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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Seine patriotische Pflicht
Eingestellt am 01. 02. 2008 09:40


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Anno 1998: Philip Roth fĂŒhrt den Leser in seinem Roman „Der menschliche Makel“ an die OstkĂŒste der USA in die fiktive Kleinstadt Athena in Neuengland. Handelnde Personen stammen aus der Großstadt Newark, die sĂŒdlich von Neuengland im U.S.-Bundesstaat New Jersey liegt.

Der Besitzer des China-Restaurants The Harmony Palace gerĂ€t mitunter bei den GĂ€sten in ErklĂ€rungsnot, wenn in seiner GaststĂ€tte jemand an dem Tisch der Vietnamveteranen richtig ausrastet. Dann sagt der Besitzer einfach zu den erschrockenen GĂ€sten, er sehe es als seine patriotische Pflicht an, diese Veteranen mit europĂ€ischem Stammbaum - ab und zu zwei Stunden nur - in seinem Gasthause zu ertragen. Der Vietnamkrieg ist seit 1975 Geschichte und trotzdem mĂŒssen die Veteranen im Harmony Palace noch WiedereingliederungsĂŒbungen in die U.S.-amerikanische Gesellschaft veranstalten. Da leidet ein gewisser Veteran Lester Farley z.B. an posttraumatischen Belastungsstörungen. Lester bekommt dann die grĂ¶ĂŸten Probleme, wenn sich ihm ein Kellner mit asiatischem Augenausdruck nĂ€hert. FĂŒr Lester mĂŒssen alle GetrĂ€nke und Speisen von seinen Veteranen entgegengenommen werden. Und wenn sich der dienstbeflissene asiatische Kellner im Eifer einmal dem Veteranentisch zu sehr nĂ€hert, dann explodiert Lester eben.
Lester ist zu allem Überfluß auch noch die Ehe kaputtgegangen. Seiner Frau Faunia Farlay ist etwas Schreckliches passiert. WĂ€hrend Faunia (die schon frĂŒher von ihrem elenden Stiefvater sexuell missbraucht wurde) als Prostituierte vor ihrem Wohnhaus im PKW „arbeitete“, brannte ihr die Wohnung ab, und in dem Feuer kamen die beiden kleinen Kinder des Ehepaares Farlay um.
Nicht nur diese Ehe ist kaputt. An mehr als an einer Stelle im Buch lassen sich handelnde Personen in ausufernden Dialogen z.B. ĂŒber die Lewinsky-AffĂ€re aus - genauer, wie diese hĂ€tte verhindert werden können. Das Nebenthema wird mittels schier endloser Wiederholung derselben kruden Wendung ausgefĂŒhrt.

Aber um alles das, was bisher in dieser kleinen Rezension vorgebracht wurde, geht es eigentlich gar nicht in dem großen Roman von Philip Roth. Es geht um das Geheimnis des 71-jĂ€hrigen Professors fĂŒr klassische Literatur Coleman Silk. Dieses Geheimnis wird nicht verraten, damit Sie den bedeutenden Roman lesen. Sie sollten das selbst dann tun, wenn Sie die gleichnamige Verfilmung aus dem Jahre 2003 bereits gesehen haben. Jenes Geheimnis verrĂ€t Coleman nicht einmal seiner Ehefrau Iris, geb. Gittelman, mit der er immerhin vier Kinder zeugte und erzog. Der Professor ĂŒberlebt seine Gattin. Übrigens sagt Coleman auch seinen erwachsenen Kindern kein Wort.
Das Geheimnis soll eines bleiben. Von Coleman soll die Rede sein. Einmal begeht der verdiente Professor nach jahrzehntelanger erfolgreicher Berufsarbeit einen winzigen Fehler. Coleman macht vor seinen Studenten eine knappe Äußerung, die fĂ€lschlicherweise als rassistisch - gegen zwei ĂŒberaus undisziplinierte "Studenten" dunkler Hautfarbe gerichtet - ausgelegt wird. Bei der Gelegenheit zeigt sich erneut das Morbide in der U.S.-amerikanischen Gesellschaft, das der Autor immer wieder hervorhebt: Coleman wird von heute auf morgen gewissermaßen in der Luft zersĂ€belt. Nachdem seine Frau gestorben ist, verliert der Professor nach der öffentlichen Brandmarkung als Rassist auch noch den Job. Freiwillig geht Coleman in Pension. Der Paria, der Renegat tut etwas ganz UnverstĂ€ndliches, gegen alle Konvention Gerichtetes. Coleman beginnt eine AffĂ€re mit der 34-jĂ€hrigen Faunia, die inzwischen als Putzfrau in dem ehemaligen College des Professors den in Mengen herumliegenden MĂŒll der Wegwerfgesellschaft aufkehrt.

Zu den KuriositĂ€ten des Romans zĂ€hlt, dass ausgerechnet die Analphabetin Faunia den titelgebenden Terminus vom menschlichen Makel (Quelle, S. 271, 7. Z.v.u.) in den Mund nimmt. Wimmelt es doch in dem Text von Leuten mit klassisch-griechischer Bildung. Also der Makel haftet nach Faunia jedem Wesen an, das mit einem Menschen einmal irgendwie in BerĂŒhrung gekommen ist. Kurz gesagt: Der Mensch ist schlecht. Übrigens, Analphabetin. Reichlich 200 Seiten spĂ€ter stellt sich heraus, Faunia spielte bloß die Analphabetin, und ihre Vorfahren waren gebildete EnglĂ€nder. Der einfĂ€ltige Leser wurde an der Nase herumgefĂŒhrt.

Bemerkenswert ist die Form des Romans. Coleman, wĂ€hrend des Kampfes gegen seine Verleumder, bittet einen Freund aus der Nachbarschaft – das ist der renommierte Schriftsteller Nathan Zuckerman – seine Geschichte aufzuschreiben, weil - man höre und staune - Colemans Verleumder es waren, die seine Frau Iris in den Tod getrieben haben sollen. Zuckerman tut es. Er schreibt einen Roman aus fĂŒnf Kapiteln. Nicht alle Kapitel sind von gleicher Form. Das ist ein weiteres Raffinement im Roman. ZunĂ€chst tritt Zuckerman als Ich-ErzĂ€hler auf. SpĂ€ter aber gibt er diese grundsolide ErzĂ€hlposition auf und mimt den Lieben Gott, sprich, den allwissenden ErzĂ€hler, wenn er z.B. die Gedanken Faunias prĂ€sentiert. Jedoch der in den Sog der Story hineingezogene Leser merkt das erst, als es bereits zu spĂ€t ist, um Zuckerman darob Vorhaltungen zu machen. Denn dieser Text ist so bewundernswert perfekt gemacht, dass der Leser dem Verfasser schließlich fast alles durchgehen lĂ€sst – angefangen von den schlechten Wörtern, wenn es um Sexus geht, bis eben zum Wechsel der ErzĂ€hlperspektive. Manches ist nicht richtig in Handlung aufgelöst. Wenn Colemans Schwester, die Lehrerin Ernestine, ĂŒber die heutigen SchĂŒler klagt, die ihr Unvermögen als ein Vorrecht ansehen, so trifft das zwar einerseits aufs Haar den heute herrschenden Zeitgeist, doch tutet die gute Ernestine andererseits bloß ins Horn des erzĂŒrnten altgedienten Autors. Trotz alledem, ganz bravourös ist z.B. gemacht, wie der Leser in das o.g. Geheimnis eingeweiht wird. Und ein weiteres Beispiel: Ziemlich am Anfang wird ganz kurz verraten, wie die Geschichte fĂŒr das ungleiche Paar Faunia und Coleman ausgeht. Der Leser stutzt wie ein ertapptes Kind beim Blick am Heiligabend durchs SchlĂŒsselloch und liest brav weiter, als wĂŒĂŸte er nichts. Roth erweist sich als der große Psycholog.
Da gerade von Einblicken die Rede ist. Der Einblick in das Wesen des U.S.-amerikanischen Volkes ist beguckenswert. Mit letzterem, dem Wesen, hat es seine besondere Bewandtnis. Kein Mensch ist gut und keiner ist schlecht. Der Autor versteht es meisterhaft, die Bösen reinzuwaschen, aber nicht ganz, und in derselben Manier stellt er die Guten an den Pranger. Das fĂ€ngt bei dem Protagonisten Coleman an. Seine Schwester Ernestine nennt ihn einen berechnenden LĂŒgner und einen herzlosen Sohn. Zu Recht - hatte doch Coleman seiner Mutter, die ihn bis zum letzten Atemzug so sehr liebte, als Jugendlicher fĂŒr immer Adieu gesagt und die Trennung ĂŒber Jahrzehnte durchgestanden. Doch der mit allen Wassern gewaschene Autor gestattet dem Leser noch eine ganz andere Sicht auf den Professor im weißesten College von ganz Neuengland: Ein junger, resoluter, entscheidungsfreudiger Wissenschaftler krempelt das College total um, verbannt altes Eisen in den Ruhestand, stellt frisches Blut ein, belebt somit halb Athena... Und das hört mit Lester Farlay auf. Dieser kaputtgespielte Vietnamveteran, der in Zuckermans Augen daheim in den Staaten munter weiter mordet, kann auch gesehen werden als Opfer derer, die vormals in Washington D.C. saßen und die ihn nach Indochina in die menschenfressende grĂŒne Hölle abkommandierten.

Kaum ein Satz, der ĂŒber den Roman geschrieben wird, stimmt. Das wird bewirkt durch die Kunst des Autors. Alles, aber auch alles, lĂ€ĂŸt sich bezweifeln: Wenn vom U.S.-amerikanischen Volk geschrieben wird, so ist das falsch. Die Französin Delphine Roux geistert nebenher unĂŒbersehbar durch die Kapitel. Die ist genauso schlecht (oder auch gut?) wie die bösen guten Amerikaner.

„Perfekt gemacht“ wurde gelobt und gleichzeitig wurden unverzeihliche stilistische Schnitzer erwĂ€hnt. Ein Widerspruch? Sicherlich. Sogar aus einem Widerspruch lĂ€ĂŸt sich etwas herausholen. Dieser dient als AufhĂ€nger fĂŒr die Frage des Monats. Es geht wieder einmal um die Frage aller Fragen: „Wie wird Prosa geschrieben?“ Antwort: Gegen alle Regeln darf verstoßen werden, wenn nur der Leser mitgerissen wird. In dem Falle gibt der Erfolgsautor dieses spannenden Buches eine Lektion in Menschlichkeit.

Von spannend war soeben die Rede. Der Roman ist nicht spannend wie ein Krimi. Der menschliche Makel besticht vielmehr durch das hohe LesevergnĂŒgen, das der routinierte Verfasser immer neu auslösen kann - trotz der ganz unerheblichen MĂ€ngel, die oben zur Sprache kamen. Um jenes VergnĂŒgen auszulösen, zieht der Autor wirklich alle erdenklichen Register: Zum Beispiel kommt es zum Schluß, wie es kommen muß - Zuckerman verdĂ€chtigt Lester Farlay des Mordes in dem Fall, ĂŒber den der Schriftsteller das Buch Der menschliche Makel schreibt. NatĂŒrlich kann Zuckerman nichts beweisen. Köstlich: Da die Polizei es besser weiß - die Polizei, in ihrer "ObjektivitĂ€t", sieht weit und breit keinen Mord - prĂ€sentiert Zuckerman eben dieses "Verbrechen" bei jeder Gelegenheit.

Und apropos Menschlichkeit. Wie alle großen Werke der Weltliteratur ist die LektĂŒre zum Heulen und zum Totlachen.

Der U.S.-amerikanische Schriftsteller Philip Roth wurde am 19. MĂ€rz 1933 in Newark (Bundesstaat New Jersey) geboren.

Die Quelle:
Philip Roth: Der menschliche Makel. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren.
Reinbek bei Hamburg im Oktober 2003. 400 Seiten,
ISBN 3-499-23469-6

Das Original:
Die Erstausgabe „The Human Stain“ erschien 2000 in New York.

Die Trailer
zum gleichnamigen Film (in englischer Sprache): The Human Stain

Hedwig Storch 2/2008


__________________
Hedwig

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