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Leselupe.de > Kurzprosa
Sein oder nicht
Eingestellt am 18. 12. 2009 18:59


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Lesemaus
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2009

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Wenn ich diesen Satz noch einmal sprechen muss, kotz ich!

Ich kotze in hohem Bogen dem B├╝rgermeister, der wie immer mit seiner Gattin in der Mitte der ersten Reihe sitzt, auf den Armani-Anzug. Oder seiner Gattin, deren gl├Ąnzende Augen auf reichlich Martinis schon vor der Vorstellung schlie├čen lassen, in den Scho├č. Den immer noch kinderlosen. Was wohl mit ein Grund f├╝r die Martinis ist.

Jetzt br├Ąuchte ich selbst einen. Vielleicht k├Ąmen dann aus meinem Mund statt wohlgesetzter Shakespeare-Worte ein paar Wahrheiten, die die Anwesenden aus ihrer M├╝digkeits-Gelangweilt-Starre rei├čen.

Frau Finkenbeiner, die alte Giftschlange, die den lieben langen Tag nichts anderes zu tun hat, als hinter der Gardine ihre Nachbarn zu beobachten und hinterher hinter vorgehaltener Hand ├╝ber sie zu l├Ąstern. Wer mit wem und warum oder warum nicht mehr. Oberlehrer Kalwein, der davon ├╝berzeugt ist, nur weil er einen Volkshochschulkurs f├╝r Kreatives Schreiben leite und einzig die Tatsache, dass er seiner Zeit weit voraus und deshalb von niemandem verstanden wird, sei daf├╝r verantwortlich, dass seine Erg├╝sse kein anst├Ąndiger Verlag drucken will. Stattdessen wirft er sein Geld einem jener Pseudoverlage in den Rachen, die sich mit dieserart M├Âchte-Gern-Schriftstellern eine goldene Nase verdienen. Oder Fu├čballtrainer Sepp, der sich nicht scheut, den Kindern auch mal eine Kopfnuss zu geben, wenn ihm ihr Einsatz nicht ├╝berzeugend genug erscheint.

Es sind so viele, die hier sitzen, nur weil deren Frauen auch mal wieder etwas Kultur tanken oder weil sie sich mal wieder zeigen wollen. B├╝cher findet man bei den meisten zu Hause nicht. H├Âchstens Readers digest. Und dann Hamlet! Nicht zu fassen! Perlen vor die S├Ąue!

Aus dem Spiegel starrt mich ein Gesicht an, das mir unsypmpathisch ist. Sollte das wirklich nur an der Theaterschminke liegen?

Hat mein Vater doch recht gehabt? Brotlose Kunst. Hingespieen wie ein Ballen unverdauliches Gew├Âlle. Lern was Richtiges!, Junge. G├Ânnerhaft, einlenkend. Ich meine es doch nur gut. Es waren eher die harten Rinden, an denen ich mir das Zahnfleisch blutig gerissen habe. Die ewigen Intrigen, die Hochschlafereien, ab irgendeinem Zeitpunkt mehr geduldet als gef├Ârdert. Das Faktotum.

Mein Gott, warum bin ich nicht einfach gegangen? Habe es an einer gro├čen B├╝hne probiert? Was hat mich in dieser Schei├č-Provinz gehalten?

Sp├Ątestens als Mona einen Ruf ans Berliner Ensemble bekam. Vielleicht w├Ąren wir dann heut noch zusammen.

Stattdessen leckt mir Frodo die F├╝├če. Schei├čk├Âter, darauf k├Ânnt ich verzichten!

Eine Schulklasse ist auch wieder da, als ob die was verstehen w├╝rden von der Zerrissenheit, die ich herausschreie. Was wissen die schon von Hass und Gier? Wahrscheinlich haben die eh alle ihren MP3-Player im Ohr oder schlafen. Chillen, sagt man heut dazu, glaub ich.

Und wenn ich jetzt ginge?

Einfach hinaus, am Pf├Ârtner vorbei, der mich vermutlich wie ein Gespenst - haha wie passend - anstarren w├╝rde, ├╝ber den gepflasterten Vorplatz mit den Geranien in den Betontr├Âgen - der Inbegriff des Spie├čertums - an den bonbonfarben gestrichenen H├Ąuserfassaden vorbei, hinter deren Fenstern die allt├Ąglichen Dramen ihren Lauf nehmen, weiter durch den Stadtpark, wo die Handvoll Jugendlicher, die lieber auf dem Spielplatz ihre Joints rauchen als im Jugendzentrum - dem ganzen Stolz unseres B├╝rgermeisters - abzuh├Ąngen, hinauf auf den bewaldeten H├╝gel, dessen Kuppe der Turm schm├╝ckt, der den Namen eines immer noch verehrten gro├čen Deutschen tr├Ągt. Und dann: hinauf auf den Turm - falls er nachts offen ist - auf den Ausguck, wo man endlich einmal den ├ťberblick hat.

Der Inspizient w├╝rde, vom Pf├Ârtner alarmiert, in die Gardarobe st├╝rzen, w├╝rde versuchen, mich auf dem Handy anzurufen, aufgel├Âst, mit wirrem Haar, stotternd vor ├ťberforderung mit dieser Situation. Was w├╝rde er nach der Pause dem gesch├Ątzten Publikum sagen? Pl├Âtzlicher Herztod? Unfall? Nervenzusammenbruch?

Es ist mir egal! Ich kann diesen Satz nicht mehr sagen, und auch die anderen nicht, jene steingewordenen Monumente der Theatergeschichte, unantastbar, immer aktuell, unkaputtbar! Schwachheit dein Name ist faul im Staate, die Zeit ist aus den Fugen und in Bereitschaft sein, ist alles, ist dies schon Tollheit, ich wittre Morgenluft.

Der Morgen, ja, den Morgen dort oben heraufziehen sehen, das Zwielicht - f├╝r zwie war ich immer - nicht Fleisch und nicht Fisch, du kannst dich nicht entscheiden, warf Mona mir vor, als sie ging, warum blieb ich kleben, warum, ich hab nur EIN Leben, und dieses Kaff bringt mich um - jetzt reim ich schon. Mein Gott, bin ich dumm!


Der Rest ist Schweigen.



__________________
Ein Schriftsteller sollte nicht schreiben wollen, sondern schreiben m├╝ssen. (Erwin Strittmatter)

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