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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Seine eigene Grabrede
Eingestellt am 17. 02. 2014 11:56


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Arno Abendsch├Ân
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Der Tod, dachte Manfred, ist heute angeblich ein Tabu - und doch ist er in vielen Wohnzimmern zu Hause, er ist ein Hauptmittel der Unterhaltung geworden. Wie vieles im heutigen Leben ist er stark ├Ąsthetisiert, ist schon etwas k├╝nstlich geworden. Er ist den Existenz- und Produktionsbedingungen der Zeit unterworfen - unbefriedigend. Vielleicht m├╝sste man den Tod wahrhaft tabuisieren, spekulierte er, das hei├čt dem Leben entr├╝cken, ihn nicht humanisieren und zivilisieren wollen?

Manfred war in der U-Bahn sitzen geblieben, dabei den Brief von Max lesend und nachdenkend. Schon rollte der Zug ├╝ber den Viadukt, die T├╝rme der Mundsburg glitten vorbei, banal wie ein Tod, der es sich im Leben gem├╝tlich eingerichtet hat. Eine Station weiter stieg er aus und ging auf die Br├╝cke hinauf, ├╝ber die die Fu├čg├Ąnger zum Einkaufszentrum gelangen. Unter ihm spieen die Vorst├Ądte ihren Verkehr Richtung Innenstadt. Er blieb auf der Br├╝cke stehen. Am liebsten h├Ątte er den letzten Teil des Briefes hier laut vorgelesen. Da hat er doch den Beweis, wie der Tod missbraucht wird. Sie benutzen ihn, um Macht, Ansehen, Einfluss zu behalten, ├╝ber den Tod hinaus. So versauen sie alles.

Max verfolgte also ein neues Projekt, die Gestaltung seiner eigenen Leichenfeier. Nur das Datum blieb noch offen.

Max schrieb, er wolle vorsorgen. Er habe, besonders in letzter Zeit, an zu vielen Leichenfeiern teilgenommen, die ihn geradezu erbittert h├Ątten. Es seien immer die Leichenreden: Pfarrermund tut niemals Wahrheit kund. Und wenn einer nicht in der Kirche war, engagiert die Familie einen freikirchlichen oder Sektenprediger oder sonst einen obskuren Berufsredner. Die einen wie die anderen verf├Ąlschen gew├Âhnlich die Pers├Ânlichkeit, die sie w├╝rdigen sollen. Sie sind entweder auf die eigene Heilsbotschaft fixiert, f├╝r deren Propaganda der Todesfall nur ein Anlass ist, oder sie erkundigen sich bei der Familie nach Details aus dem Leben des Verstorbenen, die sie dann nicht einordnen k├Ânnen. Um eine L├╝cke zu schlie├čen, begehen diese Verlegenheitsgrabredner die gr├Âbsten Schnitzer. Da ruft ein Erweckter einem toten Atheisten nach: Lazarus, stehe auf! Oder ein stadtbekannter Hurenbock scheint au├čer der Philatelie, der er als Achtj├Ąhriger gefr├Ânt hat und die jetzt ├╝ber Geb├╝hr ausgeschlachtet wird, keine Leidenschaft gehabt zu haben.

Ach, Max, das ist nun einmal so: Zur Beerdigung geh├Âren Blumen, Missverst├Ąndnisse, gemischte Gef├╝hle. Sie sind Teile der einsetzenden Verwesung. Es k├╝mmerte Manfred nicht, es war ihm ebenso gleichg├╝ltig wie Form des Grabsteins, den sie ihm setzen w├╝rden. Nur verbrennen sollten sie seine Leiche sp├Ąter nicht.

Max w├╝nschte ausdr├╝cklich Ein├Ąscherung. Er bedauerte, aus den bekannten Gr├╝nden keine Organe zur Verf├╝gung stellen zu k├Ânnen, und ├╝berlegte noch, wie er als Toter der Wissenschaft dienen k├Ânne. Vor allem sorgte er sich um seinen Ruf sp├Ąterhin, den er sich nur als Nachruhm vorstellen konnte. Max wollte das Echo und f├╝rchtete es zugleich. Insoweit misstraute er seinen Freunden. Von ihnen sollte keiner Rederecht bekommen. Der Freund schweige in der Trauergemeinde.

Es gab nur eine L├Âsung: Man musste f├╝r sich selbst sprechen. Er feilte seit Wochen an seiner eigenen Leichenrede. Er w├╝rde demn├Ąchst eine Kassette besprechen und sie an einem sicheren Ort verwahren und eine Kopie an einem anderen Ort hinterlegen. Es war eine posthume R├Âmerbergrede, mit der er f├╝r ein modernes Walhall kandidierte. Er sah sich auf einem g├╝nstigen Listenplatz.

Er charakterisierte sich so, wie Manfred ihn ungef├Ąhr auch sah: schwach, verletzlich, ehrgeizig, z├Ąh, dankbar. Doch diese Z├╝ge erschienen f├╝r ihn in einer besonderen Beleuchtung, die er der Wirkung jener Eigenschaften auf Mitwelt und Nachwelt zuschreiben wollte. Es war nicht paradox. Die Wirkung strahlte nach seiner Meinung auf ihn zur├╝ck und umgab seinen Namen und seine Eigenschaften mit Licht. Sie rechtfertigte erst seine Eigenart und um sie wollte er durch falsche T├Âne bei der Leichenfeier nicht gebracht werden. War es denn nicht so gewesen: Wundervolle Freundschaften kennengelernt, das Aufwachsen von Nichte und Neffen f├Ârdernd begleitet, die Modernisierung der Gesellschaft ein St├╝ck weit vorangebracht! Die Mitwelt geriet zu einem Spiegel, der Tod durfte ihm diesen Spiegel nicht aus der Hand nehmen. Sein unbewusstes Credo war: Ich bin, das hei├čt ich lebe, da ich widergepiegelt werde, und er war auch bereit, die T├Ânung dieses Spiegels mit allen Mitteln g├╝nstig zu beeinflussen. Selbst der Tod wurde zu einem solchen Mittel, da er in der Rede in den Ideenzusammenhang von Kampf, Heroismus und Opferung hineingezogen wurde. Das war weder originell noch wahrhaftig.

Manfred empfand sich selbst als Spiegel, der immer nur das andere reflektierte. Er war nur Spiegel. Der Tod w├╝rde ihn vielleicht erblinden lassen. Es ├Ąnderte kein Jota an der Welt. Er ging nun weiter, in das Einkaufszentrum hinein.

(Auszug aus dem Roman "Der Cousin")


Version vom 17. 02. 2014 11:56

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