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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sein und Schein
Eingestellt am 25. 02. 2009 09:13


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zandalee
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Registriert: Feb 2009

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Sein und Schein

Endlich zu Hause. Ich werfe meine Aktentasche in die Ecke und sch├Ąle mich m├╝hsam aus dem engen Kost├╝m, das wie Zuckerguss an meinem K├Ârper klebt. Meine G├╝te, was f├╝r eine Hitze! Durch das K├╝chenfenster beobachte ich voll Mitleid, wie vier schwei├čgebadete M├Âbelpacker ein gewaltiges rotes Pl├╝schsofa zum Nachbarhaus schleifen. Ich schaue auf das Thermometer: vierunddrei├čig Grad im Schatten. So hei├č war es das letzte Mal am dreizehnten August letzten Jahres. Das wei├č ich so genau, weil ich diesen Tag nicht so schnell vergessen werde.

Alles fing damit an, dass die F├╝rstenbergs, ein Ehepaar mittleren Alters, zu Beginn des Sommers das Nachbarhaus kauften. Ich traf Frau F├╝rstenberg nach ihrem Einzug nur hin und wieder beim Friseur, wo sie sich mindestens einmal in der Woche die Haare machen lie├č und dem ├╝blichen Vorstadttratsch lauschte; ansonsten hatten wir keinen Kontakt. Das ist auch kein Wunder, denn zwischen ihrem Lebensstil und dem Meinen lagen Welten. Mein Freund und ich arbeiteten beide und mussten trotzdem an allen Ecken und Enden sparen, um das Haus halten zu k├Ânnen. Frau F├╝rstenberg und ihr Mann dagegen verbrachten die meiste Zeit in ihrem gro├čen Garten und schwammen offensichtlich nur so im Geld, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen. Gleich nach ihrem Einzug hatten sie alle Beete umgraben und Rollrasen verlegen lassen, der aussah, als werde er t├Ąglich mit der Nagelschere geschnitten. Nur entlang der Grundst├╝cksgrenze lie├čen sie hohe B├╝sche pflanzen, sodass wir zwar noch durch die ├äste lugen konnten, aber keinen freien Blick mehr auf ihr Grundst├╝ck hatten. Vielleicht wollten sie sich aber auch nur den Anblick unseres kleinen verwilderten Gartens ersparen, f├╝r dessen Pflege wir einfach keine Zeit fanden. Jeden Tag, wenn ich aus dem B├╝ro nach Hause kam, lagen die F├╝rstenbergs bereits unbeweglich in ihren h├Âlzernen Liegest├╝hlen, die exakt in der Mitte des Rasens standen und deren Lehnen sich beinahe ber├╝hrten. Daneben stand ein Beistelltischchen, auf dem sich Zeitungen stapelten und Getr├Ąnke standen. Ja, ich gebe es zu ÔÇô ich war neidisch. Neidisch auf ihr Geld, auf die Freizeit, die sie hatten und neidisch auf die Harmonie, die so offenkundig zwischen den beiden herrschte.
Selbst ├Ąu├čerlich demonstrierten sie ihre Zusammengeh├Ârigkeit, indem sie die gleichen weiten Gew├Ąnder, H├╝te und Sonnenbrillen trugen, um sich vor der Sonne zu sch├╝tzen.

Die Missgunst nagte so sehr an mir, dass ich den F├╝rstenbergs von Herzen die Pest, oder zumindest die Einbrecher an den Hals w├╝nschte, die in letzter Zeit am helllichten Tag unsere Gegend unsicher machten. Aber selbst davor schienen unsere gl├╝cklichen Nachbarn gefeit, obwohl sie eindeutig zu den Wohlhabendsten des Viertels z├Ąhlten.

Dann kam der Nachmittag des dreizehnten August. Es war au├čergew├Âhnlich hei├č an diesem Tag ÔÇô so wie heute. Ich war gerade nach Hause gekommen, warf Schuhe und Aktentasche in die Ecke und ging in den Garten. Ich schnupperte. Irgendwie roch es angebrannt. Schn├╝ffelnd ging ich umher, bis ich bemerkte, dass der Gestank von den F├╝rstenbergs her├╝berzog. Ich sp├Ąhte durch die Zweige eines Busches. Tats├Ąchlich! Die Zeitungen auf dem Beistelltisch brannten lichterloh. Scheinbar hatte die leere Glasflasche auf dem Tisch in der Hitze wie ein Brennglas gewirkt und das trockene Papier entz├╝ndet. Die F├╝rstenbergs lagen in ihren Liegest├╝hlen und r├╝hrten sich nicht; offensichtlich schliefen sie wie die Murmeltiere. Ich rief, schrie und gestikulierte. Nichts geschah.
ÔÇ×Das ist alles deine Schuld ÔÇô du hast ihnen das Ungl├╝ck an den Hals gew├╝nscht!ÔÇť ging es mir durch den Kopf.
Voller Gewissensbisse rannte ich hin├╝ber zum Nachbarhaus, klingelte Sturm, und h├Ąmmerte mit den F├Ąusten an die T├╝r. Keine Reaktion. Die alte Frau M├╝ller von gegen├╝ber ├Âffnete ihre Haust├╝r und sah neugierig her├╝ber.

ÔÇ×Bei den F├╝rstenbergs brennt esÔÇť schrie ich atemlos hin├╝ber und hetzte zur├╝ck ins Haus.

Frau M├╝ller wollte sich das wohl nicht entgehen lassen und humpelte so schnell sie konnte mir nach. Wieder im Garten sah ich, dass ein Teil der brennenden Zeitungen inzwischen auf den Boden gefallen war und Frau F├╝rstenbergs Liegestuhl entflammt hatte. Ich konnte es nicht glauben, die beiden schliefen immer noch. Ich hastete zum Telefon und rief die Feuerwehr an. Pl├Âtzlich h├Ârte ich einen schrillen Aufschrei und rannte zur├╝ck in den Garten. Die Augen weit aufgerissen und die H├Ąnde krampfhaft gefaltet, stand dort die alte Frau M├╝ller und starrte entgeistert nach oben.

ÔÇ×Jesus, Maria und Joseph. Die F├╝rstenbergs steigen in den Himmel auf. Was m├╝ssen das f├╝r gute Menschen gewesen sein!ÔÇť, fl├╝sterte sie ehrf├╝rchtig und bekreuzigte sich.

Tats├Ąchlich zischte das Paar raketengleich nach oben, wobei sie immer mehr an Umfang verloren. Mit offenem Mund sah ich ihnen nach. Pl├Âtzlich bremsten die Beiden ab und trudelten langsam wieder Richtung Erde. Frau M├╝ller schnappte nach Luft, dann wurde sie ohnm├Ąchtig. Ich lie├č mich v├Âllig verdattert neben ihr ins Gras fallen. Zum Gl├╝ck traf in diesem Augenblick die Feuerwehr samt Krankenwagen ein, sodass die arme Frau M├╝ller gleich versorgt werden konnte. Der Brand konnte binnen kurzer Zeit gel├Âscht werden, ohne dass jemand ernsthaft zu Schaden gekommen war. Es stellte sich n├Ąmlich heraus, dass nicht die F├╝rstenbergs, sondern zwei verkleidete Gummipuppen festgebunden in den Liegest├╝hlen gelegen hatten. Als das Feuer von unten L├Âcher in den Kunststoff gebrannt hatte, hoben die Doppelg├Ąnger ab wie Hei├čluftballons. Die Polizei wurde durch diesen Vorfall misstrauisch und konnte die F├╝rstenbergs schlie├člich als bundesweit gesuchtes Gangsterp├Ąrchen identifizieren, das schon seit Jahren sein Unwesen trieb und die Gummipuppen als Alibi benutzte.

Nachdenklich wende ich meine Aufmerksamkeit wieder den M├Âbelpackern zu, die gerade einen schwarz-gl├Ąnzenden Fl├╝gel in das Haus nebenan tragen.
ÔÇ×Ob der Klang h├Ąlt, was die Optik verspricht, wird sich noch zeigenÔÇť, denke ich laut, und setze mich neidlos an mein altes verschrammtes Klavier.

__________________
Tanz mit dem Herzen oder tanz gar nicht! (Fehlfarben)

Version vom 25. 02. 2009 09:13
Version vom 25. 02. 2009 16:02

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Sabine.K
Guest
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Eine Geschichte zum Schmunzeln, hat mir gut gefallen. Auch, wenn ich nicht wei├č, ob das technisch mit den "Luftballons" funktioniert, wenn sie an die Liegest├╝hle angebunden waren, fand ich besonders die Bemerkung ├╝ber die "Himmelfahrt" gelungen.

Aus meiner Sicht ein paar kleine Ver├Ąnderungsvorschl├Ąge:

quote:
denn zwischen ihrem Lebensstil und dem Meinen lagen Welten
Ich bin nicht hundertprozentig sicher, aber ich w├╝rde meinen klein schreiben, weil ich es auf den Lebensstil beziehe. Das dem davor macht mich etwas unsicher, deshalb w├╝rde ich es mir wohl leichter machen und "..und meinem.." schreiben.

quote:
und schwammen scheinbar nur so im Geld,
Scheinbar w├╝rde ich durch offensichtlich ersetzen, weil scheinbar f├╝r mich bereits stark andeutet, dass es eine T├Ąuschung ist.

quote:
die sie hatten und neidisch auf die Harmonie, die zwischen den beiden zu herrschen schien.
Das "schien" w├╝rde ich weglassen, Grund s.o.. Vielleicht: "..die Harmonie, die sie zur Schau stellten.."

quote:
Tats├Ąchlich zischten das Paar

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suzah
Guest
Registriert: Not Yet

Sein und Schein

hallo sabine.k,
du hast gr├╝ndlicher gelesen als ich.
ich stimme deinen anmerkungen zu.
jetzt hab ich mir noch mal ├╝berlegt, wie es mit den luftballons funktionieren konnte. eigentlich m├╝├čten die ballons schon abgehoben haben, bevor die halteschn├╝re durchgebrannt sind bzw bis diese durchgebrannt sind, w├Ąren die ballons bereits verschmort? vielleicht kann die autorin noch etwas dazu sagen?
aber auf jeden fall eine sch├Âne geschichte.
lg suzah

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zandalee
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Feb 2009

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Hallo,
sch├Ân, dass euch die Geschichte gef├Ąllt und vielen Dank f├╝r die Anmerkungen!

Das "zischten" habe ich tats├Ąchlich ├╝bersehen, als ich "die F├╝rstenbergs" durch "das Paar" ersetzte. Sozusagen betriebsblind.. ;-)

Was das W├Ârtchen "scheinen" angeht, so sollte ich es mir tats├Ąchlich besser schenken.. ;-)

Bei dem "meinigen/Meinigen" war ich mir auch etwas unsicher! Aber seit der Rechtschreibreform m├╝sste man es doch gro├č schreiben???? Ich hatte auch daran gedacht, das Problem einfach zu umgehen, aber die Alternative hat mir einfach nicht so gut gefallen.

Naja, was die "wissenschaftliche" Seite angeht, so kenne ich mich da auch nicht wirklich aus. Keine Ahnung, ob das wirklich funktioniert, ich habe es ehrlich gesagt nicht ausprobiert. Ich hatte auch schon ├╝berlegt, dazu zu schreiben, dass die Gummipuppen mit Wolle festgebunden sind - die ist ja nicht so stabil.. Aber festgebunden m├╝ssen sie ja sein, sonst w├Ąren sie ja sp├Ątestens beim ersten kr├Ąftigeren Windsto├č weg geweht.

LG.. Zandalee

PS: Habe die angesprochenen Punkte ge├Ąndert. Ich denke, so ist es besser...
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bluefin
Guest
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verkleidete(!) puppen bringen nie soviel auftrieb zustande, @zandalee, dass sie gen himmel fahren. das bild ist ein bisschen arg kindisch.

ich w├╝rd sie nacheinander mit einem knall platzen lassen - das w├Ąre wesentlich glaubhafter und lie├če sich sicher auch ziemlich dramatisch darstellen. und das mit dem verbrechen find ich auch nicht so toll - das ist so bem├╝ht. die nachbarn sollten einfach nur geplatzt sein - peng, spurlos verschwunden, keiner wei├č warum und wohin. einfach weg.

das w├Ąr sch├Ân kryptisch.

liebe gr├╝├če aus m├╝nchen

bluefin

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zandalee
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Feb 2009

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Hallo,

Kindisch? Warum? Ist Phantasie nur den Kindern vorbehalten?? Falls ja, dann bin ich gerne kindisch!

Irgendwie kommst du mir ein bisschen vor wie ein notorischer N├Ârgler. Das Verbrechen ist doof, dass sie abheben ist doof, davon abgesehen w├╝rden sie gar nicht abheben u.s.w...

Ich glaube nicht, dass es an leichten, sommerlichen Baumwoll├╝berw├╝rfen l├Ąge, wenn es nicht funktioniert.

Die Idee, die Nachbarn platzen zu lassen finde ich ehrlich ganz und gar nicht kryptisch, sondern eher langweilig und ohne die Einbr├╝che obendrein sinnlos. Besonders in Anbetracht dessen, dass es ja den tollen Spruch "der ist geplatzt" gibt, wenn nach jemandem gefragt wird, der pl├Âtzlich verschwunden ist.

Gru├č.. Zandalee

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Tanz mit dem Herzen oder tanz gar nicht! (Fehlfarben)

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