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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Seine letzten Worte
Eingestellt am 03. 02. 2003 15:53


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Mike S.
One-Hit-Wonder-Autor
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Seine letzten Worte

Die Luft in den oberen Regionen k├╝hlte sich rasch ab. Das kondensierte Wasser sammelte sich in der Wolke, aber nur ein einziger kleiner unscheinbarer Tropfen trat seine Reise zur├╝ck zur Erde an.
Er verlie├č den Schutz seiner eigenen Wolke und hatte freie Sicht auf unseren, von oben gesehenen , kleinen Lebensraum. Wie f├╝hlt sich wohl ein Tropfen, der unaufhaltsam zur Erde st├╝rzt, die Aussicht genie├čend, im klaren Bewusstsein seines nahenden Endes.
Das Ende stand dem kleinen Tropfen unmittelbar bevor, nur noch wenige Sekunden und Schluss.
Es war soweit, der letzte Augenblick und ÔÇťPlatschÔÇŁ. Aus.
Ich wischte mir den die kl├Ąglichen ├ťberreste des einsamen Tropfens mit meinem kleinen Finger von der Stirn und schaute auf.
Eindrucksvoll. Das Wetter scheint die graue Kulisse zu schaffen, die ein gewaltiges farbloses Geb├Ąude wie eine Kirche anscheinend braucht.
Dieses tr├╝be Wetter, welches den Tag auf so magische Weise ruhig erscheinen l├Ąsst und viele unserer geliebten Mitb├╝rger so traurig stimmt, mag ich sehr. Es hat solch beruhigende Wirkung, dass ich, ohne es zu merken, mich oft an solchen Tagen aus der Wohnung begebe, um diesen Stillstand, diese Leblosigkeit zu sp├╝ren. Meistens jedoch begebe ich mich an solchen Tagen, dann aber doch lieber auf meinen angestammten Couchplatz um fern zu sehen.
Der Anlass meines heutigen Ausfluges jedoch bestand in einem traurigen Ereignis.
Der gusseiserne Griff der gro├čen Eichent├╝r blieb auch nach einer einmin├╝tigen Umklammerung noch kalt. Langsam glitt die Klinke aus meiner Hand und ich betrat die B├╝hne.
Jene B├╝hne auf der man regelm├Ą├čig der letzte Akt einer menschlichen Trag├Âdie zur Auff├╝hrung kommt: ÔÇ×Die TrauerfeierÔÇť.
Ich zuckte zusammen.
ÔÇ×Trauerfeier.ÔÇť H├Ârte ich eine Stimme meinen Gedanken wiederholen.
ÔÇ× Was f├╝r ein Wort. Was kann man mit diesem Wort schon anfangen.ÔÇŁ
An der ersten Bank der letzen Reihe stehend blickte ich in alle Richtungen des Kircheninneren.
ÔÇ×Tritt ein und denke dar├╝ber nach.ÔÇŁ
Seltsam. Diese Stimme kam mir auf erschreckende Art und Weise bekannt vor. Doch das w├Ąre unm├Âglich. Der Mann war tot. Er sprang ohne Fallschirm aus einem Flugzeug. Mir kam der Wassertropfen in den Sinn.
ÔÇťTrauerfeier. Was f├╝r ein Wort. Was kann man mit diesem Wort schon anfangen.ÔÇŁ
Das war seine Stimme, die etwas blechern aus den kleinen, billigen Lautsprechern drang. Ein kalter Schauer lief meinen R├╝cken herunter.
Die h├Âlzerne Bank der Kirche, k├╝hlte mein Ges├Ą├č erheblich, obwohl dazu keine Notwendigkeit bestand, denn die Umgebungstemperatur erinnerte an eine K├╝hlhalle.
Noch einmal st├Ârte die metallene Stimme die Stille, welche solchen Ort so einmalig macht.
Ein Gedanke trampelte gegen meine Sch├Ądeldecke. Ich dachte immer wieder, das war geplant, das war geplant, er hat alles geplant.
Ich dachte, er sprang aus einem Flugzeug und hat seine eigene Trauerfeier geplant, was f├╝r ein Mensch war dieser Mensch?
Seinen richtigen Namen hatte er nie erw├Ąhnt und ich sah nie eine Veranlassung in zu erfragen. Alle nannten ihn nur K., also benahm ich mich wie ein braves Herdentier und tat es allen gleich.
Ich kannte ihn nicht n├Ąher, wir unterhielten uns einige Male ├╝ber verschiedene interessante Fragen. Diese Unterhaltungen waren anregend und am├╝sant, keine Frage, aber das ist glaube ich, noch kein Grund, einem eine Einladungskarte f├╝r eine Trauerfeier zu schicken. Nun die Wirkung der Karte hatte offensichtlich ihr Ziel nicht verfehlt. Schlie├člich sa├č ich hier und harrte der Dinge, die noch kommen w├╝rden.
Die Stimme aus den Lautsprechern begann von vorne. Ich dachte noch einmal ├╝ber die Gef├╝hle eines Wassertropfens nach, wenn er unaufhaltsam zu Boden st├╝rzt und die Sitzreihen f├╝llten sich.
Die Atmosph├Ąre erinnerte nun endg├╝ltig an einen Theaterbesuch, zumal die meisten wohl eine Einladung bekommen hatten und diese nun wie Theaterkarten in ihren H├Ąnden hielten, als ob sie st├Ąndig nachschauen m├╝ssten, ob darauf eine Sitznummer zu finden sei.
Es begann. Deutlich konnte ich h├Âren, wie jemand eine Kassette wechselte und mit einem lauten Klick gestartet wurde.
ÔÇťThis is the end. The end , my only friend.ÔÇŁ durchzog Jim Morrison`s Stimme die Luft.
Wunderbar dieser Song dachte ich und sang leise mit.
Der letzte Ton stand noch in der Halle, als die altbekannte Stimme, nun deutlich und laut erschallte.
ÔÇ×Ich gr├╝├če alle, die es geschafft haben, sich heute hier einzufinden. Ich hoffe, dass mir nun zum ersten und sicher zum letzten Mal eure ganze Aufmerksamkeit zu teil wird. Doch zuerst ein paar Worte vom Pfarrer. Es muss sein, denn auch der Tod h├Ąlt sich an Regeln.
Der Pfarrer trat aus eine Ecke des hinteren Schiffes hervor und begann zu reden. Ich konnte ihn nicht richtig verstehen, da er kein Mikrophon benutzte. In mir gab es nun Gewissheit, dass dies alles hier genau geplant war. Was f├╝r ein Mensch war blo├č dieser Mensch. Der Pfarrer sprach nun ebenfalls davon, dass dies alles hier der letzte Wunsch des Verstorbenen sei und das auch, wenn es ungew├Âhnlich scheint und nicht jedermanns Geschmack trifft, er den letzten Willen eines Menschen respektieren w├╝rde. Danach ging seine Stimme wieder in irgendein Husten und R├Ąuspern unter. Wusste der ohne Fallschirm aus einem Flugzeug Springende etwa, dass wenn er ein Tonband laufen l├Ąsst, die technischen M├Âglichkeiten es nicht zulassen ein Mikrophon anzuschlie├čen?
Ich erzielte keine Einigkeit mit meinem Geist und tat es als Spekulation ab.
Das Klicken des Kassettenrekorders weckte mich aus meinen ├ťberlegungen.
ÔÇťDa wir nun ohne Unterbrechungen fortfahren k├Ânnen, lasst die Show beginnen. Ihr seid hier, da ich euch etwas zu sagen habe und da so gut wie jeder von euch, so sehr mit seinem eigenen Leben besch├Ąftigt ist, m├Âchte ich diese letzte Gelegenheit nutzen, um euch die Wahrheit zu sagen. Erst war ich versucht, zu behaupten, ich w├Ąre aus dem Leben getreten und ihr habt Schuld. Doch damit wollte ich euch nur ein schlechtes Gewissen einreden und au├čerdem w├Ąre es auch glatt gelogen. Ihr seid es nicht wert. Aber ein wenig Musik kommt immer gut an.ÔÇŁ
U2`s ÔÇ×oneÔÇť erhob sich mit unversch├Ąmt angemessener Traurigkeit. Kaum zu Ende ging die Rede weiter: ÔÇŁJa, nicht schlecht oder? Was ist das Leben? Ich wei├č es nicht und habe auch den Sinn leider nicht erkennen k├Ânnen. Das Schicksal sah f├╝r mich wohl Sinnlosigkeit vor oder es hat mich einfach vergessen. Ich erkannte, dass es ├╝berall die gleichen Bahnen zieht, denkt ├╝ber euch und ├╝ber den, der neben euch sitz nach. Alle haben Angst gehabt, vor den Lehrern in der Schule, vor den Eltern nach der Schule wegen der Dinge in der Schule. Man fand den Partner oder die Partnerin. Man verlor alles wieder. Man hat Angst vor zu wenig Geld. Man hat Angst vor zu viel oder zu wenig Zeit und man f├╝rchtet das Leben selbst.
ÔÇťYou take my money...ÔÇŁ von Filter zeriss zerst├Ârerisch die Luft. Ich schaute umher. Die Leute hatten ihre bereitgelegten Taschent├╝cher beiseite gepackt und ich konnte nun eines gebrauchen.
ÔÇ×Aber, ich bin so gut, dass mich selbst jetzt ein Gewissen plagt und ich euch nicht allzu sehr nerven will. Ich erhebe nicht den Anspruch, die ultimative Aussage ├╝ber das Leben zu treffen, das m├╝sst ihr schon selbst tun. Was ich euch sagen kann, dass ihr so oberfl├Ąchlich lebt, dass ihr h├Âchstwahrscheinlich nicht einmal merkt, wenn ihr schon gestorben seid. Ich war intelligent, sensibel, hatte Bed├╝rfnisse nach Liebe und Freundschaft, Sehnsucht nach Verst├Ąndnis und Gl├╝ck. Ihr, die ihr hier seid, konntet mir dies alles nicht geben. Ihr seid verw├Âhnte Versager, die sich mit Dingen zufrieden geben, von denen andere sagen, dass sie wichtig seien. Was sollÔÇÖs. Auf den Punkt gebracht, f├╝hlte ich mich verkannt, unbekannt, verbannt.
Ihr dagegen seid verblendet, verbildet und festgemauert, wie die Form aus Lehm gebrannt. Das letzte war ein Scherz, aber auch das wird den meisten unverst├Ąndlich bleiben. Doch ├╝ber Humor zu sprechen, darauf verzichte ich gro├čz├╝giger Weise, denn das ├╝berfordert euch bei weitem.
Zum Schluss sage ich euch noch , das ich einige von euch mochte, die einen mehr die meisten weniger und ihr tragt alle die Schuld dieses Tages.
Aber nun das Entscheidende, n├Ąmlich etwas, das fast allen verwehrt bleiben wird, die letzten Worte eines Lebens mit Bedacht zu sprechen. Also Achtung, hier kommen meine letzten Worte:
Ich hoffe, dass der Tod nicht so langweilig wird, wie das Leben.ÔÇŁ
Ruhe. Keiner, mich eingeschlossen, konnte damit wirklich etwas anfangen. Mein erster Gedanke, nach seinen letzten Worten war, als letztes h├Ątte er lieber ÔÇ×verkannt, unbekannt, verbanntÔÇť nehmen sollen. Aber dar├╝ber musste ich noch nachdenken, denn ein Schlagzeugintro l├Âste die Angespanntheit. Den musikalischen Abschluss bildete ein deutsches Lied. Die Band spielte eine Polka und der Text ging in etwa: ÔÇ×Hebt euer Glas und trinkt auf die Toten, der Tag ist so kurz, so lang ist die Nacht.ÔÇŁ Ich dachte bei mir vielleicht war dies sein letzter Wunsch an uns und ich w├╝rde dem Folge leisten und geradewegs in die n├Ąchste Kneipe steuern. Das Lied verklang und die G├Ąste erhoben sich.
Vor der Kirche stehend starrte ich in die Luft und sah eine gro├če dunkelgraue Wolke.
Kondenswasser k├╝hlte ab und verband sich zu Wassertropfen. Erst verlie├č ein einzelner Tropfen die Wolke, dann folgten ihm alle anderen.





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flammarion
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hm,

tut mir leid, mit der geschichte kann ich nichts anfangen. vielleicht bin auch nicht in der richtigen stimmung daf├╝r. zwei worte sind mir aufgefallen, die du falsch scshreibst: "verlies" kommt in deiner geschichte von verlassen, muss also mit zwei s geschrieben werden, denn mit einem ist ein gef├Ąngnis.
"seit" wird benutzt in s├Ątzen wie "Seit damals . . .", was du meinst, ist "ihr seid". da es von sind kommt, muss es mit d geschrieben werden. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Marcus Richter
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Hi Mike,
mu├č flammarion Recht geben. Auch mir sind beim Durchlesen mit freundlicher Regelm├Ą├čigkeit immer wieder Schreibfehler aufgefallen.
Sag mal, was denkst du dir eigentlich dabei, den Leuten hier so eine traurige, Sinn-des-Lebens-erfragende Aussteigerkantate aufzutischen? (Nimm das jetzt nicht ernst)
Also den Anfang und den Schluss finde ich gut. Zwischendurch fehlt mir ein bisschen die Glaubw├╝rdigkeit bei den langen Tonbandaufnahmen. Denkst du wirklich, man w├╝rde in einer Kirche die letzten Worte eines Selbstm├Ârders vorspielen? OK, es ist ein Bild, aber ich glaube, so ein bekennender Sinn-des-Lebens-Erfrager und Verneiner w├╝rde eher still sein und nichts sagen, vielleicht nur ein leeres Tonband vorspielen, mit leisen Knackger├Ąuschen im Hintergrund. Verstehst du? "Leben gel├Âscht"
K├Ąme fast r├╝ber wie eine Szene aus einem D.L.-Film.

Gruss Marcus

__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr├╝nbein

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Mike S.
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Re: hm,

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von flammarion
tut mir leid, mit der geschichte kann ich nichts anfangen. vielleicht bin auch nicht in der richtigen stimmung daf├╝r. zwei worte sind mir aufgefallen, die du falsch scshreibst: "verlies" kommt in deiner geschichte von verlassen, muss also mit zwei s geschrieben werden, denn mit einem ist ein gef├Ąngnis.
"seit" wird benutzt in s├Ątzen wie "Seit damals . . .", was du meinst, ist "ihr seid". da es von sind kommt, muss es mit d geschrieben werden. ganz lieb gr├╝├čt


Danke f├╝r die Hinweise, diese Dinge habe ich leider ├╝bersehen. ( "verlie├č" dann aber mit ├č, weil "ie" davor, glaube ich)
Die Geschichte ist nicht so traurig gemeint, sondern als eine Geschichte ├╝ber eine Person, welche anders als andere ist, bis zum Ende.

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Mike S.
One-Hit-Wonder-Autor
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quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von Marcus Richter
Hi Mike,
mu├č flammarion Recht geben. Auch mir sind beim Durchlesen mit freundlicher Regelm├Ą├čigkeit immer wieder Schreibfehler aufgefallen.
Sag mal, was denkst du dir eigentlich dabei, den Leuten hier so eine traurige, Sinn-des-Lebens-erfragende Aussteigerkantate aufzutischen? (Nimm das jetzt nicht ernst)
Also den Anfang und den Schluss finde ich gut. Zwischendurch fehlt mir ein bisschen die Glaubw├╝rdigkeit bei den langen Tonbandaufnahmen. Denkst du wirklich, man w├╝rde in einer Kirche die letzten Worte eines Selbstm├Ârders vorspielen? OK, es ist ein Bild, aber ich glaube, so ein bekennender Sinn-des-Lebens-Erfrager und Verneiner w├╝rde eher still sein und nichts sagen, vielleicht nur ein leeres Tonband vorspielen, mit leisen Knackger├Ąuschen im Hintergrund. Verstehst du? "Leben gel├Âscht"
K├Ąme fast r├╝ber wie eine Szene aus einem D.L.-Film.

Gruss Marcus


Hi Marcus,
die Geschichte hat nat├╝rlich keinen Realit├Ątsanspruch. Ich habe nur eine Idee aufgeschrieben, die ich f├╝r ein wenig skurril hielt. Sollte diese kleine Geschichte einer Szene aus einem D.L.-Film nahe kommen, freut es mich nat├╝rlich.
Mike Gyver

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Rainer
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Registriert: Jul 2002

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hallo,

irgendwie habe ich bei dem text das gef├╝hl, ich w├╝rde den wunsch des autors herauslesen k├Ânnen. wenn dem nicht so ist, so w├Ąre eine l├Ąngere, inhaltsreichere geschichte ├╝ber deinen prot f├╝r mich sehr interessant, da sich mir die fiktion nicht als solche darstellt, sondern eben sehr real erscheint.

gru├č

rainer

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