der vor mir liegt, so genießen zu können, wie ich es für richtig halte, ohne dass ich für mein künftiges Verhalten kopfschüttelndes Unverständnis oder gar schlimmere Reaktionen zu erwarten habe, und als erstes möchte ich mir gleich in den nächsten Tagen einen lang gehegten, geheimen Herzenswunsch erfüllen.“
Schweigend blickte der Maestro in den großen Spiegel seiner Garderobe, nach dieser längeren Erklärung.
Vorsichtig setzte der Musikkritiker zu der entscheidenden Frage an:
„Gibt es denn einen solchen Herzenswunsch, Maestro, einen, den Sie sich noch nicht erfüllen konnten?“
„Den gibt es in der Tat, mein brillianter Freund und Kenner der Musik“, leuchteten die Augen des Dirigenten, „den gibt es, und nur Ihnen werde ich diesen meinen größten Wunsch verraten!“
Das Glücksgefühl des so Angesprochenen wuchs ins Unermessliche; sollte er doch wahrhaftig der erste und einzige Mensch auf Gottes weitem Erdenrund sein, der den geheimsten Wunsch des größten lebenden Dirigenten erfuhr.
„Wissen Sie, was ich zu gern einmal machen möchte?“ fuhr der Meister fort. „Sie werden es nicht für möglich halten, ausgerechnet von mir, einem exzellenten Verfechter der klassischen Musik, wie Sie glauben zu wissen, einen solchen Wunsch zu vernehmen. Doch lassen Sie es sich sagen, von mir, es ist alles Quatsch, diese ganze Unterteilung in die sogenannte E und U-Musik, in klassische, höchsten Ansprüchen gerechtwerdende und nichtklassische reine Unterhaltungsmusik, und vor allem diese Abwertung der U- gegenüber der E- Musik. Für mich gibt es weder die eine noch die andere von Beiden, für mich existiert nur gut gespielte und weniger gut gespielte Musik. Doch kommen wir nun zu meinem großen Wunsch, er mag vielleicht ein wenig absurd anmuten, doch liegt nicht auch gerade im vordergründig Absurden, im Aberwitzigen, die rechte Größe, die richtige Geisteshaltung, mein Liebster?“
Der Musikkritiker, der wie viele Intellektuelle einen großen Hang, wenn auch nur im Verborgenen, zum Absurden hegte, stimmte unmerklich zu.
„Kurzum“, nahm der Dirigent das Signal auf, „ich würde so gern einmal in meinem Leben einen ganzen Tag lang mit meinem Wagen in einem Parkhaus herumfahren, auf und nieder, immer wieder, und bei diesen Fahrten nur ein und dasselbe Musikstück akustisch genießen mögen, ohne Unterlass; ein Stück, welches dem ruhigen Fahrtempo in einem Parkhaus durchaus zuträglich wäre, das Lied
‚Little Red Rooster‘, von den Rolling Stones. Sie kennen doch dieses Stück, Freund?“
Natürlich kannte er dieses Musikstück, der Freund, obwohl er es nie in der Öffentlichkeit zugegeben hatte und auch zeitlebens nicht tun würde, und nun hatte auch er einen Herzenswunsch.
„Darf ich Sie bei dieser Fahrt begleiten, Maestro?“

In der darauffolgenden Woche wurde in einer großen europäischen Metropole ein fünfstöckiges unmittelbar vor der Fertigstellung stehendes Parkhaus über Nacht verhüllt und auf diese Weise den Blicken einer neugierigen Öffentlichkeit kurzzeitig entzogen.
Über das, was sich darin abspielte, drang niemals auch nur ein Wort nach draußen.

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Marius Speermann
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2005

Werke: 51
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Ich kann Dir genau sagen, warum mich diese Texte besser ansprechen:
a) sie fangen nicht immer in der selben Art und Weise an (irgendein absichtlich superbiedermeierlich gewählter Name des Charakters, der in irgend einer merkwürdigen biederen Tätigkeit drin ist). Mir gelingt es meistens anhand der ersten beiden Sätze zu erkennen, ob der Text von Dir ist.
b) der Abbey Road ist aus der Sicht des Protagonisten (aus der Ich-Perspektive) geschildert. Das hast Du fast nie. Und deshalb finde ich diese Geschichte viel lebendiger.
c) Die Geschichte oder die Handlung selbst ist nicht besser, als in Deinen anderen Texten, aber durch den Aufbau und die PErspektive irgendwie wird der Text meiner Meinung nach besser - und weniger langweilig.

Und wenn Du sagst, dass mit Abby Road z.B. Deine Leserschaft nichts anfangen konnten, dann hast Du vielleicht die falsche Leserschaft.

Noch was: Als Vielschreiber und Vielveröffentlicher wäre es auch mal nett, wenn Du von der Leselupe-Community nicht nur selbst profitierst, sondern auch was zurück gibst und vielleicht nicht nur Kommentare zu Deinen eigenen Texten machst, sondern auch mal andere Texte anschaust und als Autor bewertest und kommentierst. Ich denke andere können von Deinen Ideen, Anmerkungen und Kommentaren auch lernen und profitieren (und nein, es müssen nicht unbedingt meine Texte sein ;-)

Marius
__________________
Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor für Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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