Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92221
Momentan online:
551 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Seine Liebe
Eingestellt am 05. 08. 2003 12:50


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
strumpfkuh
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 15
Kommentare: 88
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um strumpfkuh eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Seine Liebe

Er war ihr sofort aufgefallen, damals vor so vielen Jahren. Es war nicht sein gutes Aussehen, das war eher eine kleine Draufgabe zu der wissenden G├╝te, die ihn wie eine Aura umgab. Daran hatte sich nichts ge├Ąndert in der Zeit, in der sie unz├Ąhlige Stunden miteinander verbracht hatten, ohne sich wirklich je nahe gekommen zu sein.
├ťber zehn Jahre war es nun her, seit sie als Referendarin im Ludwig Georgs Gymnasium ihre Stelle an seiner Seite angetreten hatte. Vollkommen unerfahren und das Studium gerade erst beendet hatte sie an seinen Lippen gehangen, w├Ąhrend er ihr vorf├╝hrte, wie man all die theoretischen Vorstellungen mit Leichtigkeit in die Praxis umsetzen konnte. Es war ihr ergangen, wie allen anderen in seiner Umgebung. M├Ąnner wie Frauen, Sch├╝ler wie Lehrer, alle waren verzaubert von seiner v├Ąterlichen Gro├čherzigkeit, von seiner Reife, von seinem K├Ânnen, von seinem Charme und seinem zarten Humor, der niemals ironisch oder herablassend sonder stets verstehend und optimistisch war.
So hatte er ihr vor ihrer ersten eigenen Unterrichtstunde mit einem Augenzwinkern ins Ohr gefl├╝stert: ÔÇ×Das erste Mal sollte gerade so gut sein, dass man es zwar nie vergessen, aber sich mit jedem weiteren doch noch verbessern kann...ÔÇť
Und dann hatte er sich in die hinterste Sch├╝lerbank gesetzt und sie nicht einmal unterbrochen, w├Ąhrend sie zun├Ąchst sch├╝chtern aber dann zunehmend selbstbewusster mit jugendlichen Sch├╝lern im Rahmen eines Gemeinschaftskunde- Unterrichtes ├╝ber Kriege diskutierte.
Fast verga├č sie ihn, sosehr vertiefte sie sich in die Beitr├Ąge der Sch├╝ler, und sosehr f├╝hlte sie sich auch von ihnen ernst genommen. Als am Ende der Stunde der Pausengong ert├Ânte, und niemand aufsprang, sondern jeder entt├Ąuscht schien, dass die Diskussion nun nicht weiter ging, da wusste sie, dass auch er nun beeindruckt war.
Sie war entt├Ąuscht, dass er sie von da an in jeder Stunde mit ein bezog, denn das bedeutete ja f├╝r sie, dass sie ihn nicht l├Ąnger stillschweigend beobachten konnte. Aber daf├╝r sp├╝rte sie sein Interesse an ihrer Person wachsen, und in ihrer Fantasie tr├Ąumte sie bereits von Leidenschaft und k├Ârperlicher Liebe.
Ihre gemeinsame Arbeit war perfekt, und auch ├Ąu├čerlich passte einfach alles. Er war gro├č, dunkelhaarig, kr├Ąftig und sie zierlich, blond und einen Kopf kleiner als er. Alles war wie im M├Ąrchen, und schon daher konnte es nicht wahr werden.
Aber das wurde ihr nur langsam bewusst. Einfach, weil sie es nicht verstehen konnte.
Woher kam diese Mauer, wer hatte die Grenze errichtet? Warum kam sie ihm so nahe und doch niemals nahe genug?
Zaghaft hatte sie versucht, die Initiative zu ergreifen, nachdem sie vergeblich gewartet hatte, dass er einen Schritt weitergehen w├╝rde. Es war doch nur dieser eine Schritt, der fehlte. Schon lange verbrachten sie auch einen Teil ihrer Freizeit miteinander. Sie wusste von den Jahren, die er in S├╝dafrika gearbeitet hatte und von der afrikanischen Frau, die vor ein paar Jahren gestorben war. Sie h├Ątte daher auch verstanden, dass er sich nicht leicht tat damit, eine neue Beziehung aufzubauen. Aber dass es unm├Âglich war, das begriff sie nicht.

Er lie├č es nicht zu. Mit ihr genauso wenig, wie mit all den anderen, die es au├čer ihr versuchten. All die fl├╝chtigen Ber├╝hrungen, die Blicke direkt in seine Augen, die Zweideutigkeiten in ihren Worten, stets tat er so, als ob all das nicht vorhanden w├Ąre.

Sie hatte sogar dar├╝ber nachgedacht, ob er homosexuell oder sogar impotent sein k├Ânnte. Aber sie glaubte es nicht. Nicht mehr, seit der Klassenfahrt, auf der sie zwei als Betreuer mitgefahren waren. In der gemeinsamen Nacht hatte sie ein kurzes Flackern in seinen Augen gesehen, bevor es von etwas anderem, undefinierbaren abgel├Âst worden war. Aber es hatte lange genug gedauert, um sie endg├╝ltig davon zu ├╝berzeugen, dass er ihre Gef├╝hle teilte. Trotzdem hatte sie ihn nicht gek├╝sst, sie hatte nicht den Mut dazu gehabt, wegen diesem anderen Undefinierbaren, das sie in seinen Augen gesehen hatte.

Und dann war er gegangen. Er hatte einfach die Schule verlassen. ├ťberraschend und so schnell, dass ihr der Atem ausgesetzt hatte. Ohne ein weiteres Wort zu ihr.

Ihre Wut war schnell vergangen. Wenn sie ├╝berhaupt je existiert hatte. Zur├╝ck blieb eine Traurigkeit von unbegrenztem Ausma├č.
Niemand hatte es ihr erkl├Ąren k├Ânnen. Niemand hatte ihn ihr erkl├Ąren k├Ânnen. Niemand kannte ihn, so schien es ihr.

Jahre vergingen. Und dann kam der Brief.
Zwei Worte, es waren nur zwei Worte und eine Adresse in einer fremden Stadt.
Innerhalb weniger Minuten war ihr Koffer gepackt. Ohne zu z├Âgern hatte sie sich krank gemeldet.
Zwei Worte, kaum zu lesen, krakelig, krank.
ÔÇ×Bitte kommÔÇť. Und die Adresse einer Frau in einer fremden Stadt.

Sie konnte nicht anders, als sofort zu fahren. Die Frau war seine Schwester. Sie begr├╝├čte sie traurig aber liebevoll, und dann gingen sie zu ihm. An sein Sterbebett.

In S├╝dafrika hatte er sich infiziert. Jahrelang war er nicht erkrankt, aber er hatte es gewusst. Und er hatte es angenommen: Seine Krankheit, die in ihm sa├č und darauf wartete, eines Tages zuzuschlagen.
Und dann sa├č sie bei ihm und verstand. Sie sah seinen abgemagerten K├Ârper, sie h├Ârte seinen trockenen Husten, sah die seltsamen Flecken auf seiner Haut und erkannte, wovor er sie gesch├╝tzt hatte. Sie verstand das Undefinierbare damals in seinem Blick, verstand die Mauer, die das Virus errichtet hatte. Sie verstand, nahm seine Hand, presste ihr Gesicht an seines, weinte um ihn, weinte um sich, weinte um ihre und um seine Liebe.
Sie wusste nicht, ob er ihre Tr├Ąnen noch sp├╝ren konnte, aber als er seinen letzten Atemzug tat, ahnte sie die Gr├Â├če seiner Liebe, denn die war st├Ąrker gewesen als das Virus.



I





Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


think twice
???
Registriert: Jul 2003

Werke: 2
Kommentare: 40
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um think twice eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo strumpfkuh,

Eine sehr ber├╝hrende Geschichte. Habe schon lange nichts so Gutes mehr gelesen. Ausgezeichnet geschrieben. Man kann sich richtig gut eindenken und einf├╝hlen. Ich w├╝rde mir wirklich w├╝nschen, mehr solcher Werke zu lesen zu bekommen.

Liebe Gr├╝├če
think twice

Bearbeiten/Löschen    


Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

Gef├╝hlvoll, aber nicht up-to-date

Hallo!

Eine tolle Geschichte, die ber├╝hrt, traurig macht, aber irgendwo auch gl├╝cklich.
Bitte versteh das jetzt nicht falsch. Die Story ist klasse geschrieben. Falls die Story eine autobiographische Basis hat, d├╝rfte sie schon ein paar Jahre zur├╝ck liegen. Vielleicht sollte man die Jahreszahl kurz erw├Ąhnen. In der heutigen Zeit, ist die Medizin so hervorragend, da├č normaler an HIV fast keiner mehr stirbt, wenn nichts anderes dazu kommt. Daher der Vermerk, sie macht gl├╝cklich. Weil ein Ende durch AIDS der Vergangenheit angeh├Ârt. 10 Jahre fr├╝her in der gleichen Situation - ich glaube, ich k├Ânnte keine Texte mehr schreiben - jedenfalls keine optimistischen.

Ciao

Tim

Bearbeiten/Löschen    


think twice
???
Registriert: Jul 2003

Werke: 2
Kommentare: 40
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um think twice eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Re: Gef├╝hlvoll, aber nicht up-to-date

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von Daktari
In der heutigen Zeit, ist die Medizin so hervorragend, da├č normaler an HIV fast keiner mehr stirbt, wenn nichts anderes dazu kommt. Daher der Vermerk, sie macht gl├╝cklich. Weil ein Ende durch AIDS der Vergangenheit angeh├Ârt.
Hallo???

Sag mal, von welchem Planeten kommst du denn?

Liebe Gr├╝├če
think twice

Bearbeiten/Löschen    


strumpfkuh
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 15
Kommentare: 88
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um strumpfkuh eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Vielen Dank euch beiden f├╝r euer Lob

Lieber Think Twice,
das sind ganz aufbauende Worte, die werd ich mir noch ├Âfter durchlesen!

Lieber Daktari,
ich wei├č, dass es heute hervorragende und auch immer neue Medikamente gibt, die den Ausbruch der Krankheit verhindern oder verz├Âgern k├Ânnen. Trotzdem sterben auch in Deutschland noch immer Menschen an HIV, ich erlebe das selbst w├Ąhrend meiner Arbeit als Krankenschwester auf Intensivstation. Je sp├Ąter die Ansteckung erfolgte, desto gr├Â├čer ist nat├╝rlich die Wahrscheinlichkeit, dass man Medikamente bekommt, die greifen. Dein Optimismus ist also bestimmt gerechtfertigt, und ich habe daher erstens keine Angabe ├╝ber ein Datum in meiner Geschichte gemacht, und zweitens liegt die Ansteckung des Mannes ja auch schon sehr, sehr lange zur├╝ck, so dass ich seinen m├Âglichen Tod f├╝r durchaus realistisch halte.
Ich freue mich aber ganz besonders, dass du trotz alledem die Story f├╝r gut empfunden hast, also

LG an euch
Doro

Bearbeiten/Löschen    


Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

also doch

ich habe angenommen, da├č die Geschichte doch schon ein paar Jahre zur├╝ck liegt.
Denn in der heutigen Zeit ist es - laut meines Arztes - wirklich so, da├č an AIDS direkt nur noch ganz wenige sterben - mehr an irgendwelchen Begleit krankheiten wie Lungenentz├╝ndung etc. Aber letztendlich soll Deine Geschichte ja auch kein medizinisches Gutachten sein.
ich selbst bin auch seit 6 Monaten davon betroffen, deswegen is mir ein optimistischer Text nat├╝rlich lieber - lol.
Die Medikamente sind heutzutage wirklich hervorragend. Ich kenne einige, die schon dicht an der Grenze zum Jenseits standen und durch Medikamente jetzt VL haben, die beinahe an einer Heilung grenzen.

Aber rein textm├Ą├čig finde ich das Werk sehr gelungen.

Ciao Tim

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!